Gib mir mal die Hautfarbe: Mit Kindern über Rassismus sprechen

Gib mir mal die Hautfarbe

Foto: Cristina Salgar

Ihr Lieben, uns erreichen per Mail und per Nachricht oft Fragen zum richtigen Umgang mit neuen Kindern in der Kita oder zu Büchern, die Rassismus schon in der Kinderstube vorbeugen. Nun hatten wir das Glück, Olaolu Fajembola und Tebogo Nimindé-Dundadengar mal zu all diesen Fragen interviewen zu dürfen. Die beiden Autorinnen von Gib mir mal die Hautfarbe: Mit Kindern über Rassismus sprechen wünschen sich, „dass jedes Kind, unabhängig von Hautfarbe, Konfession, Familienkonstellation, Körperbau, Vorlieben, Wünschen und Träumen, sich selbst erkennt und positive Bilder findet, in denen es sich spiegeln kann“. Das ist doch erstmal ein hervorragender Ansatz, oder? Denn alle profitieren letztlich von einer diversitätssensiblen und rassimuskritischen Erziehung profitieren – zur Stärkung des Zusammenhalts, zur Förderung von Kreativität und um Kinder unerschrockener und offener durchs Leben gehen zu lassen.

Kein Kind wird als Rassist oder Rassistin geboren. Wie kommt es dann im Laufe ihres Lebens doch bei einigen dazu?

Kinder lernen durch Beobachtung und Nachahmung. Wenn Kinder beispielsweise ausschließlich Kinderbücher oder Serien schauen, in denen keine schwarzen Menschen oder BiPoC vorkommen, oder halt nur in problematisierten Darstellungen, lernen sie aus der Abwesenheit genauso wie aus der problematischen Darstellung. Wer gehört dazu? Wer kann und darf agieren? Wer hat oder macht nur Probleme? Diese Informationen machen Kinder nicht gleich zu Rassisten, aber zu Menschen, die rassistisches Wissen verinnerlichen und dementsprechende Vorannahmen über von Rassismus betroffene Menschen entwickeln. Eine kleine Gruppe von Menschen wird tatsächlich zu ausgesprochenen Rassist*innen. Die meisten entwickeln unbewusste Stereotype und werden aufgrund dessen rassistische Dinge sagen und rassistisch handeln.

Welche sind denn die drei (zwei) Rassismusfallen, in die auch problembewusste Eltern immer wieder treten?

Eine Sache, über die in letzter Zeit ja immer wieder auch in den Medien gesprochen wurde ist die Frage nach dem „Woher kommst du?“. Wir möchten das an dieser Stelle noch einmal ansprechen, weil für viele noch nicht ganz klar geworden ist, was an dieser harmlos erscheinenden Frage so schmerzhaft ist. Vielen schwarzen Menschen und BiPoC, die schon lange in Deutschland leben, in zweiter, dritter oder vierter Generation hier sind und Deutschland als ihre Heimat ansehen wird diese Frage sehr regelmäßig gestellt.

Zum Einen wird ihnen damit immer wieder suggeriert, von hier – also aus Deutschland – kannst du so wie du aussiehst nicht kommen, dies kann nicht deine Heimat sein. Zum Anderen wird sich nicht damit zufrieden gegeben, wenn die Antwort einfach „Hamburg“ lautet. Es wird so lange nachgebohrt und nach den Eltern und Großeltern gefragt, bis das Gegenüber endlich die befriedigende Antwort nach dem einen exotischen Ort erhält. Das Offenlegenmüssen des eigenen Stammbaums, insbesondere fremden Menschen gegenüber ist unangenehm und dahinter steckt ja oft einfach die Frage, „Warum bist du so braun?“.

Leider passiert es noch immer recht häufig, dass schwarzen Kindern von anderen Eltern ungefragt in die Haare gegriffen wird. Es werden Fragen zur Echtheit der Haare gestellt und die Struktur kommentiert. Das ist unangemessen und übergriffig. Außerdem wird einem schwarzen Kind in einer solchen Situation auch vermittelt, du und deine Haare sind anders bzw. nicht normal. Grundsätzlich sollten wir uns darauf einigen, andere Kinder nicht ungefragt anzufassen und ihre Körper zu kommentieren.

