Interviews

26/01/2019 - 08:15

Stadt-Mama Katharina

Gastbeitrag von Charlotte: Asperger, ADHS, Ritalin? Unser Sohn ist einfach anders

Liebe Charlotte, Dein Sohn wurde vor eineinhalb Jahren eingeschult. Du sagst, das hätte Euer Leben verändert. Warum?

Wir hatten schon im Vorschuljahr ein "komisches Bauchgefühl", das sich beim Thema Tom und Schule einstellte. Wir besprachen unsere Bedenken mit den Kita-Erziehern, die die Bedenken allerdings wegwischten. Auch die Schuluntersuchung ergab lediglich ein "Problem" mit der Stifthaltung, was uns nach langem Zureden beim Kinderarzt 6x Ergotherapie einbrachte. Unsere Kinderärztin hat bei den U-Untersuchungen immer gesagt, dass Tom sich ganz normal entwickelt. Einmal fragte ich sie, ob es sein kann, dass mein Sohn sich ab und zu autistisch benimmt. Er ist mein erstes (und einziges) Kind - mir fehlen schlicht die Vergleichsmöglichkeiten. Die Ärztin sagte, sie könne keine autistschen Züge erkennen. 

Drei Wochen nachdem die Schule begonnen hatte, wurden wir schon zum Elterngespräch gebeten. 
Tom machte alles im Unterricht - nur nicht das, was er sollte. Er krabbelte unter den Tisch, er sang, brummte, pfiff; versteckte sich hinterm Vorhang, sammelte imaginäre Ameisen am Boden, träumte sich weg in seine eigene Welt.
 Das war der Startschuss für einen Marathon an Gesprächen mit Ärzten, Therapeuten, dem Jugendamt, Lehrern, Pädagogen, Betreuern. Bis heute ist dieser Marathon nicht zu Ende

Wie war Tom denn so als Baby und Kleinkind? Hast Du da auch schon bemerkt, dass Tom "anders" ist?

Tom hat von Geburt an geschrien bis er sechs Monate alt war. Er war sofort unzufrieden, wenn er nicht alles mitkriegte. Unsere Hebamme sagte immer, er "glotzt". Tom schlief schon als Säugling maximal zwei Stunden tagsüber. Und das war heftig. Ich konnte ihn nie ablegen, sondern musste ihn immer tragen. Dann guckte er mit weitaufgerissenen Augen alles an, sog wie ein Schwamm alles in sich auf. Nur dann war er ruhig. 

Als er dann so langsam Spielzeug für sich entdeckte, war es interessant, dass er sich manchmal "ewig" mit einem Teil beschäftigt hat - er hat es richtig "studiert". 
Dinge wurden nach Größen und/oder Farben sortiert - so richtig bewusst wurde mir das, als er ca. zwei Jahre alt war. Ich fragte eine Erzieherin in der Kinderkrippe in einem Elterngespräch, ob es sein kann, dass er sich autistisch verhalte - ich wurde nur belächelt. 


Zu Hause wurde sein Verhalten immer auffälliger. Bestimmte Dinge mussten immer in einer festen Reihenfolge passieren - z. B., wie welche Klamotten angezogen wurden oder wie wir Stifte einsortierten. Er aß auch die verschiedenen Sachen auf seinem Teller nur in einer von ihm vorher festgelegten Reihenfolge. Zu Hause habe ich das natürlich mitbekommen, aber ich kann verstehen, dass dieses Verhalten in einer Kita vielleicht nicht so auffällt. Daher kann ich die Aussagen der Erzieher, Tom sei nicht auffällig, sogar verstehen. 

Erzähl uns mal von dem Ärzte-Marathon....

Tom bekam ja nach der Schuluntersuchung Ergotherapie. Als sie sechs Sitzungen vorbei waren, stellte uns die Kinderärztin kein weiteres Rezept aus. Sie sagte, dass es doch ein größeres Problem sein müsse, wenn die sechs Termine nicht ausreichen würden. Daher wurden wie erst mal zu einer Psychiaterin. Diese unterzog Tom einem IQ-Test und meinte, dass er überdurchschnittlich intelligent sei, aber zu 95% Wahrscheinlichkeit ADHS hätte und seine Möglichkeiten deshalb nicht ausschöpfen kann.
 Sie verschrieb uns weiter Ergotherapie mit Schwerpunkt ADHS. Für uns erstmal ein Schock. Wir wurden auch über die Gabe von Medikamenten aufgeklärt. Ritalin stand plötzlich im Raum. Das wollten wir auf keinen Fall, wir hatten einfach zu viele Schauergeschichten gehört...

