Eltern bleiben nach der Trennung: Ein Guide für den Umgang mit Ex-Partnern

Trennung

Foto: pixabay

Ihr Lieben, die Kinder werden größer und immer öfter hört man im Freundes- und bekanntenkreis von Trennungen. Von solchen, bei denen die Kinder und ihr Wohl zum Glück an erster Stelle stehen, aber auch von unschöneren Streitigkeiten zwischen sich ehemals Liebenden. Wir haben Familienpsychologin Marianne Nolde, die das Buch Eltern bleiben nach der Trennung. Was Ex-Partner für sich und ihre Kinder wissen sollten. (Affiliate Link) geschrieben hat, mal um ein paar Tipps gebeten.

Liebe Frau Nolde, Sie sind Familienpsychologin und haben nun ein Mutmach-Buch für Trennungseltern geschrieben. Warum war das wichtig?

Ich habe 36 Jahre lang als Gutachterin bei Familiengerichten erlebt, was nach einer Trennung alles schiefgehen kann. Manche Probleme entstehen dadurch, dass Eltern in der Trennungsphase wichtige Informationen fehlen und sie zum Beispiel die Gründe für das Verhalten ihrer Kinder falsch einschätzen. Da steht meistens gar keine böse Absicht dahinter. Die Stresssituation der Erwachsenen verstellt manchmal den Blick auf das, was die Kinder gerade brauchen würden.

Als Gutachterin kam ich oft zu spät, weil ich meistens erst mit der Familie zu tun hatte, wenn der Rosenkrieg so richtig entbrannt war. Es ist viel leichter, zu einem früheren Zeitpunkt gute Lösungen anzustoßen.  Also beschloss ich meine Erfahrungen aufzuschreiben, damit Eltern in Trennung davon profitieren können. Und meine Erfahrungen sind ziemlich umfangreich: Neben der langen Berufserfahrung kommt auch noch die private Erfahrung dazu, denn meine erste Ehe mit Kindern wurde geschieden.

Familienpsychologin Marianne Nolde. Foto/Copyright: Birgit Röpke

Ich war damals seit acht Jahren Gutachterin und von der Trennung reichlich geschockt. Wenn ich nicht die gesammelte Erfahrung aus meinem Berufsalltag gehabt hätte, hätte ich wohl manches anders gemacht und meinen Frust mit ziemlicher Sicherheit stärker auf die Kinder übertragen. Mir hat wirklich geholfen zu wissen, was endloser Streit mit den Kindern macht, und das wollte ich ihnen nicht zumuten und habe alles daran gesetzt, dass es nicht so kommt. Das hat sich gelohnt, denn am Ende haben wir nach allerlei Widrigkeiten zu einem ziemlich schönen Happyend gefunden. Und jetzt möchte ich einfach weitergeben, was uns und anderen geholfen hat. 

Neben der Aufklärung über mögliche Betreuungsmodelle und psychologische Hintergründe möchte ich  den Eltern Mut machen, dass es für die Familie nach der Trennung gute Lösungen gibt. Eine glückliche Kindheit ist definitiv auch nach Trennung der Eltern möglich, das ist die gute Nachricht. Die besten Lösungen sind die, die Eltern gemeinsam finden und hinter denen sie gemeinsam stehen können.  Dazu möchte ich ermutigen, dass Eltern ihren ganz persönlichen Weg für ihre Nach-Trennungsfamilie erfinden, der gerade für sie am besten passt.

Gibt es denn tatsächlich die Möglichkeit, dass Mutter und Vater gestärkt aus einer Trennung hervorgehen?

Das kann ich klar mit ja beantworten, denn bei mir war es so. Mein erster Mann und ich, wir waren wirklich kein Traum-Ehepaar. Aber als Ex-Partner sind wir schließlich beide ein ganzes Stück über uns hinausgewachsen.

Wenn man sich mit den eigenen Anteilen am Scheitern der Beziehung befasst, statt sich dauerhaft gegenseitig die Schuld zuzuschieben, kann man wirklich daran reifen. Ich finde, man hat etwas davon für sein weiteres Leben, denn mit sich selbst muss man ja weiterhin zusammenleben und auskommen, mit dem anderen nur noch sehr begrenzt. Ich habe auch viele andere Eltern erlebt, die einen guten Weg gefunden haben. Manche von ihnen sagen, dass ihnen gar nichts anderes übrig blieb als weiter zu reifen, um das schaffen zu können. Und plötzlich haben sie es dann doch hinbekommen, ihren Kindern zuliebe. Manchmal mit Hilfe von Beratung oder Mediation. Wenn es allein nicht klappt, ist das meine unbedingte Empfehlung.

