„Ich bin nur so behindert, wie ich mich behindern lasse“ – Ein Autist erzählt aus seinem Leben

Asperger

Ihr Lieben, wie oft haben wir hier schon über Autismus gesprochen, haben ExpertInnen interviewt oder Eltern von autistischen Kindern zu Wort kommen lassen. Heute lassen wir aber einfach mal einen jungen Mann zu Wort kommen, der selbst betroffen ist und uns aus seinem Leben mit Autismus-Diagnose erzählt. Wir sind so unglaublich dankbar für diese Einblicke, lieber Paul-Christian Mühlfeld! Hört ihm zu, es lohnt sich!

Lieber Paul-Christian, wir sind so froh, in dir jemanden gefunden zu haben, der mit uns über Autismus spricht, statt über jemanden zu sprechen, der betroffen ist. Du gehst sehr selbstbewusst mit dem Thema um und sagst: „Ich bin Asperger, und das ist gut so!“ Erzähl doch mal, warum.

Ja, ich habe mittlerweile meinen Asperger angenommen. Es ist nicht so, dass ich nun dankbar bin Autist zu sein, aber ich sehe auch, was der Autismus in mir für Stärken weckt. Früher war ich ständig damit beschäftigt, mich anzupassen, habe mich bemüht nicht aufzufallen. Das hat meine ganze Kraft gebunden und am Ende des Tages hat es doch nicht geklappt, man lehnte mich einfach ab. Das ist als Kind schwer zu verstehen, denn du willst dazugehören.

Ich musste erst lernen, dass man, wenn man anders ist, nie dazugehören wird, weil die Menschen sich ein eigenes Bild von dir gemacht haben, ohne zu wissen, wer du bist.

Wie nimmst du denn das Bild in der Öffentlichkeit wahr?

Leider ist das Bild von Asperger Autismus in der Öffentlichkeit sehr mit Klischees behaftet: Wir sind krank, behindert, leben in unserer eigenen Welt, sagt man.

Nichts davon stimmt, unsere Gehirne sind etwas anders verdrahtet, dadurch denken und fühlen wir anders. Autismus ist eine andere Form des Seins. Wir müssen also nicht geheilt und schon gar nicht bedauert werden. Wir müssen nur erkennen, dass wir so wie wir sind, gut sind.

Das klingt sehr stark. Hattest du auch mal schwache Momente?

Ich habe lange mit meinem Autismus gehadert, mich gefragt warum ausgerechnet ich. Meine Großmutter hat damals zu mir gesagt: Warum willst du unbedingt sein wie alle, sei doch froh, dass du anders bist. Mache aus deinem Anderssein etwas Besonderes, nimm dich an und dir wird es besser gehen. Damals war ich wütend, weil sie nicht verstehen wollte, wie mir zumute ist.

Nach und nach habe ich es verstanden. Ich habe diejenigen analysiert, die mich mobbten und demütigten, die sich Respekt durch Schläge verschafften. Was war an denen besser als an mir? Wollte ich so sein wie die? Die Analyse meiner Mitschüler fiel nicht gut aus. Gut, ich konnte mich nicht so gut verkaufen wie sie, war nicht so laut, lieber allein und den vielen seltsamen Spielen, die sich im Schulhaus und vor allem auf dem Schulhof abspielten, hatte ich keinen Zugang. Ich verstand sie einfach nicht. Warum wollte ich also unbedingt dazu gehören?

Was machte das mit dir?

Langsam verstand ich meine Großmutter, die mir gesagt hatte, dass ich erst mich mögen muss, bevor ich anders sein will. Warum wollte ich zu einer Gruppe gehören, die mich ablehnt, über mich lacht, wenn ich mal wieder nicht sprechen konnte, mich schikaniert und mich schlägt?

Ich verstand mich selbst nicht mehr.

