Mobbing: „Ich gehörte in der Schulzeit selbst zu denen, die gemobbt haben – heute tut es mir leid“

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Ihr Lieben, ihr wisst ja, wie gern wir Geschichten nicht nur von einer, sondern von vielen Seiten beleuchten. Nachdem wir hier neulich Michelle darüber schrieben ließen, wie es sich angefühlt hat, in ihrer Schulzeit gewmobbt zu werden, möchten wir heute eine Täterin bzw. Mobberin zu Wort kommen lassen.

Jenny dachte damals nachmittags gar nicht mehr dran, was sie am Vormittag in der Schule diesem Mädchen getan hat. Ihr Opfer aber wechselte irgendwann die Schule. Bis es Jahre später zur Aussprache kam.

Liebe Jenny, als wir neulich Michelle über ihre Schulzeit schreiben ließen, in der sie aufs Übelste gemobbt wurde, hat dir das als Leserin einen Stich versetzt. Warum? 

Weil ich in meiner Schulzeit diejenige war, die gemobbt hat. Wenn ich die Geschichte der anderen Seite lese, macht es mich traurig, dass unter anderem ich für genau solch ein Schicksal verantwortlich bin.

Ich finde es ziemlich stark, dass du dir heute bewusst bist, dass du gemobbt hast, dass du zur Täterinnengruppe gehörtest, war dir das Unrecht schon früher bewusst, in der Zeit, in der es passierte?

Nein tatsächlich nicht. Es war in meiner Schulzeit. Ich habe mir um solche Dinge keine Gedanken gemacht. Für mich war es einfach lustig und auch gleich wieder vergessen, nachdem es passiert ist.

Anders als jemand, der gemobbt wird, macht man sich als die mobbende Person meist einfach zu wenige Gedanken zum Gegenüber. Für mich war die Sache auf dem Heimweg von der Schule längst vergessen.

Für das Mädchen bzw. die Mädchen, die ich gemobbt habe leider nicht.

Wie ging es damals los und wen hat es getroffen?

Ich habe die Schule gewechselt und durfte gleich mit zur Klassenfahrt, um die anderen in der Klasse kennenzulernen. Ein Mädchen, das ich auf den ersten Blick eigentlich ganz gern mochte, wurde dann bei einem Ausflug in die Stadt beim Klauen erwischt.

Ich war mit ihr zu dem Zeitpunkt im Laden, wurde zwar nicht damit in Verbindung gebracht, war aber super sauer deswegen. Sie habe ich mir als Erste rausgepickt. Meine Klassenkameradinnen waren dann sehr schnell mit von der Partie. 

Kannst du von Vorfällen erzählen, in denen ihr die Person fertig gemacht habt?

Das waren ganz unterschiedliche Momente. Anfangs kam sie zum Bus gerannt und ich habe dem Fahrer gesagt, sie will nicht mit, wir können losfahren.

Später steigerte sich das über angekaute Papierkügelchen mit denen sie von mir und meinen Freundinnen beworfen wurde, bis hin zu einem Zirkel, den ich ihr während des Unterrichts ins Bein gerammt habe.

Das Internet war damals noch kein Thema. Da wurden Schließfächer beschmiert und nicht die Facebook-Timeline.

Was genau gab dir das Mobbing? Machtgefühle? Überlegenheit? Gruppendynamische Anerkennung?

Das kann ich so richtig gar nicht mehr sagen. Ich glaube, es entwickelte sich irgendwann eine Gruppendynamik, die keiner mehr aufhalten wollte und so ging das immer weiter. Der angerichtete Schaden wurde mir auch erst viel später bewusst. 

Gab es Sanktionen von Seiten der Erwachsenen? Was hätte euch stoppen können – und was hat euch letztlich gestoppt?

Nein, leider nicht. Ich kam aus gutem Haus, war eine gute Schülerin und grundsätzlich auch höflich zu Mitschülern und Lehrern. Man hat dem Mädchen damals schlicht weg nicht geglaubt.

Es gab ein paar Gespräche gemeinsam mit unseren Eltern und Lehrern, ich hab immer große Augen gemacht und gesagt, ich wüsste nicht, wovon sie redet. Man hat damals mir und meinen Freundinnen geglaubt und nicht ihr.

Geendet ist die ganze Geschichte damit, dass sie nicht mehr in die Schule kam und man sich aus den Augen verloren hat. Ich habe mir keine Gedanken darüber gemacht, wieso.

Wann kamst du zu der Einsicht, dass es übel war, was ihr da getan habt?

