Patchwork-Familie: Stiefmutter und Mutter von Stiefkindern – zwei Sichtweisen

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Ihr Lieben, bei Facebook haben wir gestern unseren Artikel über Stiefmütter aus dem Archiv geteilt. darauf meldete sich unsere Leserin Verena bei uns. Ihr lag es am Herzen, auf den Text zu antworten. Sie schreibt:

Gestern las ich bei Euch den Artikel über Stiefmütter und deren Leid. Und ich fragte mich beim Lesen immer wieder, wie ich das selbst so empfinde und andersherum handhabe. Ich bin nämlich beides: Stiefmutter von zwei Teenagern und Mutter von zwei Kindern, die wiederum auch noch eine Stiefmutter haben.

Und mir hat eines ganz klar in dem Artikel gefehlt: die Sichtweise auf die Kinder. Ich muss dazu sagen, dass unsere Konstellation sicherlich häufiger vertreten ist und dennoch immer sehr individuell ist. Daher möchte ich niemandem das „Jammern“ absprechen, das steht jedem von uns mal zu. Aber ich habe eben viel über dieses Thema nachgedacht und das hier ist ein kleiner Einblick in mein Leben und meine Gedanken dazu.

Das Leben als Stiefmutter, ebenso das als Mutter von Kindern mit Stiefmutter birgt so seine Tücken. Ich erwarte auf der einen Seite eine Frau, die meine Kindern mit all ihrer Herzenswärme empfängt und umsorgt und auf der anderen Seite erwarte ich Kinder, die sich mir und meinem Leben anpassen. Das klingt jetzt erstmal sehr hart und ist natürlich in dieser Härte und Konsequenz übertrieben, trifft den Nagel aber dann doch wieder auf den Kopf. Denn hier beginnen die Probleme. Allerdings hilft der beidseitige Blick, um überall ein wenig Verständnis zu entwickeln und vielleicht sein eigenes Handeln zwischendurch mal kritisch zu hinterfragen.

Meine Kinder gehen nicht besonders gern zu ihrem Vater, hauptsächlich das kleine Kind tut sich oft sehr schwer. Seine neue Frau, also die Stiefmutter, hat selbst ein Kind, das aufgrund von Verhaltensauffälligkeiten scheinbar viel Struktur und Regeln benötigt. Meine Kinder sind von diesen vielen Reglementierungen häufig gestresst und überfordert. Es gibt Regeln. Wenn sie sich nicht daran halten, gibt es Strafpunkte und ab einer gewissen Anzahl dieser Punkte, wird irgendetwas gestrichen. Süßigkeiten, Fernsehen, whatever. Auch ansonsten ist eben vieles weitestgehend „geregelt“, so dass sie möglichst wenig Stress mit dem Nachwuchs haben.

Das Ganze geht in eine ganz andere Richtung, als ich es praktiziere (positives Verstärken, etc.), so dass auch ich anfangs überfordert und vor allem richtig sauer war. Ich habe mich gefragt, wie es sein kann, dass man bei zwei Wochenendbesuchen im Monat diesen kleinen Menschen sowas zumutet? „Können die nicht einfach die Zeit mit den Kindern genießen und was Tolles machen?“, dachte ich.

Die Antwort dazu kennen wohl nur der Vater meiner Kinder und seine Partnerin. Meine Lösung: Wenn Sie an den Papa-Wochenenden da hin wollen, gehen sie, wenn sie nicht wollen, gehen sie nicht. So einfach ist das und doch war der Weg dahin so schwer. Wie ich das finde? Immer noch Mist, aber ich bin dankbar dafür, eine gute Lösung für meine Kinder gefunden zu haben. Und sie kommen auch immer mal wieder gut gelaunt und euphorisch nach Hause, weil sie dann eben doch etwas Tolles erlebt oder unternommen haben und darum geht’s ja letztlich.

Auf der anderen Seite besuchen uns die zwei Teenager von meinem jetzigen Mann alle zwei Wochen. Finde ich immer gut? Nein. Bin ich manchmal genervt und gestresst mit sechs Personen im Haus? Auf jeden Fall. Aber ich sehe auch zwei Kinder, die sich auf ihren Papa freuen und auf ihre Stiefgeschwister und vielleicht sogar auf mich. Und ich freue mich auch jedes Mal auf die beiden, denn wir erleben zu sechst einfach richtig tolle Sachen und unsere Fernseh-Samstag-Abende sind legendär.

Anfangs habe ich mich jedes Mal bei meinem Mann beschwert, wenn mir etwas nicht passte. Und irgendwann dachte ich: „Nee, das kannst du den beiden selbst sagen.“ Und das habe ich getan. Es war ja nie was Dramatisches (ich erinnere mich hier gerade an die Handtuch-Story aus dem Artikel) und trotzdem Kleinigkeiten, die erwähnt werden durften. Und es hatte natürlich einen entscheidenden Vorteil: die Kinder hatten meine Laune und meinen Tonfall direkt präsent und wussten, dass ich eben nicht stinksauer oder sonst etwas war, sondern es einfach nur eine Bitte oder ein Hinweis meinerseits war. Nicht mehr und nicht weniger.