Mit der Diagnose eignete ich mir dann auch Kenntnisse über den Autismus an und erkannte mich in vielem wieder. Die Erkenntnis, dass ich Autist bin, war erst schrecklich, aber sie ermöglichte mir eine Neuorientierung, ich konnte an einer neuen Schule noch einmal von vorn anfangen, weg von allen, die mich kannten, weg von allen schlechten Erinnerungen. Eine Chance, die ich ergreifen wollte.

Welche Schule ist es geworden und was lief dort anders?

Die web-individualschule. Sie hat viel dafür getan, dass ich mich annehmen konnte. Mit jedem Erfolg, mit jeder guten Leistung, mit jedem anerkennenden Wort, fand ich zu mir. Ich erkannte meine Stärken, wusste, was ich kann. Und langsam wusste ich, dass ich trotz Autismus einmal alles erreichen kann, ich muss es nur wollen und zulassen.

Ich wurde selbstbewusster, gewöhnte mich an Anerkennung und Lob, setzte mir Ziele. Irgendwann war mir der Autismus so egal wie die Tatsache, dass ich Linkshänder bin. Ich begriff, dass ich nur behindert bin, wenn ich mich behindern lasse.

Wie ging es weiter?

Ich fand nach und nach zu mir. Schwierigkeiten machten mir lange die Erfahrungen der Vergangenheit. Was ich erlebt hatte, zehrte noch an mir und stürzte mich oft in depressive Phasen, auch heute noch. Oft erlebte ich die Demütigungen noch einmal, was körperlich an mir zehrte. Ich begab mich in Therapie, die ich lange abgelehnt hatte.

Befreit von allem habe ich mich, indem ich ein Buch über meinen Weg bis zur Diagnose geschrieben habe: Asperger Autismus: Mein Bekenntnis zum Leben. Dort konnte ich aller Erlebte verarbeiten, habe aber auch begriffen, dass es vorbei ist.

Mich zu demütigen, weil ich anders bin, kann man nur noch, wenn ich es zulasse und ich lasse es nicht zu, denn ich bin stark genug, zu mir zu stehen.

Wow. Erzähl mal mehr.

Als Paul-Christian hatte ich nur Ablehnung erfahren, wurde gemobbt, gedemütigt und geschlagen. Ich hatte mich aufgegeben.

Als Autist fand ich zu mir, ich lernte mich neu kennen und erlebte nur Fortschritte und Erfolge. Ich hatte mich mit dem Wissen, dass ich nichts für meinen Autismus kann, mit mir ausgesöhnt, erkannt, wer ich bin und ich war stolz auf mich.

Uns Autisten wird oft vorgeworfen, dass wir Schwierigkeiten im Miteinander haben, sozial nicht zurechtkommen. Das sehe ich anders, wir haben Schwierigkeiten mit einem „Miteinander“, in dem jeder nur sich selbst liebt, seinen Platz behauptet und verteidigt, wo keiner auf den anderen eingeht, ihn auch einmal bei der Hand nimmt, wenn es notwendig ist und man füreinander da ist. Dort wo der Schein mehr gilt als das Sein konnte und wird nie mein Platz sein. Ich möchte mich nicht anpassen müssen, um dazuzugehören. Wer das erwartet oder fordert, kann nicht mein Freund sein.

Was verstehst du unter einem Miteinander?

Unter einem Miteinander verstehe ich, dass man so angenommen wird, wie man ist und sich nicht verstellen muss. Heute kann ich sagen, dass es gut ist, wie ich bin. Ich möchte gar nicht anders sein möchte, aber vor allem bin ich nicht mehr bereit, Kompromisse einzugehen, nur damit man mich anerkennt. Ich bin wie ich bin – und das ist auch in Ordnung.

Manchmal wünsche ich mir sogar, die Welt wäre ein wenig autistischer, da wäre manches einfacher. Es erfordert viel Kraft, sich anzunehmen wie man ist, aber wenn man es geschafft hat, fühlt man sich sicher und ist angekommen – bei sich und im Leben. Ich habe es geschafft und darauf bin ich stolz.

Wie alt bist du und wann wurde deine Asperger Autismus – Diagnose gestellt? War das auch eine Erlösung für dich, weil es endlich einen Namen für all das gab?

