Mit Schreibaby im Lockdown: Über 13 sehr sehr harte Monate…

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Liebe Miriam, du hattest 13 Monate lang ein Schreibaby. Bitte erzähl uns, in welchem Alter das angefangen hat und wie viele Stunden am Tag das Baby geschrien hat.

Die ersten Tage im Krankenhaus lief eigentlich alles ganz normal. Als wir dann zu Hause waren, fiel uns auf, dass unsere Tochter sehr unruhig war und viel gejammert hat. Außerdem hat sie von Beginn an nicht gut geschlafen, deshalb haben wir recht schnell unsere Hebamme um Rat gefragt. Zwei Wochen nach der Geburt hat unsere Tochter dann viel geschrien, es hieß, sie habe Koliken. Es ging immer gegen 16 Uhr an und zog sich beinahe jede Nacht durch bis zum nächsten Morgen so gegen 6.30 Uhr. Es gab aber auch Phasen, in denen unsere Tochter auch tagsüber nicht aufhörte zu schreien.

Was habt ihr alles versucht, um das Schreien zu stoppen?

Anfangs gingen die Hebamme und wir davon aus, dass unsere Tochter Koliken habe. Da das Stillen nicht richtig klappte, bin ich nach einem Monat auf Flasche geben umgestiegen. Das hat aber nichts gebracht, machte eigentlich alles noch schlimmer.

Wir waren dann bei der Kinderärztin, die irgendwann später eine Regulationsstörung feststellte und uns an eine Schreiambulanz überwies. Dort konnten sie uns aber leider auch nicht helfen.

Wir waren bei insgesamt drei Osteopaten, was auch keine Besserung brachten, wir haben Chinesische Heilmethoden ausprobiert und alle Hausmittelchen, die es so gibt. Im Frühjahr 2021 waren wir dann in einer Praxis für manuelle Therapie, dort wurde unsere Tochter geröntgt wurde, worauf das das Kiss Syndrom festgestellt wurde. Zunächst wurde es auch nach dieser Behandlung nicht besser, es hat dann noch etwa 3 Monate gedauert, bis wir merkten, dass sich was tut….

Stundenlanges Schreien über Monate – wie habt ihr das ausgehalten?

Genau wie du sagst: Wir haben es einfach nur ausgehalten. Weil wir auch keine andere Wahl hatten. Einer von uns hat sie abends immer auf dem Arm oder im Tuch durch die Wohnung getragen, um sie zum Schlafen zu bringen. Meist bin ich dann irgendwann mit dem Kinderwagen los, um einfach etwas zu tun, was unsere Tochter zu Ruhe bringen könnte. Anfangs haben wir uns oft abwechselt, aber als mein Mann wieder arbeiten ging, habe ich den Großteil der Nächte alleine bewältigt.

Ja, das Schreien geht unglaublich auf die Nerven. Mein Mann hat das Schreien manchmal einfach nicht mehr ausgehalten und so bin ich unzählige Möchte nachts alleine mit einem schreien Kind durch die Nachbarschaft gelaufen….

Das geht an keinem spurlos vorbei. Erzähl mal, was das Schreien mit dir gemacht hat?

Anfangs dachte ich, wir müssen erst in unsere neue Rolle hineinfinden und unsere Tochter muss vielleicht auch erst mal so richtig ankommen und dann würde schon alles wieder gut werden.

Später war ich hin- und hergerissen zwischen dem Gedanken, dass es eine körperliche Ursache geben muss und meiner Resignation, dass wir das Geschrei einfach aushalten müssen bis es vorbei ist.

Dann kam auch noch der Lockdown und uns fehlte der Austausch mit anderen Eltern. Wir wussten also nicht, ob es noch anderen Familien so gut, ob wir was falsch machten. Als Freunde von uns auch Kinder bekamen, die dann zu festen Uhrzeiten schliefen und tranken, fühlten wir uns einfach nur noch als Versager und alleine. Irgendwann haben wir gar nichts mehr über unsere Probleme erzählt, weil es uns unangenehm war.

