Interviews

18/04/2018 - 11:00

Land-Mama Lisa

Keine Auszeiten, etliche Pflichten: Wie einsam es macht, alleinerziehend zu sein

Liebe Annette, wie alt sind deine Kinder und seit wann bist du alleinerziehend?

Meine Kinder sind 11 und 13 und ich bin seit 7,5 Jahren alleine mit ihnen.

Du gehst sehr ehrlich mit deiner Situation um. Was bedeutet es wirklich, alleinerziehend zu sein?

Eigentlich ist es ganz simpel: Alleinerziehend ist einfach eine Familie, die nur einen statt zwei Erwachsene hat. Den ganzen Alltag, die Schule, die Kita, die Hobbys, die Krankheiten, die Ferien der Kinder allein organisieren.

Jeden Großeinkauf, jedes Abendessen, jede einzelne Wäscheladung, jeden Putztag selber machen. Jeden Wutanfall, jeden Geschwisterstreit, jede Entscheidung, jeden Geburtstag, jeden Elternabend alleine lösen. Jeden Euro selber verdienen, die Altersvorsorge selber finanzieren, nichts teilen und nichts zusammenlegen können.

Jede Sorge alleine tragen, keinen Austausch haben und nie, wirklich nie zu Hause einen erwachsenen Ansprechpartner haben. Niemals sagen können: kannst Du mal übernehmen? Keine Alternative, kein Plan B.

Du hast dich nach einem Text bei uns gemeldet, in dem wir sagten: Mütter brauchen Auszeiten – und sollten sich diese auch nehmen. Da sagtest du: Halt, Stopp, so einfach ist das nicht! Bei uns jedenfalls nicht. Wie ist es bei dir?

Der Text hat mich geärgert, weil es für mich danach klang, als ob eine Auszeit zu nehmen die grandioseste Idee aller Zeiten wäre, nur wären die anderen Mütter halt noch nicht darauf gekommen. Wäre es einfach ein Erfahrungsbericht gewesen: ok. Aber er klang nach Ratschlag und Aufforderung: nimm doch einfach mal eine Auszeit. Als ob das so einfach wäre, und als ob ich nicht selber wüsste, wie gut so eine Auszeit täte.

(Das hier ist der Text zu Auszeit für Mütter, um den es geht.)

Wie ist es bei Dir?

Wenn ich Zeit für mich alleine haben will, müssen die Kinder woanders sein und ich frei von Pflichten. Wenn ich dazu noch wegfahren will, muss ich es bezahlen. Und da wären wir auch schon am Ende der Geschichte: selbst wenn die Kinder beim Vater sind, habe ich keine Auszeiten, sondern jede Menge Pflichten.

Was machst du dann?

Meistens arbeite ich schlichtweg durch, weil ich sonst mit den ganzen üblichen kindbedingten Fehlzeiten niemals auf meine 100% käme. Wenn ich nicht arbeite, räume ich die Wohnung auf, kaufe ein, mache die Wäsche. Wenn ich auch das nicht mache, schlafe ich. Das ist meine Auszeit: Schlafen. So wie mein Wellness: Duschen.

Triffst du auch mal Freunde dann?

Ich versuche, Freunde zu treffen, ohne mein wertvolles Kontingent an Zeit für mich alleine anzuknabbern. Ein Balanceakt.

Welche Hilfen würdest du dir wünschen und von wem?

Ich würde mir mehr Unterstützung in meinem direkten Umfeld wünschen, und ich würde mir wünschen, dass ab und zu mal jemand anruft und fragt, ob wir was zusammen machen. Mit oder ohne Kinder.

Aber alle sind so sehr mit ihrem eigenen Leben beschäftigt, dass sie nicht auf die Idee kommen, sich zu vernetzen oder einfach mal Freunde zu treffen. Jede Kontaktaufnahme kommt von mir, und das ist unfassbar mühsam.

Wenn du einen Wunsch frei hättest, welchen würdest du dir erfüllen wollen?

Ich wünsche mir mehr Zeit mit meinen Kindern und ich möchte mal von etwas sehr Schönem überrascht werden.

Nun ist es ja nicht nur logistisch und finanziell schwierig, allein zu sein mit den Kindern, sondern auch emotional. Wie verbringst du deine Abende?

An ein, zwei Abenden pro Woche bin ich gar nicht zu Hause, sondern ich arbeite. An den anderen Abenden gehe ich mit meinen Kindern oder kurz nach ihnen ins Bett. Sie sind groß und liegen gegen 21 / 21.30 Uhr im Bett, da räume ich noch die Küche auf, versuche dieses Interview zu beantworten und gehe schlafen.