Ich werde nächste Woche 20 Jahre alt, die Diagnose wurde gestellt, als ich 14 Jahre alt war. Viele Autisten sagen, dass die Diagnose eine Erlösung für sie war, weil sie dann wussten, woran sie sind. Das war bei mir anders.

Ich wusste schon immer, dass ich anders bin. Der Weg zur Diagnose hieß für mich, dass der Arzt mir helfen wird, wie alle anderen zu sein. Das Erste was ich aus der Diagnose verstand, war, dass es keine Krankheit ist, es also auch nicht geheilt werden kann, ich damit leben muss, weil es für immer so bleibt. Und damit muss man erst einmal zurechtkommen.

Für mich war das keine Erlösung, für mich war die Diagnose eine Katastrophe und es hat lange gedauert, bis ich mich überhaupt mit ihr beschäftigt habe. So zu bleiben hieß aber, dass ich weiter gemobbt und geschlagen werde und dass ich nie irgendwo dazugehören werde. Mit der Diagnose war das Wort Looser quasi auf meiner Stirn eingebrannt.

Wie hast du es dann doch geschafft, die Diagnose zu verarbeiten?

Ohne Therapie hätte ich es nicht geschafft, diese Diagnose zu verarbeiten. Kein Mensch erklärt dir, wie du mit dieser Diagnose umgehen sollst. Mein Leben brachte sie erst einmal total durcheinander. Dieser Satz „Man kann nur lernen, damit zurechtzukommen“ verfolgte mich wochenlang.

Wie lernt man so etwas? Ich wollte nicht damit zurechtkommen, ich wollte wie alle sein.

Neben dem Therapeuten waren es meine Großeltern, die mir halfen. Auch sie mussten ja lernen, was Autismus bedeutet. Und ich las Bücher, ich beschäftigte mich mit Persönlichkeiten, denen Autismus nachgesagt wurde. Ich erkannte mich in vielen Darlegungen wieder. Langsam erkannte ich, dass Autistischsein nicht das Ende der Welt ist. Rückwirkend betrachtet finde ich die Diagnostik sehr wichtig, aber noch wichtiger finde ich, dass den Betroffenen erklärt wird, was diese Diagnose bedeutet.

Du hättest dir also mehr Begleitung gewünscht?

Ich bekam die Diagnose und verstand nichts, musst aber damit leben. Ich wusste immer, das sich anders bin, die Diagnose gab dem Ganzen mehr oder weniger einen Namen. Was das aber bedeutet, wie man lernt, damit umzugehen, das erklärte mir niemand.

Zum Glück sind meine Großeltern mit mir gemeinsam zum Therapeuten gegangen. Sie haben gelernt, mich zu verstehen, wie auch ich lernen musste mich selbst zu verstehen. Noch heute, wenn ich Rückschläge habe, depressive Phasen kommen, weil ab und zu die Vergangenheit und das Erlebte präsent sind, suche ich mir therapeutische Hilfe. Früher habe ich mich geschämt, einen Therapeuten zu brauchen, heute bin ich froh einen zu haben.

Du wirst oft unterschätzt, weil du zwar ein supersmarter Typ bist, aber im Alltag nicht redest. In welchen Situationen fällt dir das besonders auf?

Das mit dem Nichtreden ist eine spezielle Art, eine extra Diagnose. Man nennt es Mutismus. Mutismus oder psychogenes Schweigen ist eine Kommunikationsstörung, wobei keine Defekte der Sprechorgane und des Gehörs vorliegen. Der Mutismus tritt mehrheitlich in Verbindung mit einer Sozialphobie auf. Im Jugend- und Erwachsenenalter ist das Schweigen häufig eingebettet in Depressionen.

Wie zeigt sich das bei dir?

Wenn ich unter Druck bin, aufgeregt bin oder Stress habe, kann ich nicht sprechen. Das hat auch nichts mit dem eigenen Willen zu tun, ich bemühe mich zwar, aber es geht nicht.

