25 Jahre ohne dich

Wir schreiben den 10. August 2020. Heute vor 25 Jahren starb mein Cousin. Ich war damals 13 – und er auch. In den Sommerferien, wir beide zwischen der siebten und der achten Klasse. Sein Tod war ein Einschnitt.

Heute sind meine eigenen Kinder in dem Alter, in dem wir damals waren. Als meine Tochter nun 14 wurde, musste ich am Tag ihres Geburtstags nochmal sehr an alles, was damals war, denken.

Wir waren oft zusammen im Urlaub gewesen. Seine und meine Familie verstanden sich schon immer gut und das ist auch heute noch so. Seine Mama ist meine Patentante.

Wir Kinder waren alle in einem ähnlichem Alter und so hatten wir auch untereinander ein enges Verhältnis. Der gemeinsame Urlaub war gesetzt, wir schwammen im Meer, fischten Mini-Fische aus dem Wasser, um sie gleich wieder auszusetzen und machten sogar einen Segelschein für diese kleinen Opti-Nussschalen. Gemeinsam.

Als mein Cousin starb, hatte ich bereits meine Tante zu jung verloren. Die, die mit uns und den Großeltern gemeinsam im Großfamilienhaus wohnte. Sie hinterließ ihren Mann, zwei Kinder und uns als Großfamilie. Ich war in der dritten Klasse, zu klein, um die ganze Tragweite wirklich zu begreifen. Mit 13 war das anders.

Ich verlor meinen Cousin, der zwar nicht bei uns im Haus wohnte, der aber so präsent war, weil er genauso alt war wie ich und ja, wegen der Urlaube und der gegenseitigen Besuche und der großen Sympathie. Und weil wir partners in crime waren. Jeweils das zweite Kind der Familie. Gleicher Jahrgang. Er war halt nicht wegzudenken.

Quatsch machen im Urlaub mit Fußsalat. Mein Cousin und ich sitzen auf dem Tisch.

Er hatte glatte schwarze Haare und einen dunklen Teint. Ich hielt ihn für den schönsten Jungen, den ich kannte. Der, für den ich heimlich Brote toastete, wenn seine Eltern ihn ohne Abensessen ins Zimmer geschickt hatten, weil er wieder Mist gebaut hatte. Vielleicht sogar mit mir… Ich höre ihn immer noch „Moah, Papa“ sagen, das sagte er öfter.

Es gab Brathähnchen an dem Tag, als ich von seinem Tod erfuhr. Ich brach sofort in Tränen aus.

Wenn ich heute an ihn denke, dann hat sich an dem warm-wertschätzenden Gefühl, an der Zuneigung zu ihm nichts verändert. Sie wird nicht kleiner, welch schöner Trost.

Und ein ganz kleines bisschen habe ich sogar das Gefühl, als hätte er damals einfach seine Körpertemperatur auf unsere verteilt, als er ging. Auf die Menscchen, die ihm nah waren. Welch schöne Vorstellung, dass wir alle durch ihn mehr Wärme in uns tragen, mehr Liebe, wir mehr abzugeben haben, wenn es anderen nicht so gut geht.

Weil wir wissen, wie das ist, wenn sich plötzlich der Boden vor einem auftut. 

Weil wir wissen, wie es sich anfühlt, das CD-Cover unseres aktuellen Lieblingsliedes in ein Grab zu werfen: „Wish you were here“ von Rednex (einige werden sich erinnern). 

Ein Tod im Kinderzimmer. Im Sommer, in den Ferien, in denen noch so viele Pläne auf der Liste standen.

Gleich am Tag nach der bestürzenden Nachricht seines Todes machten wir uns auf den Weg zu seiner Familie, die in einer anderen Stadt wohnte. Meine Mutter am Lenkrad, meine Oma auf dem Beifahrersitz, die sagte: Kind, ich beneide dich so um dein Weinen. Ich durfte Gefühle zeigen, das habe ich mir bis heute als Schatz bewahrt.

Die Ankunft bei der Familie unter Schock. Die beiden Brüder, einer etwas älter, einer etwas jünger als er. Als ich. Wie wir in seinem Kinderzimmer standen und im Schulranzen nach Liebesbriefen schauten. Ungläubig.

Das Nachbarskind, das nach ihm fragte. Wie, er ist tot?

Meine Tante, die unten mit meiner Mama im Garten saß und sich über dieses neue Lied „Männer sind Schweine“ aufregte. Vollkommen banal. Aber eingebrannt in meine Erinnerung.

Später dann die ganze Schulklasse, ja, gefühlt der ganze Ort auf der Beerdigung. Ein Kind ist gestorben. Ein Kind darf nicht sterben. In unseren Herzen lebst du weiter…

Im Herbst dann ein Urlaub ohne dich, mit allen, die sonst immer mit dir an diesem Ort, in diesem Ferienhaus waren. So viele Tränen, so viele Erinnerungen, so eine große Chance, all das zu verarbeiten. Zumindest ansatzweise. Wisst ihr noch, wie furchtlos er über die Klippen sprang? Wie er immer alle Türen hinter sich offen ließ, so dass alle Tiere wild durch den Garten liefen?

Ich denke noch immer an ihn, voller Wärme. Ich schaue mir Fotos von früher an, rufe Erinnerungen ab und wäre so neugierig, was aus ihm wohl geworden wäre. Und wer.

Mein Cousin aber, der bleibt er für immer. 25 Jahre. Unfassbar. Unvergessen.

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2 Kommentare

  1. Hallo Lisa, was ein toller Text in dem doch sehr traurigen Zusammenhang. Es liest sich wie ein wunderschöner „Liebesbrief“ an deinen leider so früh verstorbenen Cousin. Man spürt beim lesen das Band was euch Beide bis heute verbindet.
    Ich wünsche dir und der Familie deines Cousins alles Gute und viel Kraft

  2. Unendlich traurig und trotzdem wunderschön, dass er nicht vergessen wird. Sowas hat in unserer Gesellschaft so wenig Platz, schön, dass du der Erinnerung an einen geliebten Menschen Raum gibst!
    Als ich ca. 12 war starb unser Nachbarsjunge, damals 16, bei einem Autounfall auf dem Heimweg von der Disko nur wenige Kilometer von seinem Elternhaus entfernt, weil der gerade 18jährige Fahrer getrunken hatte. Auch wenn wir wenig miteinander zu tun hatten, war das ein riesiger Schock. Nie werde ich die Trauer der Eltern vergessen, wenn sie auf ihrem täglichen Weg zum Friedhof an unserem Haus vorbei kamen. Auch ihn werden wir nie vergessen, wie all diejenigen, die viel viel zu früh von uns gingen.

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