Warum es uns manchmal schmerzt, wenn andere Mütter erzählen, wie super alles läuft

Ihr Lieben, gerade las ich einen Thread auf Twitter, dem folgende Anfangsfrage zugrunde lag: Was haben eure Kinder gelernt (das sie sonst vielleicht nicht gelernt hätten), während Kita und Schule geschlossen waren?

Darunter entspringt ein ganzer Wasserfall von romantischen Tweets, dass sich die Brüder plötzlich liebgewonnen haben, alle Bäume im Wald beklettert wurden und kleine Kinder Experten in Gartenanbau und Co. geworden sind. Darunter schreibt eine Mutter: „Ich fang gleich an zu heulen. Meine Kinder haben gar nichts gelernt, weil wir so mit Homeoffice und allem Drumherum beschäftigt waren.“

Mich hat das erleichtert, weil ich auch zu denen gehöre, die den Lockdown nicht als lehrreiche Chance erlebt haben, sondern eher als unangekündigte Vollbremsung auf offener Strecke, die alles bis dahin Geordnete durcheinanderpurzeln ließ. Ich habe als Antwort auf die Frage, was die Kinder gelernt haben, geschrieben: „Wie überfordert Mama sein kann“.

Wie verletzlich wir sind, wenn es bei anderen Müttern vermeintlich besser läuft

Und doch musste ich jetzt länger drüber nachdenken, warum auch mich diese romantische Darstellung der für mich so krassen Zeit so triggert. Ist doch okay, wenn andere es genossen haben, sagt die Vernunft. Ja, aber dann wird dir abgesprochen, dass du so am Ende warst, sagt die innere Stimme. Und geht es uns nicht mit etlichen Themen so?

Da schreibt eine Mama, dass sie stolz ist, natürlich entbunden zu haben. Und schon fühlen sich Kaiserschnittmütter irgendwie schlecht. (Ich schließe mich da ein, weil ich selbst gern lieber im Geburtshaus geblieben und nicht noch mit dem Rettungswagen ins Klinikum gefahren wäre)

Da schreibt eine Mama, wie sehr sie das Stillen genießt. Und schon fühlen sich alle, bei denen es nicht geklappt hat oder die sich dagegen entschieden haben irgendwie schlecht. (Genossen hab ich´s nicht, aber ich fands halt superpraktisch)

Da schreibt eine Mama, dass sie jeden Brei selbst gekocht haben. Und schon fühlen sich die Gläschenkaufenden Mamas irgendwie schlecht. (Ich nicht, weil ich schon immer dachte, dass die da draußen vermutlich besser kochen können als ich)

Da schreibt eine Mama, dass ihr Kind schon mit 4 schreiben konnte. Und schon fühlen sich die Mütter von normalbegabten Kindern irgendwie schlecht. (Meine haben zum Beispiel „erst“ mit 7 schwimmen gelernt und waren damit quasi die letzten im Freundeskreis. Ich mag Schwimmen nicht sonderlich)

Und wisst ihr, warum sie das tun? Warum sie dann kurz an sich zweifeln? Aus Liebe.

Aus Liebe zu ihren Kindern, denen sie einfach nur das Beste gönnen. Meine Kinder haben mich im Lockdown schreiend erlebt, überfordert, am Ende meiner Kräfte. Ich habe auf Verständnis gepocht, obwohl ich selbst kaum welches aufbringen konnte. Es war zu VIEL, zu ENG, es war kaum schaffbar für mich… mein Rücken war nicht immer stark genug, all das zu tragen.

Dabei hätte ich mir gewünscht, meine Kinder hätten Gartenbau betrieben, Baumarten kennengelernt, Geschwisterplüsch gegen Geschwisterstreit eingetauscht. Ich hätte mir gewünscht, mich weiterzubilden, wie viele Kinderlose es in der plötzlich vorhandenen Zeit getan haben. Bei mir war das eben anders, in meinem Leben hatte ich selten weniger Zeit, weniger Luft, weniger Raum für mich (okay, die Babyzeit mit drei Kindern unter zwei Jahren lass ich mal außen vor, aber da hatte ich eben auch damit gerechnet…).

Mir geht es so und anderen geht es anders.

Und das ist einfach ein Fakt. Mir ging´s so und anderen ging´s anders. So können wir es rein faktisch nebeneinanderstehen lassen. Wären da nicht immer diese Emotionen, die uns hinterfragen lassen, ob nicht doch mit ein bisschen mehr Mühe oder Engagement oder Kompetenz alles hätte anders laufen können. Ich glaube, das gehört im Leben als Mutter einfach dazu. Dass wir auch mal selbst an uns zweifeln. Dass wir uns von idyllischen Erzählungen auch mal verunsichern lassen oder auch mal ein bisschen neidisch sind, weil wir uns im Grunde doch alle einfach nur das Beste für uns und unsere Kleinen wünschen.

