Hochbegabt gescheitert – warum intelligent sein im Schulsystem nicht ausreicht

Hochbegabt

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Ihr Lieben, „Dein Kind ist hochbegabt? Na dann schreibt es sicher nur super Noten“. Das denkt man wohl erstmal, wenn man von einer Hochbegabung hört. Oft ist es allerdings ganz anders, immer wieder haben wir auch hier Berichte von hochbegabten Kindern, die sich von der Schule schwertun. So auch die Kinder von Susanne Burzel. Sie erzählt in ihrem dritten Buch „Hochbegabt gescheitert – und neue Türen öffnen sich“ ihre Erfahrungsgeschichte als Mutter von zwei hochbegabten Kindern. Diese verweigerten teilweise bis zu 2 Jahren die Schule und gehören zu den sogenannten Underachievern (Minderleister). 

Sie möchte Eltern Mut machen und Verantwortlichen den Blick öffnen für die besonderen Herausforderungen mit hochbegabten Kindern, die nicht in das Schulsystem zu passen scheinen. Vielen Dank für diesen schönen Beitrag!

Hochbegabt
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Mit dem Wissen von heute hätten wir vor 14 Jahren sicher anders entschieden, als es um die Schullaufbahn unseres älteren Sohnes ging. Ihm und uns wäre viel Leid erspart geblieben, wenn der Fokus auf seine damaligen Verhaltensauffälligkeiten anders gelegen hätte. Diese schwierige Zeit ist heute ein Teil unserer Geschichte – und zumindest darf sie jetzt dazu beitragen, andere Eltern zu ermutigen und Lehrkräften sowie Therapeuten den Blick für dieses sensible Thema zu öffnen. 

Es geht in diesem Artikel um Hochbegabung und das Bestehen bzw. Scheitern im Schulsystem. Vielleicht denkst du auch, dass hochbegabte Kinder es in der Schule einfach haben und man sich um sie nicht besonders kümmern muss? Wenn dem so ist, keine Sorge. Denn das Bild von kleinen Genies, die mit 14 Jahren Abitur machen oder mit 20 Jahren ihr Physik-Studium erfolgreich abgeschlossen haben, prägt die Medien. Sogar wir als Eltern konnten uns oft nicht erklären, warum unser sonst so cleverer Sohn in der Schule große Probleme hat. 

Nicht jeder Hochbegabte ist auch ein Hochleister

Woran erkennst du ein hochbegabtes Kind? Es gibt sie sicher, die kleinen Genies, die jeden mit ihren Leistungen überraschen und die von Anfang ihr Potenzial voll abrufen. Die meisten hochbegabten Kinder absolvieren tatsächlich ihre Schullaufbahn mit Leichtigkeit, wenn auch mit der ein oder anderen Hürde. Doch unser Sohn war anders. Klar war er clever, immer auf der Suche nach Neuem, abenteuerlustig und hatte die kühnsten Ideen, vor allem, wenn es um Technik ging. Der Eintritt in den Kindergarten mit 2 Jahren wurde höchste Zeit, denn ich konnte seinen Wunsch nach mehr Input zu Hause kaum noch nachkommen.

Seinen unstillbaren Wissensdurst bemerkten auch die Erzieherinnen im Kindergarten schnell. Aber er zeigte noch eine andere Seite, eine auffällige, störende, anstrengende und sehr wilde Seite. Unser Sohn stellte viele Dinge an, hörte selten auf Anweisungen, schien fast nie aus seinen Fehlern zu lernen und übliche Erziehungsmethoden liefen ins Leere. Im Kindergarten konnte unser Sohn zwar die Regeln fehlerfrei aufsagen, nur hielt er sich selten daran, wenn sie keinen Sinn für ihn machten. 

Du bist doch so schlau, warum kannst du nicht?

Der Eintritt in die Schule brachte kaum Besserung. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir auf Empfehlung der Erzieherinnen eine Erziehungsberatung und eine erste Diagnostik hinter uns. Bei unserem Sohn wurde ADHS mit einer überdurchschnittlichen Begabung festgestellt. Direkt wurden Medikamente empfohlen. Der Blick blieb stets defizitorientiert im Bemühen, das Kind irgendwie ruhiger zu stellen und ihm zu helfen, sich besser auf den Unterricht fokussieren zu können. 

