„Wann ist endlich Frieden?“ Kindern den Krieg erklären

Wann ist endlich Frieden?

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Ihr Lieben, ihr habt euch in den letzten Monaten und vermehrt wohl auch in dieser Woche sicherlich auch öfter gefragt „Wann ist endlich Frieden?“. Was waren das für krasse Nachrichten mal wieder in den letzten Tagen. Wenn ich auf unseren Küchentisch schaue, sehe ich weinende Gesichter auf dem Cover der Wochenzeitschrift ZEIT und auf der Titelseite des STERN.

Unsere Kinder bekommen durch Zeitschriften und Zeitungen, durch TV-Nachrichten oder in den sozialen Medien mit, dass etwas in der Welt los ist und wir als Eltern stehen manchmal hilflos da und wissen nicht, wie wir erklären sollen, was da passiert. Just in dieser Woche erschien nun im Fischer Verlag das Buch Wann ist endlich Frieden.

Die Lektorin des Verlags schrieb uns: „Danke, dass ihr einen Beitrag zu unserem Friedensbuch bringt. Als wir unser Buch begonnen haben, hätten wir nicht gedacht, dass der Ukraine-Krieg noch so lange andauert, und noch weniger hätten wir vermutet, dass in Israel der schlimme Konflikt in diesem Maße aufbricht. Es macht mir eine Gänsehaut, dass unser Buch ausgerechnet in dieser Woche erscheint. Welch trauriges Timing. Aber es zeigt uns auch, wie wichtig die Existenz dieses Buches für Familien und Kinder ist. Insofern hoffen wir sehr, dass es viele erreicht!“

Wir haben die Autorin des Buches, Elisabeth Raffauf, zum Thema „Wann ist endlich Frieden?“ interviewt.

Wann ist endlich Frieden?
Wann ist endlich Frieden?

Liebe Elisabeth, du hast ein Kinderbuch zum Thema „Wann ist endlich Frieden?“ geschrieben gab es einen konkreten Moment, in dem du wusstest, dass du dieses Buch jetzt schreiben musst, dass es das jetzt braucht? 

Es war ein bisschen Schicksal. Als der Ukraine-Krieg ausbrach, hatte ich sehr viele Interview-Anfragen zum Thema „Wie spricht man mit Kindern über den Krieg?“ – Darauf folgten vier Anfragen von Verlagen, ob ich ein Buch dazu machen würde. Da ich zu der Zeit noch zwei sehr umfangreiche Projekte auf dem Tisch hatte, war für mich klar: Das schaffe ich nicht. So habe ich alle vier Lektorinnen angerufen, um mich für die Anfrage zu bedanken und das zu erklären.

Die letzte Person war Julia Scheit vom Fischer Verlag (Anm. d. Red.: Julia Scheit war auch die Lektorin unseres eigenen Kinderbuches „Wir alle sind Familie„). Nachdem ich ihr erklärt hatte, dass ich zur Zeit keine Kapazitäten für einen weiteren langen Text hätte, sagte sie: „Nein, ich meine kurze Texte: Frage und Antwort.“ Das konnte ich mir gut vorstellen. Zumal wir dieses Format seit Jahren im WDR-Kinderradio machen. 

Dazu kam, dass Julia Scheit auch noch sehr nett klang. Später – auf der Buchmesse – hat sich herausgestellt, dass wir beide aus Hagen kommen, auf dieselbe Schule gegangen sind und zum Teil sogar dieselben Lehrer hatten. Also im Nachhinein denke ich: Es war auch der vertraute Hagener Slang.

Wie schwer fiel es dir, in kindgerechter Sprache zu erklären, was Krieg ist, was Frieden und was ein Soldat oder eine Soldatin tut? 

Das fällt mir nicht schwer. Ich arbeite ja seit über 20 Jahren für das Kinderradio des WDR und da spreche ich regelmäßig mit Kindern über Themen, die sie beschäftigen. Und natürlich geht es immer darum, so zu reden, dass Kinder es gut verstehen.

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In deinem Buch kommen immer wieder Kinder vor, echte, reale Menschen, die zum Teil schlimme Erfahrungen gemacht haben und die erzählen, was z.B. Frieden für sie ganz persönlich bedeutet. Wie kamst du mit ihnen ins Gespräch, wie hast du sie gefunden? 

Ganz unterschiedlich. Die ukrainischen Kinder habe ich gefunden, weil wir eine ukrainische Familie bei uns zu Hause zu Gast hatten. Die Frau war Lehrerin und unterrichtete von uns aus online „ihre“ Kinder, die in ganz Europa verteilt waren.

Ihr habe ich von dem Projekt erzählt und sie hat vorgeschlagen: „Soll ich mal meine Kinder fragen?“. Die afghanischen Kinder sind aus einer 10-köpfigen Familie, die von Freunden von uns betreut wird und die syrischen Kinder haben mir zwei sehr engagierte Frauen aus der Kirche vermittelt. Eine von ihnen, Svenja Burger, war bei dem Gespräch dabei und hat mir eine Brücke zu der Familie gebaut.

Welcher Spruch oder Satz, welche Begegnung hat dich da am nachhaltigsten berührt und beeindruckt? 

Das waren mehrere. Ich glaube es gab kaum Sätze, die mich nicht berührt haben. Was mir sofort einfällt ist die Antwort des 11-jährigen Ghaib, der auf die Frage „Was bedeutet Frieden für dich?“ antwortete: „Glück“.

Ein ukrainisches Kind erzählt, dass es sich gewundert hat, dass die Eltern es nicht für die Schule oder Kita geweckt haben… die Begründung war dann: „Weil Krieg ausgebrochen ist“. Was haben solche Antworten im Laufe der Recherche mit dir gemacht?