Früher hat mich das wahnsinnig gemacht, denn es ist peinlich. Alle schauen dich an, warten auf deine Antwort und du kannst nichts sagen. Langsam komme ich besser damit zurecht. Bin ich gut vorbereitet, passiert es mir kaum. Telefonieren oder spontane Antworten sind noch immer schwierig, aber es wird besser und man gewöhnt sich kleine Tricks und Kniffe an, die Sprachlosigkeit zu überwinden.

Die Menschen, die mich kennen wissen es und bei Fremden bin ich sowieso vorsichtig, nicht nur beim Sprechen. Aber es gelingt mir, wenn ich Augenkontakt vermeiden kann. Und ich übe sehr viel. Ich habe sogar schon geschafft vor zwei Schulklassen eine Lesung zu halten, wer weiß, was Mutismus bedeute, weiß auch, was für ein Riesenerfolg das war.

Ich brauche für solche Aktionen eine sehr lange Anlaufzeit. Aber ich komme ganz gut zurecht mit dieser Einschränkung. Ich habe gelernt zu vertrauen und bei Menschen, denen ich vertraue, bin ich auch nie sprachlos.

Beschreib dich mal, was macht dich, was macht dein Leben aus?

Ich denke, dass ich mein Leben in vielen Bereichen nicht mehr so sehr von dem anderer Menschen unterscheidet. Ich bin sehr empfindlich, was Geräusche, Licht, Gerüche und Temperaturen, aber vor allem Berührungen betrifft. Darauf muss ich achten, sonst bin ich schnell überfordert. Wer mit mir zu tun hat, muss sich also dran gewöhnen, dass es bei mir kalt und immer etwas dunkler ist, aber ansonsten habe ich alles, was man braucht, um den Alltag zu bewältigen gelernt.

Ich weiß, dass ich auf einigen Gebieten noch Nachholbedarf habe, bin aber geduldig mit mir. Zu Hause wurde immer sehr darauf geachtet, dass ich mich nicht hinter meinem Autismus verstecke und ich selbstständig werde.

Natürlich führe ich nicht das Leben eines typisch 20- jährigen, bei mir gibt es keine Partys, keine großen Treffen und ich habe einen sehr begrenzten Freundeskreis, aber ich habe mir mein Leben so eingerichtet, dass ich zurechtkomme, mich wohlfühle und auch meinen Spaß habe. Ich bin glücklich und mehr kann man doch nicht erreichen, oder?

Man muss seinen Autismus annehmen und wie einen guten Freund behandeln, sich aber nicht davon einschränken und unterkriegen lassen. Ich kenne meine Defizite und komme damit klar.

Dir begegnen immer wieder Hürden im Alltag. Was wäre wirklich gelebte Integration für dich?

Ich denke, dass Integration nicht reicht, es braucht Inklusion und die hat in Deutschland – trotz guter Gesetze – zu wenig Bedeutung. Bei uns in Bayern ist das besonders schlimm. Wie kann es sein, dass Autisten auch im Jahr 2020 noch unbeschult zu Hause sitzen, weil es noch keine alternativen Schulen gibt? In Bayern werden Förderschulen gebaut, statt sie zu schließen.

Wie kann es sein, dass Schulen, wie die web-individualschule in Bochum, nicht finanziert werden, weil man sich noch immer hinter sozialer Isolation versteckt. Statt uns Autisten zu unterstützen werden wir ausgegrenzt und abgeschoben. Die Pandemie zeigt uns doch, was unser Regelschulsystem wert ist, nachdem die Digitalisierung verschlafen wurde.

Und wie kann es sein, dass Autisten, insbesondere hochfunktionale wie ich, auf dem ersten Arbeitsmarkt keinerlei Chancen haben? Es hat sich schon lange herumgesprochen, dass Autisten wertvolle Arbeitskräfte sein können, wenn sie die notwendigen Rahmenbedingungen haben, aber kein Arbeitnehmer ist bereit, uns diese zu geben.