Von den Großeltern oder auch fremden Menschen, die uns bei Spaziergängen begegneten, bekamen wir ungefragt Ratschläge. „Du musst das Kind einfach schreien lassen. Du verziehst es ja total, wenn du es immer gleich hochnimmst.“ oder „Die Kleine hat sicher nur Hunger.“ oder „Versucht doch mal, sie mit Baden zu beruhigen.“

Das konnten wir irgendwann nicht mehr ertragen und haben uns zurückgezogen. Aufgrund des Lockdowns war ja eh nicht viel möglich, daher waren wir entweder beim Arzt, zu Hause oder im Wald.

„Du musst dich entspannen, dann entspannt sich auch das Kind.“ Hast du sowas auch gehört?

Andauernd! Ich habe das so sehr gehasst. Weil es einem unterstellt, dass man selber Schuld an der Lage ist und dass man es in der Hand hätte, sie zu ändern – wenn man wollte. Dabei wird man nur so angespannt und unruhig, weil man permanent dem Schreien und dem Druck ausgesetzt ist, den das Schreien verursacht.

Habt ihr euch in der Zeit mal in ein Café oder Restaurant getraut?

In all der Zeit vielleicht vier Mal – aber selbst, wenn da mal kurz Ruhe war, waren wir ständig voller Angst, dass es gleich wieder los geht und konnten es nicht genießen.

Und wie seid ihr als Paar mit der Belastung umgegangen?

Wir waren oft verzweifelt und haben uns auch manchmal gestritten. Gut war, dass wir in vielem die gleichen Ansichten haben – dass uns beiden also klar war, dass man ein Schreibaby nicht „verwöhnen“ kann. Ich bin Erziehungswissenschaftlerin, was das Ganze nicht einfacher für mich gemacht hat…

Seit langer Zeit übernimmt mein Mann abends nun komplett die Einschlafbegleitung, sie erinnert mich einfach zu sehr an die ersten 13 Monate und er ist da gerade einfach geduldiger als ich.

Wie und wann hat das Schreien aufgehört und was für ein Kind ist dein Kind heute?

Es hat tatsächlich 13 Monate gedauert, bis es sehr viel besser wurde. Ich weiß noch, dass mir kurz nach der Geburt eine andere Mutter sagte, ihr Baby habe 6 Monate geschrien – damals dachte ich, dass ich sechs Monate niemals überstehen würde.

Es fing bei uns an, dass es plötzlich eine Nacht gab, in der ich nicht mehr raus musste. Dann wurden es immer mehr gute Nächte und auch der. Mittagsschlaf klappte plötzlich besser. Anfangs haben wir gar nicht getraut, irgendjemand davon zu erzählen, weil wir es gar nicht fassen konnten.

Unsere Tochter ist im Mai 2020 geboren und ab Juli 2021 war es dann weitergehend überstanden. Unsere Tochter war schon immer sehr aktiv und ungeduldig. Eine Ärztin sagte mal, unsere Tochter habe zwei Hummeln mehr als andere Kinder im Hintern – das beschreibt es ganz gut. Sie ist der neugierigste kleine Mensch, den ich kenne und von morgens bis abends entdeckt sie ihre Welt. Sie will immer überall dabei sein, hat lustige Einfälle, eine leidenschaftliche Puppenmutter….

Was kannst du allen Eltern von Schreibabys raten?

Ich würde allen Eltern raten, auf ihr Bauchgefühl zu hören. Dass man also nichts tut, womit man sich als Mutter oder Vater nicht wohl fühlt, egal, was das Umfeld einem rät….

Und ein Tipp an alle, die Eltern von Schreibabys helfen möchten: Was hilft wirklich? Und was nicht? 

