Gastbeiträge

13/09/2016 - 07:00

Land-Mama Lisa

Gastbeitrag von Ulrike: Wie das Wechselmodell nach der Trennung gelingen kann

"Mama weißt du waaaahaaas, Gute Nacht, bis bald und ich hab dich lieb. Ich bin froh, dich wieder zu sehen. Und drück dich ganz dolle, bis ich wieder zu Hause bin. Ich küss dich ganz dolle bis zum Mond."

(Sprachnachricht meiner 4,5 jährigen Tochter, die eine Woche bei Mama wohnt und eine Woche bei Papa)

Ich bin 33 Jahre alt und Mutter von zwei wunderbaren Kindern. Einem Mädchen 4,5 Jahre und einem Jungen 3,5 Jahre. Vor ca. 1,5 Jahren habe ich mich vom Vater der beiden getrennt.

Ich werde niemals den Blick meiner damals gerade 3 jährigen Tochter vergessen, als ich den Kindern unsere neue Wohnung zeigte und erklärte, dass Mama jetzt mit Leana und Phelan in der Wohnung wohnen wird und Papa mit Leana und Phelan weiter im Haus.

Sie sah mich so verständnisvoll an, wie eine Erwachsene. Dieser Blick sagte mir: "Mama, du musst nicht weiter reden, ich weiß ALLES".

Bei der Erinnerung daran bekomme ich noch heute eine Gänsehaut.

Damals dachte ich: "Oh Gott, was tue ich meinen Kindern hier nur an? Wie kann mein kleines Mädchen schon so viel verstehen?"

Mir ging es durch und durch. Bei der Besichtigung der neuen Wohnung tobten die beiden dann ausgelassen durch die Zimmer, verteilten ihre Gummibärchen überall und jeder konnte sich sein Zimmer aussuchen. Die Frage, wo Papas Zimmer sei, stellte "meine Große" (zum Glück) nicht. Sie stellte auch sonst keine weiteren Fragen und ich erklärte erstmal nichts weiter. Der Kleine war noch nicht ganz 2 Jahre alt, verstand gar nichts und nahm alles so hin.

Dass der Papa der Kinder kein 14-tägiger-Wochenend-Papa war, war mir sofort klar. Er liebte seine Kinder abgöttisch und umgekehrt war es genauso. Mein schlechtes Gewissen wuchs und wuchs. Er schlug dann das Wechselmodell vor und nach 3 Wochen "probieren" war uns klar, dass nur dieses Modell für uns und die Kinder in Frage kommt.

Bei dem Gedanken daran, meine Kinder eine ganze Woche lang nicht zu sehen, schnürte es mir jedoch die Kehle zu. Sie waren doch noch so klein. Was bin ich für eine Mutter, wenn ich sie eine Woche lang "allein" lasse? Wie sollte ich das überstehen? Ich vergoss viele Tränen, entschied mich dann aber schließlich schweren Herzens, den Kindern nicht auch noch ihren Vater wegzunehmen.

Schnell stellte sich heraus, dass es eine gute Entscheidung war und die Kinder mit dem wöchentlichen Wechsel super klar kamen. Und von "allein lassen" konnte gar nicht die Rede sein - denn schließlich wohnen auch Oma und Opa auch mit auf dem Grundstück und waren und sind immer für die Kinder da (wofür ich ihnen sehr dankbar bin.)

Natürlich hatte ich große Angst, dass die Kinder sich in meiner/ unserer Wohnung vielleicht nicht wohlfühlen würden. Bei Papa haben sie ein großes Haus mit Grundstück direkt an einem See und immer Oma und Opa um sich herum. Bei mir "nur" eine 3-Raum-Wohnung in der Stadt. Oft habe ich mir darüber Gedanken gemacht, dass es für Kinder ja eigentlich schöner ist, auf dem Dorf aufzuwachsen.

Doch auch diese Angst war unbegründet, denn mittlerweile sehen sie auch unsere Wohnung als ihr Zuhause an und es fehlt ihnen sowohl hier, als auch bei ihrem Papa, an nichts.

Ich richtete ein wunderschönes Kinderzimmer ein, Bekleidung und Spielzeug wurden aufgeteilt. Wenn jetzt etwas benötigt wird, holt jedes Elternteil das, was in seinem Haushalt für die Kinder benötigt wird.

Fehlt bei dem einen Elternteil mal eine kurze Hose oder ein Schlafanzug für ein Kind und der andere Elternteil hat genügend, wird diese einfach mitgegeben - ohne den Hinweis "die bekomme ich aber wieder". So etwas gibt es bei uns nicht. 

Das hört sich jetzt alles erstmal rosig an, aber natürlich vermisse die Kinder sehr, wenn sie nicht bei mir sind! Jeden Tag, in jeder Minute! Ich vermisse es sogar Sonntags früh 6:15 Uhr mit dem Ruf "Mama, ich haaaaabe gekaaaaackert" geweckt zu werden.

Ich fühle mich oft sehr einsam ohne die Kinder, gehe lange arbeiten und mache Überstunden. Ich treffe mich auch mit Freunden, gehe Essen oder ins Kino, dann kann ich die kinderfreie Zeit sogar ein bisschen genießen. Aber meistens vermisse ich die Kinder doch unendlich, sitze zu Hause und manchmal kommen mir auch einfach die Tränen. Ich weiß, dass ich die kinderfreie Zeit viel besser nutzen könnte, doch das fällt mir oft schwer und ich tue es (noch) nicht. Ich bin schließlich Mutter und müsste mich eigentlich jeden Tag um meine Kinder kümmern. Mit dieser "Freiheit" muss ich auch nach 1,5 Jahren noch lernen besser umzugehen.