Fokussieren konnte er sich überraschenderweise recht gut, wenn es darum ging, Lego zu bauen oder aus Papier, Tesafilm und Kordel eine Jalousie oder andere technischen Materialien zu bauen. Die Hausaufgabensituation hingegen verlief dramatisch und zog sich täglich über mehrere Stunden hin. Er weigerte sich, manche Aufgaben zu machen. Sein Argument war stets: „Das kann ich schon, ich will das nächste lernen.“ Natürlich setzte ich mich als Mutter dafür ein, dass das Kind alles regelkonform erledigt. Doch ich stieß trotz meiner Geduld an meine Grenzen. Letztendlich war jeder Tag ein Kraftakt für unseren Sohn und für uns, der Spuren hinterließ. 

Die Probleme von Hochbegabten zeigen sich meist in der Mittelstufe

Zum Übergang in die 5. Klasse wurde er in ein Gymnasium versetzt. Die Empfehlung der Grundschule sah den Besuch einer Gesamtschule vor. Diese integriert durch ein ABC-Kurssystem das Hauptschul-, Realschul-, oder Gymnasialniveau individuell für jeden Schüler. Wir befürchteten, dass unser Sohn in fast allen Fächern im Hauptschulbereich landen würde, da er mündlich kaum mitmachte und stattdessen oft seinen eigenen Gedanken nachhing. Lediglich schriftlich konnte er seine Leistungen abrufen. 

Also setzten wir uns über die Empfehlung hinweg und sprachen mit dem Gymnasium, die einwilligte, unseren Sohn aufzunehmen. Wir waren sicher, dass er hier im Klassenverbund mitgezogen wird und auch bei einer schlechteren Note auf dem Niveau verbleiben konnte. Das funktionierte auch recht gut, aber er hinterfragte immer stärker die Unterrichtsinhalte und verweigerte seine Zusammenarbeit zunehmend. So diskutierte er beispielsweise, warum er ein Goethe-Gedicht interpretieren solle und wofür er das später brauche. 

Die Schule bereitete ihm körperliche Schmerzen

In naturwissenschaftlichen oder gesellschaftspolitischen Fächern blühte unser Sohn auf. Die Lehrkräfte dieser Fächer waren begeistert, wie sehr er den Dingen auf den Grund ging und in Diskussionen einstieg. Sie erlebten einen Schüler, der tiefes Interesse an den Unterrichtsinhalten zeigte. Doch sie waren gleichzeitig verwirrt, wenn sie ihn in anderen Fächern erlebten, in denen er regungslos im Unterricht saß und kaum ansprechbar war.

Unser Sohn erlebte vor allem diese Stunden als äußerst anstrengend. Er erzählte von Krämpfen, Anspannungen und Unwohlsein, da er nur still dasaß. Einmal sagte er, er hätte die Zahlen von 1 bis 2000 aufgeschrieben, was ihm auch nicht geholfen hätte. Wir fanden den Zettel Jahre später in einem Collegeblock und waren tief getroffen, wie unser Sohn gelitten haben musste. 

Die Lehrkräfte in diesem Gymnasium haben alles getan, um unserem Sohn den Schulbesuch zu erleichtern. Leider waren auch sie ratlos und es stand sogar die Vermutung nach einer Autismus Spektrum Störung im Raum. Wir besuchten die nächste Diagnostik, der Verdacht bestätigte sich nicht. Trotz Förderplänen und einer sehr guten Kommunikation auf Augenhöhe, immer bemüht, unserem Sohn zu helfen, kam es dann dazu, dass er die 9. Klasse wiederholen musste. 

Am ersten Schultag nach den Sommerferien kam dann der Zusammenbruch. Unser Sohn saß auf seinem Bett und war völlig unfähig, sich zu rühren. Er sagte, dass er in die Schule gehen will, aber nicht kann. Wir als Eltern verzweifelten an diesem Morgen. All die Jahre vorher hatten wir unterstützt, recherchiert, uns informiert und Dinge in die Wege geleitet, damit der Schulbesuch gelingt. An diesem Morgen waren wir ratlos, hilflos und fühlten uns einfach nur verzweifelt und alleingelassen.

