Verliebt in einen Syrer: Julias Geschichte über Liebe und Rassismus

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Foto:Pixabay

Ihr Lieben, heute erzählt uns Julia, wie sie ihren syrischen Mann kennengelernt hat. Es ist eine ganz besondere Geschichte, die Mut macht, dass Liebe mächtiger ist als Grenzen, als Rassismus, als Ausgrenzung. Danke liebe Julia für euer Vertrauen und alles Liebe für euch!

Liebe Julia, dein Mann kam 2015 aus Syrien nach Deutschland. Bitte erzähl uns etwas über die Umstände.

Mein Mann und ein Großteil seiner Familie lebte in Deir Ezzor, das ist eine Stadt direkt am Euphrat recht nahe an der irakischen Grenze. In Syrien hatte mein Mann Englische Literatur studiert und dort als Englischlehrer in einer Grundschule gearbeitet. Außerdem besaß er ein kleines Computergeschäft. Als sich der Krieg mit seinen kämpferischen Auseinandersetzungen in ihre Stadt verlagerte, brachten sich seine Eltern und Geschwister mit ihren Familien vorerst in einer ländlicheren Gegend in Sicherheit. 

Mein Mann filmte damals das Geschehen für die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch und blieb in der umkämpften Stadt. Nach etwa einem Jahr ohne ausreichende medizinische Versorgung, mit wenig Nahrung und unter schlechten hygienischen Bedingungen wurde er vom IS aufgegriffen. Als mein Mann sich weigerte diesen Krieg für sie zu filmen, sperrten sie ihn in einen kleinen Verschlang im Boden. Sein Freund, der mit ihm gefilmt hatte, wurde vom IS für Propagandazwecke vor laufender Kamera in die Luft gesprengt.

Nach etwa drei Monaten gelang es dem Vater meines Mannes, einem ehemaligen Polizeibeamten, seinen Sohn freizukaufen. Wenige Tage später machte sich mein Mann über das Mittelmeer auf einem kleinen Schlauchboot auf den Weg nach Europa, da die Familie entschieden hatte, dass es für ihn zu gefährlich wäre in Syrien zu bleiben. 

Im August 2015 kam er in Deutschland an, wo es für ihn zunächst etwa drei Monate lang von einer Flüchtlingsunterkunft zur nächsten ging. Für die gesamte Flucht von Syrien brauchte er damals zehn Tage. Die Grenzen waren damals noch recht durchgängig und er verfügte zum Glück über ein wenig Bargeld. Seine Schwester mitsamt ihrer Familie, die sich einige Monate nach ihm auf den Weg gemacht hatten, waren insgesamt ein Jahr unterwegs. Einige Zeit davon verbrachten sie auch in Moria. In einem Lager in Ungarn wurde meine jüngste Nichte geboren. 

Wo und wann hast du deinen Mann zum ersten Mal gesehen und wie war dieses Treffen?

Mein Mann wohnte damals im Haus meiner Arbeitskollegin. Hin und wieder verbrachten die beiden Zeit miteinander, kochen gemeinsam und gingen aus, so dass wir uns auch einige Male über den Weg liefen – ohne aber wirklich in Kontakt gekommen zu sein.

Im Dezember 2017 war ich mit dieser Arbeitskollegin verabredet. Ich klingelte, aber sie war nicht zuhause. Stattdessen wurde mir die Tür im Erdgeschoss geöffnet. Mein Mann hatte sie damals spontan zum Essen eingeladen. Er hatte seine Schwester mit den Kindern zu Besuch und eine riesige Auswahl syrischer Speisen gekocht. Ehe ich mich versah, saß ich mit am Tisch. Bei diesem Essen verabredeten wir uns zu viert erneut zum Essen, meine Arbeitskollegin und ihr Partner, sowie mein Mann und ich. Bei diesem Essen bat mich mein Mann um eine Zweier-Verabredung. 

Wie schnell hast du dich verliebt?

