Im Nestmodell kracht es – wie Nathalie versucht, die Familie zusammen zu halten

Liebe Nathalie, Du lebst im Nestmodell. Wie lange seid ihr schon getrennt und wie schnell war klar, dass ihr dieses Modell leben werdet?

Wir sind vor 24 Jahren zusammen gekommen, haben uns aber schon vor fast 10 Jahren getrennt. Wir haben sehr lange als FamilienWG zusammen gelebt. Im 1. Lockdown haben wir beschlossen, dass es nun Zeit ist, sich räumlich zu verändern. Seitdem leben wir mit vier Kindern (18,16,14,11) das Nestmodell.

Wie sind die Kinder mit der Trennung umgegangen und wie finden sie das Nestmodell?

Die Töchter besser als die Söhne. Meine Söhne hatten sehr viel Männerloyalität zum verlassenen Vater und haben mich zeitweise abgelehnt. Die Entscheidung für das Nestmodell haben wir auf Elternebene beschlossen, die Kinder immer offen über unsere Entscheidungen informiert und die haben es dann akzeptiert. Ich denke, es hat sie als Geschwister zusammen wachsen lassen.

Ich empfinde unsere Kinder als sehr selbstbewusst und zufrieden, sie haben Hobbys, Freunde, kleine Jobs, sind gut in der Schule. Und doch gehen sie mit unserem Nestmodell nicht ganz offen um. Das liegt sicher daran, dass wir in einer gutbürgerlichen, mittelgroßen Stadt leben, in der man nicht so gerne auffällt. Ich glaube, wir sind ihnen manchmal etwas peinlich, weil es bei uns eben anders abläuft, als es vielleicht üblich ist.

Ich hoffe, sie verstehen irgendwann, dass wir immer unser Bestes gegeben haben und uns einfach nicht vorstellen konnten, unsere Entscheidung, kein Paar mehr zu sein, auf die Kinder abzuwälzen.

Wie läuft das ganz praktisch ab? Wer ist wann wo?

Die Eltern wechseln 2x pro Woche, immer Mittwochsmittags und Sonntagsabends. Das Wochenende ist abwechselnd. Also sieht meine Woche so aus: Montag, Dienstag, Mittwoch bin bei meinem Freund, Mittwochabend bis Freitag im Nest. Wenn ich Nestwochenende habe, bleibe ich da, sonst gehe ich zu meinem Freund.

Nest ist unser gemeinsames Haus, das mein Mann und ich uns vor 16 Jahren gekauft haben. Wenn ich im Nest bin, lebt mein Mann mietfrei in einer Einliegerwohnung im Haus meiner Eltern.

Was findest du das Beste und das Schwerste an diesem Modell?

Das Beste ist ganz klar, dass die Kinder in ihrem gewohnten Umfeld bleiben können und nicht ständig zwischen Papas und Mamas Wohnung wechseln müssen.

Das Schwerste: Ich bin nirgends lang genug, um anzukommen. Ich weiß nun, was Wechselmodell-Kinder fühlen müssen…Das nimmt mich manchmal richtig emotional mit. Ich habe schon geheult, weil ich an einem Wohnort meine Lieblingsstrickjacke vergessen hatte…

Nun hast du uns ja gesagt, dass es aktuell nicht ganz rund läuft. Was ist gerade los?

Nun muss man dazu sagen, dass ich seit der Trennung eigentlich nie Anerkennung von meinem Ex bekommen habe, wie sehr ich mich um eine gute Elternschaft bemühe. Ich habe ihn damals verlassen und seitdem scheint er alles gefühlskalt auszuhalten. Er gibt mir schon zu verstehen, dass er so wenig wie möglich mit mir zu tun haben will – was beim Nestmodell natürlich schwer ist.

Leider hat sich nun auch eingeschlichen, dass ich mich wesentlich mehr im Haushalt engagiere als er. Ich putze, wasche, mache oft den gesamten Einkauf, den ganzen Kinder-Orgakram. Er schüttet sich über alle Maße mit seiner Arbeit zu… Er macht auch immer wieder komische Andeutungen, die mir Angst machen. Dabei geht es ums Geld.

Das Haus gehört zwar uns beiden, es wurde aber komplett aus seinem Erbe bezahlt,  d.h. ich müsste ihm eine große Summe bezahlen, die ich aber nur bezahlen kann, wenn ich das Haus meiner Eltern erbe. Meine Eltern haben sich aber sehr mit meinem Ex solidarisiert – seit ich eine neue Beziehung habe, noch viel mehr….

Er lässt mich seit über 9 Jahren meine moralische Schuld spüren – deshalb ist mir auch im Sommer der Kragen geplatzt. Ich habe nun gebeten, dass wir uns von außen beraten lassen. Zum Glück hat er dem zugestimmt…

Wie würdest sonst noch die Beziehung zu deinem Ex beschreiben?

Wir waren und sind uns immer ziemlich einig, wenn es um Erziehungsfragen geht. Das macht mich glücklich, das funktioniert wirklich gut.

Leider wirft er mir eben immer noch die Trennung vor, will auch meinen Freund nicht kennen lernen.

Wie geht es dir in der Zeit, in der du nicht im Nest bist?

Ich weiß unsere Kinder sehr gut versorgt. Ich würde nie einen anderen Papa für die Kinder wollen. Er ist super mit ihnen. Ich habe dann auch keine große Sehnsucht nach den Kids, weil es ihnen gut geht.

Vor ein paar Monaten ist allerdings der 13-jährige Sohn meines Freunden nach einem heftigen Streit mit der Kindesmutter bei meinem Freund eingezogen. Das ist schon eine Belastung für mich und auch für unsere Beziehung.

Wenn du eine Sache verändern könntest, was wäre das dann?

Dass mein Ex sich wieder verliebt, dadurch glücklicher und sanfter wird. Wir feiern dann ALLE gemeinsam Weihnachten. Ich würde mir ausserdem mehr Gerechtigkeit von meinen Eltern wünschen und dass die Beziehung zu meinem Freund hält.

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1 comment

  1. Liebe Nathalie,
    Du kannst stolz auf dich sein, dass die Erziehung und Betreuung eurer Kinder so gut funktioniert!
    Ich sehe in dem Artikel, dass du viel zu kurz kommst! Die Wohnsituation solltest du überdenken, da du damit eine große Abhängigkeit hast.
    Trotz Wechsel bleiben viele Aufgaben bei dir, das ist so nicht gedacht. Suche ein Gespräch und mache klar, welche Aufgaben bei dem Wechsel übergeben werden, Wäsche, Einkauf, putzen etc.
    Zudem würde ich dir raten Hilfe bei einer Beratung oder einem Anwalt zu Suchen, da die Drohung der Finanzen deinesMannes so nicht stimmt! Du hast einen Zugewinn in der Ehe erarbeitet, der als Rente und Eigentumsleistung berechenbar und bezahlt werden muss. Vielmehr sehe ich, dass dein Ex-Mann noch nicht eine große Rechnung bei dir zu bezahlen hat.
    Liebe Grüße und etwas mehr Ruhe für Dich

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