Sterbebegleitung meiner Mutter: Vom anderen Ende der Care-Arbeit

Sterbebegleitung

Foto: pixabay

Ihr Lieben, ihr kennt Marianne Nolde möglicherweise schon aus unserem Guide zum Umgang mit Ex-Partnern zu dem wir sie als Autorin des Buches Eltern bleiben nach der Trennung interviewt haben. Nun hat sie ein neues Buch geschrieben: Elf Tage und ein Jahr, in dem sie den Abschied von ihrer Mutter aufarbeitet. Sie hat uns erzählt, wie das für sie war, als die eigenen Kinder sie weniger brauchten – die eigenen Eltern aber umso mehr. Danke für diesen Gastbeitrag, liebe Marianne!

Abschied von Mama
Autorin Marianne Nolde

Nach der Kinderbetreuungsphase war bei mir vor der Elternbetreuungs-Phase. Das heißt, bei meinem Vater lief das schon parallel. Meine Eltern hatten mich unterstützt, als ich alleinerziehend und berufstätig nach der Trennung mit den Kindern in ihre Nähe zog, damit die Betreuungssituation gesichert wäre. Ihr Vater beteiligte sich per Wochenenden und Ferienbesuchen, so wie er sich das gewünscht hatte.

Abschied vom Vater

Irgendwann – wenn die Kinder noch klein sind, kann man sich das ja kaum vorstellen – waren die Söhne zu erwachsenen Männern geworden und brauchten meine Care-Arbeit nicht mehr. Dafür brauchte sie meine Mutter. Mein Vater war schon vor längerem verstorben, und zwar zu Hause, im Pflegebett im Wohnzimmer, der Tropf hing am Kronleuchter aus den fünfziger Jahren, umgeben von seiner Familie und Besuch. Das war eine gute Erfahrung gewesen.

Meiner selbstständigen Tätigkeit sei Dank hatte ich in den letzten Wochen die Arbeit reduzieren und meine Eltern unterstützen können. Er war friedlich gestorben, überhaupt hatte der Tod in unserer Familie einen ziemlich guten Ruf. Den hatte vor allem Oma begründet, die Mutter meiner Mutter, nach deren Sterben im Beisein ihrer sechs Kinder und sechs Schwiegerkinder uns Enkeln vermittelt wurde: Wenn man das erlebt habe, könne man sich vor dem Tod nicht mehr fürchten.

Meine Mutter wollte zu Hause sterben

Entsprechend war der Plan, dass auch meine Mutter eines Tages zu Hause sterben würde, etwas anderes kam für sie nicht wirklich in Betracht und schon gar nicht ein Leben im Altenheim. So etwas wäre „Abschieben“ und war auch bei ihrem Mann, als die Pflege am Ende kaum noch schaffbar war, gar nicht in Frage gekommen. Wir bauten also ihr Haus um, das war 2002/2003, und zogen zu ihr, damit sie dort bleiben könnte. Unser Timing war ziemlich gut, denn im Sommer 2004 ist der Ernstfall durch einen Bandscheibenvorfall eingetreten mit dauerhaften Folgen bis zur offiziellen Pflegebedürftigkeit etliche Jahre später.

Und ich wurde derweil älter und auch nicht gesünder. Während die Kinder mich mit zunehmendem Alter immer weniger gebraucht hatten, war das der Prozess in umgekehrt. Nur leider in einer Zeit, in der auch meine Kräfte abnahmen. Elf Jahre später hatte ich jede Hoffnung aufgegeben, dass ich aus der Situation jemals wieder herauskäme. Die mit dem ersten Kind im Alter von 26 Jahren begonnene Care-Arbeit neben Berufstätigkeit wollte auch in den Sechzigern kein Ende nehmen, und heute würde ich sagen, dass mein damaliger Zustand wohl nah am Burnout war. Als ich dann noch körperlich krank wurde und einem Arzt erklärte, warum mir eine Krankschreibung rein gar nichts nützen würde, sagte der die klugen Worte: „Es wäre schon gut, wenn Sie Ihr Leben so einrichten könnten, dass Sie auch mal krank sein können, wenn Sie krank sind.“

Die Pflege meiner Mutter brachte mich an meine Grenzen

Meine Mutter zog schließlich doch, sogar freiwillig, ins Altenheim um, und da sie dort noch mehr als 4 ½ Jahre lebte, wurde klar: Das hätte ich niemals „aussitzen“ können. Entgegen dem, was man alles Schreckliches über Altenheime liest, haben wir gute Erfahrungen gemacht. Meine Mutter blühte auf und wurde gesünder – ich auch! Ihr Resümee in der ersten Woche: Wenn ich gewusst hätte, wie schön das hier ist, hätte ich das eher gemacht. Und: Zu Hause hatte ich immer so viel Angst, wenn keiner da war. Hier ist immer einer da. Dass sie das nicht nur mit zuliebe gesagt hat, schließe ich daraus, dass sie bald keine Asthma-Medikamente mehr brauchte …

