Gastbeiträge

06/09/2019 - 06:00

Stadt-Mama Katharina

Tabuthema Armut: So leben wir als Familie mit Hartz 4

Ihr Lieben, in der letzten Zeit hatten wir mehrere Beiträge zum Thema Kinderarmut, darunter das Interview mit Ella, die nach der Trennung in finanzielle Not geriet und der Gastbeitrag einer Jobcenter-Mitarbeiterin, der für viele Diskussion sorgte. Es gaben sich sehr viele Mütter bei uns gemeldet, die aktuell von Hartz 4 leben oder in der Vergangenheit Leistungen bezogen haben. Einige haben wir interviewt und sind sehr dankbar für ihr Vertrauen und ihre Offenheit. Heute gibt es hier also 4 Geschichten rund um Familien und Hartz 4: 

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Mein Name ist Judith und ich habe auch einige Monate Hartz 4 bezogen. Ja, wenn man Hartz 4 bezieht, ist das Geld knapp. Aber ich habe mich streng an eine Prioritäten-Liste gehalten, wenn ich Geld ausgegeben habe - ich habe mich also immer gefragt: Ist diese Ausgabe wirklich wichtig? Ich habe mir Umschläge mit Geld für jede Woche gemacht, damit ich auch wirklich nicht mehr ausgebe. Somit konnte ich sicherstellen, dass meine Kinder genug zu essen haben, ordentlich angezogen waren und alle Schulmaterialien hatten. Alle Kostenfresser wie Handy, Genussmittel und kostenpflichtiges TV habe reduziert oder abgeschafft. In unserem Haus wohnt eine alleinerziehende Mutter mit drei Kindern, die auch Hartz 4 beziehen und bei denen es offensichtlich anders läuft. Die Kinder gehen nur unregelmäßig zur Schule und langweilen sich im Hof. Die Mutter sitzt eigentlich nur rauchend auf dem Balkon. Das macht mich traurig, weil ich das Gefühl habe, dass diese Kinder jetzt schon in der Armutsspirale festsitzen. 

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Liebe Sonja, erzähl uns mal von deiner aktuellen Lebenssituation. 

Wir sind 32 und 36 Jahre alt. Unsere Großen sind 13 und 10, gehen in die Schule, die beiden Kleinen sind knapp 3 Jahre und 9 Monate alt und werden zu Hause von uns betreut. 

Wie und wann seid ihr in Hartz 4 gerutscht?

Mein Mann und ich haben beide in der Gastronomie gearbeitet. Ich war bereits saisonbedingt arbeitslos, als mein Freund morgens mit Taubheitsgefühl im Arm wach wurde. Noch nie dagewesene Schmerzen im Nacken kamen hinzu. "Nur verlegen." war unsere Annahme. Doch Schmerzen und Taubheit gingen nicht weg, sie wurden zum ständigen Begleiter. Krankschreibungen folgten. Wochen, Monate. Als er sich gezwungenermaßen wieder gesund schreiben ließ, wusste immer noch niemand, was er hat. Es folgte die Kündigung des Arbeitsverhältnisses. Nach einiger Zeit hatte er einen neuen Job, aber es ging von vorne los. Mit hohen Schmerzmitteldosen schleppte er sich zur Arbeit. Er konnte nichts tragen, nichts halten, alles fiel runter. Wieder Krankschreibungen. Wieder Rätselraten. Bis der Verdacht auf einen Bandscheibenvorfall kam. So war es dann auch. Seitdem schlugen unzählige Therapien fehl, Schmerzmittel aus dem Bereich der Opioide halfen kurzzeitig, aber besser wurde es nicht. Irgendwann wollte die Krankenkasse kein Krankengeld mehr zahlen und schickte ihn zum Jobcenter. So weit war es also schon. Ich hatte zwar zwischenzeitlich wieder einen Job, jedoch immer nur zur Saison und ein Monatsgehalt von knapp 1000€ netto reichte einfach nicht für uns. Somit wurden wir "Aufstocker". Das ist nun 4 Jahre her.

Wie fühlt sich ein Leben mit Hartz 4 an?