Wie erklären Sie sich, dass aus Sich-ehemals-Liebenden zum Teil verhärtete Parteien werden, die nur noch über ihre Anwältin oder ihren Anwalt miteinander ins Gespräch kommen können?

Bei einer Trennung mit Kindern geht es um viel. Kinder haben heute für die Eltern meistens einen sehr hohen emotionalen Wert, und die Angst ist groß, dass man nach der Trennung noch mehr verlieren könnte als den Partner, zum Beispiel den innigen Kontakt zum Kind. Bei einer Trennung sind viele enttäuschte Erwartungen und verletzte Gefühle im Spiel. Man hatte sich sein Leben völlig anders vorgestellt, sieht eventuell den Partner als Verursacher des eigenen Elends. Und dann wird um Sachthemen gestritten oder um das Kind, als Ersatz für die nicht erfüllten emotionalen Bedürfnisse. Vielleicht sind auch Rachegelüste mit dabei. Ich gestehe: Ich hatte welche, habe mich aber glücklicherweise dagegen entschieden, die auszuleben – eine der besten Entscheidungen in meinem Leben finde ich.

Wenn der Streit nach der Trennung weiter eskaliert, kommen zu den eh schon erlittenen Verletzungen ständig noch welche hinzu, und es wird immer schwerer, davon noch loszulassen. Manche kommen aus diesem Teufelskreis nicht mehr heraus, daher mein dringender Rat: Begeben Sie sich am besten gar nicht erst da hinein. Es gibt Anwälte, die bei solchen Eskalationen mitwirken, aber glücklicherweise auch sehr viele, die im Sinne der Kinder auf gütliche Lösungen hinarbeiten.

Wie schaffe ich es denn tatsächlich, trotz verletzter Gefühle und eigener Trauer einen guten Umgang mit dem Ex zu finden?

Mir hat es geholfen mir klarzumachen, wie entscheidend wichtig das für unsere Kinder sein würde. Damit hatte ich ein gewichtiges Motiv, und das haben viele Eltern, denn die meisten wollen doch das Beste für ihre Kinder.

Es ist aber vor allem am Anfang oft schwer, auch mir ist es schwergefallen. Dann darf man sich auf jeden Fall Hilfe holen, man sollte das sogar tun. Ich als Fachfrau habe mir damals eine therapeutische Unterstützung gesucht, weil ich Zweifel hatte, ob ich ohne jede Begleitung aus dem Gefühls-Chaos bald wieder herauskommen würde. Ich hatte Sorge wegen der Belastung der Kinder, wenn ich darin zu lange steckenbleiben würde. Es gibt Beratungsstellen, Therapeuten oder Gruppenprogramme für getrennte Eltern wie „Kinder im Blick“. Man muss das wirklich nicht alleine schaffen. Mit Unterstützung ist es genauso viel wert. Unser Großer hat uns bei seiner Hochzeit ganz rührend dafür gedankt, dass wir das hinbekommen haben. Steht im Buch. Als Motivationshilfe.

Worauf sollten Eltern bei der Trennung vor allem in Bezug auf die Kinder achten?

Sehr wichtig ist Respekt vor den Bindungen des Kindes an beide Eltern. Dazu gehört, dass der andere Elternteil nicht unfreundlich behandelt wird und man nicht schlecht vor den Kindern über den anderen spricht (und auch nicht beim Telefonat mit besten Freunden, wenn das Kind mithören kann). Kinder sollten nicht in Loyalitätskonflikte verstrickt werden. Ich empfehle Ex-Partnern zum Beispiel, erstmal miteinander zu überlegen, wie die Betreuung nach einer Trennung weitergehen kann, und das anschließend mit Ihren Kindern zu besprechen. Ich finde es sehr unglücklich, wenn Kinder sich bei der Trennung für den einen oder anderen Elternteil entscheiden sollen. Das belastet sie und die Beziehung zum Elternteil, den sie quasi „abgewählt“ haben. Solche Konflikte bleiben ihnen erspart, wenn die Eltern Verantwortung übernehmen und selbst ein Konzept erarbeiten. Das kann ja anschließend im Gespräch mit den Kindern an deren Wünsche angepasst werden, die sollen natürlich nicht übergangen werden. Die meisten Kinder werden aber froh sein, wenn sie keine Grundsatzentscheidungen treffen müssen.

