Interviews

22/10/2018 - 07:15

Stadt-Mama Katharina

So ist es, wenn der neue Freund mit seiner alten Familie das Nestmodell lebt

Ihr Lieben, wir haben hier ja neulich ein Interview mit Valerie geführt, die mit ihrem Ex das Nestmodell lebt. Das heißt: Die Kinder blieben nach der Trennung in ihrer gewohnten Umgebung, die Eltern pendelten. HIER ist das ganze Interview. Daraufhin meldete sich Maria bei uns. Sie ist seit einem halben Jahr mit einem Mann zusammen, der mit seiner Ex ebenfalls das Nestmodell lebt. Dass das aber für eine neue Partnerin nicht immer einfach ist, hat sie uns im Interview erzählt: 
 
Liebe Maria, Du lebst in einer unkonventionellen Familiensituation. Erzähl erstmal ein bisschen was zu Eurem Hintergrund.  
 
Ich bin Maria, gerade noch so 33 Jahre alt und Inhaberin einer ergotherapeutischen Praxis. Ich habe drei Kinder, 9, 4 und 1 Jahr alt. Seit mein kleinstes Kind 12 Tage alt ist, bin ich alleinerziehend - dazu möchte ich sagen, dass nicht ich die Trennung beschlossen habe, also unfreiwillig alleine bin. Als ich mit dem dritten Kind schwanger wurde, war unser Leben gerade nicht einfach - natürlich wird sie heute trotzdem von allen heiß geliebt.
Ich lebe mit meinen drei Kindern in einer Stadtwohnung. Der Vater der Kinder ist 39 Jahre alt und kann aufgrund einer seelischen Erkrankung keiner beruflichen Tätigkeit nachgehen. Er betreut die Kinder alle 14 Tage von Freitag Abend bis Sonntag Nachmittag und manchmal auch stundenweise unter der Woche. Wir haben ein sehr gutes Verhältnis, ich verstehe mich auch mit seiner neuen Partnerin gut. Sie ist ein liebenswerter Mensch und tut meinem Exmann und auch den Kindern gut. Ich bin dankbar, dass sie da ist und sie gehört tatsächlich schon ein Stück weit zur Familie. 
 
Meine (Ex)Schwiegermutter hilft nach Leibeskräften. Zum Glück für uns alle ist sie schon im Ruhestand und noch sehr fit. So ist sie oft meine größte Stütze in diesem (Über)Lebensprojekt. Ich werde oft gefragt, warum ich mich mit meinem Exmann und seiner Mutter noch so gut verstehe. Nun, wir haben 15 Jahre lang eine Beziehung geführt und ich bin mit ihm erwachsen geworden. Ja, die Trennung war nicht einvernehmlich. Und sie hat mich umgehauen. Aber ich konnte realtiv schnell sehen, dass da eine Menge in der Vergangenheit ist, für das ich dankbar sein kann. Und ich war auch dankbar, dass ER eine Entscheidung getroffen hat, die ich hätte längst treffen müssen. Durch die Trennung habe ich nochmal die Chance, auf die RESET-Taste zu drücken. 
 
Die Trennung selbst verlief gut. Wir streiten uns nicht um die Kinder, er lässt mir freie Hand und bemüht sich nach seinen ihm gegebenen Möglichkeiten. Ich bin sehr froh darüber. Das Leben ist anstrengend genug! Auch und vor allem für die Kinder.
 
Seit einem halben Jahr  bin ich mit einem wunderbaren Mann zusammen. Ich habe mich noch einmal richtig verliebt. Mit allem Drum und Dran. Gefühlschaos und Schmetterlinge. Es ist wunderbar! Er ist auch 33 Jahre alt, Unternehmer und Papa zweier toller Kinder im Alter von sechs und zwei Jahren. Leider wohnt er nicht direkt in der Nähe, sondern 75 Minuten Autofahrt entfernt. Das macht es zwar nicht furchtbar kompliziert, aber unter gegebenen Umständen auch nicht sonderlich einfach.
 
Dein neuer Partner lebt ja mit seiner Ex das Nestmodell - wie genau läuft das ab? 
 