Es war schon sehr demütigend, ins Jobcenter zu gehen, sich quasi finanziell "nackig zu machen". Man fühlt sich ganz unten angekommen und wird teilweise auch so behandelt. Auch heute noch wissen weder die Krankenkasse, noch die Rentenversicherung, noch das Jobcenter, was sie mit uns machen sollen. Die eine Behörde wälzt es auf die andere ab, die es wiederum weiterreichen will, weil sie sich nicht zuständig fühlt. Es existieren unzählige Gutachten über den Gesundheitszustand, jedes sagt etwas anderes. Zahlen will keiner, aber einer muss. 

Nur eure engsten Vertrauten wissen, dass Ihr Hartz 4 bezieht. Warum?

Weil es doch sehr unangenehm ist. Dank diverser TV-Serien hat die Allgemeinheit schon ein recht einseitiges Bild davon, wie ein Hartz IV Empfänger zu sein hat. Erst recht noch, wenn mehr als 2 Kinder vorhanden sind. Ich möchte einfach nicht, dass wir "weniger wert" sind als vorher, nur weil es bei uns eben nicht immer super lief. Es sind diese Blicke, die einen durchbohren, wenn man sagt, wovon man lebt.

Wo fehlt Euch das Geld gerade am dringendsten? 

Ich tue alles dafür, dass man uns unsere finanzielle Lage nicht ansieht. Ich achte auf ordentliche Klamotten und frisches Essen. Wir unternehmen auch oft Dinge, aber natürlich ist ein Schwimmbadbesuch für 6 Personen nur ganz selten drin. Wir kompensieren das dann mit einem Spaziergang im Wald, gehen auf Spielplätze oder machen gemeinsam Gartenarbeit. Wir rauchen beide nicht, trinken nicht, stecken viel zurück, um den Kindern mehr zu ermöglichen. 

Wo es wirklich auffällt, ist, wenn ein Geburtstag ansteht. Es müssen Geschenke gekauft werden, es soll gefeiert werden. Dafür muss dann echt die eine oder andere Rechnung hinten anstehen. Manchmal zu lange und dann muss man in Raten alles abzahlen. Es ist sicher nicht einfach, aber machbar. Wir sind dankbar, dass es diese Unterstützung gibt.

Wie geht es für Euch weiter? 

Ich arbeite ab Dezember wieder, vorerst auf 30 Stunden. Solange wir nicht wissen, wie es mit meinem Partner weitergehen wird, betreut er dann die beiden Kleinsten in der Zeit, in der ich nicht da bin. Wenn alles gut läuft, dann werde ich ab Sommer 2020 auch noch einen Minijob dazu nehmen.

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Mein Name ist Verena, es ist jetzt 1,5 Jahre her, dass wir als vierköpfige Familie zehn Monate lang von ALG 2 leben mussten. Zu dieser Zeit hatte mein Mann neben seinem Vollzeitstudium im Master Informatik noch einen 400 Euro Job. Der Studienkredit war aufgebracht und einen neuen wagten wir nicht aufzunehmen, wir hatten ja schon genug Schulden. Ich studierte Politikwissenschaft in Teilzeit und betreute nach der Uni meine Kinder, zu diesem Zeitpunkt 2 und 4 Jahre alt. Mein Mann hatte keinen Anspruch auf ALG 2 , aber ich und die Kinder. Das waren zehn sehr harte Monate, in dem wir jeden Cent beiseite legten, damit wir den Kindern Musikkurse, Theaterbesuche und Strandausflüge mit Eis ermöglichen konnten. Mittlerweile arbeitet mein Mann, wir kommen gut über die Runden und zahlen die Kredite zurück. Ich finde es wichtig zu sagen, dass es nicht DEN Hartz 4- Empfänger gibt, sondern dass jede Geschichte einzigartig ist. 

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Liebe Ramona, Du lebst von Hartz 4. Erzähl mal ein bisschen was von deiner aktuellen Lebenssituation. 

Ich bin 30 Jahre alt und habe 3 Kinder. Ich lebe seit 2014 von Hartz 4. Ich bin Altenpflegerin und hatte immer gute Jobs, musste aufgrund der Erkrankung meines ältesten Kindes aufhören zu arbeiten.  Meine Tochter hat inzwischen Pflegegrad 4, weshalb es für mich nicht möglich ist wieder zu arbeiten. Es ist für mich ganz schrecklich, dass ich auf staatliche Leistungen angewiesen bin - obwohl ich ja weiß, dass ich nicht faul bin und nur zu Hause sitze. 