Jahre später war genau dieses Mädchen mit einem Freund von mir zusammen. Sie kamen gemeinsam zu einer Party. Ich konnte mich nicht mal mehr an sie erinnern. Aber sie kannte mich noch ganz genau, hatte meinen Werdegang verfolgt und erzählte mir auf genau dieser Party, dass sie wegen mir und noch ein paar anderen Mädels nicht mehr in die Schule gegangen ist, die Schule gewechselt hat und letztendlich die Klasse wiederholen musste. Ich war ehrlich entsetzt.

Hast du dich jemals entschuldigt?

Ja habe ich – mehrmals. Sie war auch einmal mit ihrem Freund bei mir und meiner Familie zu Besuch auf einen Wein und hat hier übernachtet. Da wurde das Thema tatsächlich auch noch einmal besprochen. Wir stehen nach wie vor locker in Kontakt. Sie hat einen kleinen Laden und wann immer es geht, empfehle ich sie weiter.

Wie geht es dir heute damit, wie verarbeitest du das Geschehene?

Ich denke, wir sind mittlerweile alle im Reinen mit der Situation von damals. Ich habe mittlerweile selbst Kinder. Die Älteste ist fünf und ich hoffe, dass sie niemals in die eine oder in die andere Situation kommt.

Ich erkläre meinen Kindern, dass Menschen unterschiedlich sind, aber jeder traurig ist, wenn er nicht zum Kindergeburtstag eingeladen oder bei anderen Dingen ausgeschlossen wird. 

Ich versuche, sie zu emphatischen Menschen zu erziehen. Ob das gelingt, kann ich noch nicht sagen.


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9 comments

  1. Ich persönlich kenne das Thema Mobbing aus eigener Erfahrung und zwar aus beiden Perspektiven (Opfer und Täter).
    Daher kann ich gut verstehen, dass Jenny hier nicht in Reue für Taten zergeht, die sie als Kind bzw. Jugendliche begangen hat.
    Bei mir war es so: Ich war früher eingeschult und hatte außerdem das Pech, erst vergleichsweise spät in die körperliche Pubertät zu kommen. Während die Anderen schon ersten Bartflaum und Stimmbruch bekamen, sah ich noch wirklich aus wie ein Kind. Das Einzige das ich schon früh von der Pubertät hatte, war die verdammte Akne. Während es bei den anderen schon um coole Klamotten, coole Musik und die Mädchen ging, ging es bei mir noch um Lego und Playmobil.
    Ganz zu schweigen davon, dass sich meine Mitschüler in der Umkleidekabine nach dem Sport natürlich auch verglichen haben, wo ich selbstredend sehr schlecht dastand. Ich schämte mich für meinen Körper. Klar war ich damit das willkommene Opfer. In der Zeit zwischen dem 10ten und 13ten Lebensjahr war die Schule eine Art Spießrutenlauf für mich, den ich still leidend ertragen habe, während meine Schulleistungen zusehends schlechter wurden. Ich habe in dieser Zeit wirklich keinen einzigen Freund in der Schule gehabt und es von allen Seiten abbekommen.
    Irgendwann änderte sich das. Ich kam dann doch endlich in die Pubertät und legte an Größe und Kraft zu. Mit 15 überragte ich die meisten. Ich fing an meinen Körper massiv zu trainieren und begann wehrhafter zu werden. Klar traute sich dann niemand mehr, mich zu mobben und wenn mir doch einer quer kam, hatte ich keine Hemmungen das körperlich zu regeln. Ich hatte lange genug einstecken müssen und daher genug Wut zuzuschlagen, wenn es darauf ankam. Allerdings fing ich auch an allerlei Blödsinn zu machen, leider nicht nur harmlosen. Ich verwandelte mich vom braven Spätzünder in eines dieser „coolen Kids“, die von besorgten Eltern auch als „schlechter Umgang“ bezeichnet werden. Endlich hatte ich auch Erfolg bei den Mädchen.
    Leider begann ich mich in dieser Zeit selbst gegenüber manchen Mitschülern wie ein richtiger Bully zu benehmen und ich weiß, dass ich so einige Dinge getan habe, die schlimmer waren, als jemanden mit Papierkügelchen zu bespucken oder mit dem Zirkel zu pieksen. Aus heutiger Sicht war das ziemlich doof von mir und ich hätte es aus eigener Erfahrung besser wissen müssen, aber damals hatte ich wenig Gnade für Schwächere. Mit mir war man ja auch nicht gnädig gewesen, als ich noch schwach war.
    Inzwischen sehe ich es einfach so, dass ich schon lange ein erwachsener Mann bin und ich fühle mich auch im moralischen Sinne nicht mehr haftbar für die Fehltritte meiner Jugend. Ich brauche niemanden mehr zu quälen um mich selbst stark zu fühlen und es käme auch niemand mehr auf die Idee mich irgendwie herumzuschubsen.
    Ich fühle weder Groll gegenüber denen, die mich damals tyrannisiert haben, noch fühle ich Reue gegenüber denen, die unter mir leiden mussten. Ich sehe keinen Grund, mich für irgendwas zu schämen was man mir angetan hat oder was ich anderen angetan habe, als wir alle Kids waren. Das ist inzwischen alles lange her und damit einfach Teil meiner Geschichte. Tout est pardonné.
    Oder um es mit den Worten des Zöglings Törleß aus dem Roman von Robert Musil zu sagen: „Eine Entwicklung war abgeschlossen. Die Seele hatte einen neuen Jahresring angesetzt wie ein junger Baum – dieses noch wortlose, überwältigende Gefühl entschuldigte alles, was geschehen war.“

