Mobbing-Update: So geht es Lilly nach dem Schulwechsel

Liebe Julia, vor zwei Jahren hast du bei uns sehr eindrücklich und emotional beschrieben, wir Mobbing Deiner Tochter Lilli das Leben zur Hölle gemacht hat und wie Euer ganzes Familienleben darunter gelitten hat. Deine Tochter hat dann die Schule gewechselt. Wie ist sie in der neuen Klasse zurecht gekommen?

Lilly war natürlich unheimlich aufgeregt am Anfang und auch etwas ängstlich.

Nach den ersten Wochen hat die Schule festgestellt, dass Lilly erhebliche Lernstandsdifferenzen zu ihren MitschülerInnen hat. Gemeinsam haben wir dann beschlossen, sie eine Klassenstufe tiefer „einzuschulen“. In dieser Klasse dann fand sie recht schnell Anschluss zu den Kindern, war jedoch noch lange sehr unsicher. Wurde gelacht oder getuschelt, bezog sie dies anfangs noch lange auf sich. Dank vieler guter Gespräche mit den LehrerInnen und der Sozialpädagogin gab sich das mit der Zeit.

Nach etwa einem Schuljahr war sie fester Bestandteil der Klasse und nicht mehr wegzudenken. Sie identifizierte sich zu 100% mit ihrer Klasse, die untereinander stark verbunden sind. Lilly war dort sehr sehr glücklich.

Wie geht es Ihr heute, ganz aktuell? Beschreib mal die Veränderungen an ihr im Vergleich zu vor zwei Jahren. 

Vor einer Woche begann Lillys neue Ära in der weiterführenden Schule, was bedeutet, dass sie ihre Grundschulzeit hinter sich lassen musste. Lilly war sehr traurig, aber gleichzeitig war da auch große Vorfreude.

Lilly ist jetzt in einer kleinen, einzügigen Oberschule und lernt gerade ihre neuen KlassenkameradInnen kennen. Zwei SchülerInnen aus ihrer alten Klasse sind mitgekommen. Ich glaube, sie ist sehr glücklich dort und hoffe, dass das auch so bleibt. Auf jeden Fall hat sie aus der Erfahrung mitgenommen, sehr auf die Stimmung unter ihren Mitmenschen zu achten, zu intervenieren, wenn sie denkt, es sei nötig und auch wehrhaft zu sein, wenn es angebracht ist.

Nach wie vor ist sie sehr auf Harmonie bedacht. Im Vergleich zu 2016 – 2018 ist sie deutlich selbstbewusster, sehr strebsam und ordentlich geworden. Und sehr reif, sie schätzt ihre richtigen Freundschaften wirklich sehr.

Welche Spuren hat die diese schwere Zeit hinterlassen?

Lilly denkt natürlich sehr ungern an die schlimme Zeit zurück. Insgesamt ist Lilly sensibilisiert dafür, nicht noch einmal in eine solche Situation zu kommen. Dies führt mitunter dazu, dass sie Dinge tut oder bestimmte Kleidung anzieht, weil es gerade „in“ ist. Sie möchte also sehr angepasst sein. Was ein bisschen schade ist, da Individualität in meinen Augen viel mehr ausmacht als einzelne Meinungen.

Habt Ihr die Kinder, die Lilli damals gemobbt haben, noch einmal getroffen? Gab es da irgendeine Einsicht?

Nein. Mit dem Schulwechsel war keine Kontaktaufnahme mehr möglich oder auch gewünscht. Über Dritte haben wir jedoch mitbekommen, dass erstaunlich viele Kinder der Klasse die Situation nicht so dramatisch erlebt haben und über Lillys scheinbar plötzlichen Weggang ziemlich erstaunt waren.

Außerdem soll es anschließend einfach das nächste Opfer gegeben haben. Was mir sehr wichtig ist hier klarzustellen, wie gut die Beziehung zu ihrer damaligen Lehrerin eigentlich war. Sie war ja in der damaligen Zeit erkrankt und über viele Monate nicht im Dienst. Lilly war sehr traurig, dass sie sich nicht verabschieden konnte.

Im Winter waren wir auf Lillys Wunsch noch einmal zum Tag der offenen Tür in ihrer alten Grundschule und ihre Lehrerin war auch wieder da. Die beiden haben sich gesehen, in den Arm genommen und ganz lange gehalten. Ich glaube, das war für beide ein ganz wichtiger Abschluss der Geschichte. 

Als wir neulich deinen Text nochmal über unsere Facebook-Seite gepostet haben, war die Resonanz wieder enorm. So viele Eltern erzählten uns davon. dass es auch ihren Kindern nicht gut geht. Was würdest du betroffenen Eltern raten?