Zuhören. Sich einfach anhören, wie die Situation ist, wo die Probleme sind, wie die Eltern sich fühlen. Und dann einfach fragen: Was hilft dir? Mir hätte es geholfen, wenn jemand einfach mit dem schreienden Kind spazieren gegangen wäre.

Bitte verteilt keine Ratschläge, sagt den Eltern auch mal, was sie gut machen und worauf sie stolz sein können. Eltern von Schreibabys zweifeln so viel an sich selbst – das ist es wunderbar, wenn jemand sieht, wie gut sie das meistern und dass sie gute Eltern sind.

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22 comments

  1. Hallo ! Mir kommt das so bekannt vor unser Sohn ist 13 Monate und war auch ein Schrei Baby. Ich war mit der Situation allein .Es war sehr anstrengend weil ich noch 2 größere Kinder habe jetzt 5 und 8. Zwischendurch schläft er immer noch schlecht. Ich fühl mich damit alleine gelassen weil selber Kinderarzt immer sagte da muss man durch .Es gibt Nächte dann sind es nur 3 Stunden schlafen und nächsten Tag dann mit den beiden großen Powern 9 km. Ich bin oft am Ende

  2. Bei uns war es ähnlich. Der Stress war unbeschreiblich. Heute ist der Kerl 10 und bei Schreimomomenten (z.B. bei Überforderung) kommt der Stress in mir in Form von körperlichen Schmerz/Übelkeit immernoch hoch. Wie damals im 1. Jahr…
    Gut wenn, man es überstanden hat ❤️
    Dir weiterhin alles Gute.
    LG Anni

  3. Mir kommen schon beim Lesen der Überschrift Gänsehaut und die Tränen. Ich habe selbst auch ein Schreibaby mit wenig Unterstützung durch drei erste extrem schwierige Schlafjahre begleitet. Als er kommunizieren konnte wurde es etwas leichter. Jetzt ist er viereinhalb – ein wunderbares Kind, das tagsüber die Welt entdeckt und Nachts einfach SCHLÄFT. 🙂

    Aber du hast wirklich Unglaubliches geleistet, diese herausfordernde Aufgabe in dieser Pandemie geschafft zu haben. Hut ab!! Klopft euch selbst als Eltern (und vor allem du als Mama) auf die Schultern.

  4. Liebe Miriam,
    auch mir kommt alles was du berichtest sehr vertraut vor. Es ist gerade so, als kommt alles wieder hoch.
    Heute ist mein Sohn 11 Jahre, sehr lieb und wir haben eine tiefe Bindung.
    Die ersten Wochen waren sehr hart. Uns hat am Ende nur das Stillen, Autofahren, Tragen und gefühlt endloses Kinderwagen schieben geholfen.
    Auch wir haben uns als Eltern gefragt, ob wir etwas falsch gemacht haben.Die Vorwürfe “ Du bist selber Schuld “ etc.und auch Pseudo- Ratschläge wie “ dann lasst ihn doch halt schreien“ machen mich bis heute wütend.
    Ich finde Deine Offenheit toll, lass Dir nicht einreden, dass Du Schuld bist!!!
    Eine Hebamme hat mal in einer der schlimmsten Momente zu mir gesagt, solche Kinder suchen sich meist auch die Eltern aus, die dafür stark genug sind und das hat mich damals bissel getröstet.
    Dem Thema sollte viel mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden, damit Eltern sich eben nicht abkapseln, an sich zweifeln und am Ende leider nicht die Hilfe bekommen, die sie wirklich brauchen. Mal ein gekochtes Essen, Hilfe im Haushalt, jemand, der mal den Kinderwagen schiebt…
    Und wer bitte kommt auf die Idee anhand von den Stunden, die ein Baby schreit festzulegen, ob es ein Schreibaby ist oder nicht.
    Mein Sohn hätte wahrscheinlich 24 Stunden geschriehen, wenn ihm niemand geholfen hätte. Und das kann doch keiner ausprobieren!
    Ich habe mir in den letzten 2 Jahren manchmal so meine Gedanken gemacht, wie das Eltern im Lockdown aushalten und meistern. Es macht das ganze bestimmt nicht einfacher. Ich wünsche allen Eltern viel Kraft!!!

