Adoption aus Kinderheim: „Auch als Autist bin ich doch ein Mensch“

Floriin

Ihr Lieben, als sich Florin Müllers Therapeutin Hanne Kloth bei uns meldete, um uns diesen ganz besonderen jungen Mann vorzustellen, wurden wir gleich hellhörig. Denn Florin hat als Autist ein Kinderbuch geschrieben: „Der tapfere kleine Feuerwehrmann„. Es ist ein Buch über seine eigene Geschichte. Und die ist ziemlich bewegend.

1998 wurde er von einem deutschen Ehepaar adoptiert, nachdem er unter schlimmen Umständen vier Jahre in einem rumänischen Kinderheim gelebt hatte. Florin verständigt sich über Gebärden, und zum Schreiben von Dingen, die er damit nicht ausdrücken kann, nutzt er auch gestützte Kommunikation. Er benötigt nur noch eine Berührung am Knie, um schreiben zu können.

2014 machte er an einer Fernschule seinen Hauptschulabschluss. Im selben Jahr erschien sein erstes Buch, dem zwei weitere folgten. Er nahm an Lyrikwettbewerben teil, wo er wiederholt zu den Preisträgern gehörte. Heute ist Florin auch des Öfteren als Referent auf Fortbildungen, Lesungen und Kongressen, da er es liebt, mit Menschen über seine Problematik zu diskutieren.

Florin, du wurdest 1998 von einem deutschen Ehepaar adoptiert… 

Ja, das war wie ein Licht in meiner Einsamkeit. Sie waren gekommen, um mir – keinem richtigen tollen Jungen – zu essen zu geben und mich zu ihrem Kind zu machen. Sie hatten ein Herz für einen der Liebe unerfahrenen Jungen… und kauften ihn. Ich spreche bewusst von „kaufen“, denn heute weiß ich, dass ich 20.000 D-Mark gekostet habe. Ein furchtbarer Gedanke, dass die lieben Menschen so viel Geld bezahlen mussten, um mich zu bekommen und lieben zu dürfen.

Zuvor warst du vier Jahre lang in einem rumänischen Kinderheim – hast du da noch Erinnerungen?

Meine Erinnerung an diese nutzlose, rastlose und jede Liebe fernhaltende Zeit ist nur schwach. Es tauchen immer nur Bruchstücke, Erinnerungsfetzen vor meinem inneren Auge auf, Erinnerungen, die oft nachts kommen und mir jeden Schlaf nehmen.

An einige Dinge kann ich mich gut erinnern, an andere weniger. Etwa hieran: Bevor die Leute kamen und mich kauften, rettete Reste essen mir das bedrückende Leben: zum Morgen, zum Mittag, zum Abend Reste, zusammengemixt zu Brei. Wachleute schütteten schnellstens die flüssige Speise aus Blechnäpfen in kindliche Schlunde. Langsames Schlucken oder Weinen bedeutete: Das Essen ging an die Wächter zurück und wir mussten weiter hungern. Wir mussten also schnell sein.

Von meinen Adoptiveltern habe ich erfahren, dass ich, nachdem sie mich bei sich in Deutschland hatten, zunächst einmal Kauen und Schlucken lernen musste. Ich konnte es nicht, denn ich war ja gewohnt gewesen, dass der Brei ohne Schluckprozess hinuntergelangte. Schlucken fällt mir auch heute noch schwer und trotz intensiver Ergotherapie mit Kau- und Schlucktraining esse ich auch jetzt immer noch nur püriertes Essen. Bei kleinsten Stückchen muss ich würgen und drohe zu ersticken. Das ist furchtbar und belastet mich sehr.

Heute glaube ich auch, dass ich mich damals nicht nur nach Essen und Liebe sehnte, sondern auch nach Bewegung. Wir konnten unsere Umgebung nicht erkunden, nicht spielen, lagen nur frierend in unseren Betten. Meine Eltern erzählten mir, dass ich, als sie mich zum ersten Mal in Rumänien besuchten, mit ihnen draußen war und furchtbar weinen musste, weil mich das Zwitschern der Vögel und alles in der Natur in Schrecken versetzte. Ohne die Hilfe der lieben Käufer, ohne ihre tiefe selbstlose Fürsorge, wäre ein neues Kennenlernen von Leben, von tollem Leben, nie möglich geworden.

Florin, du bist Autist und kommunizierst über Gebärden und über eine Methode der gestützten Kommunikation. Wie genau beantwortest du uns dieses Interview grad?

Ich schreibe am Computer. Jede Stütze am Arm oder Rücken ist mir zu viel Stütze. Es gibt mir das Gefühl von Abhängigkeit. Daher akzeptiere ich nur eine Berührung am Knie. Diese Berührung ist mir aber sehr wichtig, denn sie gibt mir ganz großen Halt und Stärke.