Neue Türen öffneten sich Underachievement

Wochen später, nach einem erneuten Gespräch mit dem Förderschullehrer, stießen wir auf den Begriff „Underachievement“. Nie zuvor hatte ich davon gehört, zumal er üblicherweise nur im Zusammenhang mit Hochbegabung gebraucht wird. Unser Sohn war aber nicht hochbegabt, so dachten wir. Ich ging der Spur nach und erkannte immer stärker unseren Sohn in den Beschreibungen, Interviews und Vorträgen, die ich mir anschaute. Wir begannen ein Coaching und im Rahmen dessen ließen wir eine Begabungsdiagnostik durchführen. 

Das Ergebnis traf uns wie ein Schlag, der Test ergab eine Hochbegabung bei unserem Sohn, ein Wert kratzte sogar an der Höchstbegabung. Wir waren erleichtert und verzweifelt zugleich. Denn unser Sohn war zu diesem Zeitpunkt bereits 16 Jahre alt. Hätten wir früher gewusst, dass eine Hochbegabung im Spiel ist und diese durch das ADHS maskiert wird, wären sicher andere Wege in seiner Schullaufbahn möglich gewesen. Das machte uns traurig. 

Nach dem Zusammenbruch am besagten Morgen verweigerte unser Sohn für zwei Jahre den Schulbesuch. Er verbrachte die meiste Zeit in seinem Zimmer und entzog sich der Welt, zu der er nicht zu gehören schien. Es folgte das Coaching, eine Reha, eine Psychotherapie und wir zogen sogar eine stationäre Aufnahme in der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Betracht. Doch die Psychologen wussten nicht so recht etwas mit unserem Sohn anzufangen und so nahmen wir, während wir auf der Warteliste standen, Kontakt mit dem Jugendamt und dem Schulamt auf. 

Letztendlich, nach einer langen, anstrengenden und kräftezehrenden Zeit, konnten wir bewirken, dass unser Sohn für ein Jahr eine Förderschule für Hochbegabte besuchen durfte. Sie war speziell auf twice exceptional students ausgerichtet, also auf Kinder und Jugendliche mit einer Begabung über IQ 120, die eine psychische Beeinträchtigung, wie ADHS oder Autismus Spektrum Störung, mitbringen. 

Ein neuer Weg für unseren Sohn begann 

Die neue Schule war ein Segen für uns und für unseren mittlerweile 17-jährigen Sohn. Denn endlich hatte er bei seinen Mitschülern Anschluss gefunden und fühlte sich unter Gleichgesinnten wohl. Sie teilten ähnliche Interessen und waren verbunden in ihrer Begabung. Wir als Eltern sahen nun endlich eine Perspektive für unseren Sohn und durften miterleben, wie er seine PS wieder auf die Straße brachte. 

Rückblickend hätten wir vieles anders gemacht: Eine Begabungsdiagnostik anstelle einer ADHS-Diagnostik verbunden mit einer Schulwahl, die seiner Begabung entspricht, sowie eine adäquate Begleitung im Rahmen eines Hochbegabten-Coachings, wenn es weitere Probleme gegeben hätte. Diese Gedanken sind müßig, das wissen wir. Daher sind wir heute froh, dass unser Sohn seinen Weg gefunden hat und sein für sich Potenzial nutzen kann, und unsere Erfahrungen als Mutmach-Beispiel für andere stehen darf. 

Hochbegabt gescheitert Susanne Burzel gerade

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14 comments

  1. Hallo liebes Stadtlandmamateam,
    aus eigener leidvoller Erfahrung hat das Thema Hochbegabung viele Facetten, die im Alltag keine Beachtung finden. Ich habe drei Kinder (19,16,9). Der Älteste hat eine math.-nat. Hochbegabung. Es war lange in Kindergarten und Grundschule für ihn sozial schwierig. Das Lesen und die gesamte Sprachentwicklung waren jedoch unterdurchschnittlich. Es trat Besserung im Gymnasium ab der 5. Klasse auf. Letztendlich bewarb er sich an einem Hochbegabtengymnasium mit Internat. Dies war für uns als Familie sehr entlastend, da unser Sohn das erste Mal in seinem jungen Leben glücklich, ausgeglichen und zufrieden war, Freundschaften zu Gleichgesinnten pflegen konnte und seinen eigenen Interessen folgen konnte ohne be- oder verurteilt zu werden, als anders oder „nerdig“ bezeichnet zu werden. So platzte der Knoten aus anders sein, hochbegabt und trotzdem ein sozial erfülltes Leben zu führen. Dieses Internatsleben hat ihm den Weg in ein glückliches und zufriedenes Leben als junger Studierender geebnet. Der Schritt ihn bereits mit 14 von zu Hause ausziehen zu lassen, waren für mich als Mutter nicht einfach, aber im Nachhinein die richtige Entscheidung für uns als Familie.
    Abschließend möchte ich das Thema Finanzen in Bezug auf Hochbegabung und Internat erwähnen. Da er auf eine staatliche Schule ging, wurden nur 10 Monate Unterkunft und Verpflegung (350,-Euro pro Monat) abgerechnet. Bei Familien, die diesen Betrag nicht aufbringen konnten, wurde immer nach einer Lösung gesucht und diese auch gefunden!!!