  5. Hallo Miriam!
    Mein „regulationsgestörte“ Tochter ist mittlerweile 7 und geht in die erste Klasse. Sie ist ein wunderbares, sensibles und aufgewecktes Mädchen geworden.
    Wir haben auch so einiges versucht damals. Anfangs hat mir keiner geglaubt, was wir da durchmachten. Alle (Kinderärzte, Familie, Freunde) dachten ich übertreibe. Es macht mich noch heute wütend. Dieser Wut habe ich damals gegen mein Kind gewendet, unsere Beziehung mit meinem Baby war einfach nur noch kaputt. So wie ich. Ich kann nur hoffen dass die seelische Schaden dadurch nicht all zu groß sind, beziehungsweise sie kann darüber hinweg.
    Mir hat Psychotherapie sehr gut getan um mein Kind und mich und die Umstände zu akzeptieren.
    Meine Erfahrung nach die Zeit ist die einzige, was hilft.
    Mach dir bitte kein schlechtes Gewissen, es ist nicht dein Schuld. Halte einfach durch, es wird besser!!!

  6. Auch wir hatten leider ein Schreibaby. Unser Sohn hatte damals mit 2 Wochen angefangen jeden Tag mindestens 5 Stunden am Stück zu schreien. Nichts hatte geholfen weder Föhngeräusche oder Staubsaugeegeeäusche, weder das Stillen noch auf einem Gymnastikball hin und her zu hüpfen oder auch einfach im Arm schaukeln. Geschlafen hatte er immer exakt nur 30 Minuten und dann ging das ganze wieder los. Bei Osteopahten waren wir auch. Irgendwann waren wir in der Schreiklinik die uns bestätigte das wir ein Schreibaby haben und nichts wirklich tun können als es durch diese schwere Phase zu begleiten und nicht allein zu lassen. Also bin ich jeden Tag wenn es los ging mit ihm in ein abgedunkeltes Zimmer gegangen und habe ihn getragen, gesungen ect. Wichtig war der abgedunkelte Raum damit das Baby nicht noch mehr neue Reize bekommt die es verarbeiten muss. Auch wir haben unzählige Vorschläge bekommen von einfach schreien lassen bis hin das Kind wird nicht satt ect
    Diese ganze Situation war psychisch sehr sehr hart da ich auch alleine auf mich gestellt war da mein Mann 12 Stunden Einsatz hat und auch noch im Schichtsystem. Ab 9 Monate wurde es besser und heute ist er ein 4 jähriger pflegeleichter Junge der selber spielt schon für sein Alter extrem viel versteht und sehr fürsorglich ist.
    Jeden Tag sagt er mir was für eine tolle Mama ich bin und wie sehr er mich liebt und ich die schönste und coolste bin 🙂 und das einfach so. Das bestärkt mich das ich doch vieles richtig gemacht habe besonders in dieser harten Schreizeit ihn nicht alleine gelassen zu haben sondern ihn gehalten habe und Nähe und Liebe geschenkt habe.
    Jetzt haben wir noch eine Tochter bekommen die knapp über 1 Monat ist und auch da habe ich oft Angst das die Schreiphase noch kommen wird…..