Trotz deiner schwierigen Anfangsjahre und deines Autismus hast du dich nie unterkriegen lassen, hast deinen Hauptschulabschluss an einer Fernschule gemacht, bist Referent auf Fortbildungen und Kongressen und schließlich auch noch Bücher geschrieben. Was trieb und treibt dich an? Was lässt dich so positiv nach vorn blicken?

Mein Antrieb sind die Menschen, die einen Menschen wie ich es bin, sein Leben leben lassen, indem sie Ruhe und Vertrauen schenken. Ich blicke positiv nach vorne, weil ich das Glück habe, unter herzlichen Menschen leben zu können.

Nun ist ganz neu auch ein Kinderbuch von dir erschienen. Worum geht es darin? Was ist das Besondere daran? Was möchtest du bewirken?

Buchrueckseite

Das Buch soll Eltern, Lehrern und Erziehern die Möglichkeit geben, im Rahmen einer Geschichte und an Beispielen Kindern Autismus verständlicher zu machen, und zwar anhand der Probleme des kleinen Marians, der so gerne ein Held der Feuerwehr wäre. Dies scheint jedoch wegen seines Autismus nie realistisch zu werden, bis eines Tages aus dem Traum Wirklichkeit wird.

Um den Kindern die Probleme des kleinen Marian besser verständlich zu machen, habe ich mir eine Besonderheit überlegt. Ich habe das Buch interaktiv gestaltet, die Kinder können also an mehreren Stellen in das Buch hineinarbeiten, z.B. ein Bild ausmalen. Anschließend können sie am Ende des Buches sehen, wie ich das Bild ausgemalt habe und erfahren, warum es bei mir so aussieht. Um meine Leidenschaften und Schwierigkeiten, die den Kindern wahrscheinlich spontan sehr merkwürdig und unverständlich erscheinen, besser nachvollziehen zu können, biete ich ihnen kleine Aufgaben an, durch die sie vielleicht meine Probleme leichter nachempfinden oder meine sonderbar wirkenden Hobbys besser verstehen können. 

Eine weitere Besonderheit ist, dass es ich um ein autobiographisches Kinderbuch handelt, da der kleine Marian mein Leben widerspiegelt. Mein vollständiger Name ist Florin Marian. Mit dem Buch möchte ich bewirken, dass Kinder schon frühzeitig lernen, dass jeder Mensch anders ist und dass er, selbst wenn er merkwürdig und unverständlich erscheint, ein Mensch wie jeder andere Mensch ist, ein Mensch mit Träumen, Wünschen und Vorlieben, ein Mensch, der es liebt, geliebt zu werden.

Das Buch erscheint auf Deutsch und Rumänisch, warum war dir das so besonders wichtig? 

Weil ich mich entschlossen habe, meine biologische Familie in Rumänien zu suchen,, ist das Kinderbuch bilingual erschienen, und zwar in Deutsch und in Rumänisch. So können auch Kinder aus meinem Heimatland das Buch lesen, auch meine Neffen und Nichten, denen ich das Buch gewidmet habe. Und wenn ich meine Heimat besuche, möchte ich dort mein Buch in der Landessprache vorstellen. Es wäre toll, wenn es klappt.

In diesem Jahr steht für dich auch noch ein ganz besonderer Dreh mit dem SWR an: Erzähl mal ein bisschen – gern auch, mit welchen Gefühlen du an diese Vorhaben herantrittst.

Es gibt zwei Vorhaben für dieses Jahr, die mich besonders beschäftigen: ein Kammerkonzert und der Dreh mit dem SWR.

Zum Konzert: Da erhellt mich Stolz, weil richtig berühmte Menschen meine Werke schätzen. Es sind der Kammerchor Hannover und der Komponist David Reichelt, der, obwohl er Musik für Fernsehfilme, wie den Tatort komponiert, vier meiner Gedichte in Töne verwandelte. Das ist wie ein Traum für mich, ein Traum, den ich nie zu träumen gewagt hätte.

Zum SWR-Dreh: Ja, es geht nach Rumänien, wo ich meine biologische Familie endlich sehen möchte. Kinder sehnen sich nach ihren Eltern, auch wenn sie mit ihren neuen Eltern sehr glücklich sind und diese nie missen möchten. Trotzdem möchten viele ihre Herkunft kennen. Ich verspreche mir davon etwas mehr innere Ruhe. Ich hoffe, meine leibliche Familie dort komplett zu finden.

Ich habe aber auch Gefühle der Angst, Angst vor der Reaktion meiner Familie, wenn sie mich sieht, denn sie sieht keinen richtigen Menschen. Mein Tun, mein Verhalten sind für sie nicht verständlich und ich glaube, auch nicht erklärbar. Ich hoffe aber von ganzem Herzen, dass sie filtern zwischen Ärger und Enttäuschung über mein nerviges Benehmen und Stolz und Glück, mich zu treffen und nach 26 Jahren der Trennung umarmen zu können.