Eigentlich haben wir direkt bei dieser ersten Verabredung gemerkt, dass wir zusammengehören. Mein Mann hat mich außerhalb zum Essen eingeladen, wir haben sehr tiefgründige und vertraute Gespräche geführt, über unsere Vergangenheit, unsere Ziele im Leben, unsere Träume, unseren Wunsch nach Kindern und waren sofort verliebt ineinander. Die nächsten Verabredungen waren wir zusammen wandern, da wir beide sehr naturverbunden sind und es lieben diese zu Fuß zu erkunden oder mein Mann hat für mich gekocht.

Welche Reaktionen gab es darauf, als ihr ein Paar wurdet?

Die Reaktionen von außen waren zunächst sehr argwöhnisch. Mein Mann musste sich anhören, dass er sich doch eine „gute arabische Frau“ suchen sollte, dass ich nur mit ihm zusammen sei, um guten Sex zu bekommen. Aber es gab auch „Lob“ für ihn, dass er es gut gemacht habe, mit einer Deutschen zusammenzukommen, um seinen Aufenthalt zu sichern.

Ich musste mir anhören, dass er nur wegen des Passes mit mir zusammen ist und dass ich vorsichtig sein soll, wenn ich ihn verlasse, da er mir ja etwas antun könne.

Meine Familie war zunächst auch sehr skeptisch. Allerdings haben alle schnell gemerkt, wie glücklich wir uns gegenseitig machen und haben meinen Mann dann auch sehr schnell in ihr Herz geschlossen. In der Öffentlichkeit sind uns immer wieder komische Blicke aufgefallen, einmal wurden wir von Leuten auf die Straße geschubst, die für mich durch ihre Kleidung und ihr Aussehen einen rechts gesinnten Eindruck machten.

Bei einer Wanderreise wurden wir in einer Pizzeria von einem anderen Gast rassistisch beleidigt. Ich war so aufgebracht, dass ich die Polizei rief und Anzeige erstattete. Ziemlich enttäuscht war ich allerdings, als Monate später ein Schreiben von der Staatsanwaltschaft kam, dass das Verfahren wegen Mangel des öffentlichen Interesses nicht aufgenommen werden würde. Im Netz sind Beleidigungen, Abwertungen und Bedrohungen tatsächlich an der Tagesordnung, wenn man sich mit der eigenen Geschichte stark macht gegen Rassismus. Das Schlimmste was ich bisher dort gelesen habe, ist ein geäußerter Wunsch, dass an meine Kinder vor einen Zug schubsen sollte.

Was haben diese Reaktionen mit dir/euch gemacht? 

Diese Reaktionen haben uns als Paar noch stärker gemacht. In mir haben sie auch die Kampfeslust geweckt mich gegen Rassismus stark zu machen. Als ich schwanger war, hatte meine Mutter aber auch oft Sorge, dass mir jemand aus rassistischen Gedanken heraus etwas antun könnte.

Seit unsere Töchter da sind ist für mich auch noch ein Gefühl der Traurigkeit hinzugekommen. Ich empfinde die kulturellen und religiösen Unterschiede zwischen meinem Mann und mir als sehr bereichernd; meine Kinder wachsen zweisprachig auf, wir leben den starken Familiensinn des Arabischen und die Beziehung zu meinem Mann hat mich meiner Familie wieder nähergebracht.

Wir feiern gemeinsam christliche und islamische Feste und dennoch haben meine Kinder einen Stempel, den Stempel „mit Migrationshintergrund“ – und dieser Stempel ist in der Gesellschaft in vielerlei Hinsicht mit Vorurteilen behaftet.

Ich wünsche mir einfach sehr, dass meine Töchter Rassismus nie selbst erfahren müssen, weiß nach den letzten Jahren jedoch, dass dieser Wunsch wohl ein Wunsch bleiben wird. Diese Erfahrungen haben außerdem auch dazu geführt, in mir selbst nach unbewusstem rassistischen Schubladendenken zu forschen. Als Lehrerin halte ich die Reflexion darüber für absolut wichtig. 

Wie hat sich der Status deines Mannes über die Jahre hinweg entwickelt?