  7. Da könnte ich am lesen einfach nur zum heulen anfangen……Bin Mama von 2 Töchtern 3 und 4 Monate. Unsere zweite Tochter gehört ebenfalls in diese Kategorie Schreibaby…..Meine Nerven liegen echt blank, weil die kleine abends wie nachts nur schreit….3 stunden schlaf sind leider an der Tagesordnung, da die große irgendwann auch kommt und bespasst werden will…..Mein Mann ist schon seit längerem ausgezogen aus unserem Schlafzimmer, da er morgens früh raus muss….Für mich fühlt es sich im moment grad an wie eine Art Folter. Dieser permanente Schlafmangel macht mich fast krank…körperlich wie psychisch…

      1. Hallo liebe Anna, wir haben auch ein hochsensibles Baby mit einer Regulationsproblematik. Wir hatten viel durch und nirgends die Hilfe gefunden welche wir gebraucht hätten. Bis wir nach einigen Monaten die Tipps bekommen haben die wir brauchten. Von da an ging es bergauf.
        Uns hat eine Federwiege, pucken und Mütze über den Augen, außerdem eine „Schweredecke“ geholfen. Dazu weißes Rauschen. So haben wir unseren Schlaf wieder gefunden. Für die Kleine würde das Gefühl im Mutterleib nachgeahmt und sie könnte los lassen. Ansonsten kann man nur größtmögliche auf Außenreize verzichten und für die Kleinen da sein, wenn sie uns „erzählen“, dass sie mit der Welt noch nicht klar kommen.
        Wir haben das erste Jahr nun überstanden und es ist sehr viel besser geworden.
        Mein Mann und ich haben nun ein sehr dickes Fell was Tipps und Ratschläge von anderen angehen.
        Wer kein Schreikind hatte, weiß nicht von was er redet.
        Es ist die Hölle.
        Ich wünsche dir weiterhin viel Kraft und Durchhaltevermögen.
        Bleibe deinem Weg treu. Du bist die einzige, die weiß was dein Kind und du brauchen.

    1. und bitte schnell Kontakt aufnehmen zu den frühen Hilfen (sind hier in Frankfurt ans Jugendamt angegliedert), einfach googlen, gibts in jeder Stadt. Da wirst du gut beraten und weitergeleitet. Die sind vernetzt und können dir um Beispiel Tipps geben zum Thema Haushaltshilfe (kannst du mit ärztlichem Attest bei der Krankenkasse beantragen), Familienhebamme, etc. Du brauchst dringend Hilfe, das schafft kein Mensch allein, du hast ein hohes Risiko in eine Depression oder schlimmeres zu rutschen, ich spreche leider ais Erfahrung. Ich wünsche dir alles Gute!

    2. Liebe S. w.,
      auch wenn seit deinem Kommentar ein wenig Zeit vergangen ist und ich hoffe, dass es schon besser geworden ist bei euch, habe ich dir trotzdem geschrieben was uns sehr weitergeholfen hat um unserer Schrei-Tochter den Halt zu geben, den sie in manchen Situationen mehr benötigt wie andere Babys. Ich hatte den Kommentar leider falsch adressiert.
      Also hier für dich:
      Wir haben auch ein Baby mit Regulationsproblematik. Schreien tagsüber gerne bis zu sieben Stunden war keine Seltenheit. Jeden Abend mehrere Stunden.
      Viele Tipps, nichts hat geholfen.
      Viele Ratschläge von Menschen die meinen zu wissen was ein Schreibaby ist. Nein! Man weiß es nicht bis man eins hat.
      Uns hat es letzten Endes geholfen die Georgenheit im Mutterleib „nachzuahmen“. Pucken, Federwiege, Mütze über die Augen (am besten aus Wolle/Seide zwecks Wärmestau), eine Schweredecke und weißes Rauschen ziemlich laut. Es war für uns wie ein Wunder.
      Ich kann es nur empfehlen, auch wenn es im ersten Moment komisch aussehen mag. Es hilft.
      Vielleicht kommst du hiermit weiter.
      Liebe Grüße und weiter viel Kraft.