Über das Jugendamt beantragten wir eine Schulbegleitung. Eine Mitarbeiterin vom Mobilen Sonderpädagogischen Dienst kam einmal die Woche für eine Unterrichtsstunde, um unser Kind zu unterstützen.
 Zum Halbjahr der ersten Klasse gab es ein weiteres Elterngespräch. Die Lehrerin sagte, dass Tom fast gar nicht mehr am Unterricht teilnehmen würde, in seine Welt abtauchen würde und nur schwer zurück zuholen sei. Ich brach in Tränen aus. Mein Kind war gerade ein halbes Jahr in der Schule, ich hatte keine Vorstellung, wo das noch hinführen sollte.

Wie ging es weiter?

Auf Anraten ließen wir eine sogenannte große Diagnostik in der ortsansässigen Kinder- und Jugendpsychiatrie durchführen. Die Ärztin dort bestätigte meinen Verdacht, den ich schon so lange hatte. Sie vermutete bei Tom eine Autismusspektrumstörung! Es wurden unzählige weitere Tests gemacht und nach vier Monaten teilte man uns im Diagnoseabschlussgespräch mit, es gebe keine feste Diagnose. Es stehe fest, dass eine Aufmerksamkeitsdefizitstörung bestehe, der Autismus konnte noch nicht fest bestimmt werden.

Tom hat in einigen Tests ganz typische Autismus-Anzeichen gezeigt und in anderen wieder sehr wenig. Er kommt nicht über den Cut-off - vereinfacht erklärt: Wenn man für Autismus 10 Punkte bräuchte, kam Tom nur auf 9 Punkte. Die Ärzte rieten uns, Tom in die Tagesklinik aufzunehmen, dort wäre er über Monate hinweg beobachtet und beschult worden.

Wir hatten gerade jedoch nach langem Kampf die Schulbegleitung für seine normale Schule bewilligt bekommen - die hätten wir dann absagen müssen. Deshalb entschieden wir uns gegen einen stationären Aufenthalt. Wir sind der Meinung, dass eine Diagnose es nicht wert war, ihn aus seinem gewohnten Umfeld herauszureißen und ihm die Chance auf eine Schulbegleitung zu verwehren. Dann gehen wir das Thema Diagnose eben zu einem späteren Zeitpunkt nochmal an. 

Die Diagnose Aufmerksamkeitsstörung gibt es ja bereits. Kannst Du diese Diagnose etwas genauer beschreiben?

Tom hat eine sehr kurze Aufmerksamkeitsspanne. Auf Dinge, die ihn interessieren, kann er sich sehr lange konzentrieren - geht es um Hausaufgaben reduziert sich die Aufmerksamkeitsspanne jedoch auf 15 Minuten. Dann fängt er an nervös zu werden. Wenn er eine Aufgabe nicht sofort begreift, stiegt sein Frustlevel schnell an und er wird noch nervöser. Er schweift dann ab, beschäftigt sich mit Stiften, Anspitzen, Lineal, Radierer und taucht in seine Welt ab.

Als das Thema Ritalin das erste Mal auftauchte, habt Ihr Euch dagegen gewehrt. Nun nimmt Tom die Medikamente aber doch - auf eigenen Wunsch, wie Du gesagt hast. 

Wir haben immer offen mit Tom über alles, was ihn betrifft, gesprochen. Wir haben ihm auch erklärt, welche Behandlungsmöglichkeiten es gibt und darüber gesprochen, was er und wir bereits sind, zu tun. 
Im Sommer haben wir nach 15 Monaten die Ergotherapie abgebrochen, weil Tom nicht mehr mitgemacht hat. Und dann kam ein Schlag: 

Die endlich gefundene Schulbegleitung kündigte am zweiten Tag des 2. Schuljahres. Das Jugendamt hat sich sehr um einen Ersatz gekümmert, aber die können auch nicht zaubern - und so war Tom wieder alleine. 