Olaolu Fajembola, Tebogo Nimindé-Dundadengar: Gib mir mal die Hautfarbe

Erinnert ihr euch an eure eigenen ersten Diskriminierungserfahrungen? Wie alt wart ihr da etwa?

Unsere ersten Diskriminierungserfahrungen, an die wir uns erinnern können, waren im Kindergarten. Das Anfassen unserer Haare, das Kommentieren unserer Körper, Ausschlusserfahrungen und das Zuweisen oder Absprechen von Fähigkeiten aufgrund einer vermeintlichen Herkunft gehörten dazu. Uns ist aber wichtig zu betonen, dass es uns nicht um eine Betroffenheit gegenüber unseren persönlichen Erfahrungen geht. Jede*r kann lernen, dass bestimmte Fragen oder Begriffe nicht ok sind.

Wir wünschen uns insbesondere von weißen Eltern, dass sie die Struktur von Rassismus erkennen und zu Verbündeten werden. Dass sie zum Beispiel bemerken, dass keines der Kinder mit Migrationsgeschichte eine Empfehlung für das Gymnasium bekommen hat und daraufhin Fragen stellt, warum das so ist. Dass sie aufhorchen, wenn die Erzieherin sagt, dass die türkischen Jungen keinen Respekt gegenüber Frauen haben und widersprechen. Was in unserer Kindheit passiert ist, ist vergangen. Wir haben nun gemeinsam die Gelegenheit, die Ohren offen zu halten und zu widersprechen und uns einzumischen, wenn wir mitbekommen, dass im Umfeld unserer Kinder rassistisch gehandelt wird. Wenn wir unseren Kindern so als Vorbilder dienen, bringen wir ihnen mehr über Antirassismus bei, als jedes noch so tolles Buch es vermag.

Habt ihr vielfältiges Schulmaterial, vielfältige Kinderbücher vermisst?

Kinder nehmen ja meist die Dinge so wie sie sind. Was wir nicht kannten, konnten wir auch nicht vermissen. Was uns gefehlt hat, oder uns gut getan hätte, können wir eher in der Rückschau sehen, oder nun bei unseren eigenen Kindern beobachten. Wir kennen das ja jetzt als Erwachsene, dass wir ein Buch lesen oder einen Film schauen, in dem wir uns auf vielen Ebenen mit einem der Charaktere identifizieren können. Das macht Spaß, kann tröstlich sein und neue Denkanstöße geben. Wir und unsere Familien kamen in unseren Kinderbüchern nicht vor. Das heißt nicht, dass wir unsere Bücher nicht geliebt hätten, ein Stück weit waren wir aber auch immer nur Zaungäste.

In Bezug auf Schulmaterialien haben wir vor allem rassismuskritische Schulbücher vermisst. Wohl jede schwarze Person kann sich darin erinnern, wie demütigend die Darstellung des afrikanischen Kontinents in den Schulbüchern war und teilweise bis heute ist. Die Blicke der anderen Kinder auf einen waren vorprogrammiert. Im schlimmsten Fall noch die bitte von/vom der/dem Lehrer/in doch mal etwas über „Afrika“ zu erzählen. Und das, nachdem halbnackte im Staub sitzende Menschen, ausschließlich im Zusammenhang mit Krieg, Armut und Überbevölkerung porträtiert wurden. Nein danke.

Wie reagiert ihr auf Lieder oder auf Kinderbücher, in denen verletzende Worte vorkommen?

Wir persönlich singen diese Lieder mit unseren Kindern nicht. Gleichzeitig möchten wir ganz klar sagen, dass dies auch für uns ein Lernprozess war. Wir haben Lieder wie „Drei Chinesen mit dem Kontrabass“ auch in der Kita und Schule gesungen und haben erst durch die verstärkte Auseinandersetzung oder einem Gespräch mit einer Person aus der deutsch-asiatischen Community gelernt, wie verletzend dieses Lied ist und welche Botschaft es eigentlich an Kinder vermittelt.

In Bezug auf verletzende und rassistische Sprache ist es unterschiedlich. Es gibt Kinderbücher, die wunderschön aber in Bezug auf bestimmte Bezeichnungen einfach schlecht übersetzt sind. Hier ist es möglich, das entsprechende Wort einfach zu streichen.

