Bodypositivity und Bodyshaming: Dicksein steht für Faulheit, Verlotterung und keine Disziplin

Liebe Celsy, wir folgen dir auf Instagram – dort hast du in den letzten Wochen immer wieder das Thema Bodypositivity thematisiert, weil du findest, dass der Begriff falsch verwendet wird. Erklär das mal etwas genauer. 

Erschaffen wurde die Bodypositivity-Bewegung ursprünglich schon zwischen 1850 und 1890, während der ersten Welle des Feminismus, als Menschen mit Ablegen ihrer Korsetts gegen den Schlankheitswahn aufbegehrten. Die BoPo-Bewegung, auf die wir uns aber beziehen, entstand primär zwischen den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts, als füllige und primär dunkelhäutige Menschen auf den Straßen für die Akzeptanz ihrer Körper demonstrierten.

Das bedeutet, die Bodypositivity, mit der auf Instagram geworben wird, ist eigentlich eine Bewegung dicker, schwarzer Menschen. Was sehen wir unter dem Hashtag allerdings? Lauter dünne, weiße Menschen, die ihre Cellulite in die Kamera halten oder ihren Bauch im Sitzen zusammendrücken und dann von Speckrollen reden. Das ist schlicht falsch.

Denn Bodypositivity bespricht nicht den alltäglichen Struggle, denn jede*r von uns in unserem durchoptimierten Leben hat, sondern beschäftigt sich mit der strukturellen Diskriminierung von Mehrgewichtigen. Das heißt eben auch, dass dünne Menschen in dieser Bewegung eigentlich keinen Platz haben. Sie können gern #selflove, #bodylove oder #stopbodyshaming benutzen. Aber es ist ein entscheidender Unterschied, ob ich mir mal doofe Sprüche anhören muss oder ob ich beim Besuch im Restaurant fürchten muss, dass der Stuhl zu schmal ist.

Du sagst, unsere Gesellschaft ist für dünne Menschen konstruiert.

Absolut! Stühle im Restaurant oder Sitze im Flugzeug sind zu schmal, Trampoline in Indoorparks sind maximal bis 100kg ausgelegt und selbst medizinische Geräte sind nur für normschöne Menschen konstruiert. Ich selbst musste mir während der Krebsdiagnostik immer wieder anhören, dass ein Ultraschall aufgrund meines Gewichts ja auch nur bedingt aussagefähig sei. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen – wir können zum Mond fliegen, Daten rund um die Welt schicken, Sonnensysteme erforschen, aber eine Frau mit (damals) 100kg ist zu dick, um sie medizinisch anständig zu untersuchen.

Dicke Menschen werden aufgrund ihres Aussehens per se verurteilt: Übergewicht gilt in unserer Gesellschaft als Zeichen von Faulheit, von einer gewissen Art der Verlotterung und mangelnder Disziplin. Es gibt Studien, die zeigen, dass dicke Menschen für weniger leistungsfähig, für weniger kompetent und generell für weniger intelligent gehalten werden. Dünne Menschen hingegen werden positiver wahrgenommen. Wenn in Filmen oder Serien das Klischee von dumm, faul und unhygienisch bedient werden soll, was sind die Charaktere meistens? Richtig, sie sind fett.

Das ist es, was ich meine, wenn ich sage: Bei allem Bodyshaming haben dünne Menschen keinen Platz in der Bodypositivity-Bewegung: Weil die Hürden, die dicke Menschen überwinden müssen, viel höher und strukturell verankert sind.

Was wiegst du zurzeit und wie zufrieden bist du mit deinem Körper?

Aktuell wiege ich etwa um die 122kg. Das macht seit meiner Krebserkrankung ein Plus von 12kg innerhalb von nur 1,5 Jahren. Da ich sowohl an einer Schilddrüsenerkrankung als auch einer Stoffwechselstörung leide, ist mein Gewicht die reinste Achterbahnfahrt. 

Natürlich stört mich mein Gewicht. Ich wachse in einer Gesellschaft auf, die mir permanent vermittelt, dass nur dünne Körper gute Körper wären – mein Fell ist beileibe nicht dick genug, um das an mir abprallen zu lassen. Der Bauch dürfte gern etwas flacher, der Hintern knackiger und die Oberschenkel schmaler sein. Aber im Großen und Ganzen lerne ich mich gerade lieben. Neulich schrieb ich auf Instagram darüber: Je liebevoller die Beziehungen um mich herum sind, desto liebevoller bin ich mit mir selbst. Tatsächlich ist auch mein dicker Körper nämlich ziemlich sexy.

Wie war dein Verhältnis zu deinem Körper als Teenager?