  2. Ich habe ebenfalls Probleme mit dem Text. Es gab mehrere Gespräche mit Lehrern und Eltern und sie hat ernsthaft weitergemacht, obwohl sie ansonsten ein eher angepasstes Mädchen war? Spätestens da hätte sie doch aufhören müssen, gerade weil sie ja eigentlich ein netter normaler Teenie war . Und da merken müssen, das ihr Verhalten sehr wohl etwas auslöst. Fällt mir wirklich schwer , nachzuvollziehen. Es wirkt auf mich leider auch nicht aufrichtig, auch noch zu betonen , dass sie den Laden ihres ehemaligen Opfers weiterempfiehlt. Das klingt eher danach, dass sich Michelle nach wie vor in einer besonderen Rolle sieht ( meine Meinung / Empfehlung ist gefragt) und kommt sehr gönnerhaft daher. Ich würde in meiner Jugend übrigens nicht krass gemobbt, hatte aber genug unangenehme Situationen erlebt, um mit dem Opfer mitfühlen zu können. Michelle wirkt auf mich nicht aufrichtig reflektiert sondern eher wie ein Mensch, der gerne dem Mainstream und den aktuellen Trends folgt ( große Augen-Mädchen) und halt mal auf den Mobbing- Zug aufspringt, um mitreden zu können. Das mag ungerechtfertigt sein, aber anscheinend scheint der Text nicht nur mich zu triggern.

  3. Nett, dass Jenny sich bei ihrer ehemaligen Mitschülerin entschuldigt hat. Wirklich stark wäre es allerdings gewesen, wenn sie auch tatsächlich reflektiert und ihr schäbiges Verhalten eingesehen hätte.
    Gar nichts dabei zu fühlen, wenn man andere Menschen quält, finde ich schon sehr bedenklich.
    Auch macht es für mich nochmal einen Unterschied, ob man aus Gruppenzwang mitläuft oder wirklich selbst das Mobbing startet. Bei Letzterem frage ich mich schon, was da bei so einem Menschen schief läuft, der pure Freude daran hat andere fertig zu machen.
    Auch ich schließe mich Monika an. Ich lese aus dem Beitrag keine echte Reue heraus, tut mir leid. Vielleicht mag es auch einfach nur falsch rüberkommen, aber Jennys Antworten lesen sich für mich in keinster Weise einfühlsam dem Opfer gegenüber. Vielmehr habe ich den Eindruck, dass sie sich selbst hier gerne als die „geläuterte Täterin“ inszenieren möchte. Die, die damals schon die Stärkere und Überlegenere war und nun auch noch die Größe besitzt, dazu zu stehen. So kommt das bei mir an.
    Bleibt nur zu hoffen, dass das Schicksal nicht zuschlägt und sie sich irgendwann in der Rolle der Mutter eines Mobbingopfers wiederfindet. Sowas geht ganz schnell. Ihren Kindern wünsche ich es keinesfalls.

