Interviews

13/09/2018 - 06:45

Stadt-Mama Katharina

Nestmodell nach Trennung: "Unsere Kinder haben ein festes Zuhause, wir Eltern pendeln"

Liebe Valerie, Du hast Dich erst vor kurzem von Deinem Partner getrennt - Ihr habt drei gemeinsame Kinder. Wir haben hier ja neulich über das Wechselmodell berichtet, Ihr habt Euch für das Nest-Modell entschieden. Beschreib doch mal, wie das genau aussieht.

Bei dem Nestmodell ist es so, dass die Kinder zu Hause „im Nest“ bleiben dürfen und die Eltern pendeln. Wir machen die Aufteilung allerdings nicht 50/50. Ich bin unter der Woche etwas mehr bei den Kindern zu Hause, am Wochenende wechseln wir uns ab. Uns als Eltern war es wichtig, dass die Tage fest sind, so dass die Kinder sich darauf einstellen können und immer wissen, wer an welchem Tag da ist.

Wo bist Du bzw. Dein Ex, wenn Ihr nicht mit den Kindern seid?

Es gibt Eltern, die sich beim Nestmodell abwechselnd eine Zweitwohnung teilen – das heißt, es gibt die Wohnung mit den Kindern und dann eben noch eine Wohnung, in der man abwechselnd lebt, wenn man nicht bei den Kindern ist.

Wir machen das nicht so, wir haben jeder eine eigene kleine Bleibe. Wir haben ja nach wie vor viel Kontakt wegen der Kinder und wegen des "gemeinsamen Haushalts" in der Nestwohnung - da wollten wir nicht noch einen weiteren gemeinsamen Haushalt. Ein eigener Rückzugsort war uns wichtig.

Warum kam das Wechselmodell für Euch nicht in Frage?

Ich kenne einige Familien, in denen das Wechselmodell gelebt wird. Die Kinder haben darunter gelitten. Oft fehlte ihnen etwas, das in der anderen Wohnung war oder ein Elternteil zog weiter weg und den Kindern fehlten dort die sozialen Kontakte. Außerdem ist das Wechselmodell bei drei Kindern ein ziemlicher Organisations- und Kraftakt, ständig muss ja alles hin und hergeschleppt werden.

Das wollten wir unseren Kindern ersparen, wir wollten ihnen die gewohnte Umgebung bewahren. Es ist auch einfach praktischer: Alle Freunde leben nahe der Nestwohnung und die Großen können viele Wege auch schon alleine bewältigen, weil z. B. Hobbies um die Ecke sind. Wir konnten uns schnell auf das Nestmodell einigen, weil wir hoffen, dass es den Kindern die Trennung der Eltern erleichtert. Außerdem gehört uns die Nestwohnung.

Wie haben Eure Kinder reagiert, als Ihr ihnen gesagt, habt, wie Ihr in Zukunft leben werdet?

Unsere Kinder sind 12, 9 und 5 Jahre alt. Der jüngste Spross kommt nächstes Jahr in die Schule. Es ist bisher tatsächlich so, dass sich für sie gar nicht sooo viel verändert und sie sehr froh über unsere Lösung sind und uns das auch so sagen. Sie waren erleichtert, dass sie nicht pendeln müssen.

Ich spreche viel und möglichst offen mit meinen Kindern und sie kennen auch die Wohnungen von ihrem Papa und mir, damit sie eine Vorstellung davon haben, wo wir sind, wenn der andere Elternteil bei ihnen ist und sie sich keine Gedanken machen müssen.

Wie waren die Reaktionen Eures Umfeldes?

Die Reaktionen von Freunden waren sehr unterschiedlich. Die meisten kannten das Modell nicht. Einige waren ganz begeistert, andere eher skeptisch. Meine Mutter fand die Idee gut, mein Vater befremdlich. Verurteilt hat sie aber niemand. Wir leben ja in Berlin und da gibt es so viele unterschiedliche Menschen und Lebensweisen und unsere Freunde sind eigentlich auch alle tolerant und offen.

Wie war es für Dich, das erste Mal „auszuziehen“?