Als Teenager habe ich permanent gehadert und eigentlich fand ich mich nie schön. Das lag vor allem aber auch an dem Feedback, das von außen kam: Selbst mit 68kg (und ich bin 1,75m groß) wurde ich wegen meines Gewichts gehänselt. Ich habe von Natur aus das, was man charmant als „weibliche Rundungen“ bezeichnet: Eine große Oberweite und ein breites Becken mit kräftigem Hintern. Meine Taille hingegen ist recht schmal. Bedeutet aber: Auch bei Idealgewicht komme ich nicht auf das 90-60-90-Idealmaß, das uns propagiert wird. Als Teenie war das ein Problem, weil es im Grunde hieß, wer nicht in eine Größe 34 oder 36 passt, ist dick. 

Gibt es in deiner Vergangenheit Momente, in denen du negative Erfahrungen wegen deines Aussehens/Gewicht gemacht hast? 

Frag eher nach den Momenten, in denen ich positive Erfahrungen gemacht habe. Die Antwort fiele kürzer aus.

Tatsächlich ist mein Leben bislang eine Reihe negativer Erfahrungen aufgrund meines Gewichts. Als Teenie war ich wegen großer Oberweite und kräftigem Hintern immer „die Dicke“. Nach dem Abitur sagte mir die Amtsärztin, für die Laufbahn im öffentlichen Dienst müsste ich mindestens 10 Kilogramm abnehmen.

Während der Schwangerschaften wurde ich immerzu ermahnt, niemals weiter zunehmen zu dürfen. (In jeder Schwangerschaft habe ich exakt 9kg zugenommen – meine Kinder waren beide davon schon 4,5kg bzw. fast 4kg schwer.) 

Das simpelste Beispiel aber ist: Ich kann mich nicht mehr dran erinnern, wann ich das letzte Mal in ein Bekleidungsgeschäft gegangen bin und ein Kleidungsstück hat wirklich gepasst.

Von Gewichtsbeschränkungen in Freizeitparks, unbequemen Sesseln in Restaurants und dem Sportunterricht in der Schule fang ich gar nicht erst an.

Du bist vor Kurzem schwer krank gewesen und hast gegen den Krebs gekämpft. Hast sich in dieser Zeit deine Einstellung zum Äußeren verändert?

So skurril das klingt, aber wenn ich mir die Bilder von der Chemotherapie ansehe, staune ich immer wieder, wie schlank ich damals war. Ich bin damals aufgrund der Erkrankung auf 90kg „abgemagert“, ohne etwas dafür tun zu müssen. Und ich staune immer wieder, wie krass anders diese 30kg Gewichtsunterschied aussehen.

Gleichzeitig sehe ich die Glatze und vor allem mein eingefallenes, blasses Gesicht und denke – ich war zwar schlank, aber gesund sah ich eben nicht aus. Vielleicht ist das die Erfahrung, die mich daran am meisten prägt: Schlank sein will ich eben nicht um jeden Preis. Krass war dabei: Selbst während der laufenden Therapie bekam ich Komplimente darüber, dass ich ja nun echt schmal geworden sei. Schon bevor die Krankheit offiziell war, beglückwünschten mich Menschen zu meinem Gewichtsverlust.

Viel erschütternder als das Gewicht war aber der Haarverlust. Ich hab echt mit meiner Weiblichkeit gehadert, als die Haare ausfielen. Seitdem trage ich sie aber kurz – und stelle fest, wie sehr uns unser Bild von Schönheit und unsere Definition von Weiblichkeit anerzogen sind.

Du hast selbst eine kleine Tochter – was möchtest du ihr in Bezug auf ihren Körper mitgeben?

Ich möchte ihr vorleben, was ich viel zu spät gelernt habe: Ihrem Körper zu vertrauen. Dass Gesundheit so viel wichtiger ist als fünf oder zehn Kilo mehr oder weniger. Und dass Sinnlichkeit sich nicht durch die Abwesenheit von Körperfett definiert.

Wir haben den Eindruck, dass gerade die Hochphase der Selbstoptimierung ist. Kaum einer, der nicht gerade Intervallfasten macht oder täglich Online-Workouts. Was hältst du davon?

Grundsätzlich soll das ja erstmal jede*r machen, wie er*sie meint. Mir steht es nicht zu, zu beurteilen, ob das etwas Gutes oder Schlechtes ist.

Generell glaube ich aber, dass die Frage nach den Beweggründen im Mittelpunkt stehen sollte. Geht es mir gut mit dem Intervallfasten? Folge ich einer gewissen Ernährungsweise, weil sie meinem Körper besser tut und die Folgen einer Stoffwechselstörung abschwächt? Dann go for it, lass dich nicht aufhalten!