Ich glaube nicht, dass jemand über natürliche Geburten oder romantische Lockdowns erzählt, um andere zu verletzen (und wenn doch, dann liegt dem wohl eine Profilneurose zugrunde, deren Ursachen wir weder kennen noch selbst erlebt haben wollen).

Es liegt an uns, das nicht als Vorwurf zu interpretieren, sondern es für sich stehen zu lassen (ich gebe zu, das ist gar nicht so leicht und klappt nicht immer, aber versuchen können wir es ja mal ;-)). Uns Gleichgesinnte zu suchen, die sich in ähnlichen Situationen befinden. Und in Momenten, in denen es gut läuft, daran zu denken, dass es da draußen viele andere gibt, denen grad die Decke auf den Kopf fällt.

Weil bei niemandem immer alles nur gut läuft. Und weil wir uns in einem doch alle wirklich einig sind: dass es unseren Kindern mit uns und in ihrem Leben einfach gut gehen soll. Egal ob mit Brei, Muttermilch, Pommes oder selbst geernteten Kartoffeln.

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14 Kommentare

  1. Oh, so wahre Worte. Ich merke selbst, wie mich solche Gefühle immer wieder einholen und ich dann erstmal innehalten und mir bewusst machen muss, wie viel Momentaufnahme in dem, was ich sehe und lese steckt. Vielen Dank für’s Teilen.

  2. Liebe Lisa,
    deine ehrlichen Worte mag ich immer sehr, denn es zeigt einfach, dass wir alle verschieden sind und dennoch oftmals in einem Boot sitzen.
    Heute äußere ich mich mal wieder, weil mich vor allem die Kommentare teilweise überrascht haben.
    Ich bin selbst Mutter zweier Kinder, (2 und 4) und berufstätig. Es gibt oft Tage, da hadere ich mit mir, weil ich ungerecht, ungeduldig, überfordert war. Ich versuche, daraus zu lernen. Dann gibt es Momente, da bin ich stolz, weil ich etwas gut gemacht habe, erfolgreich war oder was auch immer. Alle Gefühle dürfen meiner Meinung nach sein und kommuniziert werden. Wer dazu die sozialen Medien nutzen möchte – dazu sind sie ja auch da, wer es nicht mag: weg damit. Ist doch wunderbar. Und wen es trotzdem beißt: schauen, was sich da wirklich hinter versteckt. Wir alle wissen doch, dass NIENIENIE alles nur tutti ist. Das gibt es einfach nicht. Sonst wären wir Machinen. Und jeder, der mal ein vermeintlich perfektes Familienfoto versucht hat aufzunehmen, weiß, dass das nahezu unmöglich ist.
    Was ich damit sagen will: Ich finde es super, die breite Palette zu leben und das auch auszusprechen. Natürlich gibt es accounts, die nur das Schöne zeigen, und manchmal erscheint es einem widerlich perfekt, aber du und die anderen wissen es doch eigentlich besser. Und bei dir Lisa, denke ich:WOW, Mum. Du hast ein Buch geschrieben! Wie wunderbar. Wer schafft das bitte? Und hast du dir dabei gedacht, dass da vielleicht jemand denken könnte: Krass. So viel work load, dann ein Buch, dazu noch mit einer sehr guten Freundin, und noch bei dem guten Aussehen? Absolut beneidenswert!
    Liebe Grüße
    aus Köln
    Susanne

  3. Liebe Lisa,
    Mir geht es auch oft so! Dieses ständige Vergleichen mit anderen, zu dem solche Anmerkungen quasi auffordern. Natürlich hat es absolut nichts mit meinem Leben zu tun, was eine andere Mutti alles so Tolles macht und kann! Aber andererseits finde ich auch, dass es „erlaubt“ ist, einmal den Blick nur auf das Positive zu wenden, uns allen wird wohl klar sein, dass es in keiner Familie so war, dass während Corona alles nur super lief. Oder sich selbst ein bisschen zu feiern dafür, den Babybrei selbst zu kochen, denn klar, es ist eine Heidenarbeit, für die sich niemand bedankt, man sich sogar persönlich angegriffen fühlt, wenn’s denn nicht schmeckt! Da darf man doch schon mal stolz sein, das trotzdem durchzuziehen…

