Verwahrlost und misshandelt im Elternhaus: Mit 21 schaffte ich den Absprung

Kindermisshandlung

Symbolfoto: pixabay

Ihr Lieben, vor diesem Interview möchten wir eine Triggerwarnung aussprechen. Zur Sprache kommen u.a. die Themen Kindeswohlgefährdung, Kindesmisshandlung, Tod und Suizid. Wenn ihr euch grad nicht in der Lage fühlt, das zu lesen, dann klickt besser weiter.

Für Amlie musste in ihrer Kindheit ein Becher Wasser pro Tag reichen. Zum Mittagstisch bekommt sie von der Mahlzeit einen Löffel voll. Daneben dürfen sich alle anderen satt essen. Seitdem sie vier Jahre alt ist wird sie von ihrer Stiefmutter drangsaliert, geqält und eingesperrt. Die Familie erzählt nach außen, Amelie habe eine Behinderung, damit kommen sie jahrelang durch und können ihren perfiden Sadismus ausleben.

Amelie ist 21, als ihr endlich die Flucht gelingt und sie sich lösen kann. Die Verarbeitung ihrer Kindheits-Traumata wurde zur Lebensaufgabe. In ihrem Buch Als hätte der Himmel mich vergessen: Verwahrlost und misshandelt im eigenen Elternhaus und hier im Interview erzählt sie ihre bewegende Geschichte. Nichts für zarte Gemüter. Danke für dein vertrauen, Amelie.

Liebe Amelie, von deiner frühesten Kindheit an warst du dem Hass der Frau ausgeliefert, die du „Mama“ nennen musstest. Wie geht es dir heute?

Mein Leben ist stark eingeschränkt durch Traumafolgestörungen, die mich seit etlichen Jahren begleiten. Was sich in einer KPTBS (komplexe posttraumatische Belastungsstörung), massiven Schlafstörungen, Albträumen, Depression, Angstzuständen und Schmerzen, im Alltag auswirkt.

Glück sind für mich die kleinen Dinge im Leben, wie:

1.       Mal drei Stunden am Stück durchschlafen zu können.

2.       Die Freiheit zu haben, jeden Tag an den Kühlschrank zu gehen, um sich was zu essen zu nehmen, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben.

3.       Jeden Tag duschen oder baden zu können, ohne dass es einem verboten wird.

 Hast du noch Kontakt zu deiner Mutter? 

Meine leibliche Mutter hat sich das Leben genommen und hat meine Schwester mit in den Tod genommen. Zu allen anderen Familienangehörigen – wie etwa zu meinem Stiefbruder – habe ich keinen Kontakt mehr.

Was genau hat sie dir angetan?

Ich musste als Kind und Jugendliche eine Vielzahl von körperlichen und seelischen Misshandlungen durch meine Stiefmutter und Stiefoma erdulden, aber auch mein Vater hat mich verprügelt, wenn sie ihm berichteten, wie schlimm ich war. Abends berichteten sie ihm z.B.: Amelie hat heute schon wieder in die Hose gemacht. Zudem habe ich – je älter ich wurde – wahnsinnig unter Hunger und Verwahrlosung gelitten. Um das ein bisschen zu verdeutlichen möchte ich einen Teil des Klappentexts von meinem Buch „Als hätte der Himmel mich vergessen“ erwähnen:

„Von ihrer frühesten Kindheit an ist Amelie dem Hass der Frau ausgeliefert, die sie „Mama“ nennen muss. Nach außen hin sind die Sanders die perfekte Familie. Doch Amelie bekommt kaum etwas zu essen und zu trinken, wird eingesperrt, gequält und erniedrigt. Es gibt nur wenig, das ihr nicht bei Strafe verboten ist. Erst spät findet Amelie heraus, was mit ihrer leiblichen Mutter geschehen ist. (…)“

Wie fühlt sich dieser Hunger an?

Entsetzlich, man ist kraftlos, ständig müde und hofft doch, es möge irgendwann zu Ende sein. Ich habe mir sehr oft gewünscht, einfach einzuschlafen und nicht mehr aufzuwachen. Einfach, weil ich mir vorstellte, dann auch keinen Hunger mehr zu haben. 

Welche Gefühle haben sich in dir eingebrannt? 

Ich fühlte mich ständig schlecht und hatte das Gefühl, dass ich von Anfang an in dieser Familie nicht erwünscht bin. Erst mit 12 Jahren, erfuhr ich von der Stiefmutter, dass sie nicht meine Mutter ist, somit verdichtete sich mein Verdacht, dass ich nicht erwünscht war.