In meinem Fall, mit der Insulinresistenz, ist eine konsequente Low-Carb-Ernährung bspw. kein Trend und keine Diät, sondern medizinisch erforderlich, wenn ich gesund bleiben möchte. (Ob das gelingt verrate ich euch jetzt nicht, hihi!) 

Helfen tägliche Workouts dabei, meine mentale Gesundheit zu erhalten, weil sie mir helfen, Stress abzubauen und insgesamt zufriedener zu sein? Dann viel Spaß!

Halte ich allerdings Diät oder trainiere ich exzessiv, weil ich einem Schönheitsideal hinterher eifere und meine, dass nur fünf Kilo weniger mich glücklich machen können, würde ich die Motivation schon hinterfragen. Quält es mich, ist es vielleicht nicht unbedingt gut für mich.

Für mich ist der Schlüssel weniger Selbstoptimierung und mehr Lebensqualität.

Inwieweit ist das Thema Bodyshaming immer noch ein Problem, von dem Frauen betroffen sind? Ist Männern ihr Körper egaler als uns Frauen?

Ganz grundsätzlich wird Bodyshaming auch Männern gegenüber betrieben. Der „Bierbauch“ etwa ist etwas, das man exklusiv über Männer sagt. Auch sie werden mit einem Ideal des „perfekten Mannes“ konfrontiert, dem sich nur schwer ausweichen lässt. Meinem Mann geht das beispielsweise auch so, dass er glaubt, erst trainieren zu müssen, um attraktiv zu sein – und er ist wahrlich nicht stark übergewichtig.

Allerdings ist es patriarchale Taktik, dass uns Frauen das Thema mehr zu beschäftigen scheint. Schon seit Hunderten von Jahren wird Frauen quasi anerzogen, sich besonders um ihr Aussehen zu sorgen. Wir sollen vorzeigbar sein, adrett, immer frisch. Dahinter steckt eine ganz perfide Strategie: Je mehr wir Frauen damit beschäftigt sind, uns hübsch zu machen, desto weniger Zeit zum Denken und Demonstrieren haben wir. Frauenzeitschriften mit ihren 1.000 Schönheitstipp sind eine patriarchale Machtstruktur, um Gleichberechtigung zu verhindern.

Was heißt Schönheit für dich und welche drei Frauen findest du besonders schön?

Schönheit hat für mich mittlerweile viel, viel mehr mit der Attitüde und der inneren Einstellung als mit dem Äußeren zu tun. Ich finde auch stark mehrgewichtige Frauen schön, wenn ich sehe, wie selbstbewusst und souverän sie sich selbst darstellen. Ebenso steckt in Schönheit für mich auch viel Beziehung: Je enger ich mit jemandem bin, desto schöner finde ich diese Person.

Die drei Frauen, die ich besonders schön finde, sind:

  • Lotta Frei (@lottafrei), die mich gelehrt hat, dass Sexualität und Sinnlichkeit sich nicht an Kleidergrößen orientieren und ich keine Idealmaße brauche, um lustvoll zu leben. Gerade ihre Dessousfotos auf dem Blog zeigen einen herrlich normalen Frauenkörper, der aber ästhetischer kaum sein könnte.
  • Meine (bald nicht mehr nur) Insta-Freundin Katharina (@jc.noir), meine absolute Style-Ikone! Ehrlich, Katharina ist SO schön! Sie kombiniert ihre Tattoos und Piercings mit einem megacoolen Style-Mix zwischen Alternative und Vintage Chic – und trägt dabei eben auch keine Größe 36.
  • Kinderbuchautorin und Insta-Freundin Jana Heinicke (@janaheinicke), weil ihr Lächeln immer SO strahlt. Auch wenn ich weiß, dass die Zeit für sie aktuell nicht die einfachste ist, bezaubert sie mich immer wieder mit ihrem Lächeln. Gerade bei Jana sehe ich, wie schön Menschen sind, wenn sie das tun, was sie am meisten lieben. Und das gewinnt immer wieder mein Herz.

Auf instagram.com/idealistin_mit_dickkopf und https://www.instagram.com/celsydehnert_wesertexte könnt mehr von Celsy lesen – es lohnt sich!

