Gastbeiträge

08/07/2017 - 07:30

Stadt-Mama Katharina

Warum ich nicht mit der Kaiserschnitt-Geburt hadere - Gastbeitrag von Svenja

Heute habe ich auf der Facebook Seite von StadtLandMama den Bericht von Ninia LaGrande über ihrem Notkaiserschnitt gelesen. Häufig liest man solche Geschichten und ebenso häufig geht es den Müttern ähnlich wie Ninia LaGrande. Sie kommen nicht gut damit zurecht, können Geschichten über „normale“, natürliche Geburten schwer ertragen und über ihr Erlebtes schwer oder gar nicht sprechen -  jedenfalls nicht ohne sich dabei schlecht zu fühlen oder zumindest unangenehm berührt zu sein. Ich verstehe das – absolut! Menschen sind unterschiedlich. Können verschiedene Situationen unterschiedlich wegstecken.

Trotzdem ist es irgendwie ein Bedürfnis, mal zu äußern, dass es auch Frauen gibt, die das als völlig ok ansehen, wie es gelaufen ist - auch wenn es nicht perfekt war, und dass es auch gut funktionieren kann, den Gang der Dinge einfach so zu akzeptieren, wie er eben war. Bei mir war das so: Der errechnete Geburtstermin war Ende Mai. Nachdem ich selbständig bin, gab es so etwas wie Mutterschutz nicht. An einem Vormittag Anfang Mai hatte ich noch einem geschäftlichen Termin. Mir ging es – wie während der gesamten Schwangerschaft – immer noch bestens. Ich kam nach dem Termin zurück nach Hause und setzte mich an den Schreibtisch. Um 12:00 Uhr mittags kam die erste Wehe. „Ich glaub ich hatte gerade eine kleine Wehe“ rief ich meinem Mann zu, der wie ich von zuhause aus arbeitet. „Ach was...?!", kam zurück. „Jetzt schon? Ist das normal?“ Genau wusste ich es selbst nicht, aber ich sagte ihm, dass ich durchaus schon mehrfach von sogenannten „Vorwehen“ oder auch „Senkwehen“ gehört hatte.

Naja, wird schon normal sein, dachte ich bei mir. Zehn Minuten später folgte die zweite Wehe. Hmmmm...Zufall?! Weitere zehn Minuten später die dritte Wehe. Ok. Ruhig bleiben. „Schatz, ich leg mich mal in die Wanne, ok?! Mal sehen, ob es dann besser wird.“ Der Mann wurde nervös. „Ok...“ hörte ich seine unsichere Stimme und verschwand im Bad. Doch die Wehen wurden stärker, heftiger und kamen bereits nach dieser ersten halben Stunde in noch kürzeren Abständen. Nach wenigen Minuten stieg ich also wieder aus der Wanne und sagte meinem Mann, dass wir jetzt wohl zumindest mal ins Krankenhaus würden fahren müssen. Mal nachsehen, was da los ist.

Also fuhren wir – dreieinhalb Wochen zu früh. Im Untersuchungszimmer eröffnete mir eine nette Krankenschwester, dass man bereits das Köpfchen fühlen könne, es würde sicherlich gleich „ernst“ werden. Ich erwiderte, dass es offensichtlich bereits sehr ernst war, denn mein Kind lag – wie ich wusste – falsch herum. Was sie spürte, war also wohl der Po. Ich sagte ihr auch, dass ich am darauffolgenden Dienstag einen Termin beim Chefarzt gehabt hätte – Beratung zur Steißlagengeburt bei Erstgebärenden. Jetzt wurde sie nervös. So richtig. Sie holte sofort eine Ärztin, die mir binnen Minuten eröffnete, dass das Kind jetzt sofort per Kaiserschnitt geholt werden würde. Die Geburt sei nicht mehr aufzuhalten und eine Steißlagengeburt dürfe ohne die erforderliche Beratung nicht durchgeführt werden.

Mein Mann war noch nicht da, er meldete mich noch im Krankenhaus an. Als er zurückkam, erklärte ich ihm, dass das Kind geholt werden würde – heute...gleich...also eigentlich JETZT. Er wurde blass und schien leicht zu schwanken. Ich kann mich heute nicht mehr daran erinnern, ob sie mir zu diesem Zeitpunkt bereits irgendwas gegeben hatten. Ein Beruhigungsmittel oder sonst irgendwas. Vielleicht waren es auch einfach die Hormone, denn faktisch befand ich mich ja bereits kurz vor den Presswehen. Jedenfalls war ich die Ruhe selbst. Ängste hatte ich überhaupt nicht. Mein Kind würde gleich kommen – wie toll!