  8. Hallo,
    ich habe gerade das Gefühl, der Artikel beschreibt uns. Der einzige Unterschied ist, dass wir einen Sohn haben. Unser Sohn war 13 Monate ein Schreibaby. Unzählige Besuche bei Ärzten, Heilpraktikern, Osteopathen. Irgendwann die Diagnose Kiss Syndrom mit Behandlung und drei Monate später wurde es besser. Ich bin Erziehungswissenschaftlerin. Ich bin nachts durch die Stadt gelaufen, damit unser Kind zur Ruhe findet. Verrückt, wie ähnlich die Geschichte ist. Heute ist unser Sohn 6 Jahre alt und seine Neugier auf die Welt und sein Interesse an allem überfordert ihn auch heute manchmal noch, sodass es ihm auch heute noch manchmal schwer fällt, seine Emotionen zu regulieren. Aber man wächst mit seinen Aufgaben und so lernen er und auch wir immer besser damit umzugehen.
    Die Umgebung hat nicht immer Verständnis dafür. Wir haben uns zum Ziel gesetzt, die Menschen für Akzeptanz und Vielfalt aufzuschließen, um unserem Sohn zu zeigen, dass er gut ist, wie er ist – mit all seinen Ecken und Kanten, wenn man das überhaupt so nennen möchte.
    Alles Gute auf eurem Weg. Lasst euch nicht beirren.

  9. Hi,
    Ich kann das so nachfühlen. Zwar war unsere nach offizieller Definition wohl kein Schreibaby sondern hatte nur eine Anpassungsstörung aber sie hat geschrieben bis sie gut q2 monate alt war. Jeden Abend ohne Ausnahme. Mein Mann hat das überhaupt nicht ausgehalten und ich musste da alleine durch.

    Sie war von Geburt an extrem aktiv und neugierig. Immer unruhig. Konnte sich mit 6 wochen schon rollen wie verrückt.
    Auch heute mit 5 Jahren fehlen ihr immer noch die Filter, sie schläft noch immer nicht durch, träumt wild, ist generell sehr wild…
    Durchhalten, weiter machen und jede Erleichterung dankbar annehmen…

  10. Meinen allergrößten Respekt für euer Durchhaltevermögen und eure Kraft! Meine Tochter hat „nur“ 3.5 Monate geschrien und ich war dermaßen am Ende, dass ich mir nicht vorstellen kann wie ihr dies so lange geschafft habt. Bei uns hat gerade abends nichts geholfen und auch wir haben uns stark zurückgezogen, da einfach jeden Tag ab ca. 17:00Uhr absoluter Ausnahmezustand herrschte und wir das niemandem zumuten konnten/wollten; es ist daher aus meiner Erfahrung schwer aktive Hilfe zu bekommen. Aber einfach zuhören und mitfühlen, das tut gut.

  11. Ja, genau so wie im Artikel haben wir es auch erlebt. Nur dass es bei uns eineiige Zwillings-Schreikinder waren. So quasi der Doppeljackpot im Schreikind-Lotto? 😕

    Zum Glück war es „schon“ nach etwa 6 Monaten relativ überstanden. Unentspannter als andere Kleinkinder waren sie da sicher auch noch immer, aber sie haben nicht mehr von abends bis um 8 Uhr früh durchgeschrien… und tagsüber auch noch oft.. ich hatte wirklich oft das Gefühl, meine Babys schlafen entweder mal (mit viel Glück) – oder schreien. Irgendwas dazwischen gabs kaum.

    Wir haben diese ersten 6 Monate gerade so überlebt. Mit viel Hilfe meiner Eltern – aber auch sehr vielen Streits und Unverständnis, obwohl sie es ja auch selbst am eigenen Leib erfahren haben, wie es war… aber im Endeffekt waren wohl doch immer wir irgendwie „schuld“ daran dass sie soviel geschrien haben. Niemand hat verstanden, dass wir im reinsten Überlebensmodus waren. Schließlich haben wir so gut wie gar nicht mehr geschlafen.

    Ich bin oft immer noch sehr sehr traurig, dass das, was soviele andere als „schöne Kennenlernzeit empfinden, für uns der absolute Horror geworden ist, den ich nie, nie wieder erleben möchte. Schließlich ist Schlafentzug eine Foltermethode… und wir hatten dabei auch noch die Verantwortung für 2 Babys.