  4. Hallo, ich denke auch, dass der reale Austausch wichtiger ist, als die Profilierung in den sozialen Medien… ich habe mich in der harten Zeit auch regelmäßig mit meiner Freundin ausgetauscht, was bei ihr gut funktioniert, was nicht… habe nach Tipps gefragt, ausprobiert usw… und ganz ehrlich, wenn es hart auf hart kommt ist es so verdammt unwichtig ob gestillt wurde oder jede Mahlzeit selbst gekocht ist usw. Wichtig ist nur, dass alle gesund und munter sind! Ich sage das aus der Erkenntnis, dass ich lange gebangt habe, ob mein eines Kind von einer potentiell lebensverkürzenden Erbkrankheit betroffen ist und mein anderes Kind bekam in genau dieser Zeit die Diagnose einer chronischen Krankheit. Das relativiert so vieles!

  5. Ja, ich kenne das auch. Oft frage ich mich, wie viel Wahres an diesen perfekten Geschichten dran ist. Die Gesellschaft verlangt von uns Mütter so einiges und wer gibt schon freiwillig zu, „versagt“ zu haben.
    Falls es dich tröstet hier mal ein paar Sachen ,die meine Kinder während des Lockdowns gelernt haben:
    – wie langweilig die Vormittage zu Hause sind, weil Mama arbeiten muss und nicht die ganze Zeit spielen kann
    – wie viel Arbeit Mama den ganzen Tag erledigt (und wieder keine Zeit zum Spielen)
    – wie laut Mama schreien kann, wenn es darum geht 3 kreischende Kinder zu übertönen
    – wie müde Mama sein kann
    – und so weiter und so fort

    Ich bin nicht stolz auf obige Liste aber sie entspricht der Realität. Und dazu stehe ich.

  6. Liebe Lisa, du hast natürlich Recht, es kann einen nerven und verletzen, von all den perfekten Muttis zu hören. Allerdings muss man meiner Meinung nach sehr unterscheiden zwischen all den Muttis, die sich auf sozialen Netzwerken profilieren und der „realen“ Mutti, die eine Freundin, Schwester, Nachbarin sein kann. Das Leben jeder Mutti sieht bei Instagram besser aus als es ist, das was bei Twitter und Facebook geschrieben wird, spiegelt sicher nicht das tägliche Leben wieder. Ich persönlich sehe es recht gelassen, wenn Muttis mit ihrem perfekten Leben und ihren perfekten Kindern prahlen, denn hinter der Fassade hat jeder sein Päckchen zu tragen. Und wirklichen ehrlichen Austausch finde ich persönlich immer noch im Gespräch mit einer Freundin. Schön, wenn es dann keine Konkurrenz gibt und kein Vergleichen, sondern ein „Wir sitzen im selben Boot“, wenn es einen wirklichen Dialog gibt und kein „jeder zeigt mal, was er hat“. Klar leben wir alle in einer Social Media Zeit, aber sich schlecht fühlen, weil irgendeine Mutti schreibt, wie toll sie es hat? Nee, echt nicht nötig!

    1. Ich habe meine Tochter per Kauserschnitt zur Welt gebracht, sie hat keinen Tropfen Muttermilch bekommen, weil ich meinen Körper wieder für mich haben wollte, und sie ist seitdem sie 9 Monate alt ist ein 45-Stunden-Kitakind. Ich arbeite 35 Std./Woche, sie wird 3 Mal pro Woche nachmittags von den Großeltern abgeholt, weil ich erst gegen 18.30 Uhr zuhause bin. Ich habe mich in der Babyzeit unendlich zuhause gelangweilt, heute hasse ich basteln, ich backe Kuchen selten selbst und halte Pommes mit Würstchen auch für ein gutes Mittagessen. Mittlerweile ist meine Tochter fast 4 Jahre alt und ein gesundes, selbständiges, liebevolles, ganz großartiges Mädchen mit vielen Bezugspersonen. Ich habe nie ein schlechtes Gewissen gehabt. Entspannt euch, hört auf Ratgeber, Feeds und Blogs zu lesen, die euch zu besseren Müttern oder Familien machen wollen oder das Familienleben problematisieren. Wir sollten uns lieber an Vätern orientieren: kein Mann denkt auch nur ansatzweise, er sei ein schlechter Vater, weil er zwei Wochen nach der Geburt wieder Vollzeit arbeiten geht. Oder ein Gläschen füttert. Oder das Kind vors Fernsehen setzt, weil er mal in Ruhe duschen will. Oder so ganz generell auch mal seine Bedürfnisse priorisiert. Das Gefühl des „Nicht gut genug seins“ haben offensichtlich nur Mütter und wir sollten endlich damit aufhören.