Manchmal, insbesondere bei älteren Büchern, geht es aber über die verletzenden Begriffe hinaus und es ist der Kontext, der auch problematisch ist. Für uns stellt sich dann die Frage nach dem, was unsere Kinder aus diesem Buch über sich oder andere Menschen lernen. Möchten wir, dass sie Dinge lernen, die für andere Menschen verletzend sind? Die Antwort ist ganz klar nein und deshalb sortieren wir diese Bücher aus.

„Nicht alle Kinder sind gleich, aber alle sind gleichwertig“, schreibt ihr. Mögt ihr das nochmal genauer beschreiben.

„Alle Kinder sind gleich“ oder „Ich sehe keine Hautfarbe“ bedeutet ja auch, ich sehe nicht, dass dir im Leben aufgrund deiner Hautfarbe Steine in den Weg gelegt werden. Wenn wir die strukturelle Benachteiligung, die Menschen auf Grund von Rassismus erfahren, nicht anerkennen, können wir diese auch nicht abbauen. Schwarze Kinder machen andere Erfahrungen als weiße Kinder, Kinder mit Behinderung machen andere Erfahrungen als Kinder ohne Behinderung, arme Kinder machen andere Erfahrungen als jene, die nicht von Armut betroffen sind. Diese Kinder sind alle gleich viel wert, aber wir dürfen nicht die Augen vor ihren unterschiedlichen Lebensrealitäten verschließen.

Welche Begrifflichkeiten oder Sätze nehmt ihr selbst als rassistisch wahr? Wie möchtet ihr gern angesprochen werden, welche Sätze sind besser?

Es gibt viele rassistische Begriffe, die wir aber nicht reproduzieren wollen. Wir selbst bezeichnen uns als schwarze Deutsche, Afrodeutsche oder deutsch-nigerianisch oder deutsch-botswanisch. Das sind alles Selbstbezeichnungen, die als Antwort auf rassistische Bezeichnungen entwickelt wurden. Gleichzeitig möchten wir aber alle Menschen ermutigen zu überlegen, wann es überhaupt relevant ist eine solche Bezeichnung zu nutzen. Selten heben wir extra hervor, dass unser Hausarzt ein weißer Mann ist. Es gibt Momente, in denen die Identifikation eine Rolle spielt, insbesondere im Privaten ist dies aber meist irrelevant.

In welchen Alltagssituationen erlebt ihr heute am ehesten Rassismus?

Es gibt da keine bestimmten Situationen. Niemand kann sich darauf vorbereiten, es kommt immer aus dem Nichts. In der Bahn, in der Kita, bei Interviews auf einer Party. Alltagsrassismus passiert, wie der Name ja suggeriert in ganz alltäglichen Situationen. Das Einzige, das Betroffene tun können ist, sich Standard-Antworten zu überlegen, um in einer solchen Schocksituation handlungsfähig zu bleiben.

Nun kommt das Kind aus der Kita und erzählt, dass ein neues Kind in die Gruppe gekommen ist, das „ganz schwarz“ ist. Wie reagiere ich als Elternteil darauf?

Das ist nicht ungewöhnlich und passiert häufiger, dass Kinder so etwas sagen. Wichtig ist es zunächst einmal, nicht schockiert zu reagieren, also nicht dem Kind das Gefühl zu geben, es habe etwas Verbotenes gesagt oder etwas angesprochen, über das es nicht reden sollte. Es ist eine wunderbare Gelegenheit einmal über Hautfarbe und die Bezeichnungen von Menschen zu sprechen.

Ein guter Einstieg wäre eine Gegenfrage zu stellen. Was meinst du damit, dass das Kind „ganz schwarz“ ist? Hat es vielleicht viel dunklere Haut als du und ich? Es kann über die eigene Hautfarbe gesprochen werden. Zum Beispiel „Wir sind weiße Menschen aber unsere Haut ist ja nicht so weiß wie Papier. Schau mal, ich habe etwas hellere Haut als du, aber dafür braune Muttermale. Personen, die als schwarze Menschen bezeichnet werden, haben oft hell bis dunkelbraune Haut aber nicht wirklich schwarze Haut.“

Als Abschluss des Gesprächs macht es Sinn, noch auf andere Eigenschaften dieses neuen Kindes einzugehen. Wie heißt denn dieses Kind? Hat es Geschwister, hast du mit dem neuen Kind gespielt? Es ist wichtig, dass wir lernen, unbefangen über Hautfarbe zu sprechen, so wie über andere Körpereigenschaften und gleichzeitig klarzumachen, dass es eine von vielen Merkmalen und Eigenschaften ist, die uns unterscheidet und besonders macht.