Trotzdem war ich als Einzelkind in den folgenden Jahren immer wieder gefordert, jederzeit konnten Entscheidungen, Krankenhausaufenthalte oder sonstige Unwägbarkeiten anstehen. Bei der Planung meiner Zukunft war ich äußerst vorsichtig. Konnte ich wissen, ob ich in drei Monaten Zeit für dies oder jenes haben würde oder stattdessen ein Noteinsatz bei Mutter erforderlich würde?

Einige Träume erfüllte ich mir dann doch noch

Eine Altlast in unserem Leben schleppten wir beide mit. Ich war als Einzelkind immer als Vervollständigung der Familie benötigt und, nun ja, manchmal auch genötigt worden. Das Angebot eines Stipendiums für einen USA-Aufenthalt als Schülerin? Kam gar nicht in Frage, und zwar ohne zuvor zu prüfen, ob es ein finanzielles Problem wäre, was ich natürlich eingesehen hätte. Langsam glaubte ich nicht mehr an ein Leben nach der Care-Arbeit, obwohl ich so einige Ideen und Wünsche hatte. Die Fernreise nach Tibet hatte ich mir schon abgeschminkt, aber ein Buch schreiben über meine berufliche und private Erfahrung mit Trennungsfamilien, das hätte ich schon noch gern gemacht.

Und obwohl ich nicht wusste, ob das noch Sinn hätte, fing ich doch damit an. Mit dem Buch. Und nach einem Schreibflow bis nachts um zwei Uhr im Januar 2019, kam am nächsten Morgen die Info, dass meine Mutter im Krankenhaus wäre. War sie so oft, dass das nichts Besonderes bedeutete, aber als ich bei ihr war, wurde sehr schnell klar: Ab jetzt würde ihr Leben nur noch in Tagen zu bemessen sein.

Das Altenheim als neues Zuhause

Und auch meine Mutter würde, das wollten wir beide, zu Hause sterben. Nur dass „zu Hause“ in ihrem Fall jetzt das Altenheim war, in dem sie sich so wohlfühlte.

Und damit begannen elf ganz besondere Tage in meinem Leben und dem meiner Mutter, die so reich an heilsamen Erfahrungen waren, dass ich am Ende auch darüber schreiben wollte. Zumal ich im Anschluss an das eigene Erleben Bücher las, die mich davon überzeugten, dass das gar nicht so etwas Seltenes ist, wie es bei uns verlaufen war.

Vom Trost in Zeiten des Abschieds

Es gibt auch heilsame Erfahrungen und den einen oder anderen Trost in der Sterbegleitung und der Zeit danach, nicht immer und in allen Fällen, aber wir waren jedenfalls nicht die absolute Ausnahme. Eine der tröstlichen Erfahrungen hatte ich sogar hier bei Stadt Land Mama gelesen, als Lisa über den Tod ihres Cousins schrieb und ihren Eindruck, dass er was Gutes bei ihnen als Familie hinterlassen hätte, das sie selbst jetzt weitertragen würden. Ich durfte dieses Beispiel für mein Buch verwenden und kann das bestätigen.

Ich wollte erst nur über die elf Tage Sterbebegleitung schreiben, aber was nachwirkte, war so interessant, dass daraus „Elf Tage und ein Jahr“ wurde. In diesem Jahr danach stellten wir merkwürdige Dinge fest.

Eine Versöhnung zum Ende hin

Angewohnheiten meiner Mutter, die ich gar nicht mal alle geschätzt hatte (abgestochene Rasenkanten, Pflanzenretten statt Entsorgung auf dem Kompost und sogar Zuneigung zu einiger Deko, die ich ehemals bloß kitschig fand), tauchten unerwartet auf, und oft musste ich schmunzeln, wenn ich plötzlich „fine-artigen“ (so hieß meine Mutter) Grabschmuck anschaffte und mit Vergnügen drapierte und plötzlich wichtig war, was genau für einen Grabstein sie bekommen würde.

Unsere kleine Familie war in der Sterbephase enger zusammengerückt – und davon ist etwas geblieben, wie ich drei Jahre später sagen kann. Sie war doch so ein Familienmensch, ich eine freiheitsliebende Individualistin, aber irgendwie verwischt sich das inzwischen.

