„Mein Kind ist KEIN Tyrann“: Vom Leben nach der Winterhoff-Doku

Winterhoff Erfahrungsbericht

Ihr Lieben, wir haben hier bereits über eine schockierte Mutter berichtet, deren Sohn bei dem Psychiater Dr. Michael Winterhoff aus Bonn in Behandlung war, der nicht nur gern gesehener Gast zu Erziehungsfragen in Talkshows war, sondern auch mehr als eine Million Bücher verkaufte. Was wirklich für ein System hinter seinen Machenschaften steckte und wohl auch noch steckt, hat eine viel beachtete WDR-Dokumentation vor einigen Wochen ans Licht gebracht. Wir konnten danach auch eine der Protagonistinnen, Jana Stevens, hier zu Wort kommen lassen, die sagt, Winterhoff habe ihre Kindheit ruiniert. Hier lassen wir die Mutter eines weiteren Protagonisten zu Wort kommen, die nach den Besuchen bei Winterhoff lange brauchte, um ihre Verunsicherung als Mutter wieder in Stärke umzuwandeln. Bis zum Happy End.

„Vor drei Wochen lief die Dokumentation „Warum Kinder keine Tyrannen sind“ von Nicole Rosenbach. Wir haben als Familie mitgewirkt. Als wir die Reportage sahen, war es auch für uns erschreckend, was im Laufe der Recherchen zu Tage kam. Und es wirbelte noch mal alles auf. Wie ich mich damals gefühlt habe. Die Zeit nach der „Diagnostik“. Meine Hilflosigkeit. Dieses Gefühl, als Mutter versagt zu haben. Schuld daran zu sein, dass mein Kind in der Schule nicht klar kommt – und im Leben nicht klarkommen wird.

„Symbiose lösen“ – Winterhoff schickte Eltern in den Wald

Ich war tatsächlich im Wald – so wie Winterhoff es uns Eltern geraten hat: „Gehen Sie für fünf Stunden in den Wald, dort löst sich die Symbiose zwischen Ihnen und dem Kind.“ Und wenn wir das regelmäßig machen würden, hätten wir einen anderen Blick auf unseren Sohn und sähen auch den Rotzlöffel (ja, Rotzlöffel – an sich mag ich das Wort). Momentan seien wir seine verlängerten Arme. Alternativ könne man/frau auch täglich eine halbe Stunde allein in einer Kirche sitzen, um zur Ruhe zu kommen. Auch dann löse sich die Symbiose nach einigen Wochen. Dauere aber länger als mit dem Waldbesuch.

Ich habe wirklich nach einer offenen Kirche gesucht. Und nach den ersten zwei Stunden im Wald dachte ich, ich dreh gleich durch, weil es ja fünf Stunden sein müssen.

Versagt. Als Mutter vollkommen versagt. Und nicht mal in der Lage, das Wenige zu tun, was nun helfen würde. Auf ganzer Linie versagt! Die Wochen nach der „Diagnose“ waren furchtbar. Ich war zutiefst verunsichert, erzählte Freunden und Lehrpersonal ernsthaft: „Es liegt an mir. Ich hänge in einer Symbiose mit Samuel fest.“

Unbeschulbar und aggressiv: Es wurde schlimmer mit dem Sohn

Und unser Sohn? Wurde immer auffälliger. War aggressiv und nicht beschulbar. Verweigerte jede Mitarbeit. Wollte nicht in die Schule. Obwohl sich seine Lehrerinnen sehr bemühten und in engem Austausch mit uns standen und wir gemeinsam nach Lösungen suchten. Es gab viel Streit zu Hause. Zwischen meinem Mann und mir. Zwischen Samuel und uns. Hilflosigkeit, Ohnmacht und Verzweiflung auf allen Seiten.

Lassen Sie mich an dieser Stelle meine Erinnerungen unterbrechen. Denn seit zwei Wochen ist mir etwas sehr Wichtiges klargeworden:

Durch die voreiligen Schlüsse, die Winterhoff nach zwei Minuten gezogen hat – durch seinen Standardvortrag über Symbiose und die Schuld der Eltern (insbesondere der Mutter) – die das Kind unbewusst als Partner ansehen würden und von ihm geliebt werden wollten – wurde etwas ausgelöst, das seine These zu bestätigen schien: Eine völlig verunsicherte Mutter, die nun gar nicht mehr in der Lage war, ihr Kind zu begleiten. Und ein total hilfloses Kind, welches spürt, dass die Mutter keinen Halt bieten kann und dementsprechend immer auffälliger wird (wobei er das wohl nicht als solches erkennen würde, sondern seine Narzissten-These bestätigt fände).

Grundsätzlich kompetente Eltern demontieren

„Die Fähigkeiten dem Kind gegenüber“ (Zitat Winterhoff) versagten nicht aufgrund einer zu engen Bindung (Symbiose), sondern weil uns Eltern die elterliche Kompetenz abgesprochen wurde und wir im Umgang mit unserem Kind verunsichert und allein zurückgelassen wurden. Gesunde und grundsätzlich kompetente Eltern auf eine solche Weise zu demontieren beeinträchtigt das gesamte Familiengefüge und ihre einzelnen Mitglieder auf höchst negative Weise!