Sie sind mir sehr nachgegangen. Ich habe sie auch immer wieder erzählt. Weil es so unfassbar ist, was die Kinder erleben.

Im Buch stellst du zum Teil Fragen, die wir (in einer Demokratie lebenden) Erwachsenen uns manchmal selbst stellen, etwa: „Warum gibt es Krieg?“ oder „Warum erschießen Menschen andere Menschen?!“ Wie kamst du auf die Fragen? Und wie dann auf die Antworten? 

Die Fragen im Buch sind alles Fragen, die Kinder selbst gestellt haben. Zum Teil sind sie beim Kinderradio oder beim Kinderfernsehen angekommen, zum Teil habe ich sie aus Gesprächen mit Kindern oder aus Erzählungen von Erzieherinnen.

Du schaffst es im Buch, auch immer wieder an die Lebensrealität unserer Kinder anzudocken, etwa mit der Frage: „Was ist, wenn zwei Kinder der sich bekämpfenden Länder aus dem Schulhof streiten?“ Magst du uns einen Teil der Antwort verraten?

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Auch diese Frage hat ein Kind gefragt. In der Antwort greife ich erstmal das Gefühl des Kindes auf, das dazwischen steht, das vielleicht beide Kinder mag, das einerseits dieser Konflikt sehr beschäftigt und andererseits aber gar nichts mit dem Streit zu tun haben möchte. Dann versuche ich zu erklären, wie es den beiden Kindern geht und dann was das Kind, das die Frage stellt, eventuell tun kann.

Du scheust dich auch nicht Fragen zu stellen, die Kinder halt so stellen ohne groß drüber nachzudenken, bei der Erwachsene aber normalerweise eher mit einem Ts, ts, ts reagieren, so zum Beispiel „Kann man die Chefin oder den Chef eines Landes, die oder der den Krieg befiehlt nicht umbringen oder wenigstens verhaften?“ War es schwer, eine solche Frage durchs Verlagslektorat zu bringen?

Nein, überhaupt nicht. Die Leitlinie war ja: „Wir nehmen Fragen, die Kinder wirklich gestellt haben und wir nehmen sie auch so, wie sie sie gestellt haben.“ Dann wissen wir auch, dass es das ist, was die Kinder beschäftigt und sie auch wirklich interessiert.

Es geht dann noch um Angst (ob auch SoldatInnen wohl welche haben), um Flucht (müssen alle Spielsachen dort bleiben?), darum, ob der Krieg auch zu uns kommt, und um die Frage, wie sich Kinder in einem fremden Land fühlen, wenn sie aus der Heimat fliehen mussten. Das sind schon herausfordernde Themen fürs Kinderzimmer. Oder nicht? 

Allerdings und Eltern haben vielleicht den – verständlichen – Wunsch, diese Fragen von den Kindern fernzuhalten. Gleichzeitig ist es so, dass Kinder diese Fragen aber haben und dann brauchen sie auch eine Antwort. Wenn sie sie nicht bekommen, machen sie sich ihre eigenen Gedanken. Und die Fantasie kann sie manchmal mehr beunruhigen als die Klarheit und der Austausch darüber.

Was können Kinder bei Angst tun?

Dazu fällt mir sofort die Antwort der 13-jährigen Shahad ein. Auf meine Frage: „Was machst du, wenn du Angst hast?“ antwortete sie: „Wenn ich Angst habe, rede ich mit meiner Mama oder meiner Freundin. Auf jeden Fall mit einer Person, der ich vertraue, und dann versucht diese Person mit aufzumuntern. Das hilft mir“. Das ist vielleicht der wichtigste Tipp! „Die Angst teilen und sie damit sozusagen auf mehrere Schultern zu verteilen – nicht damit allein bleiben“. So kann ich erfahren, dass andere dieses Gefühl kennen, dass es ein Gefühl an der richtigen Stelle ist, dass mein Gefühl stimmt. Das gibt Sicherheit – ich kann meinem Gefühl trauen – Und: ich werde getröstet, aufgemuntert. 

Dein Buch endet nicht düster, es geht noch darum, wie wir selbst helfen können, es geht um Hilfsorganisationen, um das GUTE, wenn etwas BÖSES passiert. War das dann auch für dich versöhnlich? 

Auf jeden Fall. Wenn wir etwas tun können, kommen wir aus unserer Ohnmacht heraus. Selbst wenn wir die Welt nicht komplett verändern können, jeder kann kleine Schritte dazu beitragen, dass etwas besser wird. Das finde ich sehr versöhnlich. Und es ist gut zu wissen, dass manche sogar sehr große Schritte machen. Meine Tochter – die auch das Buch fachlich begleitet hat – arbeitet bei einer Hilfsorganisation und die tun schon eine Menge, um etwas zu bessern.

Was hast du selbst aus der Recherche und dem Schreiben mitgenommen und was findest du zum Erscheinen des Buches nun am aufregendsten?

Die Kontakte und der Austausch mit den Kindern und Jugendlichen, die so früh so viel Schreckliches erlebt haben und hier voller Hoffnung sind, ihr Leben leben zu können. Die meisten tun sehr viel für die Schule und schätzen, dass sie die Chance haben, dorthin zu gehen, ohne dass sie Angst vor Bomben haben müssen. 

Am aufregendsten ist, wie die Kinder reagieren. Ich habe das Buch der 10-jährigen Setayesh, die mit drei Jahren aus Afghanistan geflohen ist und in dem Buch häufiger zu Wort kommt, gebracht… Sie war so aufgeregt und so stolz und hat sich so gefreut darüber, dass sie gefragt wurde und ihre Sätze so wichtig sind, dass sie jetzt in einem Buch stehen. Das hat mich wiederum sehr gefreut.

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