Mit meiner dunklen Haut gehörte ich nie dazu: Wie ich meine Familie suchte – und Liebe fand

Ich bin bei meiner Mutter aufgewachsen, meinen Vater habe ich nie kennengelernt. Bis hierhin gleicht diese Geschichte wahrscheinlich 10.000 anderen.

Meine Mutter und ich haben aus diversen Gründen leider keinen guten Kontakt zueinander, sie wollte mir auch deshalb nie erzählen, wer mein Vater war. Meine Mutter kommt aus Bayern – und zwar aus einem kleinen Dorf mit einer ausschließlich weißen Gesellschaft.

Ich bin nicht weiß.

Bis vor zwei Jahren war das alles, was ich über meine ethnische Identität wusste.

Klar, ich habe im Spiegel gesehen, dass ich dunklere Haut habe und konnte mir denken, dass mein Vater wohl nur mit sehr geringer Wahrscheinlichkeit deutsch war.

Noch dazu komme ich aus einer Großfamilie mit sehr vielen, sehr deutsch aussehenden Geschwistern. Acht, um genau zu sein. Meine Geschwister sind weiß. Überwiegend blond. Blauäugig. Es gibt nichts, was wir – rein äußerlich – gemein hätten.

Mein ganzes Leben lang habe ich mich falsch gefühlt. Ich war zu dunkel, zu kräftig, hatte zu breite Hüften.

In der Pubertät begann ich schließlich, mich zu vergleichen. Ich denke, so gut wie alle Mädchen tun das. Ich habe mich natürlich – auch weil es in meiner Umgebung niemanden gab, der aussah wie ich – immer mit europäischen Mädchen verglichen… und da war die Unzufriedenheit vorprogrammiert.

Nie würde ich so schmal sein wie sie, meine Oberschenkel waren so breit wie deren zwei Beine.

Meine Haare waren nicht zu bändigen und außerdem schnitt sie mir meine Mutter selbst. Ich habe Afrohaar, eine natürliche Krause, und fühlte mich ehrlich gesagt schrecklich aussehend.

Wenn man es zusammenfassen möchte, habe ich meine komplette Kindheit und Jugend damit verbracht, so weiß zu sein wie nur möglich. Und einem Idealbild von Frau hinterherzurennen, das ich unmöglich je erreichen konnte.

Ich fühlte mich falsch. Und dieses Gefühl habe ich auch in mein Erwachsenenleben mitgenommen.

Ich bin irgendwann eben älter geworden, hab geheiratet, ein Kind bekommen, mich scheiden lassen – und zum zweiten Mal geheiratet. Mein jetziger Ehemann ist mein Seelenverwandter, mein bester Freund und einer der wenigen Menschen, die wussten, wie sehr es mich verletzte, nicht zu wissen, woher mein Vater kam und warum ich so anders bin als andere…

Oft haben wir gerätselt, welcher Ethnie „mein Braun“ wohl ähneln würde, aber ich wusste nichts.

Und dann wurde meine Tochter älter. Und ich habe die Anzeichen gesehen: Einmal wollte sie sich ihre braune Haut abwaschen. Dann nichts mehr essen, damit sie so dünn wird wie ihre Freundinnen. Sie wurde in der Grundschule von Mitschülern rassistisch beleidigt, man sagte ihr „sie solle dahin gehen, woher sie kommt“.

Und dann kam die Frage, vor der ich mich gefürchtet habe: „Mama – woher kommt unsere Hautfarbe eigentlich?“

Ich kann gar nicht sagen, wie sehr ich gelitten habe, ihr auf diese Frage keine Antworten geben zu können.

Mein Mann hat beobachtet, wie sehr mich dieses Thema belastet hat und schenkte mir im Frühjahr 2018 einen DNA-Test von einem dieser Internetportale. Ich glaube, bis zur Auswertung waren es die sechs längsten Wochen meines Lebens.

Ich habe nicht viel erwartet. Man weiß ja auch vorher nicht, was da dann wirklich rauskommt. Nach sechs Wochen kamen die Ergebnisse…

Über 3.000 DNA Matches, und endlich Antworten.

Meine ethnische Herkunft ist Puerto Rico, eine kleine Insel in der Karibik, die amerikanisches Hoheitsgebiet ist. Und es kam noch viel besser!

Da ich nicht wirklich wusste, was ich jetzt tun sollte, sendete ich meine Geschichte an die Menschen, die am nächsten mit mir verwandt schienen. Cousinen dritten Grades zum Beispiel. Und tatsächlich: Es kamen Antworten. Und es kam Hilfe.

Eine meiner Cousinen betreibt schon lange Ahnenforschung und meldete sich umgehend zurück. Heute weiß ich, dass sie es auf den ersten Blick erkannt haben muss. Ich sehe meiner amerikanischen Familie unfassbar ähnlich.

Berührt von meiner Suche und der Geschichte half sie mir in monatelanger nächtlicher Recherche zuerst herauszufinden, wie wir miteinander verwandt sind, und wie ich da einzusortieren bin (ihre Großmutter und mein Großvater waren Halbgeschwister). Sie richtete eine Facebook-Gruppe ein. Sie lud jeden ein, mit dem sie verwandt ist und erzählte jedem meine Geschichte.