Mein Partner ist seit einem Jahr von der Mutter seiner Kinder getrennt. Auch er ist, so wie ich, noch verheiratet. Die Kinder leben im gemeinschaftlichen Haus und die Eltern pendeln. Beide haben zusätzlich zum Haus eine eigene Wohnung. Mein Freund kümmert sich von Sonntag Mittag bis Donnerstag Morgen um die Kinder, seine Ex von Donnerstag Nachmittag bis Sonntag Mittag. Sie versuchen auch, viele Dinge noch zusammen zu erleben. Geburtstage, Ausflüge am Sonntag und andere Familienverpflichtungen, um den Kindern so viel wie möglich 'Normalität' und Familienleben zu ermöglichen.
 
Für mich heißt das, dass wir praktisch eine eingeschränkte Wochenendbeziehung führen. Eingeschränkt, weil das Leben meines Partners aufgrund seines Jobs sehr aufwändig ist und die Wochenenden wegen der Familie auch nicht zu hundert Prozent frei sind.
 
Wie geht es Dir mit dem aktuellen Zustand? Würdest Du Deinen Partner gerne mehr sehen?
 
Für mich ist es aktuell kein wirkliches Problem, wenn er bei seinen Kindern ist. Ich habe hier selbst ein aufwändiges Leben und meine Tage sind voll. Wir haben uns so kennen gelernt und es war von Anfang an klar, dass wir vorerst eine Beziehung in eingeschränktem zeitlichen Rahmen führen würden. Das hat nicht nur Nachteile - es bringt auch ihm und mir Freiräume. Jeder lebt ein Stück weit sein Leben und dann hat man eben gemeinsame Zeit. 
 
Wir haben täglich Kontakt, so wissen wir immer, was der andere den Tag über so macht und wie es dem anderen geht. Das ist ok, fürs Herz manchmal aber auch zu wenig. Manchmal stört es mich, dass wir nicht alle zusammen sind - sondern seine Familie dort ist und meine hier - es sind wie zwei Parallelwelten. Aber gut, wir wussten vorher wie es sein würde und versuchen nun, damit klar zu kommen. 
 
Wie ist das Verhältnis zwischen Dir und der Ex Deines Partners und den gemeinsamen Kindern?
 
Das ist eine schwierig zu beantwortende Frage. Das 'Zusammenkommen' beginnt hier erst. Aktuell ist es für seine Ex noch recht schwierig. Auch dort war die Trennung von ihm eingeleitet worden. Entsprechend angespannt ist die Situation, was mich als seine neue Partnerin betrifft. Ein erstes kurzes Kennenlernen hat statt gefunden. Wie es weiter gehen wird ist nicht abzusehen. Mein Harmoniezentrum hofft natürlich auf eine positive Entwicklung.
 
Ein erster gemeinsamer Urlaub mit meinem Partner und allen Kindern zusammen war eine tolle Erfahrung. Es hatte was von 'plötzlich Großfamilie' und ich finde, wir haben das erstaunlich gut gemeistert. Bei mir hat es Lust auf mehr geweckt. Ich mochte seine Kinder auf Anhieb! Ein bisschen traurig macht mich der Gedanke, dass wir durch das Nestmodell auch in der Zukunft vielleicht nie eine richtige Patchworkfamilie sein werden.
 
Was ist für Dich die größte Herausforderung, mit dem Nestmodell zu leben?
 
Die Kinder sind ein sehr wichtiger Teil meines Partners. Er liebt sie abgöttisch und der größte Platz in ihm gilt natürlich ihnen. Schwierig ist für mich, dass man durch die Gegebenheiten, die das Nestmodell mit sich bringt, immer außen vor ist und sein wird. Man weiß, dass das Innenleben des Partners zu einem großen Teil aus seinen Kindern besteht und wird von diesem wichtigen Teil seines Lebens aber maximal ausgegrenzt. Ich hoffe, ich kann mit meinen Worten verständlich machen, was das für mich bedeutet.
Meine Hauptaufgabe in diesem Prozess wird also vorerst Abgrenzung und Akzeptanz sein.
 
Seit einer Weile ist klar, dass wir in absehbarer Zukunft zusammen ziehen werden. Klar ist auch, dass ich hierbei nur einen 'halben Mann' bekomme. Donnerstag Abend bis Sonntag Mittag. Ohne seine Kinder. Durch das Nestmodell werde ich den Kontakt nie wirklich haben, beziehungsweise nur ganz sporadisch zu diversen Familienfeiern zum Beispiel.
 