  2. Liebes stadtlandmama Team,

    Ich bin durch eine Freundin auf euch aufmerksam geworden und als ich den Text las, musste ich mehrmals schlucken. Ich habe zwei Söhne, ein Sohn ist höchstbegabt mit einer Hochsensibilität und hat die 7. Klasse auf dem Gymnasium übersprungen, weil er sich zusehends zum Underachiever entwickelte.

    Mein zweiter Sohn kratzt ebenfalls an der Höchstbegabung, ist zudem hochsensitiv und hochsensibel. Ich selber habe erst durch die Testung meines ersten Kindes erfahren dürfen, was mich ausmacht. Meine Leben ist wie ein Kartenhaus zusammengebrochen und plötzlich hat vieles einen Sinn ergeben.
    Eine klassische UNderachieverin.

    Ich bin mit 14 Jahren am Schulsystem gescheitert, wurde zur Hauptschule durchgereicht und habe mir sagen lassen, dass ich im Büro gut aufgehoben wäre, mehr könnte ich nicht erwarten.

    Mein Weg war sehr schwierig, über den zweiten Bildungsweg das Abitur, Damenschneiderin als Ausbildung und Mode-Design studiert. Wir sind vielbegabt, heute arbeite ich zu meinen Bedingungen, ich entwerfe und nähe, arbeite in einem wunderbaren Blumenladen, gebe Potenzialentfaltung bei Kindern und Jugendlichen,habe eine Bügelkundin und mache zur Zeit eine Heilerausbildng.
    So viel zum Thema Büro. Ich bin so ein kreativer Kopf, in einem Büro wäre ich krank geworden, wie in der Schule.

    Mein jetzt 14 jähriger Sohn scheitert im Moment am Schulsystem. Er hat aufgegeben und leider hat es viel zu lange gedauert, bis er mir gesagt hat, dass das Lernen in dem Schulsystem für ihn keinen Sinn ergibt. Im letzten halben Jahr hat die Lehrerinnen und mich sehr klug gegeneinander ausgespielt, was vor kurzen erst herausgekommen ist.
    Er ist im Begriff meinen Weg zu wiederholen, was mir als Mutter das Herz bricht.

    Gestern Abend kam die Mail der Klassenlehrerin, dass er es nicht schafft. Sie wussten nicht um seine Begabung und waren erstaunt, weil ich nichts gesagt hatte.
    Wir hatten an derselben Schule nur Probleme und Nachteile als mein Ältester übersprang, also habe ich gar nichts gesagt und ehrlicherweise habe ich das Thema Hochbegabung verdrängt.

    Ich hatte irgendwie gehofft, dass mein Sohn besser durch dieses System kommt und nun hat es mich eingeholt und wir müssen uns auch damit wieder auseinandersetzen.

    Ich selber sehe meine Begabungen heute positiv und lebe danach, meine Kinder können das noch nicht.

    Jetzt müssen wir gemeinsam überlegen, was unser Kind braucht, soll er eine Klasse wiederholen? Da er mit 7 Jahren eingeschult wurde, ist er zwei Jahre älter als die anderen Kinder und kognitiv war er den Kindern schon immer mehrere Jahre voraus.
    Oder ist ein Schulwechsel besser? Wir müssen das alles jetzt sacken lassen und am Ende entscheidet unser Kind, was für ihn richtig ist.