Sie animierte so viele Verwandte wie möglich, sich einen DANN-Test zu kaufen und plötzlich hatten wir eine Cousine zweiten Grades gefunden. Dann passierte erst mal lange nichts.

Als ich die Hoffnung schon beinahe aufgegeben hatte und dachte, näher als Cousinen würde ich meiner Familie nie kommen, bekam ich eines Morgens eine Nachricht über Facebook.

Eine Frau schrieb mir, dass sie meinte, dass es möglich sei, dass wir Schwestern wären. Sie erzählte mir, dass ich ihrem Vater unwahrscheinlich ähnlichsehen würde, dass er sich auch im Zeitraum meiner Zeugung in Deutschland aufgehalten hat.

Wenn man solange nach seiner Familie gesucht hat wie ich, möchte man so etwas nicht glauben, wenn man es liest. Zu viel Hoffnung und zu viel Enttäuschung hängen an so einer Nachricht.

So sah er aus. Ein Foto von Tinas Papa

Vicky – so heißt meine Schwester – überzeugte ihren Bruder, seine DNA testen zu lassen. Männliche DNA-Treffer sind zuverlässiger. Und tatsächlich stellte sich heraus, dass es sich bei den beiden um meine Halbgeschwister handelte.

Leider erfuhr ich in diesem Moment auch, dass mein Vater schon sein einigen Jahren verstorben war.

In einem völlig verrückten 4-tägigen Roadtrip machte ich mich Anfang des Jahres mit meiner besten Freundin auf nach Texas, um meine Geschwister kennen zu lernen – und ja, es war genau so emotional, wie man es sich aus den bekannten TV-Formaten vorstellt.

Ich habe so gezittert und bin mit so viel Liebe empfangen worden! Meine Schwester und mein Bruder sind mir charakterlich so ähnlich… Wenn ich mit beiden zusammen bin, erkenne ich mich in ihnen wieder, viel mehr als in meinen deutschen Halbgeschwistern. Wir haben so viele ähnliche Interessen – von äußerlichen Dingen mal ganz abgesehen.

Ich glaube nicht, dass jemand, der nicht in so einer Situation ist, begreifen kann, was es für jemanden wie mich bedeutet: Zum ersten Mal in seinem Leben von Menschen umgeben zu sein, die aussehen wie man selbst.
24 Stunden in Amerika haben gereicht, um dieses Gefühl des Falschseins in Nichts aufzulösen.

Als ich zurückkam, war mir bewusst, dass das genau das ist, was meine Tochter benötigt. Ihr diese Perspektive zu zeigen, war 2019 mein einzig wirklich wichtiges Ziel.

Zehn Monate habe ich alles zusammengespart, was ich finden konnte, um uns das zu ermöglichen und mit ihr und meinem Mann nach Amerika zu fliegen, bevor ihre Pubertät vollständig eingesetzt hat.

Sie ist gerade 11 geworden und man merkt den Teenager schon… Ich wollte, dass sie aus ihrer weißen Blase herauskommt, und viel früher als ich begreifen kann, dass nichts an ihr falsch ist, sondern sie einfach aussieht und ist, wie es ihrer ethnischen Herkunft entspricht.

Noch nie habe ich mein Kind so entspannt, so ausgeglichen erlebt, wie in den zwei Wochen, die wir in Amerika verbracht haben.

Sie mit ihre Cousinen und Cousins spielen zu sehen, eine Möglichkeit, die sie hier nie hätte, von allen zu hören, wie hübsch sie eigentlich ist, Komplimente von anderen 11jährigen Jungs auf der Straße zu bekommen und mit dieser alles umfassenden puerto-rikanischen Familienliebe überschüttet zu werden, war genau das, was sie benötigt hat.

Als wir zurückkamen, hatte ich den amerikanischen Teenager praktisch im Gepäck. Natürlich hat sich seit diesen Tagen alles verändert in meinem Leben.

Wie ich mich selbst in dieser Gesellschaft wahrnehme, welche Möglichkeiten uns als Familie plötzlich offenstehen, der unwahrscheinliche Stolz, von einem der schönsten Flecken der Erde zu kommen. Ohne Vorbehalt in eine Familie aufgenommen worden zu sein, die größer ist, als alles was ich mir je hätte vorstellen können.

Leider hatte ich nicht mehr die Möglichkeit, ein Gespräch mit meinem Vater zu führen, was ich bis heute sehr bedaure.

Doch seine Schwester – meine Tante – seine Cousins und Cousinen, seine Neffen und Nichten, haben nie nach den Umständen gefragt, wie ich in ihre Familie gekommen bin.

Das Einzige, was für diese Menschen zählt, ist dass ich die Tochter meines Vaters bin und mit ihnen verwandt bin. Allein das genügt, um mich in eine Blase aus Liebe einzuhüllen und mir das Gefühl zu geben, endlich eine Heimat gefunden zu haben.

Nichts ist falsch. Ich bin einfach eine Rodriguez – und es gibt nichts, auf was ich stolzer wäre.

 

Edit: Tina versucht gerade, die amerikanische Staatsbürgerschaft zu bekommen, um vielleicht irgendwann mal für einige Zeit „rüber“zugehen und mit der Familie zu leben, die ihr so gefehlt hat.



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