Steffi Ewald: Mein Leben zwischen Kita, Schule, Friedhof und Chemo

Ihr Lieben, das Besondere an diesem Blog ist, dass wir so viele unterschiedliche Frauen, Mütter, Familien und Lebensweisen kennen lernen dürfen. Alle Geschichten, die wir hier erzählen, sind mitten aus dem Leben – einige machen Mut, andere sollen aufklären und andere machen uns sehr traurig. Das Schicksal von Steffis Familie berührt uns ganz besonders. Wir haben hier schon mehrere Beiträge veröffentlicht, das erste Mal im November 2010, als Stefanie uns von dem seltenen Gendefekt erzählte, der für die vielen Krebserkrankungen in der Familie verantwortlich ist (HIER gehts zum Beitrag). Kurz darauf ist der 10-jährige Jonas verstorben (HIER der Beitrag dazu) und auch Vater Basti trat die letzte Reise an. Im Februar wurde dann bei Steffi Brustkrebs festgestellt (HIER nachzulesen), momentan bekommt sie Chemotherapie. Bei uns erzählt sie nun, wie es ihr geht.

Liebe Stefanie, du steckst derzeit mitten in der Chemotherapie. Wie geht es dir?

Ja, ich habe nun 9 von 16 Chemotherapien hinter mir, einmal musste ich schon aussetzen wegen zu schlechter Blutwerte. Daher bekomme ich nun immer Leukozyten-Spritzen. Meine Haare fangen ganz leicht wieder an zu wachsen, wie ein kleiner Flaum. Dafür sind meine Augenbrauen und Wimpern nun nahezu komplett ausgefallen. Es ist schon eine sehr große optische Veränderung – und auch innerlich verändert die Krankheit.

Nächste Woche Dienstag habe ich wieder eine Sonographie zur Tumor- Verlaufskontrolle, um zu sehen, wie der Tumor nun unter der geänderten Therapie anspricht. Inzwischen sind die Nebenwirkungen leider heftiger. Ich hatte letzte Woche mit Übelkeit und Erbrechen zu kämpfen und vor allem am Tag der Chemo bin ich unglaublich müde, mir ist schwummerig und ich habe Knochenschmerzen und Hitzewallungen.

Aber bisher habe ich es noch jeden Tag geschafft, wieder auf die Beine zu kommen und den Alltag mit meinen Mädels zu meistern. Zum Glück habe ich aber auch Unterstützung.

Wer hilft dir momentan?

Mein Vater kommt nun die Hälfte der Woche zu uns und die anderen Tage wechseln sich Freunde und Patentanten der Kinder ab, so dass immer jemand bei uns ist und nach uns schaut. Freunde kochen Essen vor, helfen im Haushalt, nehmen sich die Kids mal zum Spielen, lenken uns ab. Dafür bin ich sehr dankbar.

Vor fünf Monaten ist dein Sohn Jonas gestorben, vor drei Monaten dein Mann Basti. Woher nimmst du die Kraft, nun selbst gegen den Krebs zu kämpfen.

Der Krebs hat mir leider meine halbe Familie genommen und ich werde alles dafür tun, dass er den Mädels nach ihrem Papa und Bruder nicht auch noch viel zu früh ihre Mutter nimmt. Auch wenn ich selbst manchmal zwischen großer Sehnsucht, wieder bei den Männern zu sein und Kampfgeist, bei den Mädchen hier auf Erden bleiben zu können, schwanke.

Wie gehen die Mädchen mit der Situation um? Äußern sie ihre Angst, dich zu verlieren?

Neele weiß, dass auch ihre Oma, meine Mutter, früh an Brustkrebs gestorben ist. Da war ich 18 Jahre alt. Sie malt mir täglich Bilder mit Botschaften, dass sie mich nicht verlieren möchte. Sie selbst musste nach einem im MRT auffälligeren Befund in ihrem Unterschenkel (ein Bereich hatte Kontrastmittel aufgenommen) erneut letzten Freitag zur Sonographie- Kontrolle, wo sich die Läsion aber zum Glück nicht mehr darstellen ließ.