Ich frage mich aber auch mittlerweile jedes Mal, ob es jetzt wichtig genug ist, um es anzusprechen. Denn auch ich sehe hier an erster Stelle zwei Kinder, die sich alles ausgesucht hätten, aber bestimmt keine Stiefmutter als Konsequenz einer Scheidung der Eltern. Kinder, die irgendwie ihren Weg finden müssen mit der Situation. Kinder, die müde und kaputt von einer Woche Schule oder Kindergarten sind und die auch einfach nur Erholung und vor allem Liebe brauchen. Die sich willkommen fühlen wollen, auch, wenn sie „fremd“ sind.

Und dann kann man mal in sich hineinhorchen und sich fragen: "Finde ich für dieses Wochenende nicht vielleicht einfach einen Umgang und meinen Frieden mit diesem oder jenem?" Ich verstehe, dass es Dinge gibt, die nicht gehen und das ist immer dann der Fall, wenn jemand meine persönliche Grenze überschreitet und es wird tausende Familien geben, die ganz anderes zu berichten haben. Teenager, die beleidigen und unverschämt sind, Kleinkinder, die ständig Wutanfälle bekommen und einen zur Weißglut treiben usw.

Was ich sagen will, wenn ich vor allem diese Sätze lese, wie: „Man würde doch einer Mutter auch nicht sagen, „Warum hast Du nicht abgetrieben?“, wenn sie sich über ihr Kind beschwert, warum sagt man dann einer Stiefmutter Dinge wie „Hast Du Dir ja so ausgesucht!“? Nein, man sagt das Eine genauso wenig wie das Andere, aber die Kinder suchen sich das Ganze noch viel weniger aus. Sie sind aber immer diejenigen von denen man erwartet, dass sie „funktionieren“. Ein bißchen mehr Sicht auf die Kinder, ein bißchen mehr Empathie, ein bißchen mehr Verantwortung. Ich glaube das hilft allen Seiten.

Am einfachsten ist es natürlich, wenn man sich auch ein bißchen auf die leibliche Mutter einlassen kann und nicht ständig versucht, alles zu boykottieren, was aus dieser Richtung kommt. Aber gerade hier wird es meistens sehr emotional und dann gelingt so etwas kaum. Ich selbst respektiere die Mutter meiner Stiefkinder sehr – ohne sie besonders zu kennen oder zu mögen. Und ich denke auch nicht jedes Mal: „Meine Güte, die achtet ja zuhause auf gar nichts“ oder Ähnliches, nur weil die Kinder sich am Tisch mal nicht so benehmen, wie ich es mir vorstelle. Zum Einen haben wir bei unseren eigenen Kindern immer einen „blinden Fleck“ und übersehen hier ganz viel, zum anderen sind die Kinder vielleicht gerade einfach mal froh, wenn sie beim Papa am Wochenende eben nicht die ganze Zeit still sitzen müssen bis alle aufgegessen haben.

Also, liebe Steppmuddis oder wie ihr euch nennen wollt ;-), lasst uns jammern, lasst uns aber auch verstehen und lasst es manchmal einfach sein, wie es ist und freut euch über die anderen 26 Tage im Monat, an denen andere Sachen nerven ;-)))!

 

Fotohinweis: pixabay

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8 comments

  1. Naja
    Prinzipiell finde ich es toll, wenn man damit so reflektiert umgehen kann. Liegt vielleicht aber auch daran, dass Du selbst Kinder mit einer Stiefmutter hast und damit eben beide Seiten kennst. Allerdings ist es auch nur bedingt reflektiert, wenn die Regeln der Stiefmutter bzw. im Haus des Vaters der Hauptgrund sind, dass die Kinder Besuchswochenenden nicht wahrnehmen „müssen“ bzw. es Dich stört.

    Natürlich können die Kinder nichts für die Situation und man stellt sich auch automatisch um, wenn sie da sind und trotzdem muss ich nicht alle Prinzipien, die an der restlichen 26 Tagen gelten, über den Haufen werfen, nur weil es bei der Mutter anders läuft. Vor allem nicht, wenn es auch noch andere Kinder im Haushalt gibt und denen man eben bestimmte Regeln vermitteln möchte.