Ich habe die Fachoberschulreife mit einem sehr guten Ergebnis absolviert, studiere jetzt erfolgreich BWL und habe null Aussichten einmal selbstbestimmt zu leben. Kann das sein?

Was wünschst du dir da konkret?

Als Autist wünsche ich mir, dass Behörden hinter den Paragrafen auch mal den Menschen sehen. Ich wünsche mir Supermärkte, in denen die Lautsprecher und Durchsagen nicht so laut schreien, dass ich den Markt wieder verlassen muss, sondern ich wünsche mir eine angenehme Atmosphäre.

Ich wünsche mir, dass man nicht Gesetze für, sondern mit Behinderten macht und ich wünsche mir, dass nicht der Staat entscheidet, wie ein Mensch mit Behinderung zu leben hat. Das darf nur derjenige selbst entscheiden. Und ich wünsche mir, dass die UN-Behindertenrechtskonvention endlich einmal mit Leben erfüllt wird.

Mein größter Wunsch ist, dass eine Behinderung in unserem Land keine Rolle mehr spielen darf, weil alle Menschen gleich sind.

Du hast bereits mehrere Bücher geschrieben, eines davon heißt „Asperger Autismus: Mein Bekenntnis zum Leben.“ Dein Ziel damit ist es auch, Vorurteile abzubauen. Welche meinst du da genau?

In dem Buch habe ich zuerst meine eigene Diagnose verarbeitet. Dann wollte ich den Menschen zeigen, dass es nicht schlimm ist, Autist zu sein. Gleichzeitig habe ich auch die Irrwege und Umwege durch Behörden und Ämter aufgezeigt. Und ja, ich wollte Vorurteile abbauen, zeigen wie wir sind, wenn man uns sein lässt, wie wir sind. Ich wollte zeigen, dass wir das Recht haben so zu sein, wie es unser Autismus zulässt, dass wir uns nicht verändern müssen, um dazu zugehören.

Ich wollte auch Betroffenen zeigen, dass man auch als Autist alles schaffen kann. Ich bekomme viele Rückmeldungen, dass das Buch geholfen hat, die eigene Diagnose anzunehmen und zu verstehen. Das ist gut, genau das wollte ich auch erreichen. Man muss lernen sich zu verstehen, erst dann kann man die Diagnose annehmen und an sich arbeiten, ohne sich anzupassen.

Wie sehen deine Pläne aus?

Ich schreibe gerade am zweiten Teil „Ein Autist wird erwachsen.“ Es soll zeigen, dass es gut ist, Ziele zu haben und diese zu verwirklichen, aber auch, dass nicht alles gelingt. Wer nichts wagt, wird nie wissen, wo seine Grenzen sind. Auch wir müssen, wie alle anderen Menschen auch, mit Rückschlägen fertig werden. Aber wir haben durch die Diagnose auch die Chance, das Beste aus uns herauszuholen.

Ich will zeigen, dass schon etwas mehr Verständnis und ein wenig Anerkennung helfen. Mein Hauptanliegen ist zu zeigen, dass wir nicht besser und nicht schlechter sind als jeder andere auch.

Du schreibst, dass viele bei Autismus gleich an soziale Isolation statt an selbstbestimmtes Leben denken, erklär mal genauer, was du damit meinst.

Das ist einfach zu erklären. Wir Autisten werden nicht verstanden, weil man sich zu wenig mit Autismus beschäftigt. Die einen sagen, dass es eine Modekrankheit ist, für andere sind wir geistig behindert.

Wir kommen im Regelschulsystem selten zurecht, statt uns zu fördern und eine alternative Beschulung zu suchen, werden wir ausgeschult, einfach aus dem Regelschulsystem ausgeschlossen, für unbeschulbar erklärt. Damit ist aber unser Weg zu Ende, bevor wir angefangen haben zu leben. Andere bestimmen, was aus uns wird und wir lassen es zu.

Das ist für mich Diskriminierung in Vollendung.

Weil statt Hilfen nur noch mehr Hürden in den Weg gestellt werden?

