Gastbeiträge

22/03/2019 - 06:45

Stadt-Mama Katharina

Geregeltes Leben im Reihenhaus: Wie mein Sohn trotzdem auf die schiefe Bahn geriet

Hätte man mir vor 16 Jahren bei der Geburt meines ersten Sohnes erzählt, wie sich sein Leben entwickelt, mit welchen Problemen wir kämpfen würden - ich hätte gelacht und es nicht für möglich gehalten... Aber lasst mich von Anfang an erzählen. 

Ich heiße Maren und war 18, als ich ungeplant schwanger wurde. Ein Jahr später kam mein Sohn. Auch wenn die Schwangerschaft nicht geplant war, freuten wir uns auf das Baby. Rückblickend muss ich sagen, dass wir ganz schön naiv an die Sache rangegangen sind. Der Vater meines Sohnes und ich dachten, dass das irgendwie schon hinhauen wird. Das tat es zunächst auch. Unser Sohn wurde ja geliebt und ich machte sogar noch mein Abitur. Doch dann - eineinhalb Jahre nach der Geburt - ging die Beziehung auseinander. Mein Ex betrog mich mit einer Arbeitskollegin. 

Wir einigten uns darauf, dass unser Sohn jedes zweite Wochenende bei seinem Papa sein würde. Mein Ex zahlte regelmäßig Unterhalt - es sah also so aus, als würden wir die Trennung erwachsen und cool meistern. Die Realität aber war: Wir stritten oft - auch vor dem Kind - hatten unterschiedliche Erziehungs- und Lebenseinstellungen und meine Verletzung über den Betrug war sehr groß. Dazu kam, dass ich die neue Partnerin meines Ex nicht mochte, was zu noch mehr Spannungen führte. Das hat unser Sohn ganz sicher gespürt. 

Ein Kind zu haben, ist immer eine große Herausforderung. Aber wir waren so jung und eigentlich noch damit beschäftigt, herauszufinden, was wir selbst für uns wollen - da ist es eine enorme Aufgabe, ein Kind großzuziehen.

Ich war ja nun alleinerziehend, musste viel für das Abitur lernen und später ging ich aus finanziellen Gründen Vollzeit arbeiten. Das bedeutete, dass mein Sohn jeden Tag sehr lange in der Kita war, später sehr lange im Hort - dazu kam der Wochenenend-Wechsel mit dem Vater und die Tatsache, dass ich mich entschieden hatte, das Kind möglichst locker, ohne große Regeln zu erziehen. Alles in allem muss ich rückblickend sagen, dass es meinem Sohn wohl an Halt gefehlt hat. 

Und so fing es eigentlich schon im Kindergarten an. Ich hörte: "Ihr Sohn ist unausgeglichen, hat einen schlechten Tonus der Muskulatur, er sprengt Regeln und Grenzen." Immer und immer wieder wurde ich zu Gesprächen geladen. Sie waren alle belastend. Niemand sprach positiv von meinem Sohn. Ich habe ihn immer verteidigt, gesagt, dass er ein Trennungskind ist und dass alles nicht so leicht für uns ist. 

In der Schule wurde es dann schlimmer. Er war verhaltensauffällig, eine Sonderpädagogin schickte uns in ein Frühförderzentrum. Dort sagte man, er hätte eine sensomotorische Wahrnehmungsstörung und sei sprachlich im unteren Durchschnitt. Eine Therapie bekam er damals nicht und ich wusste auch nicht, was ich tun sollte.

Als er neun Jahre alt war, rauchte er das erste Mal. Andere Eltern fingen an, uns zu meiden. Mein Sohn sei ein schlechter Umgang, hieß es. Und andere Kinder sagten meinem Sohn, sie dürften nicht mehr mit ihm spielen. Ich war völlig verzeifelt und hilflos. Die Situation überforderte mich. Wie war es soweit gekommen? Es war ja nicht so, dass ich ihm das vorlebte. Ich war ja keine Frau, die arbeitslos zu Hause saß und mit Kippe im Mund Trash-TV schaut. Nein, ich hatte eine gute Schulausbildung, einen guten Job, wir lebten in einem schönen Umfeld. 