Seine Worte bei unserer letzten „Konsultation“ vergesse ich nie: „Ihr Sohn ist recht schlau, doch das soll hier nicht das Thema sein…“ Dabei hat er uns z.B. das Ergebnis des IQ-Testes verschwiegen und uns Eltern mit den Worten nach Hause geschickt: „Gehen Sie in den Wald, lösen Sie die Symbiose – und wenn das nicht klappt, kommen Sie in drei Monaten wieder, dann arbeiten wir mit Ihrem Sohn.“

„Er hat uns Eltern sämtliche Fürhungsfähigkeiten abgesprochen“

Winterhoff hat uns Eltern von vornherein sämtliche Führungsfähigkeiten abgesprochen. Wir wurden zu keinem Zeitpunkt einbezogen oder informiert über die Testungen oder ihre Ergebnisse. Er hat uns nicht mal zugetraut, dass wir mit dem Label „Hochbegabung“ umgehen können. Er ging offenbar wirklich davon aus, dass unser Sohn zu schlau für seine Eltern ist und uns irgendwann komplett kontrollieren würde.

Wie tief diese Verunsicherung ging, wurde mir ebenfalls erst nach Ausstrahlen der Reportage klar. Die alleinerziehende vierfache Mutter in der Reportage spricht davon, wie Winterhoff  ihr gesagt hatte, dass ihr Sohn sie (und die ganze Welt) nicht ernstnehmen und sie steuern würde. Und das er spüren müsse, wenn sie ihm was sage. Meine Güte, ja, genau das hat er zu mir auch gesagt damals. Und ich habe es geglaubt ohne es zu merken.

Selbst nachdem bei unserem Sohn (nach einer zweiten, sehr umfangreichen und längeren Diagnostik, in die wir Eltern und die Lehrerinnen eng einbezogen wurden) eine Autismus Spektrum Störung diagnostiziert wurde, blieb die Unsicherheit, ob ich nicht doch irgendwie „schuld“ sein könnte – in welcher Form auch immer. Mein Blick auf Samuel blieb noch lange Zeit danach defizitär.

„Die neuen Therapeuten glauben an uns Eltern“

Wir kennen inzwischen auch die andere Seite. Wir wissen nun, wie es sich anfühlt, wenn KJP, Jugendamt, Schule, (Autismus-)Therapeutin etc. an die Kompetenz der Eltern glauben und diese stärken. Wir fühlen uns unterstützt und gesehen und nehmen auch die angebotenen Elternstunden bei der Autismustherapeutin wahr. Wir sind in der Lage, unsere Fehler zu reflektieren, Schwächen zu erkennen und uns gemeinsam mit unserem Sohn weiterzuentwickeln. Denn grundsätzlich spricht viel dafür, reflektiert auf die eigene Motivation zu schauen und Situationen, die nicht gut laufen, zu hinterfragen. Im Grunde ist es gut und richtig, AUCH mit den Eltern zu arbeiten – da sie es sind, die die Familie tragen.

Es macht allerdings einen riesigen Unterschied für die gesamte Familie, wenn Eltern hören: „SIE sind die Kompetenz für ihr Kind und SIE kennen Ihr Kind am besten“ anstatt: „Sie halten an einer Symbiose fest und schaden (wenn auch unbewusst) Ihrem Kind, indem Sie es zu Ihrem Partner erheben.“

Mal abgesehen davon, dass es einen gigantischen Unterschied macht, ob Eltern mit NICHTS als einem Symbiose-Vortrag nach Hause geschickt werden oder wissen, dass ihr Kind ins Autismus-Spektrum fällt und DESHALB so große Probleme mit dem gesamten Schulkontext hat.

Vom Systemsprenger zum reflektierten Jungen

Unser Sohn wurde im Laufe der Zeit nach der „echten“ Diagnose von einem angehenden aggressiven Systemsprenger zu einem glücklichen, für sein Alter erstaunlich reflektierten Jungen, der nun mit einem Schulbegleiter ein Regel-Gymnasium besucht. Es klingt vielleicht kitschig, doch es ist wahr: Wir können wieder mit unserem Sohn lachen!

Dafür war viel Unterstützung seitens Lehrpersonal, Jugendamt und anderen Stellen nötig, wofür wir zutiefst dankbar sind. Und doch bestätigen uns diese Stellen immer wieder: WIR ELTERN sind es, die diese Unterstützung tragen und möglich machen.

WIR ELTERN sind die Kompetenz für unsere Kinder!

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4 comments

  1. Dankeschön! Toll, dass es doch noch so viele Eltern gibt, die das Grundvertrauen in sich und ihre Kinder nicht verloren haben und auch so viel wertvolle Unterstützung durch andere!

  2. Vielen Dank für diese tiefen Einblicke! Ich musste einige Male schlucken und bin so froh, dass Ihr aus dem „winterhoffschen Düsterwald“ ausbrechen konntet und den richtigen Weg für Euch alle gefunden habt. Das habt Ihr aus eigener Kraft geschafft!! Niemand braucht Fachleute, die einem solche Steine in den Weg legen!!

  3. Es ist erschreckend wie eine Person, die sich Dr. schimpft, so viele Familien in Aufruhe gebracht und Kinder das eigene Ich genommen hat.
    Aber der letzte Absatz lässt mich hoffen, dass es immer noch eine Möglichkeit gibt, diese furchtbaren Erlebnisse wieder halbwegs umzukehren. Auch wenn das ganze negative Geschehen zuvor einen auf lange Zeit prägt.

    Und danke, dass hier die Lehrerschaft plus Jugendamt als echte helfende Hand agieren konnten. Das gibt Hoffnung.

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