    Niemand hat verstanden, dass wir uns nicht einfach am Vormittag mit den kleinen ins Cafe kommen können. Nicht nur, dass das oft die einzige Zeit des Tages war, wo die Kleinen mal BEIDE gleichzeitig etwa 2-3 Stunden geschlafen haben, war auch jeder Restaurant oder Cafebesuch mit ihnen nahezu unmöglich. Spätestens nach 30 Minuten haben wir meist fluchtartig das Cafe verlassen weil nur noch gebrüllt wurde… nach etwa 4 Malen haben wir es einfach komplett sein gelassen uns mit irgendjemandem zu treffen, sofern es nicht gerade bei uns zu Hause war. Und auch das eigentlich nicht, weil wir so kaputt waren.

    Es sollte wirklich mehr Hilfe und Verständnis für Eltern mit Schreibabys geben!

  12. Das allerschlimmste an unserem Schreibaby war, dass ich nicht wusste, ob es jemals vorbeigehen wird. Ja, objektiv betrachtet weiß man, dass die wenigstens 18-jährigen noch 20 Stunden am Tag brüllen. In seiner schlaflosen Verzweiflung sieht man das aber anders.
    Wer aber selbst in so einer Horrorsituation gefangen ist: Es wurde mit ca. 15-16 Monaten deutlich besser. Teilweise hat er sogar zwei Stunden am Stück geschlafen. Mit zwei Jahren wurde er zum allersüßesten, entspanntesten Kleinkind der Welt. Und heute ist er ein absolut unkompliziertes, pflegeleichtes Kindergartenkind.

    „Es wird besser.“ man glaubt das als Babyeltern nicht. Wird es aber wirklich!!! Und ich habe das Gefühl, dass man mit diesem Wissen bei einem zweiten Kind vermutlich auch besser damit umgehen könnte. Das macht es zwar nicht weniger anstrengend, aber psychisch besser. Aber vermutlich muss man es erlebt haben, bis man es glauben kann.

    Uns hat einfach nur viel externe Betreuung geholfen. Ich wünschte mir im Nachhinein, dass wir die Angebote viel häufiger angekommen hätten. Ich hatte nur immer selbst so ein schlechtes Gewissen, ein brüllendes Bündel anderen Leuten in die Hand zu drücken. Aber das ist das einzige, was bei einem Schreikind hilft, um nicht vollkommen durchzudrehen…

  13. Liebe Miriam, was du schreibst kommt mir sehr bekannt vor. Vieles hätte so eins zu eins von mir stammen können. Das Unverständnis, die ‚guten’ Ratschläge und das Gefühl des Versagens. Leider hat es das mir damals unmöglich gemacht mir professionelle Hilfe zu holen.
    Wir sind als Eltern sehr allein mit unseren Schwierigkeiten geblieben und auch wenn ich eigentlich ein offener Mensch bin und über meine Probleme spreche, hat mich die Angst und Anspannung dieser ersten eineinhalb Jahre noch lange begleitet. Es war und ist schwer für uns mit unserem Sohn in der Öffentlichkeit, bei playdates oder Feiern zu sein, weil er sich immernoch schwerer beruhigen lässt und ich schnell in dieses alte Gefühl der Hilflosigkeit gerate (er ist jetzt 6). Wir haben mit unserem zweiten Sohn dann ganz andere Erfahrungen gemacht (guter Schläfer, zufriedenes Baby, jetzt sehr aktiv und autonom mit 4)
    Als unsere Tochter dann 2019 geboren wurde und wieder über viele Stunden nachts schrie (fast jeden Abend von 17 Uhr bis 5 Uhr morgens) haben wir uns schließlich so eine elektrisch betriebene federwiege gekauft, aus purer Verzweiflung und die hat uns dann wirklich sehr geholfen. Das Ding sah gruselig aus und das Kind schlief nur bei ‚voller Fahrt‘ aber ich war endlich an dem Punkt angekommen alles zu nutzen was mir und ihr hilft und dem Gefühl eine schlechte Mutter zu sein, wenn ich es nicht hinkriege mein Kind zu beruhigen, keinen Raum mehr zu geben.
    Ich wünsche euch alles Gute und hoffe, dass ihr die Anspannung die diese Erfahrung hinterlassen hat, loslassen könnt.