Eltern bleiben nach der Trennung. Was Ex-Partner für sich und ihre Kinder wissen sollten. (Affiliate Link)

Und wenn mein Kind am Boden zerstört reagiert? Was dann?

Erstmal: Ihr Kind darf das. Kinder dürfen nach der Trennung traurig sein. Wenn sie es nicht wären, wäre das doch eigentlich ziemlich merkwürdig. Man könnte sich dann sogar fragen: Ist da mit der Bindung irgendetwas schiefgelaufen, wenn die Trennungssituation das Kind nicht sonderlich berührt?

Wenn das Kind traurig, am Boden zerstört oder sauer auf seine Eltern ist, die das nicht besser hinbekommen haben, braucht es jemanden, der mitfühlend an seiner Seite ist und ihm seine Gefühle nicht ausredet. Dabei möglichst als Elternteil nicht in die Falle tappen, sich schuldig zu fühlen oder zu rechtfertigen. Das ist überhaupt nicht nötig. Wenn das Kind merkt, dass der begleitende Elternteil seine Trauer und seine verletzten Gefühle wahrnimmt und aushält, wird es sich verstanden fühlen. Und dann ebbt die Gefühlswelle auch wieder ab.

Wenn Sie den Eindruck haben, dass Ihr Kind mehr Unterstützung braucht, dann gibt es dafür passende Anlaufstellen, z.B. Gruppen für Trennungskinder.

Wichtig finde ich jedenfalls: Es ist überhaupt nichts verkehrt daran, wenn ein Kind seine Trauer zeigt. Es vertraut seinen Bezugspersonen dann soweit, dass es ihnen seine Gefühle zeigen kann. Bedenklicher fand ich oft, wenn es hieß: Dem Kind fehlt überhaupt nichts, es vermisst nichts. Diese Kinder hatten manchmal nicht den Mut, ihrer Trauer Ausdruck zu geben, weil sie ihren Eltern einfach nicht zugetraut haben, damit klarzukommen.

Als Eltern ein Team bleiben – auch nach der Trennung – wie kann das gelingen, gibt es da ein Geheimrezept?

So geheim ist das gar nicht. Als wichtige Zutaten würde ich verwenden: Selbstreflexion (nicht immer war`s der andere), Kompromissbereitschaft, dem/der anderen auch etwas gönnen können, miteinander reden UND sich zuhören (eins von beidem reicht nicht), die Einsicht, dass in aller Regel beide Eltern für die Kinder wichtig sind und ich daher irgendwie noch mit dem anderen klarkommen muss, wenn ich meinen Kindern nicht schaden will, und schließlich der Wille, das auch umzusetzen.

Ich möchte allerdings an dieser Stelle unbedingt darauf hinweisen, dass es nicht IMMER funktionieren wird, dass beide Eltern weiter zusammenarbeiten, auch wenn es in der Regel die beste Lösung ist. Wenn jemand alleinerziehend im eigentlichen Sinne ist und der andere Elternteil nicht mitwirkt, dann KANN das gute Gründe haben. Mit der Betonung der Bedeutung beider Eltern möchte ich auf keinen Fall dazu beitragen, dass Eltern, die aus gutem Grund alleinerziehend sind, oder ihre Kinder stigmatisiert werden. Manchmal geht es nicht anders, und dann ist genau das die beste Lösung fürs Trennungskind.

Wenn Sie in Ihre Praxis schauen: Welcher Tipp ist der, der Ihren Familien am meisten hilft?

Ich habe die Familien ja aus der Warte der Gerichtsgutachterin erlebt und nicht der Familientherapeutin. Wenn ich aus meiner Berufserfahrung heraus einen Tipp geben sollte, wäre es dieser: Gehen Sie davon aus, dass Ihr Kind beide Eltern liebt, und finden Sie einen Weg, dass es das nach der Trennung weiter leben kann ohne Angst, damit jeweils dem anderen Elternteil weh zu tun.  Gesunde Bindungen sind nämlich so wichtig für die gesamte weitere Entwicklung. Und die kann das Kind – wenn die Eltern mitmachen – auch nach einer Trennung noch mit beiden erleben.


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