Einige Verwandte verstanden die Entscheidung für das Wechselmodell anfangs nicht. Besonders meine Großeltern sagten immer wieder "Du musst doch die Kinder zu Dir holen. Kinder gehören doch zu ihrer Mama".

Die Abschiede Montags im Kindergarten sind immer sehr schwer für mich. Zu wissen, dass ich die Kinder nun wieder eine Woche nicht um mich habe und sie erst am darauffolgenden Montag wieder aus der KITA abzuholen. Glücklicherweise schickt mir der Vater fast täglich Fotos von den Kindern, das erleichtert die Zeit extrem. So habe ich nicht das Gefühl, nicht ganz so viel zu verpassen. Und natürlich schicke auch ich dem Vater Fotos, wenn die Kinder bei mir sind, damit die Trennung für ihn leichter wird. 

Die "Übergaben" über den Kindergarten funktionieren problemlos. Mit persönlichen Übergaben (z.B. an Feiertagen) hat meine mittlerweile 4,5 jährige Tochter  ein Problem. Sie kann sich dann nur schwer von dem gehenden Elternteil verabschieden und gestaltet diese Abschiede dann oft übertrieben theatralisch. Nach ein, zwei Tränen ist sie dann aber voll angekommen und ist fröhlich und ausgelassen wie immer. Mein "Kleiner" hat mit diesen Übergaben überhaupt keine Probleme. Von ihm gibt es dann noch gerade so ein "Tschüss" und schon ist er im jeweiligen Zuhause angekommen. Ich liebe ihn dafür. Ich liebe meine Kinder beide und bin so unendlich stolz auf sie und auch auf uns als getrennte Eltern.

Durch meinen Job sehe ich täglich, wie Eltern ihre Trennungen auf dem Rücken ihrer Kinder austragen und wie sehr die Kinder darunter leiden. Wie soll so ein kleiner Mensch damit umgehen, wenn einer der beiden Personen, die sie am meisten lieben, von dem jeweils anderen Elternteil schlecht geredet wird?

So etwas muss man seinen Kindern ersparen! Und ich denke, dass mir/ uns das gut gelungen ist. Durch die Trennung haben sich die Kinder nicht negativ verändert, sie entwickeln sich zu liebenswerten kleinen Persönlichkeiten, die eben eine Woche bei Mama und eine Woche bei Papa wohnen.

In jedem Haushalt gibt es ähnliche Regeln. Abendbrot und Zu Bett-Gehzeiten haben wir vorher abgesprochen. Sicherlich erzieht jeder die Kinder auf seine eigene Art und Weise, aber darauf haben sich die Kinder schnell eingestellt. Sie wissen genau wo sie was dürfen und wo nicht. Das wurde für sie so schnell selbstverständlich, dass es mich selbst überrascht hat.

Sie haben durch das Wechselmodell auch viele Vorteile, fahren 2x im Jahr in den Urlaub (einmal mit Mama und einmal mit Papa), bekommen sehr viel Aufmerksamkeit und Liebe, haben in zwei Haushalten ihr Spielzeug und wir unternehmen jeweils viel mit ihnen.  Sie genießen die Zeit sowohl in der Stadt als auch auf dem Dorf und darüber bin ich unendlich erleichtert.

Und wenn meine Tochter abends ihre Ärmchen um mich legt und mir sagt " Ich bin so froh, dass Du meine liebe Mama bist" und mein Sohn mir sagt "Mama, ich liebe Dich bis zum Mond und wieder zurück", dann weiß ich, dass ich nicht so viel verkehrt gemacht haben kann...

Foto Aufmacher: Symbolbild/Pixybay

Tags: Wechselmodell, Kinder, Trennung, Ehe, Beziehung, Familie, Familienmodell, Erziehung

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Kommentare

Maria — Di, 09/13/2016 - 09:14

Liebe Ulrike, toll, dass das Wechselmodell bei euch so gut funktioniert! Ich habe riesen Respekt davor, wenn Paare es schaffen, trotz Trennung, Eltern zu bleiben. Ich wünsche euch, dass ihr das auch weiterhin so gut hin bekommt! Alles Gute, Maria

Heidi — Di, 09/13/2016 - 12:47

Liebe Ulrike, was für ein schöner Bericht! Du wirst es vielleicht ahnen, aber so die Trennung hinzubekommen ist eine ganz besondere Leistung, mein ganzer Respekt gilt Euch beiden! Und ich kann jede Träne der Sehnsucht voll und ganz nachempfinden. Mein Sohn war 1, als ich mit ihm auszog, und auch wenn wir kein Wechselmodell leben und nur nach dem klassischen Modell plus einem festen Wochen-Nachmittag, geht es mir selbst heute oft genauso mit der Sehnsucht, wenn das Kind mal 2 oder gar 3 Wochen am Stück beim Papa ist. Und er ist jetzt schon 8! Ihr macht das richtig, Euren Kindern geht es gut, macht so weiter! Herzliche Grüße Heidi

Judith — Di, 09/13/2016 - 14:13

..aber er macht mich auch traurig. Weil wir das nicht gut mit der Trennung hinbekommen haben. Leider. Zu viel Streit. Danke, das ihr so unterschiedliche Themen habt. Ihr seid super!

Stadt-Mama Katharina — Di, 09/13/2016 - 21:35

leider mussten wir Deine Kommentare löschen. Das, was Du schreibst, gehört einfach nicht hier her. Danke für dein Verständnis.