Und mit welcher erwachsenen Person tauschst du dich aus?

Ich habe ein, zwei gute Freundinnen, die ich aber sehr selten treffe, unser Alltag ist zu kompliziert für Überschneidungen. Im Alltag gibt es niemanden für den Austausch, da brüte ich alles alleine aus.

Und das Bloggen als mutterseelesonnig?

Eine Zeitlang habe ich gebloggt, was einen tollen Austausch mit anderen Frauen in ähnlichen Situationen ergeben hat. Aber es hat mich auch sehr in eine virtuelle Welt geführt und mich immer mehr von meinem realen Leben entfernt.

Hinzu kam, dass immer mehr Menschen zu viel von mir wussten. Die Followerzahl wurde größer und irgendwie gruselt mich diese anonyme Masse, die mein Leben verfolgt. Ich habe alles offline genommen und konzentriere mich wieder auf mein analoges Leben.

Gibt es etwas, auf das du dich in der Zukunft sehr freust?

Mit meinen erwachsenen Kindern auf ihre hoffentlich schöne Kinderzeit zurück blicken.

Was möchtest du anderen Alleinerziehenden gern mit auf den Weg geben?

Lasst Euch nicht bekloppt machen: es liegt nicht an Euch, wenn Ihr erschöpft seid: das ist wirklich so anstrengend. Lasst Euch nicht erzählen, Ihr müsstet Euch nur besser organisieren, Euch Netzwerke schaffen, Euch mal 'ne Auszeit nehmen oder mal in Kur fahren. Nein, Ihr wisst ganz genau, was Ihr braucht, was Ihr könnt, was Euch gut tut, und was Euch fehlt.

Oft geht es einfach nicht anders, es ist jetzt halt so und vielen bleibt nur, durchzuhalten und darauf zu hoffen, dass die Lage sich einigermaßen entspannt, wenn die Kinder größer werden. Alleinerziehend zu sein ist nichts, was ein normaler Mensch schaffen muss, und deshalb braucht sich keine Alleinerziehende Vorwürfe zu machen, wenn sie nicht mehr kann. Sie soll und sie darf laut jammern und diese Missstände anprangern, das ist gerechtfertigt!

 

Zum Weiterlesen: Gastbeitrag - Ich bin alleinerziehend und am Ende meiner Kräfte

 

 

Tags: Alleinerziehend, Erziehung, Hilfe, Unterstützung, allein, Mutter, Kinder, Finanzen

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Kommentare

A — Mi, 04/18/2018 - 13:26

Danke!

Yvonne — Mi, 04/18/2018 - 17:45

Richtig auf den Punkt gebracht! Und dann gibt es noch die Alleinerziehenden, bei denen die Kinder nie beim Vater sind, weil der sich verabschiedet hat. Finanztechnisch, Beziehungstechnisch ... wir existieren nicht mehr.

SilkeAusL — Mi, 04/18/2018 - 19:12

für diesen Beitrag, Annette und: WORD.

Nadine Wicke — Mi, 04/18/2018 - 21:26

Danke für diese wunderbar ehrlichen Worte. Genauer kann man es nicht auf den Punkt bringen. Ich bin sehr ergriffen.

jule — Mi, 04/18/2018 - 21:53

Danke auch von mir! Genauso ist es.

Lea — Fr, 04/20/2018 - 01:11

Was lernen wir daraus? Frauen bekommt mal lieber keine Kinder (und lest Simone de Beauvoir). Alles was ich um mich rum sehe, sind junge Mütter, die glauben mit ihrem ach so tollen Mann wird alles klappen, aber die meisten werden sich trennen und dann da stehen - alleinerziehend...

Deniz B. — Sa, 04/21/2018 - 22:12

Immer wird auf die Väter geschimpft. Jeder vergisst die handvoll Väter, die alles für die Kinder tun, denen es aber in der Realität keiner zutraut, das Bewältigen zu können, obwohl noch im zusammensein die Mutter nur überbrücker der arbeitsbedingten Abwesenheit des eigentlichen primären Elternteils war. . Auch wenn die Mutter noch so lustlos in der Kinderbetreuung ist... Da darf der Vater kämpfen.... Das ist mindestens genauso traurig.. .

Tea — Mo, 05/14/2018 - 11:58

.... an der man wachsen will, sondern MUSS. Fünf Jahre alleinerziehend, Vater betreut alle 14 Tage am We und zahlt regelmäßig den Unterhalt. Diese vielen, vielen, vielen, vielen.... Momente aber, die es alleine gilt zu meistern, sind in keinem Unterhalt berücksichtigt, wäre auch unbezahlbar. Alleinerziehende (Mütter UND Väter) leisten Großartiges!!

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