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3 Kommentare

  1. Hallo zusammen,
    ich sehe das ganze zwiegepalten.
    Der Schönheitswahn in der heutigen Zeit ist erschreckend. Immer dünner sein, Schönheits-OP etc. sind kein guter Trend.
    Allerdings geht das ganze Thema Body Positivity in diesem Fall übers Thema hinaus. Die Frau in eurem Bericht hat ein hichgradiges Adipositas Problem was man leider nicht mehr schön reden kann. Irgendwann werden gesundheitliche Probleme und Einschränkungen kommen. Ich finde dass es kein normales Mittelmaß mehr gibt. Entweder total abgemagerte Models oder das andere extrem mit adipösen Models wie Tess Holiday oder Ashley Graham. Beides ist nicht gesund und auch nicht schön.
    Sportliche Frauen mit Idealgewicht sind in den Magazinen kaum zu sehen.
    Jeder muss im Grunde wissen wie er sich wohl fühlt. Aber mit extrem viel Gewicht auf den Rippen kann man sich nicht mehr wohl fühlen. Das ist meine Meinung. Eine Freundin von mir ist leider auch sehr adipös hat aber leider aufgegeben was an der Situation zu tun.
    Body positivity heisst für mich zum Beispiel zu Narben, Schwangerschaftsstreifen, Muttermale und ganz viele andere Dinge die nicht als „perfekt“ betrachtet werden zu stehen und dass dies auch nach außen hin als völlig okay gesehen wird. Das wichtigste ist die innere Schönheit.
    Liebe Grüße

  2. Liebe Celsy,
    du bist mutig, stark und hübsch und ein Vorbild für uns alle! Ich finde diesen Optimierungswahn extrem bedenklich und möchte meinen Kindern so viel Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein mitgeben, wie ich kann, denn das ist der Schlüssel zu einer gesunden Einstellung zum eigenen Körper. Natürlich ist Gesundheit absolut wichtig, aber genau darauf achten so viele Menschen ja gar nicht-es geht nur ums dünn sein. Ganz ganz traurig. Ich finde es schlimm, wie verzerrt unsere Gesellschaft unseren Körper wahrnimmt und finde keiner darf aufgrund seines Gewichts oder Aussehens diskriminiert werden. Viele nehmen sogar eine ungesunde Lebensweise mit Unterernährung und Mangelerscheinungen in Kauf, nur um dünn zu sein. Ich hoffe sehr, dass sich in dieser Beziehung etwas ändert und danke allen, die sich dafür einsetzen, diesen Optimierungstrend zu bremsen. Dir alles alles Gute, weiter so!

  3. Dicksein ist ein Problem, da wir Zugang zu Lebensmitteln haben, die ungesund sind oder in Massen ungesund sind. Viele können sich einen gesunden Lebensstil aus finanziellen Gründen nicht leisten. Bei diesen Menschen ist das preiswerte Essen die einzige Art sparen zu können, um auch mal etwas Schönes zu erleben. Hinzukommen dann Berufe, die meist im Sitzen getätigt werden und das viele Stunden am Tag. Dann haben viele Personen auch keine große Lust mehr, sich zusätzlich körperlich zu verausgaben.
    Trotzdem ist es so, dass starkes Übergewicht kein Grund ist, es zu feiern. Und ja, ich kann von mir aus sagen, dass ich übergewichtig bin (auf 1,60m 74kg)und nur deshalb, weil ich süchtig nach Zucker bin und keinen Sport treibe. Also habe ich genauso wie unzählig andere auch keine Disziplin bezüglich besseres Essverhalten und sportlicher Aktivitäten. Natürlich gibt es Frauen sowie Männer, die aufgrund von Krankheiten beleibt sind. Jedoch sind es mehr, die sich in dem einen oder anderen Verhalten nicht zurücknehmen können.
    Schlimm finde ich die gesellschaftlichen Vorurteile. Sie seien ungepflegt und im Allgemeinen undiszipliniert. Die herabwürdigende Blicke und Sprüche, nur weil man nicht der Norm entspricht. Oder das Oberflächliche generell.
    Wie schon im Text angesprochen, betrifft das im Grunde alle. Zu dick, zu dünn, zu groß, zu klein, kleine Brüste, flacher Hintern, große Brüste, dicker Hintern. Haarfarbe nicht ansprechend genug, Nase zu groß, Haut mit Fältchen.
    Frauen konkurrieren miteinander, um Blicke von anderen zu erhaschen. Und ja, auch von dem Geschlecht, zu dem sie sich hingezogen fühlen. Wer sagt, er möchte für sich selbst schön sein, verschleiert eine Wahrheit. Es ist doch so, dass jeder es mag, Komplimente zu bekommen, sei es mit Worten oder Blicken.

    Ich finde, dass in Bezug auf das Aussehen eine Akzeptanz gelebt werden sollte. Ich bestreite nicht, dass ich Pflege als wichtig erachte. Das ist etwas, was machbar ist. Aber Gewichtsklassen aller Art sollten akzeptiert werden, denn der Mensch trägt eh schon seine eigene Bürde, die erdrückend sein kann. Da brauchen wir uns nicht zusätzlich gegenseitig das Leben schwer machen.

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