Eines Tages bei den Hausaufgaben schaute mein Kind mich plötzlich an und sagt: "Mama, ich glaube, ich brauche die Tabletten für die Konzentration." 
Ein Schlag in den Magen hätte mich kaum schlimmer treffen können. Weil es sein Wunsch war, haben wir einen Termin bei der Psychiaterin ausgemacht und wurden dort gründlich aufgeklärt. Nachdem die Kinderärztin auch noch ein großes Blutbild machte und dort alles gut war, haben wir mit den Tabletten angefangen. Erstmal nur zu Hause, später auch für die Schule. Die haben wir natürlich informiert.

Stellst Du Veränderungen fest, seit er das Medikament nimmt?

Am Anfang haben wir bemerkt, dass Tom am Nachmittag, wenn er recht früh das Medikament genommen hatte, sehr unruhig war. Als wäre die Unruhe, die er unter Einnahme nicht ausleben kann, aufgestaut und müsse nun aus ihm raus. Seine Medikation wirkt etwa eine halbe Stunde nach Einnahme für 2-3 Stunden. Wir stellten auch fest, dass der Appetit nach Einnahme deutlich weniger wird, so dass Tom nachmittags plötzlich riesen Hunger bekam. Das alles musste sich erst einspielen. Die Schule und auch die Leistungstest geben uns bisher positives Feedback über die Veränderungen von Tom. 

Von Anfang an hattest Du ja auch den Verdacht auf Asperger Autismus bei Tom - welche Symptome zeigt Dein Sohn dafür?

Er hat viele feste Routinen, die eingehalten werden müssen. Tom ist zudem sehr schüchtern, er hat kaum Augenkontakt zu anderen Menschen außer uns Eltern. Körperkontakt - kuscheln oder Haare waschen - kann er fast nur mit mir. 

Körperwahrnehmung ist bei Tom ein großes Thema. Er war sehr lange tagsüber nicht trocken, weil er oft so in seiner Welt versunken, dass er die Signale seines Körpers überhört und teilweise täglich eingenässt hat. Lärm tut ihm körperlich weh. Waschmaschine, Staubsauger, Mixer - selbst die Toilettenspülung kann er kaum ertragen.



Emotionen kann er nur schwer zeigen oder gar in Worte fassen. Manchmal äußern sich seine Emotionen in einem unglaublichen Wutausbruch, weil er sich einfach nicht anders ausdrücken kann. Der Frust darüber muss sehr groß sein. 
Er braucht immer feste Grenzen bzw. müssen Dinge, die besprochen oder vereinbart werden auch möglichst genau so geschehen. Ein abgesprochener Tagesablauf muss möglichst so eingehalten werden. Passiert das nicht, wirft ihn das teils komplett aus der Bahn - er versteht dann die Welt nicht mehr und wird nervös, konfus, stottert oder kann sich sprachlich gar nicht mehr ausdrücken. Wenn ich ihm Änderungen erkläre, kommt er oft ganz gut zurecht. Aber eben nicht immer. 

Für Euch als Familie ist das sicher auch alles nicht leicht. Wie geht Ihr damit um?

Es ist hart. Mein Mann arbeitet in Dauernachtschicht. Er ist dadurch leicht reizbar, oft launisch und wenig zugänglich für die "Macken" seines Sohnes. Es gibt oft Streit und oft kommt mir unsere Ehe vor wie eine WG mit Kind. Unsere Ehe hat sehr gelitten. Nach nun mehr fünf Jahren, die ich auf ihn einrede, er müsse sich Hilfe holen, ist bei ihm eine klinische Depression diagnostiziert worden. Er hat einen IQ von über 140 und ist eigentlich in seinem Job unterfordert und dauer-frustriert. Die Kraft zum Ändern hat er scheinbar nicht - aber das kann ich ihm nicht abnehmen.Er muss jetzt eine Therapie machen. Das hat ihm sein Arzt verordnet - wir warten auf einen Therapieplatz. 


Ich stelle mich oft vor mein Kind, wenn mein Mann wieder ungerecht wird, weil er Tom nicht versteht. Ich weiß, dass er es eigentlich schon tut, aber er ist selbst sehr durch seine Erziehung geprägt - und die war nicht besonders schön. 

Was wünscht Du Dir für Eure Zukunft als Paar?