Schulen, die uns liegen und in denen wir erfolgreich sein könnten (Internetschulen) werden uns verwehrt, weil wir dort sozial isoliert wären. Das ist Quatsch, es geht bei diesen Entscheidungen nur um die anfallenden Kosten. Wir haben aber nicht nur die Schulpflicht, wir haben auch das Recht auf kostenlosen Zugang zu Bildung. Und das müssen wir uns holen, notfalls einklagen.

Jeder Autist, der im Regelschulsystem überfordert wird, ist sozial überfordert. Die Klassen sind zu voll, es gibt keine Ruhepole. Auf dem Schulhof Massen, Lärm, Gerüche, Geräusche, alles, was uns überfordert.

Wir brauchen klare Ansagen ohne viel Trara, spezielle Lehrmaterialien, die für uns verständlich sind, wir brauchen Rahmenbedingungen und die muss man uns schaffen. Als Autist hast du Anspruch auf Nachteilsausgleich, um den zu bekommen musst du gefördert werden. Das wird nicht einmal versucht.

Auch bei dir nicht?

Ich wurde nicht ein einziges Mal dem Förderdienst vorgestellt, aber ausgeschult, weil mein Förderbedarf zu hoch war. Woher wollte man das wissen?

Die Internetschule hat man mir aber versagt, weil ich dort zu sozial isoliert sei, weil dort von zu Hause gelernt wird. Die Behörden haben weder meine Diagnose begriffen noch sich mit der Schule beschäftigt. Sie haben auch nicht begriffen, dass mich der Stress in der Schule kaputt gemacht hat.

Was muss da noch deutlicher werden?

Man muss begreifen, dass Autismus eine andere Form des Seins ist und man uns nicht hinbiegen kann, bis wir in ein System passen.

Was aus uns wird, was wir wie lernen können, muss man mit, nicht über uns entscheiden. Ich möchte bestimmen können, wie und wo ich lernen kann. Die Alternative ist nicht Förderschule oder Schulausschluss, die Alternative ist Autismus verstehen.

Wie sieht dein Alltag jetzt gerade aus?

Ich studiere mittlerweile im Fernstudium Betriebswirtschaft. Eine Art des Studiums, die mir liegt und mit der ich gut zurechtkommen. Ich hab an der Webschule gelernt, mich zu fokussieren, das hilft mir jetzt sehr.

Mein Alltag unterscheidet sich sicher in einigen Dingen von dem eines Gleichaltrigen, was aber wieder nur das Miteinander betrifft. Ich bin mehr der Einzelgänger, habe wenige, aber gute Freunde. Was man nicht kennt, vermisst man nicht.

Ich brauch keine Partys, keine großen Gesellschaften. Meinen Alltag habe ich so eingerichtet, wie er für mich passt. Für manch andere sicher gewöhnungsbedürftig, aber ich lebe nicht das Leben der anderen, sondern meins und für mich ist es perfekt. Ich kenne meine Schwächen und auf die achte ich besonders.

Stress überfordert dich und du brauchst recht feste Strukturen in deinem Alltag. Was brauchst du noch, um dich sicher und gut zu fühlen?

Ja, mein Tag ist sehr strukturiert. Ich lege immer fest, wie meine Woche aussehen soll und daran halte ich mich auch. Mir fällt es schwer, spontan zu sein oder vom Plan abzuweichen, deshalb fühle ich mich in meinen festen Strukturen wohl. Mein Umfeld versucht ebenfalls, meine Strukturen einzuhalten, obwohl ich mittlerweile auch schon mit Veränderungen zurechtkomme. Mein Zimmer ist meine Festung.

Hier habe ich die Rahmenbedingungen, die ich brauche. Ich hab feste Rituale für meine Verpflichtungen, feste Zeiten, die sich alle bemühen einzuhalten, so das auch das Zusammenleben klappt. Ich muss immer wissen, wer wo ist und werde nervös, wenn ich das nicht weiß.