Kein Warten mehr, kein weiteres Zunehmen, kein Wasser in den Beinen und heute schon den Wurm kennenlernen. Für mich war das in diesem Moment alles super. Ich bat zunächst die Krankenschwester, sich doch mal um den werdenden Papa zu kümmern. Der war so blass und sah völlig überfordert aus. Es amüsierte mich schon fast, dass nun das eingetreten war, was man so oft hörte: die Mutter die Ruhe selbst und der Vater ein Häufchen Elend. Den Ernst der Lage habe ich nicht erkannt. Nicht hinterfragt, warum ich so früh schon Wehen bekommen hatte. Dass etwas nicht in Ordnung sein könnte, blendete ich völlig aus. Die Rückenmarkspritze war schmerzhaft und auch riskant. Durch die starken Wehen fiel es mir unglaublich schwer, stillzuhalten. Aber es ging alles gut und ich beobachtete wie in Trance, wie man meine Beine, die mir nicht mehr zu gehören schienen, hin und her wuchtete, um mich von A nach B zu transportieren. Dann erinnere ich mich nur noch dunkel... Viele Menschen, ein grünes Tuch, das mir die Sicht auf meinen Bauch versperrte und ein netter Mann, der hinter mir stand, und auf mich einredete. Und da war ja auch mein Mann! Toll. Ich fragte ihn, ob er es aushalten würde. Er hatte in etwa dieselbe Farbe wie das Tuch vor meinem Bauch.

Irgendjemand sagte, das Baby sei da. 15:01 Uhr, wie ich später erfuhr. Ich bekam ihn für Sekunden zu Gesicht und in die Arme. Eine kurze Welle der überwältigendsten Liebe, die man sich nur vorstellen kann. Dann war er weg. Mein Mann sah aus, als würde er gleich ohnmächtig werden. Also bat ich den netten Herrn neben mir, ihn doch raus zu begleiten, was er auch tat. Und dann lag ich da. „Wir nähen sie nur noch kurz zu.“ - „Äh ja, klar..machen sie mal.“ Danach Aufwachraum. Allein. Naja, nicht ganz allein. Neben mir schnarchten diejenigen, die irgendeine OP in Vollnarkose hinter sich gebracht hatten. Ich verstand nicht, weshalb ich dort liegen musste. Versuchte, dem anwesenden Krankenpfleger zu erklären, dass ich ja wach sei. Ich hätte gerade ein Kind bekommen und würde gerne zu ihm. Er lächelte freundlich und sagte mir, ich dürfe hier raus, sobald ich meine Füße würde bewegen können. Ich kämpfte wie ein Löwe. Versuchte quasi durch Telekinese meine Zehen zum Zucken zu bringen – vergeblich. Da ließ sich nichts machen. Es dauerte fast eineinhalb Stunden, die mir wie ein halber Tag vorkamen.

Danach wurde ich zunächst in den Kreißsaal gebracht und mein Mann kam nach wenigen Minuten dazu. Er war die ganze Zeit bei unserem Süßen gewesen. Ich wollte nichts mehr, als meinen Sohn halten, aber dann erfuhr ich, dass dies zunächst nicht möglich sein würde. Er lag auf der Kinderstation. In einem Wärmebett. Angeschlossen an verschiedene Geräte, die den Herzschlag und die Blutsättigung kontrollieren sollten. Außerdem erhielt er ein Antibiotikum über eine Kanüle in der Hand. Er hatte Fruchtwasser geschluckt und dadurch eine Lungenentzündung erlitten.

Trotzdem durfte ich meinen Sohn besuchen. Mein Mann brachte mich im Rollstuhl zu ihm. Das Wärmebett musste geschlossen bleiben. Nur ansehen war also erlaubt. Kein Halten, kein Küssen, kein Stillen. Erstmal abwarten. Das war schlimm, aber ich hatte die Geburt hinter mich gebracht und der Kleine auch. Wie man mir später sagte, hatte er sich bereits in meinem Körper eine Infektion eingefangen, was man anhand der stark erhöhten Anzahl an weißen Blutkörperchen feststellen konnte. Mutter Natur hat das schon gut eingerichtet. Wenn das Kind merkt, dass es krank wird und niemand es rechtzeitig realisieren würde, drängt es eben nach draußen. Nach einer Woche Antibiotikum und etwas nervenaufreibenden Diskussionen mit Ärzten und Schwestern, weil ich eine Magensonde verhindern wollte, konnten wir mit unserem dann kerngesunden Kleinen nach Hause.

Nun war es also keine „normale“ Geburt geworden, aber ich fühlte mich keine Sekunde wie eine Frau, die es nicht geschafft hatte, oder der es nicht vergönnt war, ihren Sohn auf natürlichem Weg zur Welt zu bringen. Der Kaiserschnitt belastete mich nicht und wirkte sich nach meiner Überzeugung auch auf die Bindung zu meinem Kind nicht aus. Es war nur schlimm, dass ich ihn nicht einfach von Anfang an hatte bei mir haben können. Aber das war seiner Krankheit geschuldet und nicht der Art, wie er auf die Welt gekommen war; es hing nur irgendwie Beides zusammen. Die Schmerzen nach dem Kaiserschnitt waren nicht schön, aber – für mich – erträglich. Natürlich ist es kein Zuckerschlecken und am ersten Tag und in der ersten Nacht war das Aufstehen nicht leicht, Lachen und Husten ein Alptraum. Aber auch nach einer natürlichen Geburt haben viele Frauen mit starken Schmerzen zu kämpfen, können schwer laufen oder auf die Toilette gehen. Ich empfand das subjektiv nicht als schlimm(er).