Wie gut fühst du dich beim Jobcenter betreut?

Überwiegend gut. Allerdings hatte ich auch schon Mitarbeiterinnen, die mich schlecht behandelt haben, 

Wo fehlt Euch das Geld am dringensten?

Wir würden gerne mal in den Urlaub fahren, se es nur eine Woche. Aber das ist absolut nicht machbar. Zweimal bin ich mit den Kindern dann zu Verwandten gefahren, damit wir einfach mal "raus" kommen. Das Wichtigste ist, dass man genau überlegt, für was man sein Geld ausgibt. Bei mir stehen die Kinder ganz vorne an, ich schaffe es, ihnen Hobbies zu ermöglichen und achte auf ordentliche Kleidung und dass alles für die Schule da ist. Meine Bedürfnisse allerdings stelle ich dafür weit hinten an. 

 

Foto:Pixabay

 

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Kommentare

Wolfgang Lehmann — Fr, 09/06/2019 - 21:14

Also als Harzz4 Empfänger lebt man ganz gut ,denn man hat manchmal mehr Geld zu Verfügung als Leute die Frisör ,in der Gastronomie oder als Gebäude Reiniger oder sonnst wo.wenn man 2oder 3 Kinder hat dann steht man gar nicht so schlecht da und als Hartz4 Bezieher hat man bei vielen Vergünstigungen und braucht es nicht oder weniger bezahlen ,wie zum Beispiel GEZ UND VIELES ANSERES

Christian — Fr, 09/06/2019 - 21:46

Diese Aussage ist sowas von ganz unten. Immer die gleichen Aussagen. Aber das was man sich ständig anhören muss und wie die Leute teilweise in Depressionen rutschen wird nicht gesehen. Hauptsache dumm daher reden das können sie alle gut. Abgesehen davon geht man für sich selbst arbeiten und wenn man besser verdienen will kann man sich dafür qualifizieren da gibt es genug Möglichkeiten. Und wenn sie zu wenig verdienen dann sollten sie vielleicht mal darüber nachdenken ihren Beruf bzw. ihre Firma zu wechseln. Schönen Abend

Ria — Mi, 10/02/2019 - 12:44

Ich sehe das ziemlich genauso. Ich arbeite aktuell "nur" noch 32 Stunden und habe ungefähr soviel Geld wie Hartz4-Bezieher. Ich bekomme aber auch keinerlei Zuschüsse für Miete oder Hobbies und Freizeitaktivitäten für meinen Sohn. Trotzdem werde ich nciht vom Staat leben, auch wenn ich mir mehr Zeit mit meinem Sohn wünschen würde, er muss lernen, dass man nicht einfach alles geschenkt bekommt. Ich finde es von Hartz4-Beziehern ziemlich unverschämt, dass ständig gejammert wird, wie wenig Geld sie haben, aber sie arbeiten ja auch nciht dafür und dürfen sehr viel Zeit mit Ihren Kindern verbringen!

Franzi — Di, 09/10/2019 - 18:36

Dass Kinder in unserem Land ein Armutsrisiko sind, finde ich nicht in Ordnung. Wie man jedoch in der Gastro vier Kinder bekommen kann - die jüngsten beiden offenbar während das Geld schon sehr knapp war -, kann ich nicht verstehen. Ich glaube auch nicht, dass eine Altenpflegerin, die mit gerade einmal 30 Jahren drei Kinder hat, diese vor der Krankheit ihrer Tochter problemlos ernährt hat. Ein Paar hat zwei Kinder bekommen, bevor das Studium abgeschlossen war. Das war sicherlich eine harte Zeit aber hier ist wenigstens sehr viel Licht am Ende des Tunnels. Wem es weh tut, seinen Kindern nur eingeschränkte Freizeitgestaltung und lediglich sparsame Geburtstagsgeschenke bieten zu können, sollte vorher überlegen, wie viele Kinder denn bezahlbar sind. Aber das wichtigste überhaupt sind liebevolle Eltern in einer stabilen Partnerschaft, und das kann man mit keinem Geld der Welt kaufen. Ich bin froh, dass es ALG II gibt. Für Menschen wie jene aus den Interviews zahle ich, auch wenn ich viele Entscheidungen anders gefällt hätte, gerne Steuern und es kann auch mich einmal treffen. Man weiß nie.

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