Mein Vater war ein uneheliches Kind- und wuchs deshalb bei der Tante auf

Liebe Christina, heute geht es um deinen Vater. Genauer gesagt um die Kindheit deines Vaters.

Genau, mein Papa wurde im Sommer 1946 geboren. Er ist das Kind eines B-Soldaten, also eines Reservisten, der für Verwaltungsarbeiten auf dem Hof, auf dem seine Mutter lebte, stationiert war.  Der eigentliche Mann seiner Mutter war im 2. Weltkrieg gefallen. Sie war also alleinstehend bzw. verwitwet.

Weißt Du, wie deine Großmutter auf diese Schwangerschaft reagiert hat?

Ich gehe davon aus, dass sie sehr verzweifelt gewesen ist. Ein uneheliches Kind war in dieser Zeit ja noch eine völlig andere Nummer als heute. Sie stand unter enormen Druck des Hofherren, auf dessen Hof ihre Familie lebte und arbeitete. Auf einem angesehenen Hof durfte so etwas nicht passieren.

Gleichzeitig wollte sie unter keinen Umständen, dass mein Vater in einem Heim groß wird. Zum Glück war das Verhältnis zu ihrer Schwester sehr liebevoll und innig. Meine Großmutter hat bei ihrer Schwester meinen Vater entbunden und ist dann ohne das Baby zurück auf den Hof. Mein Vater ist also bei seiner Tante groß geworden, die etwa 100 km von seiner Mutter entfernt wohnte.

Hat dein Vater noch Geschwister oder Halbgeschwister?

Die Mutter meines Papas hat drei Kinder. Die Tante, bei der er aufwuchs, zwei. Sein Vater hat auch ein weiteres Kind. Mein Vater hatte aber weder zu diesem Geschwister noch zu sein Vater Zu ihm oder zu dem Kind bestand aber nie Kontakt.  Mein Papa hat erst bei seiner Hochzeit den Namen seines Vaters auf der Heiratsurkunde erfahren.

Wie war die Beziehung zwischen deinem Vater und seiner leiblichen Mutter?

Papa verbrachte jedes Jahr die Sommerferien auf dem Hof seiner leiblichen Mutter. Bis zu seinem 7. Lebensjahr wusste er aber nicht, dass sie seine Mutter ist. Er hat sie einige Male mit Mama angesprochen, das wurde aber vehement abgelehnt und fühlte sich für ihn auch falsch an. 

Das heißt, seine Tante war für ihn die Mama.

Ja, und für mich ist es die Großmutti.

Glaubst du, das wäre heutzutage alles anders gelaufen, weil der gesellschaftliche Druck der heilen Kleinfamilie nicht mehr so hoch ist?

Die Welt in der Zeit kurz nach dem zweiten Weltkrieg war eine andere als heute. Mittlerweile gibt es so viele verschiedene Familienstrukturen neben der Vater-Mutter-Kind-Konstellation und alle funktionieren irgendwie. Ich bin mir sehr sicher, dass es in heutiger Zeit anders gelaufen wäre.

Hatte dein Vater trotz allem eine schöne Kindheit?

Meine Großmutti war eine sehr liebevolle Mutter und Großmutter. Ich glaube, dass Papa die schönste Kindheit hatte, die er hätte haben können. Und auch der der Hof auf dem seine leibliche Mutter gelebt hat, ist sehr schön. Direkt an einem Fluss liegend mit integrierter Mühle. Ich glaube, dass er in seinen Sommerferien hier mit seinen Halbgeschwistern viele Abenteuer erlebt hat.

Gab es jemals eine Aussprache zwischen allen Parteien? Gab es Vorwürfe, die offen oder unterschwellig immer wieder hochkamen?

Das ist ein bisschen schwierig zu beantworten. Papa ist nach meinem Empfinden ein Kind zweiter Klasse. Bei seinen Halbgeschwistern war er immer nur der „Jürgen“, aber nie ein gleichwertiges Geschwisterkind.  Ähnlich verhielt es sich bei seinen „Geschwistern“ von seiner Tante. 

Hast du deine leibliche Oma denn mal kennen gelernt?

Papas leibliche Mutter ist leider schon lange vor meiner Geburt gestorben.

Was macht die ganze Geschichte mit dir und mit deiner Mutterschaft?

Ich wusste lange nichts von dieser Seite meiner Familiengeschichte. Erst mit 16/17 habe ich überhaupt davon erfahren. Für mich war das ok, da zur Familie meines Papas eh nie viel Kontakt bestand – außer zu der Großmutti.

Mein Papa war immer sehr liebevoll zu mir und meinen Geschwistern und sehr kreativ was seine Spielideen anging. Das hat er eindeutig von Großmutti. Die konnte sowas auch gut. Ich versuche meinen Sohn auch auf ähnlich kreative Art und Weise in Haushaltsführung und an verschiedene Aufgaben ran zu führen.

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1 comment

  1. Mir haben die Bücher von Sabine Bode sehr geholfen meine Familie und die Geschichte, die sie mir mitgegeben hat, zu verstehen.
    Ich bin in einem Mehrgenerationenhaushalt aufgewachsen und der Vater meiner Uroma ist unbekannt. Sie musste um Ansehen in der Dorfgemeinschaft kämpfen und ich habe mich immer gefragt, warum ihr und ihren Nachkommen so wichtig ist, was andere Leute über sie denken. Für meine Uroma war es gerade in Kriegszeiten wichtig, sich mit anderen „gut zu stellen“, das verstehe ich heute. Und dieses Erbe wirkt um Generation nach. Zum Glück kann ich mich heute davon frei machen und lebe zudem in einer Stadt in der die sozialen Strukturen auch einfach anders sind als im ländlichen Raum.

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