Erstens: Traut eurem Kind, damit es euch vertrauen kann!  Es ist keine Kleinigkeit, wenn die MitschülerInnen Gemeinheiten sagen oder die Eigentümer ungefragt nehmen oder, oder, oder. Euer Kind muss das unbedingte Gefühl haben, bei euch sicher zu sein, alles erzählen zu dürfen und diese Erzählungen dürfen nicht infrage gestellt oder verlacht werden.

„‚Ach, das war doch nichts!“ oder „Das ist doch nicht so schlimm gewesen!“ geht vielen Eltern schnell über die Lippen, verunsichert das Kind aber enorm. Lilly hat damals gesagt, ihre Sorgen kämen ihr so unwichtig vor gegenüber unseren Sorgen. Daran knabbern mein Mann und ich heute noch. 

Zweitens: Folgt eurem Bauchgefühl, es ist da, auch wenn ihr es manchmal vielleicht nicht wahrnehmen könnt. Viele Leute werden Euch Ratschläge geben oder denken, es besser zu wissen. Wichtig ist aber nur, was ihr mit euren Kindern gemeinsam entscheidet. Die „Anderen“ müssen nicht mit den Konsequenzen eures Handelns oder Unterlassens leben. Nur ihr und euer Kind. 

Warum sollte viel mehr über Mobbing gesprochen werde bzw warum ist das immer noch ein Tabu-Thema?

Zum Einen möchte keine Schule gern zugeben, dass Mobbing bei ihnen existiert. Zum Anderen fehlt in den Schulen massiv Aufklärungsarbeit. Die Lehrkräfte sind aus meiner Sicht nur sehr unzulänglich auf diese Situationen vorbereitet, da muss unbedingt mehr passieren.

Außerdem habe ich die Erfahrung machen müssen, dass es in der Gesellschaft angesehen ist, wenn man „Ellenbogen“ hat, sich wehren kann und sich nicht die Butter vom Brot nehmen lässt. Egoismus ist in gewisser Weise schon in den Grundschulen wichtig.

Ich war sehr erschrocken darüber, wie unbarmherzig schon die Kleinsten miteinander umgehen. Ich frage mich dann auch, wieviel Elternarbeit nötig ist. Ich selbst musste mich ja auch erst umfänglich belesen, bevor ich wusste, wie ich mit Lilly weitermachen möchte. Ich weiß nicht, ob es vielleicht Möglichkeiten gäbe, Eltern schon im letzten Kitajahr mitzunehmen und in dieser Richtung zu sensibilisieren. Ich fühlte mich jedenfalls abgrundtief hilflos.

Was ist das Wichtigste, was Eltern ihren Kindern sagen können, wenn sie gemobbt werden? Wie kann man Kinder da aufbauen?

Lilly sagte einmal, dass es ihr sehr gut getan hat, dass wir sie ernst genommen haben, ihr zugehört und jeden Tag gefragt haben, wie ihr Tag war. Darauf legt sie auch heute noch wert. Ich glaube, für Lilly war es das Wichtigste, dass wir ihr immer wieder gesagt haben, dass wir für sie da sind und dass es nichts gibt, was wichtiger ist, als sie und ihr Bruder.

Ihr Selbstwertgefühl war am Boden und das wieder aufzubauen, ist – so glaube ich – das Wichtigste gewesen. Die Stärken des Kindes stärken. Und notfalls keine Scheu haben, einen Kinderpsychologen aufzusuchen. Lilly hatte auch einige Stunden Verarbeitungstherapie. 

Was wünscht Du Dir für die Zukunft von Lilli? 

Ich wünsche mir, dass sie ihren Weg findet und verfolgt. Wir unterstützen sie in jeder ihrer Entscheidungen so gut wir es können. Es wäre schön, wenn sie ihre Träume und Ziele verwirklichen kann, dabei gesund und lebendig bleibt und hin und wieder ihre Eltern besucht 😉 .

HIER KÖNNT IHR DAS ERSTE INTERVIEW MIT JULIA LESEN: https://www.stadtlandmama.de/content/gastbeitrag-wie-mobbing-meiner-tochter-das-leben-zur-hoelle-machte


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3 comments

  1. …..oha, kommt mir alles sehr bekannt vor.
    Unser Sohn ist vor zwei Jahren an einer Depression erkrankt und wir haben seitdem so ziemlich alles mitgemacht, was die Vorstellung sprengt:
    Abschiedsbrief, masochistische martialische Comics, Medikamentversuche ohne damaligen Erfolg, vier klinische Aufenthalte, eine Anzeige wegen Kindeswohlgefährdung von der Schulleitung, permanenter drohender Schulausschluss ohne Alternativen anzubieten, keine direkte Hochbegabung aber einfach kognitiv sehr fit,unglaublich kreativ im Malen, Musizieren, Schauspielern, zum Schluss Achselzucken der sehr bemühten Therapeut*innen: so ein Kind hätte man noch nie erlebt mit diesem Verhalten in diesem Alter, Tendenz Borderline….wir hatten uns sofort Hilfe gesucht, sind selbst Pädagogen und kennen uns fachlich gut aus und haben keine Vorbehalte diverser Psychotherapien etc.Soviel zur Basisinfo.Gemobbt wurde er nicht.