  14. Danke für den offenen und ehrlichen Beitrag.
    Unser Sohn hat auch lange und ausdauernd geschrieen, laut Definition des Kinderarztes war er aber „knapp unterhalb der Schreidauer eines Schreibabys“. Meine Frage nach einem Rezept für Osteopathie wurde also verneint. Ich erhielt stattdessen den Rat mit Schlaftraining etwas zu tun, sonst würde meine Ehe nicht halten.
    Zum Glück hat meine eigene Hausärztin dann ein Rezept ausgestellt und mir ihr mit Mitgefühl aus eigener Erfahrung ausgesprochen. Allein dieses Gespräch hat mir so viel zurück gegeben, was mir mein gefühltes Versagen genommen hatte.
    Ich kann nur Mut machen auszuprobieren womit sich Eltern wohl fühlen, die Osteopathie hat uns glücklicherweise etwas geholfen und wir waren bestimmt 4x jeden Tag draußen. Gut, dass das Wetter im Frühling und Sommer 2020 für uns gepasst hat und wir durch lockdown eh nie etwas vorhatten.
    Unser Sohn ist auch mit 2 Jahren noch sehr speziell was Schlaf, Wut und Weinen angeht. Die eine Oma wunderte sich, dass er sich nicht trösten lässt (er war wütend, dass er sich gestoßen hatte). Die nächste Oma wunderte sich, dass das Kind noch immer nicht durchschläft. Darüber machen wir uns längst keine Gedanken mehr und sind dankbar für jede ruhige Nacht. Aus all den anderen holen wir das Beste raus (ein hoch auf das Familienbett).
    Ja und jetzt kommt Nummer 2 bald dazu. Wir wünschen uns sehr diese Erfahrung aus Erschöpfung, Versagen und nicht verstanden werden nicht nochmal machen zu müssen. Aber wenn doch, wissen wir jetzt, dass wir das schaffen.

  15. Hallo Miriam,
    ich weiß aus eigener Erfahrung wie es ist ein untröstliches Schreikind zu haben, zu betreuen, auzuhalten und zu lieben.
    Diese Grenzerfahrung hat mich sehr ge- und überfordert. Letztlich bin ich daran als Person gewachsen, nachdem ich aus dem extremen Schlafdefizit wieder raus kam.

    Ihr habt als Eltern eine unglaubliche Leistung vollbracht!!! Es sollte einen „Hall of Fame“ für Schreikindeltern geben.

    Es ist so gut das du deine Erfahrung schilderst. Auch ich spreche offen über das Thema. Immer in der Hoffnung das sich dadurch vieleicht auch nur ein Elternteil ein bisschen weniger alleine in der Situation fühlt.

    Ich wünsche euch alles gute für die Zukunft.

  16. ganz wichtig für das umfeld finde ich auch: so helfen wie es für die eltern ok ist. mir wurde nur angeboten das baby mit zu nehmen ( also von mir weg). ich wäre einfach nur froh gewesen wenn jemand das schreiende baby einfach nur bei mir im haus hält. oder mir leckeres essen kocht. ich konnte ihn nicht gehen lassen. vielleicht wenn derjenige erst mal bei uns da gewesen wäre. ohne tips oder es zu meinen besser zu wissen.
    es ist hart mit schreibaby und ich habe mich damals so einsam gefühlt.
    und das wichtigste: es liegt nicht an den eltern! wer mir irgendwann den spruch „entspannte eltern in entspannte kinder“ gesagt hat hätte ich am liebsten…. naja nicht nett behandelt.

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