Ich lernte wieder einen Mann kennen und bekam zwei weitere Söhne. Diese Jungs sind so anders als ihr großer Buder. Der Mittlere ist seit zwei Jahren in der Schule, sozial und emotional total unauffällig. Der Kleinste geht in einen Montessorikindergarten. Wie erziehen bedürfnisorientiert, wohnen jetzt in einem hübschen Reihenhaus am Stadtrand. 

Und während die beiden anderen Söhne ganz "normale" Kinder waren, geriet mein Großer auf die schiefe Bahn. Mit 13 konsumierte er Cannabis, auch einmal Kokain, er schnupfte Lösungsmittel. Zudem war immer wieder Alkohol auch im Spiel. Er schwänzte die Schule, es kamen Anzeigen wegen Ladendiebstahls und Vandalismus. Mittlerweile kann er keine „normale“ Schule mehr besuchen - er schafft es einfach nicht, sich zu integrieren. Schule ist nur Qual für ihn - er hat schwere Aufmerksamkeitsdefizite. Ob er überhaupt den Hauptschulabschluss schafft, ist noch nicht klar. 

Ich sehe meinen Sohn an und sehe einen sehr lieben Jungen, der aber hilflos ist und einfach keinen Halt im Leben findet...

Seit anderthalb Jahren befindet er sich nun in einer therapeutischen Einrichtung für drogensüchtige Jugendliche.  Er hat dort viele Therapien gemacht und wurde sehr engmaschig begleitet. Wir können ihm Zuhause diesen engen, intensiven Rahmen nicht geben. Das einzusehen, war ein schwerer Schritt. Mich quälen die Fragen nach dem Warum? Warum ist mein Sohn so?

Waren es die Trennung und die Streitereien zwischen uns Eltern? War es mein Erziehungsansatz mit wenig Regeln? Lag es daran, dass ich so viel gearbeitet habe und er so oft fremdbetreeut war? Oder lag es an der Sprachverzögerung - hat es ihn wütend gemacht, nicht so gut mitteilen zu können, was ihn bewegt? 

Den Grund werde ich wohl kaum finden. Bei einer liebevollen Therapeutin habe ich aber gelernt, dass nicht alles meine Schuld ist, was mit den Kindern passiert. Das nimmt mir ein wenig die Schuldgefühle. Und ich habe ja auch meine anderen zwei Söhne, die emotional stabil sind und mir zeigen, dass ich nicht alles falsch gemacht haben kann. 

Wohin unsere Reise gehen wird, ist ungewiss. Mein Sohn war am Wochenende zu Hause, seit drei Monaten nimmt er keine Drogen mehr, der Alkohol ist aber immer noch ein Thema. Wir als Familie spüren weiterhin viel Hilflosigkeit und sind vor allem traurig. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass eines Tages alles gut wird. Dass wir es irgendwie zusammen packen. Wenn auch vielleicht ganz anders, als wir uns das vorgestellt hatten.

 

Tags: Sohn, Trennung, Konflikt, Scheidung, Liebe, Kind, Mutter, Therapie

Das könnte dich auch interessieren...

Kommentare

Andrea — Fr, 03/22/2019 - 12:28

Waren es die Trennung und die Streitereien zwischen uns Eltern? War es mein Erziehungsansatz mit wenig Regeln? Lag es daran, dass ich so viel gearbeitet habe und er so oft fremdbetreeut war? Oder lag es an der Sprachverzögerung - hat es ihn wütend gemacht, nicht so gut mitteilen zu können, was ihn bewegt? Alle diese Sachen in Kombination sind es. Jedes Thema allein wäre zu deckeln gewesen, aber zusammen ist es offenbar zuviel auf Dauer geworden. Kinder brauchen Liebe und Regeln. Ohne geht es nicht. LG

Vanessa — Fr, 03/22/2019 - 16:54

Spannend, Andrea, wie du tatsächlich weißt, was die Ursache zu sein scheint. Genau auf so eine Mutter dieser Art wie du es zu sein scheinst, hat diese arme Mutter vermutlich jahrelang getroffen. Liebe und Regeln ganz einfach. Eltern sind nicht für Alles was Kinder tun oder wie sie sich entwickeln verantwortlich. Traurig dein Kommentar.