Ich habe gelernt, auf unverhoffte Situationen zu reagieren, habe aber auch noch immer einige Eigenarten, die für Außenstehende schwer nachvollziehbar sind. Ich habe die volle Unterstützung meiner Großeltern, die mich natürlich besser kennen als jeder andere, die dafür sorgen, dass mich nichts so schnell aus der Bahn wirft. Aber die schreiten auch ein, wenn ich mich in Kleinigkeiten und Unwichtigkeiten verliere.

Ich habe andere Prioritäten bei Aufgaben, die zu erledigen sind, das bringt oft Redebedarf mit sich. Aber wir arrangieren uns. Für mich ist es wichtig, dass ich Ruhe habe. Lärm stresst mich noch immer und nimmt mir dann Kraft, die ich für andere Dinge brauche.

Feste Strukturen und ein Wochenplan helfen mir, mich zu organisieren, das brauche ich als Korsett, als Halt. Und es gibt bestimmte Dinge und Rituale, die pedantisch wirken, für mich aber wichtig sind.

Wofür bist du in deinem Leben gerade besonders dankbar?

Am meisten bin ich meinen Großeltern dankbar, was sie für mich getan haben und tun, ist mehr als normal. Sie haben mir geholfen, das zu werden, was ich heute bin. Sie haben immer zu mir gestanden, mich erzogen immer ich selbst zu sein, haben mir Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein vermittelt, mich stark gemacht. Ohne sie, würde es mich heute nicht mehr geben.

In der schlimmsten Phase meines Lebens, als ich nicht mehr konnte, haben sie gekämpft. Sie haben mich aus einer Schule genommen, die ich wegen Mobbing, Diskriminierung, wegen Demütigungen und Gewalt fast nicht überlebt hätte. Sie wussten zu diesem Zeitpunkt selbst nicht, wie es weitergehen soll, aber sie waren da.

Sie haben gekämpft! Gegen Behörden und Ämter, die nicht sehen und mich in ein System pressen wollten, in dem ich versagen musste. Durch drei einstweilige Anordnungen und eine anschließende Klage vor dem Verwaltungsgericht haben sie mir den Besuch der web-individualschule in Bochum ermöglicht. Eine Schule, die mich gerettet hat.

Meine Großeltern waren und sind an meiner Seite und ich weiß, dass sie immer für mich da sein werden, in guten und in schlechten Zeiten. Und ein weiterer Dank geht an ebendiese Schule. Hier nimmt man Kindern wie mir die Angst vor der Schule und die Angst vorm Leben. Die Lehrer zeigen dir, dass du etwas wert bist, dass du etwas leisten kannst und vor allem zeigen sie dir, dass du genauso wie du bist, gut bist. Die Chance an dieser Schule zu lernen, war die größte Chance meines Lebens und ich würde sie jedem gönnen, der durch die Raster des Regelschulsystems fällt.

Die web-individualschule mit einem Team von Lehrern, die ihren Beruf nicht nur leben, sondern lieben, bedeutet gelebte Inklusion und ist meist die letzte Rettung für geschundene Seelen.

In deinem Buch schreibst du: „Ich habe gelernt, meine Stärken gezielt einzusetzen und meine Schwächen anzunehmen und dass diese Diagnose auch eine Chance sein kann.“ Inwiefern?

Ich habe durch die Diagnose zu mir gefunden, mich erkannt. Ich kenne meine Stärken und meine Schwächen. Und ich weiß, was dem Autismus geschuldet ist und ich somit nicht ändern kann. Der Autismus hat aber auch Vorteile. Ich bin zielstrebig, fokussiert, kann gut mit Zahlen umgehen, analytisch denken, ich bin loyal, ehrlich und meist zuverlässig. Alles, was ich vorher nicht an mir entdeckt habe. Meine Stärken lagen lange verborgen unter dem Wunsch, anders zu sein.

Heute weiß ich, wer ich bin und was ich kann. Aber auch, was ich nicht kann. Was ich kann, kann ich also gezielt und verstärkt einsetzen. An dem, was ich nicht kann, kann ich arbeiten und wenn ich merke, dass es Dinge gibt, die ich nicht erlernen kann, weil sie mich überfordern, akzeptiere ich das.

