„Der Polizist, der mich aus der Familie holte, wurde mein Pflegevater“

Ihr Lieben, manchmal erreichen uns Geschichten, bei denen uns erstmal das Blut in den Adern gefriert. Die Geschichte von Tina ist genau so eine. Sie hat in ihrer Kinderheit Gewalt erlebt… wurde schließlich aber gerettet und konnte ohne Angst bei einer Pflegefamilie weiterleben. Heute ist sie selbst Mutter und Oma und möchte uns sensibiliseren, genau hinzusehen, wenn uns etwas bei Kindern auffällt.

An dieser Stelle möchten wir eine Triggerwarnung aussprechen. Zu Beginn des Textes geht es auch um Misshandlung und es wird seelische und körperliche Gewalt benannt. DIe Geschichte geht gut aus, lies sie bitte trotzdem nur, wenn du dich dazu grad in der Lage fühlst.

Mein Name ist Tina und als ich drei Jahre alt war, nahm mein Leben durch ein tragisches Ereignis eine dramatische Wendung: Meine Mutter starb mit 22 Jahren in Folge eines verpfuschten Schwangerschaftsabbruchs. Mein Bruder (damals 1 Jahr alt) und ich waren plötzlich Halbwaisen. 

Nicht lange nach dem Tod meiner Mutter zog eine neue Frau bei uns ein, sie hatte selbst zwei Kinder und übernahm die Mutterrolle für uns. Mein Vater bekam mit ihr noch zwei weitere Kinder, insgesamt waren es also nun sechs Kinder, die zu betreuen und zu versorgen waren.

Diese Frau, meine Stiefmutter, wurde für mich und meine Geschwister zum Albtraum. Als ich etwa viereinhalb Jahre alt war, begannen die körperlichen Misshandlungen. Ich wurde geschlagen, mit der Hand, mit Stöcken, eigentlich mit jedem Gegenstand, den sie zu greifen bekam. Sie brach mir den Arm und die Nase. Ich musste Erbrochenes aufessen, einmal mein eigenes Blut auflecken. 

Mein Vater ignorierte die Misshandlungen

Neben den körperlichen Misshandlungen waren da auch massive seelische Demütigungen. Wir lebten in ständiger Angst. Wenn ich abends im Bett mit meinen Geschwistern noch flüsterte und dabei erwischt wurde, war klar, was mich am nächsten Morgen erwartete. 

Mein Vater nahm all das einfach hin, ignorierte es einfach, er wollte davon nichts wissen. Er war auch wenig zu Hause, kümmerte sich nicht um uns. 

Um die Misshandlungen geheim zu halten, musste ich der Außenwelt Lügen erzählen. Ich sei die Treppe runtergefallen, gestürzt. Ich lebte in meiner eigenen Welt, ohne Aussicht auf Hilfe, ohne Rückhalt, ohne Liebe. 

Dann kam ich in die Schule. Und das rettete mich. Die Lehrer bemerkten meine Blutergüsse und ihnen fiel auf, dass ich von Tag zu Tag gehemmter und auffälliger würde. Sie beschlossen, das Jugendamt und die Polizei einzuschalten. 

Im Krankenhaus verschwieg ich die Misshandlungen

Ein Polizist fuhr mich ins Krankenhaus, dort wurde ich untersucht. Der leitende Professor war erschüttert über meine Verletzungen, doch ich schwieg eisern über die Ursache. Und so kam es, dass ich erstmal wieder nach Hause kam. 

Nach einer erneuten Misshandlung, die mich wieder ins Krankenhaus brachte, waren die Ärzte nun alarmiert. Man sah meine Akte, meine früheren Verletzungen und wieder wurden das Jugendamt und die Polizei verständigt. 

Die Behörden sprachen sehr lange und liebevoll mit mir, gaben mir das Versprechen, nie wieder zurück zu meiner Stiefmutter zu müssen. Da verlor mich meine Angst und erzählte alles. 

Die Familie des Polizisten, der mich ins Krankenhaus gefahren hatte, wurde meine Pflegefamilie. Dort wohnte ich bis zu meinem 19. Lebensjahr. Das war ein absoluter Segen, denn dort erlebte ich zum ersten Mal ein Leben ohne Angst. Durch die schrecklichen Erlebnisse in meiner Kindheit war es nicht immer leicht mit mir, meine Pflegeeltern waren deshalb streng, aber gleichzeitig sehr liebevoll. Ich bin ihnen sehr dankbar dafür.