    Selbst am letzten Schultag musste nach 6 Monaten Abstinenz von der Schule (Corona+ Klinik) gefragt werden, ob er denn teilnehmen durfte. Durfte er.

    Ich könnte Bücher schreiben über diese Zeit, die noch nicht vorrüber ist. Ich habe viel erlebt in meinem Leben, unter anderem ein Kind verloren usw.- aber diese Dauerdemütigung meiner / unsere familiären Kompetenzen hat alles übertroffen.

    Das Verhalten von Deiner Tochter erinnert sehr an das unseres Sohnes- und das Schwierigste daran: die Überangepasstheit. Dies soll kein Vorwurf sein, aber ich habe nach einem Jahr letzlich verstanden, dass
    a)ich/ bzw. niemand schuld ist/ war (war der schwierigste Teil…)
    b)das empathische hilfsbereite zurückhaltende Verhalten ihn garantiert in diese Depression geführt hat
    c) Depression sehr unterschiedliche Symptome zeigen kann bei Kindern, die von denen der Erwachsenen stark abweicht (bei ihm Clownerien, provozierendes Verhalten, Aufgedrehtheit, eben alles, um die innere Spannugn abzubauen, oft wird ADHS verkehrt diagnostiziert und des steckt eine Depression dahinter)

    Und da erkenn ich etwas von Deiner Tochter wieder. Ich möchte hier auf keinen Fall diagnostizieren und urteilen, es ist auch wurscht, wie man das Verhalten nun nennt und welchen ICD- 10- Code es nun hat- aber dieser Verhaltenswandel kommt mir bekannt vor. Unser Sohn wurde dann auch auffällig, dass die Lehrerin trotz intensiven Bemühens nicht weiter unterrichten konnte.

    Fazit: unser Handy war täglich von 8-13h online und wir musste ihn sofort abholen, wenn er sich „aufführte“. Das bedeutete vor 230 Kinder aus der Pause holen, vor der Schultür 45 min warten, bis er dann endlich runtergehen konnte etc etc.
    Er wurde beobachtet von externen Personen im Unterricht, seine skurrilen Zeichnungen fotografiert und abgeheftet etc. pp.
    Wir haben immer Verständnis gezeigt, dass eine Lehrkraft ihren Unterricht halten muss und keine Therapeutin ist. Und irgendwann haben wir ihn zuhause gelassen, um Schlimmeres zu verhindern. Danach folgte wieder mal ein Klinikaufenthalt. Unser jüngster Sohn, grad eingeschult 2019 hörte dann Kommentare von Nachbarskindern wie:“ Dein Bruder hängt eh mit 20 über’m Zaun.“
    Ich stellte die morgendlichen Schulwege mit diesen Kindern ein, informierte die sehr betroffenen Eltern.

    Jetzt, nach Abschluss dieser furchtbaren zwei Jahre habe ich Ähnliches von anderen Müttern gehört. Das ganze Schuljahr muss eine einzige pädagogische Katastrophe gewesen sein- für alle Beteilgten. Die Kinder wurden nicht aufgeklärt, was unseren Sohn nun wirklich betraf, oft überlegte ich, offensiv zu agieren und einen Brief mit kurzer Info an die Eltern zu schicken, Schlimmeres konnte ja eigentlich nicht passieren. Mein Mann zögerte daran, im Nachhinein wäre es klug gewesen. Unserem Sohn wurde zum Schluss unterstellt, dass jetzt die gesamte Klasse auffällig sei und viele Depression hätten, was jedoch von Fachleuten nie bestätigt wurde.

    Unser Sohn ist seit 8 Wochen zurück aus der Klinik, wir werden ambulant weiter von seiner alten sehr erfahrenen Therapeutin betreut. Ihm geht es seitem sehr gut, ich mag es gar nicht schreiben….er wirkt gelöst, traut sich zu streiten, gegenzuhalten, seine Meinung zu vertreten und ein Medikament hilft ihm, die sog. „Spitzen“ zu nehmen, es gibt keine Suizidgedanken mehr und emotionalen Stress hält er „gut“ aus.