Lena — Mi, 03/27/2019 - 14:03

Ich finde, Vanessa hat vollkommen Recht damit, dass dein Kommentar hier unangebracht ist. Wenn überhaupt sich jemand Gedanken zu den Ursachen machen kann, sind es die Menschen ganz nah dran. Und auch das kann nur Spekulation sein. Es ist in jedem Fall wenig hilfreich, ungefragt Ratschläge (wenn auch im Nachhinein) zu bekommen.

Lene — Fr, 03/22/2019 - 13:47

Hallo Maren, auch ich bin mit 18 zum ersten Mal Mama geworden und klar dachten auch wir "Hey" das klappt schon...irgendwie. Hat es auch. Doch wir waren jung steckten mitten im Abitur bzw. Berufsausbildung, wollten unseren Weg und uns finden, aber eben nicht zusammen. Es folgte die Trennung...ganz entspannt und cool. Zumindest zum Anfang. Die darauf folgenden Jahre waren geprägt von Umzügen, Kita- und später Schulwechseln und leider auch Streitigkeiten zwischen dem Papa und mir. Wir haben beide viel gearbeitet und hatten ganz klar unterschiedliche Vorstellungen von der Erziehung. Eine klassische Erziehung bzw. Regeln gab es bei mir nicht. Weil es einfacher war? Definitiv. Mein Sohn ist heute 19, hat einen guten Schulabschluss, studiert und hat einen großen Freundeskreis. Wir sind zusammen groß geworden und ja vielleicht hatte ich einfach Glück. Was ich dir damit sagen möchte Maren...unsere Söhne hatten ähnliche Voraussetzungen in diese Welt zu starten, deswegen ist für mich die Frage nach der Schuld die falsche. Ich wusste immer wir schaffen das...bei euch geht dieses Glück einfach nur einen Umweg...ganz sicher. Meine Tochter ist 10 und wird in einem Einfamilienhaus mit einer Mama groß die halbtags arbeitet und dementsprechend Zeit hat...letztens sagte sie zu mir "diese Welt ist ziemlich verrückt oder…man weiß ja gar nicht wohin man soll"...für meinen Sohn war und ist diese Welt ein großer Abenteuerspielplatz und er fühlt sich überall richtig. Komisch oder? Man hätte das Verhalten bzw. Denken doch genau entgegengesetzt erwarten können. Mein kleiner Sohn ist 2 Jahre und ich bin gespannt wie er mich die nächsten Jahre noch überraschen wird. Ich wünsche euch für die Zukunft alles Gute.

Katharina — Sa, 03/23/2019 - 07:13

Bei uns war es so, das meine Schwester und ich grundverschieden aus unserer Kindheit und Jugend gegangen sind, obwohl wir ja das Gleiche erlebt haben, die gleichen Eltern haben, den gleichen Erziehungshilfe erlebt haben, einfach weil wir unterschiedliche Persönlichkeiten haben. Unsere Eltern haben sich viel gestritten, getrennt, nxiht miteinander geredet, wir mussten das wechselmodell leben mit wöchentlichem Umzug in eine andere Stadt, ich war sehr sehr viel allein zuhause, hatte und habe keine feste Bindung Zu meinen Eltern..... ich hatte in der Pubertät Depressionen, chronische Schmerzen, Schlafstörungen, suizidales verhalten. Meine Schwester hat adhs. Und das einzige was sie an gesellschaftlichem unangemessenen Verhalten gemacht hat war Schminke zu klauen. Also, natürlich beeinflusst das Umfeld, die Bindung von Eltern und Kind, der erzeihungsstil etc alles auch ein Kind, aber was das Kind mitbringt, in welche Kreise es gerät etc spielt eine genauso große Rolle. Eine Mutter trägt nxiht für jeden oder überhaupt für irgendeinen Fehltritt und jeden Charakterzug die Verantwortung.

Maggie — Sa, 03/23/2019 - 13:51

Gute Bekannte müssen folgendes erleben: Große Tochter Einserkandidatin, glatter Berufseinstieg, sehr lebenstüchtig. Sohn, 2 Jahre jünger, Einserkandidat, super Sportler, probiert Amphetamine, verfällt der Droge, Suizidversuche, Ärzte sagen, seine Organe machen nicht mehr lange mit. Dasselbe liebende Elternhaus, sehr fürsorgliche Eltern. Mach Dir keine Schuldvorwürfe bitte.

Neuen Kommentar schreiben