Es gab für alles Strafen und Verbote. Nenn mal ein paar banale Beispiele. 

Ich durfte nicht spielen, rein gar nichts im Kindergarten oder der Schule mitmachen. Mich nicht satt essen, mich nicht mit anderen Kindern unterhalten, also praktisch durfte ich gar nichts machen, außer nach der Schule im Haushalt helfen und den restlichen Tag auf einem Stuhl im Zimmer sitzen und aus dem Fenster starren.

Dass ich aus dem Fenster starre, war ausdrücklich erwünscht, sodass die Nachbarn das sehen konnten und meine Stiefmutter wieder einen Grund hatte, warum ich doch so ein zurückgebliebenes und behindertes Kind sei. War die Stiefoma im Haus – und sie war sehr oft im Haus – wurde ich nach der Schule sowie an schulfreien Tagen ins Zimmer eingesperrt. Die Gefangenschaft ging über Jahre, bis ich mit 21 Jahren glücklicherweise doch noch befreit wurde.

Wann hast du gemerkt, dass es bei anderen zu Hause nicht so ist wie bei dir? 

Gar nicht, da ich zu keinem anderen Kind gehen durfte. Erst als mein Stiefbruder geboren wurde, habe ich gemerkt, dass er ganz anders aufwächst als ich, konnte aber nichts dagegen tun. Ich konnte mich auch nicht wehren, da ich wegen meiner Unterernährung zu schwach und kraftlos war.

Hast du dich jemandem anvertraut? 

Nein, ich wurde von klein auf darauf getrimmt, mit niemandem ein Wort zu wechseln.

Hattest du „Beschützer“?

Leider nein. 

Hast du eine Art Ersatzfamilie? Eine selbst gewählte?

Nein, leider nicht.

Hat jemand von außen mitbekommen, wie es dir geht?

Nein, ich durfte mit niemandem sprechen. Aber mein Verhalten, nicht sprechen, nicht mitmachen, im Pausenhof nur die Wand anstarren, mein äußerliches Erscheinungsbild wie fettige Haare, fast jeden Tag dieselbe Kleidung an, muss eigentlich jedem aufgefallen sein. Es hat nur keiner was unternommen, weil es einfacher war, wegzusehen, anstatt mal hinzusehen?

Was rätst du Eltern, Erziehern, Lehrer, Ärzten, wenn sie einen Verdacht haben?

Ich plädiere dafür, nicht wegzuschauen, sich lieber einmal zu oft einzumischen, und nicht alles der Familie überlassen. Man weiß ja nicht, was hinter der Tür einer Familie passiert. Von daher kann ich nur appellieren, wenn einem etwas auffällt, dass man sich einmischt, das Jugendamt oder die Polizei einschaltet. Lieber sich einmal zu viel einmischen, als einmal zu wenig. Jedes Kind, das nicht gerettet wird, ist eines zu viel. Ich wünsche mir, dass wir alle zusammen Augen und Ohren für diese jungen Seelen offenhalten. 

Wie geht es dir mit der Vorstellung, dass in Lockdownzeiten jetzt vieles, was zu Hause in Familien geschah, nicht gesehen wurde?

Leider weiß man nicht, was hinter verschlossenen Türen alles passiert. Mir liegt da ein flaues Gefühl im Magen.

Wie hast du es geschafft, nicht an den Geschehnissen zu zerbrechen? Was hat dir Kraft gegeben durchzuhalten?

Aus heutiger Sicht war es sicherlich das Radio. Lange Zeit war das Radio meine Welt nach draußen. Aber auch das Radio hören wurde mir nur am Sonntag für drei Stunden erlaubt. Es durfte zwar in meinem Zimmer bleiben, aber mir war verboten, es anzuschalten, eben nur, wenn meine Stiefmutter es erlaubte. Somit habe ich am Abend oder wenn keiner im Haus war, heimlich gehört mit ständiger Habachtstellung, dass jemand die Treppe hochkommt und ich es nicht schnell genug ausschalten kann. Während des Radiohörens konnte ich für ein paar Stunden den Demütigungen in meiner Gefangenschaft entfliehen. Auch heute noch bin ich dem Radio und seiner Musik sehr verbunden.

Was möchtest du allen Kindern mit auf den Weg geben, die sich in einer ähnlichen Situation befinden wie du damals?