    Für mich als Mutter hat all das einen bitteren Beigeschmack, er kam ihn die erste Klasse, hatte sich selber Lesen, Schreiben und Rechnen beigebracht. Er hatte sich so auf die Schule gefreut, er war durch nichts zu aufzuhalten.
    Dann kam der harte Aufprall in der Schule, selbst nach der Testung und offiziellem Ergebnis hat die Rektorin seine Begabung aberkannt und wollte ihn in die psychisch auffällige Ecke stellen. Es kam wie es kommen musste, unser Kind wurde krank und konnte nach den Sommerferien die dritte Klasse nicht mehr lange besuchen. Zehn Wochen hat sie den Antrag zurückgehalten, wir hatten nur eine Grundschule in Aussicht, weil alle anderen Grundschulen uns ablehnten. Unsere kleine Stadt ist mit der stillen Post sehr schnell und so habe ich ihn zehn Wochen zu Hause unterrichtet, bis er endlich die neue Schule besuchen durfte und vom ersten Tag an gesund war.
    Dieses Gefühl, wenn das Kind gerne zur Schule geht, nicht körperlich erkrankt, weil die Seele weint, wir waren einfach dankbar.

    Hätte unser Sohn einen besseren Start gehabt und hätte man ihn gefordert, wäre sicherlich vieles anders gelaufen.
    Ein Blick zurück lohnt sich heute nicht mehr, jetzt stehen wir als Eltern fest an seiner Seite und hinter ihm, damit er nicht fallen kann.

    Was macht das als Mutter mit mir? Alte Wunden sind aufgegangen und die Sorge als begabte Menschen wieder ausgegrenzt zu werden bzw. In eine Schublade gesteckt zu werden.

    ICh habe diesen Artikel gerne gelesen und es hilft immer wieder zu wissen, wir sind nicht alleine. Es gibt so viele von uns !

  3. Danke für den Artikel, der einmal mehr (was leider selten vorkommt) zeigt, dass Hochbegabung nicht immer gleichzeitig eine Hochbegabung in Anpassungsleistung an gängige Schulen beinhaltet. Leider wird allzu sehr auf die Chancen durch kostenpflichtiges Coaching und die richtige Schulwahl (die oft trotz Wahl nicht klappt) oder auch die twice exceptional school, die ja ungefähr so häufig vorkommen mag, woe die Schule der magischen Tiere. Enstprechende Suche im Netz ergab zumindest nichts was leicht zugänglich oder bei ungewähltem oder gewähltem low budget life überhaupt erschwinglich wäre. Ich frage mich als, wie es viele die das Buch dann lesen mögen anders machen können, wenn die verfügbaren vor Ort Beratungsstrukturen doch erneut den Defizitblick und das zugehörige Handeln mitbringen. Ich habe Bendeken, dass zumindest die Ratschläge im Artikel dann in Zukinft genutzt werden um eventuell als Vorwurf erneut von Institutionen an die Eltern getragen zu werden („warum haben sie denn kein Coaching gemacht?“ oder „warum ist Ihr Kind denn nicht an einer geeigneten Schule?“. Vielleicht wird das ja im Buch sowieso aufgegriffen, vielleicht auch nicht.
    Danke auf jeden Fall. Es sind immer weitere Denkanstöße und Aufmerksam machen auf die dringend notwendige Abkehr vom Defizitblick (eigentlich für alle Kinder, die sonst nur von Therapieversuch zu Therapieversuch geschoben werden) wichtig.

  4. Sehr wichtiger Artikel. Meine Kinder sind noch klein (3 Jahre und unter 1), aber wir wissen zum Glück bereits, dass wir auf Anzeichen achten müssen, da Hochbegabung auf der Seite meines Mannes in jeder Generation mindestens einmal vorkommt und eins unserer Kinder die entsprechende genetische Veranlagung hat. Mein Mann galt als Kind auch lange als faul, hatte in sprachlichen Fächern regelmäßig 5en und 6en, in Mathe und Naturwissenschaftlichen blühte er auf. Er schloss die Realschule ab, machte eine Ausbildung, entschied sich danach, das Fachabitur nachzuholen. Entschied, sich auf Hochbegabung testen zu lassen. Und siehe da, ebenfalls ein Fall von Underachievment in der Schule. Sobald er wusste was Sache war, konnte er besser damit umgehen und hat seine Fähigkeiten für einen Master in Maschinenbau genutzt. Seine Eltern hatten keine Ahnung, dass er als Kind nicht faul und dumm war, sondern underfordert. Den Fehler werden wir nicht wiederholen, sollten wir bei unseren Kindern entsprechende Auffälligkeiten feststellen.