Das erste Mal auszuziehen war schon komisch. Und es fällt mir auch immer noch schwer. Insbesondere der Abschied vom Jüngsten, der noch nicht komplett versteht, warum die Mama geht. Leichter ist es, wenn die Kinder aus der Schule und der Kita direkt vom Papa abgeholt werden. 

Wie viel Kontakt besteht in der Zeit, in der Du nicht mit den Kindern zusammen bist?

Die Große meldet sich auch mal per Whatsapp und mit dem Papa der Kinder sind Absprachen relativ unkompliziert möglich, wenn mal etwas sein sollte. Ich bin maximal drei Nächte ohne die Kinder, da haben wir nicht unbedingt Kontakt. Ich finde es auch gut, wenn sie sich in der Zeit auf ihren Papa einstellen.

Wie nutzt Du die kinderlose Zeit für Dich?

Bisher war ich noch recht viel mit Organisation und dem Einrichten der Wohnung beschäftigt. Trotz geringem Budget soll es gemütlich und schön werden und ich habe sehr viel Spaß am Einrichten! Mit Kindern muss ja einiges praktisch sein oder man behält das olle Sofa, weil durch die Kinder ja doch ständig neue Flecken dazu kommen. Aber für sich alleine kann man ganz andere Ideen umsetzen.

In der freien Zeit treffe ich mich mit Freunden, gehe ins Theater, Kino, zu Veranstaltungen. Aber ich genieße auch sehr, sehr, sehr die Zeit alleine, beginne ein Instrument zu lernen und komme mal zum LESEN! Ich gebe zu: Es ist auch eine tolle Zeit für mich, nach jahrelanger Verantwortung für fast alles, was die Kinder betraf. Jetzt habe ich jedes zweite Wochenende für mich und komme zur Ruhe. Es geht mir damit sehr gut.

Was wünscht Du Dir für die Zukunft?

Für die Zukunft wünsche ich mir, dass wir Eltern eine gute Kommunikation haben/behalten werden und dass wir im Dialog mit unseren Kinder und je nach Lebenssituation die aktuell beste Lösung finden und entsprechend flexibel sein werden. Nichts ist in Stein gemeißelt.

Wir sind uns darüber im Klaren, dass unser „Nestmodell“ auch scheitern könnte. Auf jeden Fall bin ich seit der Trennung (es war ein sehr langer schwieriger Prozess, der sich aber gelohnt hat!) eine vielfach glücklichere Frau und weiß, dass ich vieles schaffen kann und auch zukünftige Hürden wuppen werde. 

---ZUM WEITERLESEN: 

So leben wir seit sechs Jahren das Wechselmodell

Uns hat das Wechselmodell fast in den Wahnsinn getrieben 

 

Tags: Trennung, Wechselmodell, Nestmodell, Liebe, Ehe, Kinder

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Kommentare

anja — Fr, 09/14/2018 - 11:38

das modell klingt sehr schön, ich stelle es mir aber sehr schwierig vor, gleich 3 wohnungen zu finanzieren. die nestwohnung, eine wohnung für den vater allein und eine wohnung für die mutter allein. für die meisten familien wird das nestmodell aus finanziellen gründen keine option sein, was eigentlich sehr schade ist. denn für die kinder ist das nestmodell bestimmt schön und einfacher als das wechsel modell.

Ricarda — Do, 09/27/2018 - 20:06

Wir machen das seit sechs Jahren und es läuft sehr gut. Wir zahlen für zwei kleine und die Familienwohnung so viel, wie uns zwei "familiengerechte" Wohnungen kosten würden. Das Nestmodell verlangt einem natürlich viel ab: Toleranz, Geduld, Nachsicht. Aber das finde ich eigentlich gerade gut. Für unsere Kinder ist es super. Alles Gute weiterhin!

Valerie — Mo, 10/01/2018 - 12:29

Hallo Ricarda, genau so ist es, zwei kleine Wohnungen sind im Endeffekt genauso teuer, das haben wir auch schon festgestellt. Wie viele Kinder habt Ihr denn und wie alt sind sie? Hättest Du vielleicht Lust, mir ein paar Fragen zu beantworten für Aspekte, bei denen ich noch etwas unsicher bin? Danke und herzliche Grüße, Valerie

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