Ich trauerte auch der natürlichen Geburt kein Stück nach. Denn auch davon liest man ja hin und wieder Horrorgeschichten mit Saugnapf, Zange, Sauerstoffmangel, etc. Ich hätte mich bei der ersten Geburt ganz sicher nicht für einen geplanten Kaiserschnitt entschieden, aber nun war es eben so und es fällt mir nicht schwer, darüber zu sprechen, wenn mich Jemand fragt, wie die Geburt verlaufen ist. Meine beste Freundin hatte zwei tolle Geburten, die sie ganz bewusst erleben durfte. Mit PDA und wenigen Schmerzen. Ich konnte mich in beiden Fällen sehr für sie freuen, aber wer weiß denn schon, ob es bei mir auch so unkompliziert geworden wäre?

Ich kann Ninia LaGrande wirklich verstehen und kenne auch selbst Frauen, die mit einem (Not-)Kaiserschnitt nicht gut umgehen konnten oder können. Es war mir nur wichtig auch mal auszusprechen, dass das auch anders sein kann und darf.

Tags: Kaiserschnitt, Geburt, Baby, Mutter, Trauma, Kind

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Kommentare

Mimi — So, 07/09/2017 - 13:00

Liebe Svenja, danke für deine Geschichte, sie ist sehr ähnlich mit meiner ersten Geburt. Dass es dir ein Anliegen ist, darüber zu sprechen, zeigt mir jedoch schon, dass auch du etwas zu verarbeiten hast. Und auch dein Mann scheint das nicht easy peasy weggesteckt zu haben in diesem Moment. Nun zählst du, ähnlich wie ich, offenbar zu den Optimisten, die immer etwas Gutes finden, auch wenn etwas sehr traurig ist. Und bei einer (Kaiserschnitt)-Geburt liegt das Gute im Idealfall ja neben einem! Im Grunde kann jede Geburt traumatisch sein, da hast du Recht. Wir sollten das aber anerkennen und nicht herunterspielen. Und jede Frau geht unterschiedlich damit um und das ist auch in Ordnung so. Ich habe erst bei meiner zweiten Geburt, einer Spontangeburt, gemerkt, wie anders der Kaiserschnitt doch war. Ich hatte danach leider ziemliche Stillprobleme und meine Maus hat auch recht viel,geweint. Ausserdem war sie sehr häufig krank (trotz Stillen). Kind 2 war von Beginn an tiefentspannt, die Milch lief, und sie ist ein robusterer Typ. Ob es an den Geburten lag oder an mir oder einfach Typfrage ist, weiss ich nicht. Ich bin aber mittlerweile schon überzeugt, dass auch eine Geburt und das Wochenbett sehr prägend sind. Alles.Liebe!

Nadine — So, 07/09/2017 - 13:02

Das unterschreibe ich sofort. Auch ich hatte einen Notkaiserschnitt, unter Vollnarkose, gleich im Kreißsaal. Auch ich war in dem Moment vollkommen ruhig und war mit der Situation im Reinen. Ich fand das alles nicht so schlimm und war überzeugt, dass alles gut wird. Meinem Kind ging es gut, mir auch, auch wenn die Narbe natürlich schmerzte. Eine natürliche Geburt hätte sie vielleicht nicht überlebt oder zumindest einen Sauerstoffmangel davon getragen. Wir hatten eine wunderschöne Stillbeziehung, auch wenn man uns im Krankenhaus etwas anderes prophezeite. Meine zweites Kind kam dann auf dem natürlichen Weg. Beide Geburten waren auf ihre Art schön. Allerdings kann ich auch verstehen, dass so ein Erlebnis für andere traumatisch ist . Ich habe eine Freundin, die sich deswegen gegen ein zweites Kind entschieden hat. Ich erzähle gern von meiner ersten Geburt, niemand soll Angst vor einem Kaiserschnitt haben!

Lisa — So, 07/09/2017 - 14:44

Danke für diese Geschichte! Ich hatte eine "normale" Geburt ohne Kaiserschnitt und fühle mich damit keineswegsP in einer anderen Liga. So richtig konnte ich immer nicht verstehen, wenn Freundinnen mit ihren Kaiserschnitten haderten, gab es doch jeweils Gründe dafür. Danke also für deine Sicht!

Rita Hauptmann-... — So, 07/09/2017 - 18:18

Meine Kleine kam auch per ungeplantem Kaiserschnitt 6 Wochen zu früh. Auch ich hadere nicht mit der Situation, es ist okay. auch sie kam zu früh wahrscheinlich aufgrund ihrer chronischen Krankheit. Mein erstes Kind kam als ungeplante Hausgeburt. Ich hatte also zwei sehr unterschiedliche Geburten und bin eigentlich ganz froh beides erleben zu dürfen.

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