Was möchtest du gern anderen Betroffenen und ihrem Umfeld noch mit auf den Weg geben?

Betroffenen möchte ich mit auf den Weg geben, sich von der Diagnose nicht unterkriegen zu lassen. Erst einmal tut das, was man erfährt, weh, weil man es nicht versteht. Seht die Diagnose als das an, was sie ist: Ein Anfang auf einem Weg, den du ab heute selbst bestimmst.

Versuche dich über Autismus zu informieren. Sortiere: Was trifft auf dich zu, was auf keinen Fall? Ändere, was du ändern musst und kannst, aber akzeptiere auch, was du nicht kannst.

Man darf nie vergessen, dass es bei Entscheidungen, die getroffen werden, um einen selbst geht. Also entscheide mit und lass nicht andere entscheiden, was gut für dich ist. Sei mutig und steh dazu, dass du anders bist, denn anders ist nicht schlecht. Du allein entscheidest, wohin dein Weg dich führt, kein anderer.

Ändere das, was du willst. Lass dich von niemanden aufhalten und gehe deinen Weg. Du alleine bestimmst dein Tempo und dein Ziel. Suche dir Menschen, denen du vertraust, gemeinsam geht es besser. Schäme dich nicht, weil du autistisch bist. Sei stolz, anders zu sein, mache aus dir etwas Besonderes.

Was wünschst du dir für deine Zukunft?

Mir wünsche ich zuallererst, dass meine Großeltern noch ein langes Stück des Weges mit mir gemeinsam gehen.

Ich wünsche mir, dass ich mein Studium mit sehr guten Ergebnissen beende und einen Arbeitgeber finde, dem egal ist, dass ich anders bin, anders als der Durchschnitt. Einen, der in mir sieht, was ich bin: Ein junger Mann, der sein Leben selbstbestimmt in die Hand nehmen will. Ein Team, dass mich annimmt und an dem ich wachsen kann. Eine eigene Familie, in der ich geborgen bin und der ich alle meine Liebe und mein Vertrauen schenken kann.

Außerdem wünsche ich mir und allen Menschen, dass diese Pandemie bald vorbei ist und wir wieder leben können, wie es uns gefällt. Vielleicht etwas demütiger und nicht mehr so egoistisch. Geben wir dem Leben immer ein Stück mehr als wir nehmen. Uns allen wünsche ich alles Glück dieser Welt.

Ich bedanke mich für dieses Interview.

Weitere Infos findet ihr bei Paul-Christian Mühlfeld auf der Website.

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4 comments

  1. Lieber Paul-Christian,
    Wow!!!! Vielen lieben Dank für den tollen Beitrag! So ein selbstbewußter, reflektierenden junger Mann! Bin sehr begeistert von deinen Worten. Du kannst wirklich stolz auf dich sein!
    Wünsche dir alles Gute für deinen weiteren Weg!

  2. Lieber Paul-Christian,
    danke für dieses wunderbare Interview. Genauso ist es. Der Kampf mit den Behörden, das nicht passende Schulsystem… und was es mit einem macht.
    Du hast mir geholfen meinen Sohn (auch Asperger) noch besser zu verstehen – dafür danke ich Dir sehr.
    Ich wünsche Dir für Deine berufliche Laufbahn und auch privat alles, alles Gute!
    Ka
    PS: Würde dann gerne wieder ein Update von Dir lesen :-)!

  3. Tolles Interview!
    Vielen Dank für diese Einblicke. Dir, lieber Paul-Christian, sollte man wirklich zuhören. Ich bin beeindruckt davon, wie reflektiert du deine Geschichte und deine Situation wiedergeben kannst.
    Hut ab!

  4. Hallo!

    Wow, danke danke danke für dieses Interview!
    Genau so ist es – sage ich als Autistin und Mutter von mindestens zwei (evtl vier – zwei werden gerade getestet).

    LG

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