Dass mein Mann wieder mein Mann wird und unser kluges tolles Kind so nimmt, wie es eben ist. Dass er ihn versteht, wie ich es tue. Dass wir unser Versprechen von vor 10 Jahren "... in guten wie in schlechten Zeiten..." halten können und auch mal wieder gute Zeiten kommen.


Foto: Pixabay

Tags: ADHS, Ritalin, Diagnose, Schule, Kind, beschulbar

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Kommentare

Cathrin — Sa, 01/26/2019 - 08:24

...würde ich Dich für diesen Artikel gerne feste Drücken! Bei uns gibt es erschreckend viele Parallelen...Mein Sohn hat auch ADHS und kratzt laut Kinderpsychologe am autistischen Spektrum. Alles braucht eine Reihenfolge bei uns, Spontanität ist kaum möglich, es sei denn Sie kommt von Ihm. Wir haben aus eine Schulbegleitung und Vater und Sohn rasseln oft aneinander... Was ich eigentlich sagen will: Ich sehe Dich, ich verstehe Dich und es sind andere wie Du und dein Kind da draussen! Krone richten - weiter kämpfen! :) Cathrin

aleXXblume — Sa, 01/26/2019 - 12:06

...sehr gut. Unser 2. Sohn ist ähnlich, bzw. war ähnlich. Wir haben auf Ritalin aber komplett verzichtet, weil wir davon überzeugt waren, dass es auch ohne dieses wirklich fragwürdige Medikament einen Weg geben muss. Gehen die Lehrer denn auf seine hohe Intelligenz ein? Hochbegabte Kinder haben es in der Grundschule oft sehr schwer, weil sie mit den ewigen stereotypen Wiederholungsübungen (auch bei den Hausaufgaben!) nicht zurecht kommen. Unserem Sohn geht es deutlich besser, seit er auf dem Gymnasium ist. Außerdem nimmt er auf Anraten unseres Arztes jeden Morgen und Abend je 15 Tropfen Angelikawurzeltinktur ein. Die wirkt unglaublich positiv auf ihn. Er ist viel ausgeglichener, die Wutanfälle sind auf ein Minimum zurückgegangen. Mir geht das Herz auf, wenn ich ihn fröhlich sehe - er war so lange Jahre sehr unglücklich mit seiner puren Existenz! Ich drücke euch die Daumen, dass ihr auch einen guten Weg finden könnt!

Annika — Sa, 01/26/2019 - 14:12

Wir haben einen autistischen Sohn. Er ist "grenzwertig Po" und wir sind froh, die Diagnose zu haben, auch wenn andere Therapeuten sie vermutlich nicht gestellt hätten, jedenfalls nicht, wenn ich solche Geschichten lese oder meine Bekannten ansehe, die seit Jahren mit ihren Kindern keine klare Diagnose bekommen, weil das Kind zwar ganz klare autistische Züge hat, aber trotzdem offen für Fremde ist und "einem ins Gesicht schaut". Autismusspektrumsstörung umfasst so viel, man kann es weder in Worte noch in Bücher fassen. Gemeinsam haben die Kinder, dass sie Extra-Förderung brauchen und die Eltern Unterstützung und Verständnis. Ich sage immer: "Von einer Mutter, die ihr Kind schlecht erzieht zu "pflegenden Angehörigen" in nur einer Diagnose". Alles Gute weiterhin!

Kate — Sa, 01/26/2019 - 21:27

Ja, gerade bei so besonderen Kindern kann die Ehe oft leiden. Ich wünsche jeder Familie, dass sie den besten Weg für sich findet und alle gemeinsam an Lösungen arbeiten. Ich würde mich sehr freuen, wenn man gerade bei ADHS und Ritalin mal ein wenig in die natürliche Richtung schauen würde. Ritalin ist immer noch eine Droge und auch wenn es hilft, ist es doch nicht toll. Es gibt mittlerweile tolle Erfahrungen mit ADHS und CBD-Öl. Vielleicht denken ja noch mehr um und können dadurch Ritalin weg lassen. Ich kann und will mir gar nicht vorstellen, wie es für eine Mutter ist, wenn sie eine solche Entscheidung treffen muss in dem Bewusstsein, was das für ein "Medikament" ist.

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