    Der Schulwechsel kommt hier natürlich in Bayern nach der 4., wir haben uns für ein kleines Privatgymnasium (16 Kinder pro Klasse) entschieden, kein Montessori, kein Waldorf, überall zu grosse Klassen… günstig, nichts Elitäres wie früher einmal, der Schulleiter reagierte einfach positiv auf unsere Darstellungen, die nichts verschönt haben. Er ist die ersten beiden Schuljahre begeistert in den Unterricht gegangen (das war sicherlich auch auffallend), hatte eine fantastische Lehrerin und die Klass e rschien nie negativ. Alle waren froh, dass diese Schuljahr vorbei war.

    Nun in den Ferien lasse ich Einiges revue passieren, Manches ist so schemerzhaft, dass ich es immer noch wegdrücken muss, Manches aber auch verarbeitet.

    Wir haben das Jugendamt mit einbezogen, falls es eine Schulbegleitung geben sollte, aber wir wollen es alle gemeinsam erstmal so probieren, ohne die sofortige Stigmatisierung an der neuen Schule, die auch weiter weg von uns ist, obwohl alle drei Schulzweige direkt vor unserer Haustür liegen, aber mit 30-er Klassen, das traue ich ihm einfach noch nicht zu.

    Verzeih (t) die Länge des Textes, es ist das erste Mal, dasss ich so offen darüber schreibe, aber mir sind soviele Parallelen erschienen zu Deinen Gefühlen, immer alles im Griff haben zu müssen, ruhig zu bleiben, den Überblick zu behalten, die Richtung zu wissen, das eigene Leben nicht aus den Augen zu verlieren, nebenbei noch gut zu arbeiten, und letzlich für die übrigen beiden Geschwister da zu sein….

    Ich habe gelernt, dass ich wirklich nur bedingt Einfluss auf Einiges habe und das auszuhalten ist das Forderndste. Ich/ wir habe/n alles versucht, gegeben, getan,umgesetzt, gewartet, ausgehalten usw. usw. Vieles würde ich nicht nochmal machen, aber wie immer der schöne schlaue blöde Satz heisst: Hätte hätte….genau Fahrradkette.
    Bis heute frage ich mich wozu das alles? Welcher Sinn? Biographisch gewühlt, ja da auch viele Depressive, auch Suizide, trotzdem habe ich mich anders entwickelt, war aber ein Prozess.

    Unser Sohn hat sein Nest bei uns, so empfndet er es wohl auch, er sagt immer: “ Mama, Du kannst nicht alles machen, es reicht wie Du da bist. Ich will nur diese blöden Gedanken weghaben.“ Wie klar, denke ich mir…

    Ich wollte Dir einfach nur mitteilen, dass ich trotz einiger Unterschiede bei unseren Kindern Vieles sehr gut nachempfinden kann.
    Ich finde es mutig von Dir, von diesen sehr intimen Gefühlen zu schreiben. Und es wichtig, die Menschen erfahren keine Aufklärung, wenn ständig psychische Auffälligkeiten ob bei Kindern oder auch Erwachsenen tabuisiert wird….geredet wird sowieso.

    In diesem Sinne bin ich jetzt dank Deiner Äußerung auch mutiger geworden und habe mich dem Thema öffentich gestellt. Ich danke Dir dafür.

    Viele herzliche Grüße,
    A.

  2. Mobbing-Update: So geht es Lilly nach dem Schulwechsel
    Beim Lesen bekomme ich Gänsehaut. Ich wünsche Lilly eine gute Zukunft und die Kraft das Erlebte gut zu verarbeiten und mit Zuversicht in die Zukunft zu gehen.
    Als Kind wurde ich gemobbt und es hat meine Persönlichkeit nachhaltig geprägt. Als meinem Kind dann in der 2.-3. Klasse das gleiche Schicksal widerfuhr habe ich mich irgendwie schuldig gefühlt.
    Eine Mutter, die verzweifelt Kontakt im Viertel sucht und irgendwie zu laut, zu leise, zu aufdringlich, zu schüchtern, zu hübsch, zu ungepflegt, zu dumm oder zu erfolgreich rüberkommt.
    Manchmal denke ich mein Kind ist auch deswegen ein Außenseiter weil ich selbst nicht dazu gehöre. Wenn die Eltern sich mögen dann mögen sich auch die Kinder.
    Und einige wenige auszuschließen stärkt eben auch den Zusammenhalt der Gruppe.
    Andere zu kritisieren ist immer leicht um sich selbst besser zu fühlen.
    Schon schade, dass man nicht einfach nur zusammen SEIN kann…

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