Als wir uns kennengelernt haben, hatte mein Mann einen Aufenthaltstitel für 3 Jahre. Noch vor unserer Hochzeit wurde dieser abermals um drei Jahre verlängert. Bevor wir uns kennengelernt haben, hat mein Mann als Koch bei einer Cateringfirma gearbeitet. Nach etwa eineinhalb Jahren wurde sein syrisches Abitur hier anerkannt und er konnte sich überlegen, ob er hier einen Beruf erlernen oder studieren möchte.

Das war etwa die Phase als wir uns kennenlernten. Da er schon in Syrien gern mit Kindern gearbeitet hat, hat er sich hier in Deutschland dafür entschieden eine Erzieherausbildung zu absolvieren. Er machte ein 9-monatiges unbezahltes Vorbereitungspraktikum, dass damals Voraussetzung war, zur Ausbildung zugelassen zu werden. In dieser Zeit bestätigte sich für ihn seine Wahl und seit 2019 absolviert er mit einem Jahr Elternzeit bei unserer älteren Tochter als Unterbrechung diese Ausbildung. Diesen August begann er sein Anerkennungsjahr in einer Kita und im kommenden Sommer ist er dann endlich staatlich anerkannter Erzieher. 

Welchen behördlichen Irrsinn ihr in den letzten Jahren erleben?

Ein Beispiel ist das Verhalten von Mitarbeitern der Ausländerbehörde meinem Mann gegenüber. Einige Male wurde er ziemlich unfreundlich behandelt, manchmal trotz Termin unverrichteter Dinge wieder weggeschickt, nicht richtig aufgeklärt, bzw. wirklich falsch informiert und einmal sogar angeschrien.

Kurz nachdem er in Deutschland angekommen war, wurde ihm einmal gesagt, er solle gefälligst deutsch sprechen und das, obwohl er damals erst wenige Monate hier war und sich aufgrund seinen Studiums in Syrien in nahezu perfektem Englisch verständigen konnte. Wenn ich meinen Mann begleitete, wurden wir hingegen immer sehr freundlich und zuvorkommend behandelt…

Bis zu seiner Einbürgerung war es natürlich sehr viel Papierkram, was aber auch irgendwie verständlich ist. Die Papiere meines Mannes aus Syrien zu beschaffen war nicht so leicht, da in seiner Heimatstadt auch so gut wie alle öffentlichen Gebäude zerstört wurden und die Daten oft nicht zusätzlich zentral nochmals gespeichert werden. Von dort brauchten wir seine Geburtsurkunde und einen Nachweis darüber, dass er alleinstehend ist.

Die Beschaffung gelang uns mit Hilfe seiner Familie und einem befreundeten Anwalt. Diese Dokumente mussten wir hier von einem gerichtlich anerkannten Übersetzer vom Arabischen ins Deutsche übersetzen lassen und dann anschließend noch zur Legalisierung in die Deutsche Botschaft nach Beirut schicken. Ein Vorgang, der einige Monate in Anspruch nahm und mehrere hundert Euro kostete. 

Ihr habt in Dänemark geheiratet. Warum dort?

Wir hatten relativ schnell für uns klar, dass wir gemeinsam eine Familie gründen wollten und bereits nach einem Jahr wurde ich schwanger. Zu dieser Zeit warteten wir aber noch auf die Papiere aus Syrien. Er hatte seinen Pass bei der Flucht dabei, jedoch nicht seine Geburtsurkunde. Uns war es beiden jedoch wichtig, dass wir noch vor der Geburt unserer ersten Tochter heiraten können. Vor allem aus der Sorge heraus, dass, sollte mir unter der Geburt etwas zustoßen, er als nicht-deutscher Vater mit Fluchthintergrund und mit befristeten Aufenthaltsstatus nicht dieselben Rechte haben würde als wenn wir verheiratet wären.

In Dänemark reicht der Personalausweis aus, um die Ehe offiziell eingehen zu können. Wir wurden einer Prüfung des dänischen Familienministeriums unterzogen und mussten einige Fragebogen ausfüllen und Fotos der gemeinsamen Zeit von uns einsenden, um der Schließung von Scheinehen vorzubeugen. Aufgrund eines geschlossenen Abkommens zwischen Deutschland und Dänemark müssen diese Ehen hier auch anerkannt werden.