Vielleicht wollen sie mich auch gar nicht sehen, vielleicht lehnen sie mich ab. Auch wenn ich mich vor der Reise schon damit abzufinden versuche, wird die Konfrontation mit der Wahrheit dann doch sehr schmerzen. Ich werde Stärke benötigen, und da es mir leichter fällt, Gefühle in Gedichtform auszudrücken, möchte ich dies auch hier machen.

Stärke

Schwer

Anstrengung erfordernd

Sein dienend richtend

Mut benennend

Furcht hemmend

Beugung des Schwachen

Bestärkung des Es zum Ich

Nein zu Mutvermissen

Tor mit Durchgang

Durchgang zum Erkennen

denn

nur Mut gegen Beugung

nur Mut nie zu vergessen

nur jede Hoffnung zu erlauben

gibt

Stärke

Was möchtest du anderen Menschen mit schwieriger Kindheit und Autismus gern mit auf den Weg geben?

Mit meinen Büchern möchte ich erreichen, dass trübe, essentiell gegen sich selbst gerichtete freudlose Gedanken weichen und den Menschen hoffnungsgeladenen Durchbruch wollen, erreichen und auch akzeptieren lassen.

Ich möchte die Menschen dazu anhalten und auffordern, sich auf ein Zusammenleben einzulassen, auf echte Hilfe einzugehen und sie zuzulassen. Jeder soll bedenken, dass auch er, selbst wenn er offensichtlich schwächer und kraftloser scheint/ist als andere, anderen helfen und eine Unterstützung bieten kann, und dass dies nicht nur umgekehrt der Fall ist.

Jeder Mensch ist wertvoll, dies sollte man bedenken und stolz auf sich sein und nicht an Missachtung vor sich selbst verzweifeln. Ebenso soll auch jeder nicht beeinträchtigte Mensch bedenken, dass jeder Mensch wichtig und beachtenswert ist, unabhängig davon, woher er kommt, ob er eine Beeinträchtigung hat oder in irgendeiner Form andersartig erscheint.

Besonders für behinderte Menschen oder Menschen mit schwerer Kindheit ist es wichtig, Hoffnung und Mut nie aufzugeben, denn sie sind, wie ich es in einem meiner ersten Gedichte ausdrückte, zwei schwierige aber großartige Freunde. Hoffnung ist stärker als Verzweiflung und Verhüterin von Chaos selbstzerstörender Gedanken. Somit sind Hoffnung und Mut Lebensspender.

Abschließen möchte ich diese Frage mit einem Gedicht, das ich für einen Lyrikwettbewerb zum Thema Migration / Vielfalt geschrieben habe und das zu meiner großen Freude zu den Preisträgergedichten ernannt wurde.

leben für Leben

Schwer solle es dem Mensch sein

Leben ohne Leben

so einfach als Leben

zu deklarieren

denn

es ist vielmehr nur ein Seinszustand

dem Wesentlichen eines ordentlichen Lebens

entzogen

Glück, Treue, Hoffnung, Zuversicht

Akzeptanz, Fremdartiges zulassen:

Nahrung für lebenswertes Sein

für

Leben

Fern von Habgier, Hetzerei, Hass

habe der Mensch auch

Ruhe suchendem Sein

Leben

zu ermöglichen

so dass aus Seinwesen

können erwachsen

Lebewesen

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4 comments

  1. Hallo Florin,
    mit großen Interessen habe ich deinen Beitrag gelesen.
    Weil 1. bin ich auch Asperger Autist. Allerdings eher eine Seltenheit wie viele sagen die mich kennen. Denn nicht viele Asperger Autisten finden eine Frau haben 4 Kinder und 5 Enkelkinder und sind nun fast 30 Jahre glücklich verheiratet. Das gibt es eben auch.
    Und 2. hat meine Enkelin einen Vater der auch in Rumänien „gekauft“ wurde. Und auch er lebte die ersten 4 Jahre in einem Kinderheim und kannte nichts vom Leben.
    Allerdings möchte er nichts von seinen Leiblichen Eltern wissen. Aber meine Enkeltochter würde gern die Vorfahren in Rumänien kennen lernen.
    Leider ist nicht bekannt wo die Verwandten leben und wie sie heißen.
    Hast du da Ideen wie man da vor gehen kann.
    Liebe Grüße Wolfgang

  2. Danke für diesen sehr spannenden Beitrag. Danke Florin, für Deine Offenheit.
    Die Methode der gestützten Kommunikation würde mich sehr interessieren, vielleicht könntet Ihr darüber auch einmal informieren.

  3. Danke für diesen wundervollen Beitrag.
    Lieber Florin. Du bist wunderbar so wie Du bist. Danke, dass Du Dich geöffnet hast und wir an Deiner Geschichte teilhaben konnten. Ich bin sehr froh, dass Du nun in einem herzlichen Umfeld bist. Und Dein Buch werde ich mir bestellen und mit meinem Sohn lesen. Er ist auch Autist – und immer froh, wenn er merkt, dass er nicht der einzige Autist ist.
    Alles alles Gute für Dich
    Deine Ka

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