Sie konnte während der Corona-Zeit ihre Kunst-Therapie fortsetzen und hat letzte Woche nun noch mit einer Reittherapie begonnen. Dort sind nur Kinder, die jemanden durch Tod verloren haben. Neele hatte sich sehr gewünscht, andere Kinder kennenzulernen, die auch jemanden im Himmel haben.

Wie hat die Corona-Krise eure Situation beeinflusst?

Durch die Corona Zeit- und die damit einhergehenden Beschränkungen, die ja direkt nach der Beerdigung von Basti am 13.03.20 losgingen, gab es wochenlang keine Trauer-Begleitung und generell ja nur sehr eingeschränkte Kontakte. Das hat die Kinder schon sehr belastet.

Seit Montag hat Neele nun für die letzten drei Wochen bis zu Beginn der Sommerferien in Schleswig-Holstein wieder mit ihrer ganzen Klasse Unterricht. Für Neele ist es auf jeden Fall eine Erleichterung, wieder andere Kinder sehen zu dürfen.

Für mich ist es allerdings sehr hart, nun morgens ein Kind zur Schule und eins in den Kindergarten zu bringen – und danach das fehlendes Kind auf dem Friedhof zu besuchen. Schule, Kindergarten und Friedhof liegen alle 500 Meter auseinander.

Basti und Jonas fehlen euch ständig….

Ja, wir denken jeden Tag an unsere beiden Männer, sprechen viel von ihnen, erinnern uns. Wir versuchen uns aber gleichzeitig auch abzulenken, was zu unternehmen, wieder raus zu kommen. Dann ist es aber schwer, wenn wir abends wieder nach Hause kommen und keiner wartet auf uns…

Wir drei Mädels schlafen zur Zeit noch zusammen in einem Bett – das brauchen wir einfach. Lenja sucht abends am Fenster immer den Mond und sagt Papa und Jonas dann gute Nacht – denn wir haben ihr gesagt, dass die beiden nun ganz weit oben im Himmel beim Mond wohnen.

Wenn Lenja ein Eis isst sagt sie: „Papa auch Eis“ – weil wir immer Eis gegessen haben, wenn wir Basti in den letzten Wochen vor seinem Tod auf der Palliativ-Station besucht haben. Wir gucken oft Fotos an und schauen Videos, um ihre Stimmen zu hören.

Was tust du, wenn die Trauer zu mächtig wird?

Manchmal ist die Trauer und Sehnsucht wirklich unerträglich. Da hilft nur, dass ich mir einzurede, dass die beiden sich haben und dass sie nun schmerzfrei an einem guten, vielleicht sogar besseren Ort sind..

Und dass sie sich gewünscht hätten, dass wir weiterleben und noch vieles für sie miterleben. Das ist auch der Gedanke, der mich am Leben hält. Ich habe den Jungs versprochen, mich so lange wie möglich um die Mädels zu kümmern und ihnen ein schönes Leben zu ermöglichen. Die Mädchen haben leider keine unbeschwerte Kindheit, aber ich hoffe, dass ich ihnen so viel Liebe und Stärke mitzugeben kann, dass diese sie durch ihr ganzes Leben tragen werden.

Der Krebs hat einfach schon viel zu viel bei uns kaputt gemacht und ich hoffe, damit ist nun endlich mal Schluss. Aber man weiß ja nie, was das Leben mit einem vorhat. Daher versuchen wir trotz aller Umstände täglich das Beste aus dem Tag zu machen – was uns mal mehr und mal weniger gelingt.. 

Eure Geschichte hat sehr viele Menschen berührt…

Wir sind so unglaublich dankbar für all das uns entgegengebrachte Mitgefühl, die vielen aufbauenden Worte und Wünsche, die uns immer noch erreichen. Menschen schreiben mir, dass ihnen durch unsere Geschichte bewusst geworden ist, wie wertvoll das Leben ist und dass sie ihr Leben nun viel mehr schätzen.