Versucht, euch eine Überlebensstrategie anzueignen und wenn es irgendwie möglich ist, Hilfe zu holen, um aus der Situation rauszukommen. Vielleicht gibt es eine Vertrauensperson, der man sich anvertrauen und die einem hilft, denn alleine schafft man es leider nicht.

Du hast dann mit 21 den Absprung geschafft. Wie? 

Das musste in einer geheimen Mission stattfinden. Nach fast zwei Jahrzehnten ist, wie ein Wunder, meine Lebensretterin „Gudrun“ in mein Leben getreten. Sie hat alles organisiert. Hier ein kleiner Auszug von meiner Geschichte aus meinem Buch: „Als hätte der Himmel mich vergessen„:

„Endlich ist es Nachmittag. Ich darf das Haus verlassen und zum Finanzamt fahren. Ich versuche, in Windeseile die Papierkörbe auszuleeren, hetze von Büro zu Büro. Rasch fege ich jedes Büro durch, das muss heute genügen. Die Toiletten muss ich allerdings gründlicher putzen, sonst fällt es auf. Von Minute zu Minute wächst ein flaues Gefühl in mir, und es ist ausnahmsweise nicht der Hunger. Es ist Panik.

Ich schaue auf die große Uhr im Gang. Jahrelang wollte die Zeit einfach nicht vergehen, und jetzt hetzen die Zeiger einfach so übers Ziffernblatt. Gudrun hat gesagt, sie wird mich heute Abend um halb fünf Uhr mit dem Auto abholen. Dann fahren wir gemeinsam zu meinem Elternhaus. »Ich hol dich da raus, Amelie.« Das waren ihre Worte.

Ich stehe in einem der Büros am Fenster, mein Herz klopft mir bis zum Hals. Wo bleibt Gudrun nur? Hat sie es sich anders überlegt? Mir wird heiß und kalt bei dem Gedanken, in mein Gefängnis zurückzukehren, allein und verspätet, einmal mehr hilflos der Wut meiner Peinigerin ausgeliefert. Doch da sehe ich den Wagen. Es geht los.

Ich renne die Treppe hinunter und schaue ganz vorsichtig zur Tür hinaus, als ob ich verfolgt würde. Gudrun kommt über den Hof auf mich zu. »Hallo«, sagt sie und strahlt mich voller Wärme an. Sie nimmt meine Hand und sieht mir direkt in die Augen. »Amelie, es wird alles gut werden, du wirst sehen.«

Kurz flammt Hoffnung in mir auf. Doch sofort warnt mich diese skeptische Stimme in mir: ›Die hat gut reden.‹ Schließlich träume ich einfach schon zu lange von meiner Flucht. Gudrun scheint es zu bemerken, sie legt ihren Arm um mich und sagt: »Du zitterst ja! Amelie, hab keine Angst.«

Doch, ich habe Angst, eine höllische Angst. Angespannt folge ich Gudrun zum Auto. Es ist der Wagen des Radioseelsorgers Vincent Meier, und in diesen Mann habe ich schon einmal meine ganze Hoffnung gesetzt. Ob er mich heute wieder enttäuschen wird? Auch Annabell, meine Arbeitskollegin, begrüßt mich, auch sie kommt zur Unterstützung mit. So fahren wir zu viert zu meinem Elternhaus. Je näher wir kommen, umso mehr habe ich das Gefühl, dass sich mein Magen langsam verknotet.

»Glaubst du wirklich«, frage ich Gudrun leise, »sie lassen mich gehen?« »Wir sind bei dir«, versucht mich Gudrun zu beruhigen. »Außerdem bist du volljährig, Amelie. Du bist 21 Jahre alt. Sie müssen dich gehen lassen.«

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2 comments

  1. Liebe Amelie danke für deinen Mut, die Misshandlungen aus deiner Kindheit hier offen zu erzählen. Viel zu wenigen Menschen ist klar, was Kinder erleiden müssen, nach dem Motto „So etwas gibt es hier doch nicht“.Die Realität sieht leider anders aus. Niemals hätte dir das passieren dürfen. Du hättest Liebe, Schutz, Geborgenheit und eine Angstfreie Umgebung erleben sollen. Ich hoffe du weißt, dafür sind ausschließlich deine Stiefmutter und dein Vater verantwortlich, niemals du! Ich hätte dir aufmerksame Menschen in deinem Umfeld gewünscht, die früher einheschritten wären.
    Es ist mutig und stark, dass du nun dein eigenes Leben lebst und vergiss nicht, du bist viel mehr als dieser Teil deiner Biographie!
    Ich wünsche dir von Herzen alles Gute.

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