Meiner Mutter wurde von der „Bremse“ zur Inspiration

Mit 63, in ihrem Sterbeprozess, hatte ich meine Mutter noch einmal ganz neu kennengelernt, das muss man sich mal vorstellen. Plötzlich war sie nicht nur bereit, mich loszulassen, was ich mir so oft gewünscht hatte, sie entließ mich sogar mit vollster Zufriedenheit und vermittelte mir, dass ich doch keine Enttäuschung war mit meiner Andersartigkeit, sondern am Ende eine Tochter, mit der sie sehr einverstanden war. Lange hatte ich sie als „Bremse“ in meinem Leben empfunden, und plötzlich wurde sie zur beeindruckenden Inspiration. Sie war entschlossen zu sterben und dann ihre verstorbenen jüngeren Schwestern wiederzusehen, daran schien sie überhaupt keinen Zweifel zu haben.

Früher hatte sie sich immer gewünscht, ganz plötzlich, ohne vorherigen Pflegebedarf, zu sterben. Heute bin ich froh, dass es anders kam, auch wenn ich zeitweise an meine Grenzen geraten bin. Aber das, was am Ende als Heilung und Abrundung unseres gemeinsamen Lebenswegs möglich war, das möchte ich wirklich nicht missen. Das war es wert. Und am Ende habe ich jetzt das Gefühl – und die Zustimmung der Familie – dass es meiner Mutter geradezu gefällt, dass ihre Erfahrung noch für ein breiteres Publikum von Interesse ist. Sie verschenkte gern – und jetzt eben, berichtet von ihrer Tochter, einen Teil ihrer Lebens- und Sterbenserfahrung.

Manchmal nimmt das Leben überraschende Wendungen

Was ich aus dieser Zeit im Nachhinein gelernt habe: Es macht keinen Sinn, egal wie unersetzlich man sich in der Care-Arbeit findet, seine eigenen Grenzen permanent zu überschreiten. Man darf sich auch nach Alternativen umschauen. Und nicht alle Alternativen, die in den Glaubensüberzeugungen der Beteiligten erst mal so gar nicht gehen, sind nachher wirklich schlimm – bei uns war zum Beispiel das Altenheim die Rettung für alle. Und manchmal, diese Erfahrung durfte ich machen, hat das Leben noch eine sehr überraschende Wendung parat, und während man schon dachte, nun geht es nicht mehr weiter, lugt doch unerwartet noch etwas Schönes um die Ecke.

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5 comments

  1. Habe meine Mutter zehn Jahre bei mit gehabt.Es war schön und auch anstrengend.Dann kam das schreckliche Hochwasser u der Wohnraum meiner Mutter fiel von einer auf die nächste Sekunde dem Wasser zum Opfer. Wir haben dann acht Wochen auf zwei einhalb Zimmern versucht zu leben,aber irgendwann waren meine Kräfte aufgebraucht.Mama sollte nie ins Heim,aber ich musste eine Entscheidung treffen.Es ging uns allen und vor allem mir sehr schlecht mit dieser Lösung.Aber inzwischen bin ich so ausgelaugt,dass ich Mama nicht zurück holen werde.Meine Mama ist 93,ich bin 68 und nicht gesund.Es geht mir aber nicht wirklich gut mit der Entscheidung.

  2. Ein sehr schöner Artikel in dem ich viel wiederfinde. Meine Mutti hatte leider schon in jüngeren Jahren mal eine Herzattacke mit schweren Rhythmusstörungen, die sehr viele Ängste in ihr ausgelöst haben. Da war ich gerade 18 und als jüngeres Kind noch zu Hause. Von da an hatte sie große Angst alleine zu Hause zu sein. Wir haben es als Familie hin bekommen, dass sie es fortan tatsächlich nie war. Wenn mein Vater bei einem von uns beiden Schwestern half (er ist handwerklich sehr geschickt) war die andere von uns oder eines unserer Kinder bei meiner Mutter. Irgendwie haben wir das immer geschafft so einzuplanen. Vor sechs Jahren hatte sie dann tatsächlich am Abend einen schweren Herzinfarkt, bei dem mein Vater den Notarzt rief, sie konnte gerettet werden mit kaum spürbaren körperlichen Einschränkungen, ihre Psyche war dadurch jedoch noch schwerer verunsichert, dann die Pandemie, sie fuhr kaum noch alleine Auto, nur kurze Wege, sie kam auch nicht mehr, wie so oft vorher, mal mit der Bahn zu mir u d unseren Kindern. Wir haben uns dann so eingerichtet, dass wir wieder öfter zu meinen Eltern fuhren, oder aber die Kinder auf der Mitte der Strecke übergeben haben. Sie war so gerne von ihren Enkeln umgeben. Wir waren auch jedes Jahr gemeinsam mit meinen Eltern im Winterurlaub. Ich bin froh, dass wir das alles so gemacht haben, denn im Oktober ist sie ohne Vorwarnung gestorben, sie ging einfach am Abend zu Bett und war tot. Mein Papa fand sie eine halbe Stunde später. Ein Schock für alle! Ein toller Tod für sie, ohne Schmerz, ohne Angst, in Würde und ganz friedlich. Ich bin froh, dass wir als Familie nicht im Frühjahr zuvor ins Ausland gegangen sind (mein Mann hatte ein entsprechendes Angebot), ich bin froh, dass ich bis zum meinem 40. Lebensjahr doch viel Zeit mit meiner Mutti verbracht habe, das meine Kinder viele lebendige Erinnerungen mit ihr haben. Wer weiß, vielleicht hat sie es irgendwie gewusst, dass ihr nicht so viel Zeit mit uns bleibt. Es ergibt so alles zumindest Sinn. Und dabei kann ich von Herzen sagen, sie wollte uns nie einengen, sie wollte einfach Zeit mit uns verbringen. Ich bin trotzdem meinen Weg gegangen. Lebe 2 Std. entfernt von meinen Eltern in einer großen Stadt und fühle mich dort wohl. Mir fehlt ganz sehr dieser Abschiedsprozess von ihr, es war gerade alles in Ordnung, wir wollten uns am nächsten Wochenende treffen, nichts deutete darauf hin. Sie ist einfach von heute auf morgen nicht mehr da.