Allerdings war es dafür noch nötig, die Urkunde nach der Hochzeit vom dänischen Staat mit einer Apostille legalisieren lassen. Ein bisschen kompliziert und alles insgesamt wieder recht teuer, da wir die Hilfe einer Agentur in Anspruch genommen hatten. Dennoch hatten wir eine schöne Hochzeitsreise auf eine kleine dänische Insel, auf der wir dann in einer kurzen und überraschend schönen Zeremonie getraut wurden.

Dein Mann ist jetzt eingebürgert, richtig?

Um als Familie größtmögliche Sicherheit zu bekommen, haben wir uns dafür entschieden, die Einbürgerung an die Ehe zu knüpfen und nicht zu warten, bis mein Mann seine Ausbildung komplett beendet hat. Nach zwei Jahren Ehe konnten wir die Einbürgerung beantragen. Dafür mussten wir Gebühren zahlen und etliche Papiere einreichen. Ich glaube, der Stapel war letztendlich über 100 Blatt Papier dick. Im Januar dieses Jahres wurde mein Mann eingebürgert und ist nun deutscher Staatsbürger. Da Syrien seine Staatsbürger nicht aus der Staatsbürgerschaft entlässt, hat er nun die doppelte Staatsbürgerschaft. 

Erlebt ihr heute immer noch Rassismus und Vorurteile?

Heute erleben wir Rassismus zum Großteil im Netz. Im Alltag, so denke ich, haben wir uns wohl an komische Blicke gewöhnt und nehmen diese nicht mehr wahr. Sollten wir im realen Leben jedoch noch einmal rassistisch beleidigt oder gar angegriffen werden, weiß ich für mich, dass ich das nicht überhören, sondern zur Anzeige bringen werde.

Es gibt immer wieder Situationen, in denen vor allem mein Mann mit Vorurteilen zu kämpfen hat. Das fängt schon bei Alltagskontakten an, bei denen für ihn extra langsam und schlicht gesprochen wird. Auch in Bezug auf seinen Beruf muss er sich öfter rechtfertigen. Männer haben, obwohl sie so dringend im vorschulischen Bereich benötigt werden, dort oft einen sehr schweren Stand bei den Eltern. Ist der Mann dann noch Araber und Moslem ist das für manche Eltern quasi ein NoGo ihre Kinder von diesem betreuen zu lassen.

Mir tun diese Vorurteile gegenüber meinem Mann dann immer besonders weh. Er ist der absolut liebevollste, ehrlichste und zuverlässigste Mensch, den ich kenne. Ich finde es schlimm, wenn ihn die Leute ausschließlich als Flüchtling wahrnehmen, denn auch wenn dies ein Teil von ihm ist. Er ist aber ja so viel mehr: ein Sohn, ein Vater, ein Bruder, ein Onkel, ein Ehemann, bald ein Erzieher. Er kocht gerne, liebt die Natur so wie ich, ist ein fabelhafter Tänzer und ein hervorragender Zeichner. Ich bin so glücklich wie nie in meinem Leben und absolut dankbar mit diesem wunderbaren Mann zwei zauberhafte Töchter bekommen zu haben. 

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3 comments

  1. Vielen Dank fürs Teilen dieser Geschichte! Ihr scheint beide sehr interessante und starke Menschen zu sein. Ich wäre gern mit Euch befreundet 🙂 Lasst Euch auch weiterhin nicht unterkriegen. Alles Gute für Eure Familie!

  2. Liebe Julia, du klingst so glücklich und das ist alles was zählt! Dennoch ist es natürlich ärgerlich, dass ihr im Alltag Hürden nehmen müsst, die deutsch-deutsche Paare nicht haben. Aber deiner Familie geht es gut und deine Töchter werden sicherlich von beiden Kulturen profitieren und vielleicht später eine bessere weltoffenere Generation bereichern.

  3. Das klingt so schön! Alles Gute Euch beiden. Ich mache mich auch gegen Rassismus stark und gemeinsam werden wir es schaffen, dass die nächste Generation in der Hinsicht aufgeklärter ist.

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