Die Täterin kam ins Gefängnis

Meine Stiefmutter musste sich schließlich vor Gericht verantworten und wurde zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und sechs Monaten verurteilt. Sie ist mittlerweile gestorben und – auch wenn es viele nicht verstanden haben – musste ich zu ihrer Beerdigung gehen. 

Mein Vater hatte sich irgendwann von meiner Stiefmutter getrennt. Als ich davon erfuhr, versuchte ich, Kontakt mit ihm aufzunehmen. Doch er hatte kein Interesse daran und das ist bis heute so geblieben. Mittlerweile ist er 80 Jahre alt.  

Meine Kindheit prägt mich bis zum heutigen Zeitpunkt – nur durch psychologischen Beistand und Gespräche mit Freunden habe ich es geschafft, ein normales Leben zu leben. Ich hege keinen Hass mehr. Mittlerweile bin ich 58 Jahre alt, verheiratet, habe drei tolle erwachsene Kinder, zwei Schwiegertöchter, einen Schwiegersohn, vier leibliche Enkel und ein Pflegeenkelkind. Es geht mir gut und ich bin dankbar, dass sich mein Leben in dieser Weise entwickeln durfte. 

Warum euch das erzähle? Nicht etwa, weil ich Mitleid möchte, sondern weil ich euch bitte, GENAU hinzusehen. Wenn ihr das Gefühl habt, dass es einem Kind nicht gut geht in einer Familie, wenn ihr Streitereien hört, wenn ihr mitbekommt, dass ein Kind blaue Flecken hat, sich massiv verändert – schaut nicht weg.

Sprecht die Familien an, bietet eure Hilfe an, schaltet das Jugendamt ein. Dass jemand von außen nicht die Augen zumacht ist oft die einzige Chance für Kinder, aus ihrer Hölle zu entkommen.

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5 comments

  1. @Silvia,

    bleib mal ruhig, ich will keine Niere von ihr und sie ist nicht verpflichtet zu antworten! Wenn sie antwortet, schön, wenn nicht dann akzeptiere ich das! Nachhaken von mehreren Texten?? Übertreibe mal nicht!! Wenn man einen Teil seiner Biografie veröffentlicht, muss man mit pro und contra rechnen. Und dies sind Fragen, die mich einfach beschäftigt haben also liebes, fahr dich runter und geh arbeiten! Das war das letzte mal das ich mich zu dir äußere, du bist echt belastend.

  2. Liebe Tina,
    danke für das Teilen deiner Geschichte. Ich danke insbesondere für den Appell am Ende des Artikels. Vor wenigen Tagen habe ich auf der Arbeit fast die Hoffnung in unser Jugendamt verloren, aber ich werde nicht aufgeben und mich weiter für Schüler und Schülerinnen, die in ihren Familien Schreckliches erleben, einsetzen. Alles Gute!

    @Silvia: warum denn gleich so forsch gegenüber Ich? Ob die Autorin darauf antworten möchte oder nicht, kann sie selbst entscheiden. Da sie jedoch so offen über alles geschrieben hat, finde ich diese Nachfrage nachvollziehbar und nicht unangemessen.

  3. Meine Hochachtung vor Ihrer Stärke und dem liebevollen Leben das Sie sich trotzdem aufbauen konnten.
    Ich werde nie verstehen, wie Elternteile bei Misshandlung ihrer Kinder wegschauen ( oder sich gar beteiligen)!

  4. Auch wenn Sie kein Mitleid wollen, muss ich Ihnen trotzdem sagen wie unfassbar leid mir das tut. Ich hege gerade solche Wut auf Ihre Stiefmutter…
    Es ist sehr schön zu lesen das sich alles zum Guten gewendet hat. Das nimmt mir jetzt dir Schwere im Herzen.
    Bitte, lassen Sie uns noch wissen was mit Ihrem leiblichen Bruder passierte als Sie in Pflege kamen. Liebe Grüße und alles Gute

    1. @Ich
      Wenn etwas nicht im Text steht, wollte er oder sie das nicht preisgeben!?
      Warum neuerdings zu ( mehreren) Texten dieses indiskrete Nachhaken? Möglichst noch mit Lebenslauf und Zeugnissen bzw Fotos? Nicht alles geht uns was an! Und der mittlerweile erwachsene Bruder entscheidet selbst über seine Veröffentlichung.

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