  3. Ein teils sehr schöner Artikel, die Erkenntnis dass Pflege eben nicht zwangsläufig zu Hause statt finden muss nimmt unnützen Druck ( den nur wir selbst uns machen)! Allerdings mag ich diese Erpressung nicht. Mein Kind ist NICHT für mich zuständig, ich bin auch im Alter erwachsen und muss da für mich selbst sorgen und professionelle Hilfe suchen können . Ich habe Kinder gerne bekommen nicht weil ich sie schon als Pflegekräfte verplant habe. Und ich bin alleinerziehend aber das Kinder sich nicht aus dem Haus trauen ( Reisen auch schon in jungen Jahren…) weil sie Einzelkind sind und sonst keiner mehr da ist? Da ist von den Eltern von Anfang an etwas missverstanden worden. Meine Kinder dürfen (!) alles tun was Andere auch tun, Mama ist schon groß und kann auch schon alleine zu Hause bleiben!

    1. Ich sehe das nicht ganz schwarz-weiß. Natürlich ist es nicht Aufgabe der Kinder, ihr komplettes Leben hinten an zu stellen um mich zu pflegen. Ich denke auch nicht, dass dies von der Mutter so erwartet wurde, sondern dass sich die Schreiberin den Druck gemacht hat, weil sie ihrer Mutter, die ihr damals bei der Kindererziehung so geholfen hat, was zurückgeben möchte. Und ich finde, das kann man schon auch erwarten in einer gesunden Familie. Geben und nehmen. Natürlich nicht bis zum Burnout, dafür gibt es entsprechende Stellen und Hilfe.
      Das hat nichts damit zu tun, dass ich meine Kinder nur wegen der Pflege bekommen habe. Im Grunde stellt sich diese Frage in einer gesunden familiären Eltern-Kind-Beziehung nicht, weil es dann für die Kinder nicht selbstverständlich ist, dass man sich einfach aus dem Staub macht und die Eltern ihrem Schicksal überlässt. Von dem her gebe ich dir zum Teil recht, Erwartung im Form von Zwang darf ich keine haben. Ich hoffe einfach, dass unser Verhältnis so gut ist/bleibt, dass es für meine Kinder später selbstverständlich ist, dass sie sich im Alter um mich kümmern. Da reichen auch gern gemachte Besuche im Altersheim.
      Im übrigen kann ja auch durchaus schnell die Zeit kommen, wo du eben nicht mehr selbst nach professioneller Hilfe suchen kannst, Stichwort Demenz. Da wäre ich dann schon dankbar, wenn dann meine Kinder entsprechend Verantwortung übernehmen und eine gute Lösung für alle Beteiligten suchen. Aber auch hier nochmal, in einer guten Beziehung wird das selbstverständlich sein.

      1. Betty
        Wenn alte Menschen dement oder hilfsbedürftig werden leiten Hausarzt oder bereits vorhandener Pflegedienst oder die Sozialarbeiter der Klinik ( hat jedes Krankenhaus für genau solche Fälle) das Verfahren ein. Sonst würden kinderlose Menschen ja komplett durchs Raster fallen???😸 Und nicht jeder Mensch kann pflegen. Ich habe schon lange geklärt das dies für mich bei meinen Eltern nicht in Frage kommt. Da hilft nur Ehrlichkeit. Nein ich erwarte von Erwachsenen, auch alten- gerade lebenserfahrenen?, EIGENVERANTWORTUNG.

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