Wie kann ich das Thema Rassismus zu Hause überhaupt kindgerecht ansprechen?

Das ist entsprechend dem Alter des Kindes sehr unterschiedlich. Bei den Allerjüngsten geht es tatsächlich eher darum, Vielfalt zu normalisieren. Genauso wie wir nach Kinderbüchern schauen, in denen auch die Mutter arbeiten geht oder ein Kind mit zwei Vätern aufwächst, sollten wir darauf achten, dass auch schwarze Menschen und PoC in den Kinderbüchern aktive Rollen spielen. So können wir den vielen gängigen Stereotypen etwas entgegensetzen. Mit 4- bis 6-Jährigen, immer natürlich abhängig vom Entwicklungsstand, können wir auch schon konkret darüber sprechen, dass Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe, weil sie aus einem anderen Land kommen oder weil sie eine andere als die christliche Religion haben, beleidigt, ausgeschlossen und schlecht behandelt werden.

Wir finden es auch in diesem Alter schon wichtig zu benennen, dass diese Art von Verhalten Rassismus genannt wird. Rassismus ist ungeheuer komplex. Daher ist es für Kinder wichtig, im Laufe der Zeit immer mal wieder davon zu hören und neue Informationsschnipsel zu bekommen. Diese können sie im Laufe ihrer Entwicklung zu einem Gesamtkomplex zusammenfügen und damit lernen, selber Rassismus zu erkennen, wenn sie Zeugen davon werden.

Nun gab es nach dem EM-Finale heftigste Rassismus-Ausfälle gegenüber drei Spielern der englischen Nationalmannschaft, die ihre Elfmeter verschossen hatten. Kann ich auch das zum Anlass nehmen, mit den Kindern über das Thema zu sprechen?

Bei uns zu Hause war es ein ganz klarer Anlass über das Thema zu sprechen. Ich (Tebogo) bin Mutter zweier fußballbegeisterter Söhne, mit denen wir als Familie das EM-Finale geschaut haben. Schon als die drei recht spät in der zweiten Halbzeit eingewechselt wurden, war mir klar, diese würden einen Elfmeter schießen müssen. Ich habe den Jungs gegenüber meine Sorge geäußert, dass ich hoffe, dass sie nicht verschießen, weil es ansonsten in den Kommentarspalten und in Social Media zu schlimmen rassistischen Beleidigungen kommen würde.

Solche Ereignisse bieten sich sehr dafür an, das Thema mit Kindern anzusprechen, da Fußball zur Lebensrealität vieler Kinder gehört und sie einen starken Bezug dazu haben. Wir finden es aber sehr wichtig, insbesondere bei Fällen, die im Ausland geschehen, immer auch den deutschen Bezug herzustellen. Immerhin hat Mesut Özil genau die gleiche Art von Rassismus hier in Deutschland erlebt. Wenn wir uns Rassismus insbesondere dann anschauen, wenn er im Ausland passiert, kommt es schnell zu einer Verschiebung und es wird zum Problem der anderen. Unser Ziel ist es ja, dass unsere Kinder Rassismus in ihrem Umfeld erkennen und sich ganz klar dagegenstellen.

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1 comment

  1. Danke für das tolle Interview! Ich kenne Tebalou schon und finde den Shop großartig. Könnte ihn regelmäßig leerkaufen 😄 Das Buch werde ich mir auch auf jeden Fall kaufen. Ich habe schon ein ähnliches von Familiarfaces, aber das von Olaolu und Tebogo gefällt mir glaube ich noch ein bisschen besser von der Machart (hab auf der Verlagsseite schon reingeschaut). Ich drück die Daumen, dass es sich gut verkauft!

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