  7. Schön geschrieben! Ich habe das Glück, ein „high energy“-Mensch zu sein und bei bald drei Kindern einen ebenso energiegeladenen, motivierten, engagierten Mann an meiner Seite. Zudem sind wir beide noch recht erfolgreich in unseren
    Jobs. Ich glaube, nach außen wirkt das oft „perfekt“.

    Aber wenn das Freundinnen ansprechen, sage ich, dass ich auch oft morgens von den Kindern genervt bin. Dass doppelte 100-120% Berufstätigkeit mit zwei Kindern (1,5 & fast 4 Jahre) zu Hause (und schwanger) während Corona hart waren. Dass ich froh bin, dass sie wieder in der Kita sind und ich nur dadurch die Zeit mit ihnen als „quality time“ empfinde. Dass ich wiederum Frauen bewundere, die so eine Geduld haben, dass sie es jahrelang mit den Kindern zu Hause aushalten, vielleicht noch mit einem wenig engagierten Vater an ihrer Seite. Ich kann vieles, das könnte ich nicht. Und das ist auch ok so.

    Egal ob Stillen, Babybrei, Betreuungsmodelle …
    Hauptsache Stress für die Familie minimieren. Sich möglichst die schönen Sachen herauspicken, den Rest eben nicht mitmachen.

  8. Ich stimme dir in allem total zu, Lisa. Und ich glaube auch, dass da selten jemand wirklich verletzt werden soll…aber warum erzähle bzw. poste ich denn überhaupt so einen überflüssigen Kram, wie, dass ich stolz auf meine Spontangeburt bin??? Oder auf meine gekochten Gläschen??? Das ist doch für andere unwichtig?
    Ich finde deshalb diese ganze Mutti-Fraktion wie Imlau und Cammarata so furchtbar, weil sie aus dem selbstverständlichen und natürlichen Zusammenleben in der Familie so ein Trara machen…dadurch werden alle Bereiche des Mutter-Daseins so aufgebauscht, dass man am Ende tatsächlich das Gefühl kriegt, es sei wichtig, ob man stillt und nicht total Wurscht?!

    1. Hallo!
      Da muss ich Dir widersprechen: Die Autorinnen Imlau und Cammarata entsprechen eben NICHT dieser selbstgefälligen Mutti-Fraktion, sondern bilden einen starken Kontrapunkt zu diesen schrecklichen „ich bin besser als Du“-Müttern.
      Es gibt kein Buch und keinen Text von beiden Autorinnen, in dem sie Gebährende und Erziehende für die Gabe von Fläschchen-Nahrung oder wegen eines Kaiserschnitts verurteilen.
      Und vielen Menschen fehlt die Erfahrung eines „natürlichen und selbstverständlichen“ Zusammenlebens in einer Familie. Da ist es gut, dass es Autorinnen wie Imlau und Cammarata gibt, die in ihren Büchern einen guten Weg aufzeigen.
      LG Andrea

      1. Doch, das ist es ja! Da wird ununterbrochen betont, dass Kaiserschnittmütter auch tolle Mütter sind und dass niemand „perfekt“ sein muss und Medienkonsum ist auch okay…bla bla bla…etc. Das sind doch Banalitäten! Und nur, weil das ständig so betont wird und ein Riesengedöns um Selbstverständlichkeiten gemacht wird, kommen manche (unsicheren) Mütter auf die bescheuerte Idee, sich für ihren Kaiserschnitt, ihr Fläschchen oder ihre Kita rechtfertigen zu müssen?!
        Da kann ich mich echt drüber aufregen…meine Oma starb bei der Geburt meiner Mutter, ein Kaiserschnitt hätte ihr definitiv das Leben gerettet…muss heutzutage also tatsächlich betont werden,dass Kaiserschnitte auch okay seien???

  9. Guten Morgen ☀️
    Ich kenne diese Gedanken sehr gut…
    Ob wirklich Liebe zu den Kindern der Ursprung dieses Denkens ist, weiß ich nicht…vielleicht ein Teil…
    Meine Theorie liegt in der Sozialisation als Mädchen und Frauen und dem Muttermythos. Wir werden erzogen alles richtig zu machen, Fehler bei uns zu suchen, uns Selbst ständig zu hinterfragen. Verstärkt wird dieses durch ein Mutterbild, was geprägt ist von überhöhten Ansprüchen an Frauen.
    Sich von dem allen frei zu machen und so die unterschiedlichen Formen von Muttersein und Umgang und Liebe zu den Kindern stehen zu lassen und sich gegenseitig zu stärken ist auch für mich nicht immer einfach, aber mein Ziel .
    Alles Liebe Yvonne

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