„Ich wollte unbedingt ein Kind – auch ohne passenden Partner“ – Interview mit Vera

vera - "Ich wollte unbedingt ein Kind - auch ohne passenden Partner" - Interview mit Vera -

Liebe Vera, Dein Sohn ist jetzt fast zwei Jahre alt und ist mit einer Samenspende gezeugt worden. Erzähl mal wie es dazu kam. 

Mein Leben lang spielten Kinder eine große Rolle für mich. Immer stand für mich fest, dass ich irgendwann selbst Mutter sein möchte. Nach meinem Studium lebte ich einige Zeit in Berlin, mein Kinderwunsch wurde stärker. Mit Beziehungen tat ich mich allerdings immer schwer.  Je älter ich wurde umso schwieriger wurde das. Der Gedanke, ein Kind ohne Partner zu bekommen, war für mich nie abwegig.

Und irgendwann stand fest: Ich mach das alleine. Ich zog zurück in das Dorf, in dem ich aufgewachsen bin. Dort gibt es ein sicheres soziales Netz. Nachdem ich beruflich hier wieder fest im Sattel saß, das war um meinen 30 Geburtstag herum, fing ich an zu recherchieren. In Deutschland ist es immer noch nicht ganz einfach, als Single ein Kind zu bekommen. Ich musste einige Entscheidungen treffen. Möchte ich einen bekannten oder anonymen privaten Spender oder werde ich einen ganz offiziellen Weg über eine Kinderwunschklinik und eine Samenbank gehen und so weiter und so weiter. Mir war wichtig, dass mein engstes Umfeld wie meine Eltern und Familie und Freunde eingeweiht sind und hinter mir und meiner Entscheidung stehen.  

Was weißt Du über den Samenspender? 

Letztendlich entschied ich mich dazu, mich an meine Frauenärztin und darüber hinaus an eine Kinderwunschklinik zu wenden. Überall, wo ich meinen Wunsch vorstellte, wurde ich ernst genommen und sehr nett und verantwortungsvoll behandelt. Dafür bin ich unendlich dankbar. Den Samen bezog ich aus Dänemark. Als Single ist es in Deutschland nicht möglich, Samen von einer deutschen Samenbank zu kaufen. In Dänemark gilt der Samenspender nicht als rechtlicher Vater. Schwanger wurde ich durch eine IVF Behandlung.

Ich habe ein Babyfoto von dem Spender gesehen, seine Stimme gehört – durch ein Audiointerview, eine Beschreibung der Mitarbeiter der Samenbank gelesen und zig gesundheitliche Daten bekommen. Es war am Ende eine Herzensentscheidung, sein Foto hat mich angesprochen und er sah aus, als passe er in unsere Familie. Mir war wichtig, dass seine äußerlichen Merkmale meinen ähneln. Man darf in Deutschland nur auf offene Spender zurückgreifen, d.h. dass der Spender einverstanden sein muss, dass seine Daten gespeichert werden. Die Kinder,  die durch seinen Samen entstehen, haben die Möglichkeit ihn zu kontaktieren, sobald sie alt genug sind. Das find ich auch sehr wichtig.

Du warst ja praktisch von Anfang an alleinerziehend. Hattest Du jemals Bammel davor?

Oh ja natürlich. Ich hatte sehr großen Respekt vor dieser Aufgabe und habe ihn immer noch. Schaffe ich es, den Alltag mit einem Kind alleine zu wuppen? Wie kann ich das finanziell schaffen? Was ist mit den großen Fragen: Wie möchte ich mein Kind erziehen, in welchen Kindergarten soll es gehen, soll ich impfen und stillen? Was ist, wenn meinem Kind der Vater fehlt? Wie kann ich ihm trotzdem männliche Rollenvorbilder bieten… all das sind nur Beispiele von dem, was mich beschäftigte – noch bevor ich überhaupt schwanger wurde. Der große Vorteil bestand darin, dass bei mir ‚das alleinerziehend sein‘ geplant war und ich viele Dinge im Vorfeld regeln konnte. Außerdem hatte ich nicht mit einer Trennung zu tun.