  4. Tut mir leid, ich nehme es Jenny nicht ab, dass für sie das Ganze damals eher harmlos und lustig war und ihr nicht bewusst war, welchen Schaden sie anrichtet. Man rammt ja niemandem einen Zirkel ins Bein und findet nichts weiter dabei, wenn man noch halbwegs normal ist. Auch die Tatsache, dass es „ein paar Gespräche“ – Plural!- mit Eltern und Lehrern gab, muss ihr damals schon vor Augen geführt haben, dass ihr Verhalten für das andere Mädchen extrem belastend war – wenn man es schon nicht schafft, sich für einen Moment vorzustellen, wie man sich selbst bei einer solchen Behandlung fühlen würde. Dass sie dann auch noch die Eltern und Lehrer wiederholt so manipuliert hat, dass man dem anderen Mädchen nicht glaubte, ist der Gipfel. Wie verzweifelt muss man sich fühlen, wenn man sich ein Herz gefasst hat, sich Eltern und Lehrern anzuvertrauen, und dann wird einem nicht geglaubt? Mehrfach!
    Klar, Jenny wollte einer Strafe entgehen, das ist nachvollziehbar. Aber dass sie nicht etwa das erste Gespräch zum Anlass genommen hat, nun endlich damit aufzuhören, das andere Mädchen zu quälen, sondern danach immer noch weitergemacht hat, zeigt ein erstaunliches Maß an Abgebrühtheit. Und nach der ganzen Vorgeschichte hat sie sich keine Gedanken gemacht, als das andere Mädchen auf einmal nicht mehr zur Schule kam, echt nicht? Nicht einmal ein kleines flaues Gefühl in der Magengegend? Wow.
    Für mich wirkt es nicht so, als hätte Jenny sich weiterentwickelt und ernsthaft mit ihrem Verhalten auseinandergesetzt, sondern als würde sie es immer noch verharmlosen, nach dem Motto: „Oh nein, ich bin ehrlich entsetzt, wer hätte denn ahnen können, dass die so empfindlich ist?“ Dass Jenny ihre Kinder zu „emphatischen“ (eindringlichen, nachdrücklichen) und nicht zu empathischen (mitfühlenden) Menschen erziehen möchte, kann man da wohl getrost als Freudsche Fehlleistung verbuchen… Aber hey, sie hat sich “mehrmals” entschuldigt – nachdem es sonst wohl mit dem Freund ungemütlich geworden wäre. Dann sind jetzt sicherlich alle mit ihr und sich im Reinen. Ach ja, und um ihr Gewissen zu beruhigen, empfiehlt sie den “kleinen Laden” weiter, „wann immer es geht.“ Merkt sie eigentlich, wie herablassend das ist? Da ist in ihrer Beschreibung der Laden nicht schön oder cool oder hip oder einfach ein Laden, sondern „klein“ und offenbar auf ihre Empfehlungen angewiesen.
    Warum Jenny dieses Mädchen und später noch andere Mädchen gemobbt hat, hat sie davon abgesehen nicht wirklich beantwortet. Mit Gruppendynamik kann sich diejenige, die mit dem Mobbing anfängt, ja nun nicht herausreden.
    Hat ihre ehemalige Mitschülerin übrigens zugestimmt, dass die Geschichte hier veröffentlicht wird (es sind genügend Details aufgeführt, dass zumindest sie selbst sich sicherlich erkennen wird), oder wurde sie wenigstens vorgewarnt? Es liest sich nicht so. Da waren ihre Gefühle wohl wieder nicht so wichtig…

    1. Meine Güte, du interpretierst aber enorme Boshaftigkeit in den Text – dafür gibt es absolut keinen Anlass. Bist du zufällig selbst gemobbt worden und projizierst jetzt eine eigenen Erfahrungen in das Handeln fremder Leute? Das halte ich auch für nicht gerade nettes Verhalten.
      Die meisten Menschen handeln eher gedankenlos als böswillig. Man kann Leute natürlich viel leichter hassen, wenn sie bösartig sind und man nicht einfach zufällig zum Opfer wird (gerade Gruppendynamik ist im Teenageralter nicht zu unterschätzen), aber das ist meist einfach nicht wahr.
      Zudem entwickelt sich Empathie vollständig erst bis zum späten Teeniealter, das ist nicht im Grundschulalter abgeschlossen.
      Ich halte es nicht für „Abgebrühtheit“, nach einem Elterngespräch weiterzumachen, sondern für „nicht ernst Nehmen“. Gerade wenn es dem Kind/Jugendlichen NICHT bewusst ist, was er anrichtet, sondern das für vollkommen harmlose kleine Späße hält.
      Jetzt auch noch einen Tippfehler als Beweis anzubringen, finde ich geradezu grotesk.
      Und möglicherweise ist der Laden einfach sehr klein, das weißt du nicht. Meinst aber schon das Gegenteil behaupten zu können.
      Meine Güte, komm mal runter von deinem Groll auf jemanden, den du überhaupt nicht kennst.

      1. Und warst du zufällig selbst eins von den lieben Mädels, die dann doch nicht so lieb waren? Könnte man aus deiner Antwort auch rausinterpretieren. Für mich ist Jenny auch nicht glaubwürdig

    2. @Monika:Ich lese auch keine wirkliche Reue heraus.
      Und ich bin schockiert, dass sogar Eltern- und Lehrergespräche anscheinend nichts gebracht haben. Wenn ein mobbender Teenager so abgebrüht ist, dann versteht man auch wie hilflos sich das Opfer und deren Familie fühlen müssen.
      Dieser Bericht hat mir beim Lesen zum ersten Mal aufgezeigt, wie wenig man als Familie eines Mobbingopfers tun kann. Außer das Gespräch suchen, würde mir hier auch nichts einfallen. Und man hofft hier ja auf Einsicht und Empathie.
      Im beschriebenen Erfahrungsbericht hat diese Strategie nichts bewirkt. Traurig! 😢

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