Wenn Du dir eine Veränderung wünschen könntest, was wäre das?
 
Ich wünsche mir eigentlich nicht unbedingt eine Veränderung. Ich finde, das steht mir nicht zu. Mein Freund und seine Ex haben eine Entscheidung für ihre Kinder getroffen und ich komme neu in dieses Leben hinein. Ich wünsche mir viel eher, dass ich immer genug Akzeptanz in mir habe, dass ich der Sache den Raum geben kann, die sie braucht und dabei keinen Ärger über Dinge empfinde, die man eben nicht ändern kann.
Dass ich genug Toleranz und Frieden in mir habe, um auch mit einem unkonventionellen Lebensweg glücklich zu sein. Und für die Zukunft wünsche ich mir, dass ich auch an seiner Familie ein Stück weit Anteil nehmen kann. Ich würde mir wünschen, dass sich das Verhältnis zur Mutter seiner Kinder irgendwann so entwickelt, dass man Sonntagsausflüge zum Beispiel gemeinsam erleben kann. Eine besonders schöne Vorstellung ist, dass dann wirklich alle zusammen wandern gehen. Auch der Papa meiner Kinder mit seiner neuen Lebensgefährtin. Das fänden meine Kinder bestimmt auch ganz toll.
 

 

Tags: Leben, Liebe, Kinder, Familie, Erziehung, Beziehung, Trennung

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Kommentare

Anna — Mo, 10/22/2018 - 09:00

Ich finde es ganz toll, wieviel Weitsicht, Vernunft und Rücksicht (vor allem auf die Kinder) alle hier genannten beteiligten Personen haben! Als Trennungskind mit sehr negativen Erfahrungen und Eltern mit sehr egoistischen Trennungs-Sichtweisen hätte ich mir dies damals sehr gewünscht!!

Stephanie — Mo, 10/22/2018 - 09:30

Liebe Maria, Du hast meinen tiefen Respekt vor so viel Toleranz und Akzeptanz allen Parteien gegenüber. Wenn viele nur ein ganz bißchen davon hätten, wäre vielen Patchworkfamilien echt geholfen.

Sarah — Mo, 10/22/2018 - 14:45

Ich habe großen Respekt vor allen Eltern in dieser Trennungssituation. Hier steht wirklich das Wohl der Kinder im Vordergrund und genauso sollte es sein. Es ist schön wie wohlwollend und postiv du über deinen Ex-Partner sprichst. Das ist, besonders wenn die Beziehung nicht einvernehmlich beendet wurde, nicht selbstverständlich. Es gibt nichts schlimmeres, als wenn Eltern abwertend über den getrennten Partner sprechen und damit auch immer die Gefühle ihrer KInder verletzen und sie so in einen inneren Zwiespalt bringen. Ich könnte mir vorstellen, dass sich die Beziehung zwischen dir und der Ex-Frau deines neuen Partners automatisch bessert sobald sie selbst auch eine neue Beziehung führt. Ich fand den Artikel sehr interessant, weil bisher bei dem Nestmodell noch nie über die Situation der neuen Partner nachgedacht habe.

Kay — Do, 10/25/2018 - 22:45

Wie läuft sowas dann eigentlich bei Familienfesten, z.B. 80. Geburtstag der Oma, Erstkommunion, eigener runder Geburtstag o.ä.? Kommt dann das getrennte Ehepaar mit seinen Kindern als Kernfamilie und die neuen Partner bleiben außen vor? Kommt jeder mit neuem Partner (sofern vorhanden) und die Kinder bringt der mit, der sie gerade hütet? Eventuell sind dann auch die Kinder des Partners im Schlepp, weil gerade Familienwochenende ist? Oma wird das schon verstehen, wenn die Enkelin ihre Kinder, ihren Exmann, dessen neue Partnerin und deren Kinder mitbringt? Eventuell ist mein Familienleben so konventionell, dass mein Kopf da nicht ganz mitdenken kann. Als Trennungskind fand in Familienfeste SEHR anstrengend. Vater hat neue Partnerin, Mutter nicht. Das war nie rund

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