Bist Du offen damit umgegangen? Und wie waren die Reaktionen von Freunden und Verwandten?

Ja, ich bin von Anfang an offen damit umgegangen. Meine Familie und Freunde waren ja schon in die Entscheidung eingebunden. Mit ihnen habe ich von Anfang an  meine Sorgen, aber auch jede Hoffnung und Vorfreude besprochen. 

Als ich schwanger war habe ich immer offen darüber gesprochen, wie mein Sohn entstanden ist. Mir war wichtig, dass niemand denkt, mein Kind sei ein „Unfall“.  Wir wohnen in einem kleinen Dorf in Ostwestfalen. Mein Weg war sicher für den ein oder anderen befremdlich. Reaktionen, die mich erreicht haben, waren aber ausnahmslos positiv. 

Wie hast Du die Schwangerschaft und Geburt empfunden? Hast Du Dir da manchmal gewünscht, es wäre jemand an deiner Seite?

Ich habe ein sehr enges Verhältnis zu meinen Eltern, insbesondere meine Mutter war während der Schwangerschaft und auch während der Geburt an meiner Seite. Die Schwangerschaft war nicht immer einfach. Natürlich wäre es schön gewesen, diese Sorgen zu teilen aber auch dieses Wunder mit dem Vater gemeinsam zu erleben.  Aber ich habe mich nie alleine gefühlt. 

Mein Sohn wurde fünf Wochen zu früh geboren und war anfangs sehr schwer krank. Es war nicht klar, ob er es schafft. Das war die schlimmste Zeit meines Lebens, allerdings gleichzeitig die schönste, weil ich Mama dieses wunderschönen Jungen sein darf. 

Wie und wann wirst Du mit deinem Sohn über seinen Vater sprechen?
 
Mein Sohn wird von Anfang an Bescheid wissen. Bei uns wohnt eben kein Papa. Das ist schade, das empfinde ich ehrlich so und auch mein Sohn soll das immer sagen dürfen. Er darf alle Fragen stellen und bekommt sie wahrheitsgemäß, aber kindgerecht beantwortet. Es gibt mittlerweile einige schöne Kinderbücher zu dem Thema. Ich möchte, dass er immer das Gefühl hat und in dem Wissen aufwächst, dass er unheimlich gewünscht und willkommen ist. 
 
Was findest Du das Schwerste am Alleinerziehend sein?
 
Am schwierigsten ist, dass ich das Gefühl habe, immer 120 Prozent geben zu müssen. Sowohl im Job als auch Zuhause. Ich arbeite als Schulsozialarbeiterin und bin dort auch sehr gefordert. Außerdem habe ich oft Termine außerhalb meiner regulären Arbeitszeit, für die ich Betreuung für meinen Sohn organisieren muss. Außerdem ist es immer eine Herausforderung, wenn mein Sohn z.B. krank ist oder eine andere unvorhergesehene Situation eintritt. Ohne meine Familie würde das nicht gehen. Was bleibt, ist immer ein schlechtes Gewissen, diese Hilfe in Anspruch zu nehmen. 
 
 
Du hast gesagt, ein Kind sei dein sehnlichster Wunsch gewesen. Was findest Du am Besten am Mama-Sein?
 
Die Liebe. 
 
Was wünscht Du Dir für die Zukunft?
 
Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der alle Formen der Familie gleich angesehen und behandelt werden. Ich wünsche mir, dass Rahmenbedingungen geschaffen werden, die es Eltern ermöglichen, Familie zu leben so wie es für diese Familie richtig ist. Dass es Kindergärten gibt, in die man sein Kind gerne und voller Vertrauen bringt und Schulen, die Kinder dazu anregen, ihre Fähigkeiten zu entfalten und frei zu lernen.
Ich würde mir wünschen, dass mein Sohn glücklich, stark und lebensbejahend bleibt. Dass er findet, was ihm fehlt und sich darüber freuen kann, was er hat. 

Du magst vielleicht auch