    1. Na ja
      Ich würde die Mutter gerne einmal kennenlernen, die völlig emotionslos hinnimmt, dass da plötzlich eine Stiefmutter ist, die völlig konträr zu dem eigenen Erziehungsstil agiert. Weißt du was? Ich DARF darüber sauer sein, meine Kinder DÜRFEN das sch*** finden. Und trotzdem kann man einen Umgang damit finden und der sollte kindgerecht sein. Meine Kinder lassen die WE nicht ausfallen, weil ICH es doof finde, sondern weil sie sich dort nicht wohl fühlen. Soll ich sie dahin „prügeln“ oder was wäre deine Idee? Try walking in my shoes… ich habe eine harte Zeit hinter mir. Dorthin zu gelangen wo ich heute stehe, hat mich unfassbar viel Kraft gekostet. Ich habe einiges ausgelassen in meiner Erzählung, weil es zu persönlich ist. Fakt ist, dass sich die Stiefmutter meiner Kinder sehr häufig übergriffig verhält. Und, dass die Konsequenz davon ist, dass sich meine Kinder dort nicht wohlfühlen, ist für mich nachvollziehbar und wird nicht ignoriert. Wenn ich mir was wünschen könnte, dann wäre es, dass meine Kinder eine tolle Beziehung zu ihrem Papa und seiner Partnerin haben könnten. Dass das nicht so ist, liegt zu 100% an ihm und ihr. So, jetzt erlebst du MICH gerade emotional und dennoch reflektiert. Aber solche Kommentare sind einfach nur anmaßend.

      1. Anmaßend…
        Ich finde den Kommentar überhaupt nicht anmaßend. Wenn wichtige Details fehlen (egal aus welchem Grund), die die Basis für deine Bewertung darstellen, dann ist es doch nicht verwunderlich, dass es genauso wirkt. Denn „sich übergriffig verhalten“ ist ganz schön heftig und etwas anderes, als Regeln, die den eigenen widersprechen – wenn auch das sicherlich nicht einfach ist. Ansonsten finde ich deinen Beitrag sehr gut.

        1. Danke
          Mir ging es in erster Linie in dem Beitrag darum einen Blick auf die Kinder zu haben und zwar als Mutter, wie auch als Stiefmutter. Und das in Momenten in denen man vielleicht mal genervt ist. Es ging nicht darum zu sagen, dass sich keiner an irgendwelche Regeln halten muss und die Erwachsenen alles hinnehmen sollen. Und mir ging es vor allem nicht darum die Stiefmutter meiner Kinder hier in epischer Breite darzustellen und zu diskutieren. Es geht um Wege. Und ja, ich finde es anmaßend, wenn man mir unterstellt nicht reflektiert zu sein, weil meine Kinder nicht gern zu ihrem Vater und Ihrer Stiefmutter gehen. Aber ich glaube das führt hier letztlich auch zu weit. Diese Konstellationen sind immer sehr individuell. Was für mich „richtig“ ist, muss noch lange nicht für alle anderen gelten. Allen anderen danke ich für die vielen netten Kommentare, das tat sehr gut. Denn auch, wenn der Eindruck entstanden ist ich hätte mit allem meinen Frieden gefunden, bin ich einfach eine Mama mit Gefühlen, die sich wünscht, dass es ihren Kindern gut geht. Zu sehen und zu spüren, dass das nicht immer so ist, tut unglaublich weh. In den Momenten wo deine Kinder weinend und flehend vor dir stehen, weil sie bei dir bleiben wollen und nicht zum Papa wollen, zerreißt es einen auch mal… aber das ist zum Glück nicht die Regel.

          1. Ich fühle mit dir. Das hast
            Ich fühle mit dir. Das hast du schön beschrieben. Ich bin keine Stiefmutter. Ich bin Mutter. Jeden Tag fragt meine Tochter mich nach dem aufwachen ‚Muss ich heute zum Papa?‘ Und wenn es so ist, dann bricht jedes Mal eine kleine Welt zusammen. Ich mache dann ein Riesenprogramm, damit es ihr besser damit geht. Mache Werbung für den Papa und seine Freundin. Nur um mir dann immer wieder von Ihnen vorhalten zu lassen, es wäre meine Schuld, ich beeinflusse das Kind negativ. Ich schlucke meinen Ärger runter, gebe meiner Tochter einen dicken Kuß. Denn es geht nicht um mich. Um meine Befindlichkeiten und Verletzungen. Ich fühle so mit dir.

          2. Und ich mit Dir…
            Fühl dich ganz doll und unbekannterweise gedrückt!! Wenn du dich austauschen magst, schreib doch einfach Stadt Land Mama an, die dürfen gerne meine E-Mail Adresse an dich weitergeben. Wünsche dir viel Kraft weiterhin und alles Liebe!

  2. Danke
    Von mir für diesen tollen Artikel! Ich bin Stiefmutter (mich stört das Wort nicht) und Mutter und finde du hast so recht. Die Kinder haben es sich nicht ausgesucht. Sie sollen / müssen mit allem zurechtkommen und es ist sehr, sehr anstrengend mehrere Zuhause zu haben. Warum sollten ausgerechnet Sie sich immer nur anpassen?

  3. Bewundernswert reflektiert!
    Wow, was für eine tolle reflektierte Sichtweise! Eine solche Stiefmutter kann man sich als Kinder, Stiefkinder, Partner, andere Stiefmutter echt nur wünschen! Das setzt sicherlich voraus sehr im Reinen mit sich selbst zu sein, sodass man aufkommende Emotionen rational betrachten kann. Ist sicherlich ein Prozess… 😉 Hut ab!!!