Kinder haben ihr Taschengeld an uns gespendet, um den Mädchen damit eine Freude zu machen. Wir hatten immer das Gefühl, dass unser Schicksal sozusagen von vielen „mitgetragen“ wird und wir niemals alleine sind. Dafür sind wir unendlich dankbar. Und es gibt mir die Sicherheit, dass meine Mädchen – sollte ich den Krebs nicht besiegen – gut aufgefangen werden….

Wir wissen, dass viele von Euch schon gespendet haben. Stefanie ist von Eurer Hilfsbereitschaft sehr berührt, sie bedankt sich von Herzen. Wer der Familie weiterhin etwas finanzielle Last nehmen will, kann weiterhin spenden.

Oder über: https://www.gofundme.com/f/familieewald

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5 Kommentare

  1. Liebe Stafanie – eigentlich schreibe ich sehr selten Kommentare – und eure Geschichte macht eigentlich sprachlos. Ich kann gar nicht ausdrücken, wie furchtbar ich das alles finde. Jeder Verlust allein wiegt schon schwer – aber Kind und Mann zu verlieren ist einfach nur grausam. Dann die Angst um deine Tochter und das eigene Leben – wieviel kann ein Mensch ertragen. Ich bin gläubig – aber wenn ich so etwas höre, frage ich mich immer- warum das alles. Ich wollte dir nur kurz sagen: ich verbeuge mich vor Dir und deiner ganzen Familie. Deine Stärke bewundere ich zutiefst! Und ich wünsche Dir und deiner Familie alles Glück dieser Welt – und vor allem noch ganz viel Zeit zusammen. Und ich sage Danke – für den Mut, deine Geschichte zu erzählen. Ich bin gerade ganz, ganz demütig geworden! Fühl dich gedrückt!

  2. „Auch wenn ich selbst manchmal zwischen großer Sehnsucht, wieder bei den Männern zu sein und Kampfgeist, bei den Mädchen hier auf Erden bleiben zu können, schwanke.“

    Es tut weh, solche Worte zu lesen, denn niemand kann diesen Schmerz nehmen oder lindern. Ich hoffe so sehr für euch Frauen der Familie, dass der Kampf gegen den Krebs mit Gesundheit belohnt wird und alle von euch alt werden, ein Leben mit viel Höhen und erneuter Freude erfahren. Es ist einfach nicht fair, dieses Leben. Ich bin nicht gläubig, trotzdem bete ich, weil ich so sehr hoffe und wünsche, dass Menschen wie euch liebe Stefanie (die nichts und niemandem etwas Schlimmes angetan habt), nur noch Gutes widerfährt.

  3. Liebe Steffi,
    ich denke oft an dich und deine Familie und wünsche dir von Herzen die Kraft, die du brauchst, um jeden Tag weiter zu machen. Eure Geschichte ist unfassbar traurig. Bitte halte durch, du wirst es schaffen, wenn es jemand schafft, dann du! Alles erdenklich Liebe für euch!

  4. Liebe Steffi,
    es tut mir so so leid, von Eurem Schicksal zu lesen.
    Auch ich habe kürzlich die Diagnose bekommen und nun 4 EC-Chemotherapien hinter mich gebracht, Taxol noch vor mir. Unsere Kleine hat einen angeborenen Herzfehler und die Kinder brauchen mich auch noch sehr. Für sie will ich kämpfen wie eine Löwin.
    Ich finde keine guten Worte, aber ich habe vor und auch nach meiner Diagnose oft an Eure Familie gedacht. Ich wünsche Dir und den Mädchen ganz viel Kraft, alles Liebe und ein langes, gesundes Leben! Herzliche Grüße aus Kiel!

    1. Liebe Sue, auch dir von Herzen alles Gute, auch dir sende ich Kraft, damit du deine Löwenkräfte nutzen kannst, um das zu schaffen, alles erdenklich Liebe!

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