    1. Als jemand, der erst mit Ende 30 mit ADHS diagnostiziert wurde, kann ich nur sagen, dass Medikamente mir im Schulalltag und später an der Uni sicher geholfen hätten.
      Es geht nicht ums „ruhig stellen“, sondern darum, sein Potential voll ausschöpfen zu können. Schade, dass Medikation diesbezüglich immer noch so einen zweifelhaften Ruf hat. ADHS Symptome können eine Hochbegabung durchaus überlagern.
      Nachdenkliche Grüße aus NRW

  5. Sehr schöner Artikel. Ich dachte, sie schreiben über meinen Sohn. Seit dem ersten Schultag gab es Probleme. Hausaufgaben wurden und werden nie gemacht, weil er keinen Sinn darin sieht. Nur dass die Schule dafür 6 en vergeben hat. Nach der Wiederholung der 8. Klasse wurde es nicht besser. Die Schule hatte allerdings überhaupt kein Verständnis. Wie haben ihn dann vom Gymnasium genommen und in die Realschule geschickt, damit er einen Abschluss bekommt. Dort wird er ernst genommen. Bei ihm wurde auch erst ADHS diagnostiziert, es ist aber nun Asperger. Selbst beim Intelligenztest hat er sich geweigert. Ich finde es beruhigend zu erfahren, dass es nicht nur bei uns so läuft. Vielen Dank.

  6. Ich bin Lehrerin an einem Berufskolleg. ADHS ist häufig mit kognitiver Begabung verbunden. Leider ist unser Schul- und auch Ausbildungssystem nicht darauf ausgerichtet, aber ich bin mir sicher , dass diejenigen ihren Weg gehen, auch ohne lineare Schulkarriere.
    Denn die Kreativität ist ein großer Motor.
    Mittlerweile diskutiert man ja auch ADHs aus dem ICD 10 /11 als Diagnose zu entfernen, weil es letzlich keine Krankheit, sondern nur ein Wesensmerkmal ist.

    Allerdings ist Hochbegabung auch manchmal nur in eine Richtung ausgeprägt( musisch, mathematisch etc.), sodass man in den anderen Fächern durchaus auf durchschnittlichem Niveau rangiert.

    Meine Schwester ist auch hochbegabt; meine Mutter, die häufiger von Seiten der Lehrer darauf hingewiesen wurde, hat einen IQ Test aus reinem Pragmatismus abgelehnt. Wenn sie so clever ist, wird sie ihren Weg schon gehen. Und ein hoher IQ würde mich nicht dazu veranlassen, sie die Schule wechseln zu lassen.
    Meine Schwester, Mitte 20 getestet, ist froh darüber, dass sie diese Normalität leben durfte. Sie hat Schule Studium Dr alles mit Bravour abgelegt und meine Mutter hat recht behalten.
    Auch das kann ein Weg sein.

  7. Ich bin Psychologin in einem Frühförderzentrum und hatte jüngst einen Jungen zur Testung mit sehr ähnlichem Profil: überdurchschnittlich begabt und gleichzeitig Verhaltensauffälligkeiten in Richtung ADHS mit starken Wutanfällen. Habe so viel von den Erzählungen seiner Mutter hier wieder erkannt! Ich bin sehr gespannt auf das Buch, was ich daraus mitnehmen kann für mein professionelles Arbeiten; und ich freue mich darauf, es ggf auch besagter Mutter ans Herz legen zu können, die sich glaube ich unglaublich verstanden fühlen wird.

  8. Spannendes Interview, Auch wir haben eine hochbegabte Tochter, die sich sehr schwer tut in der normalen Regelbeschulung. Ihr fällt es ihr schwer im normalen Klassenverband klarzukommen. Fühlt sich ausgebremst und gelangweilt durch Mitschüler. Die Schule hatte nur die „grandiose“ Idee, sie Klassen überspringen zu lassen, damit sie sich „gesehen“ fühlt. Das wollen wir auf keinen Fall, da sie jetzt schon die Kleinste ist. Sie macht sich unsichtbar und versucht schlechte Noten zu schreiben, damit sie nicht so auffällt und sich normaler fühlen will. Das macht sie auf Dauer aber extrem unausgeglichen und traurig.

  9. Danke für dieses tolle Interview!
    Es bedient nicht die klassischen Vorurteile und zeigt, dass Hochbegabte in einer für sie passenden Lernumgebung lernen müssen…
    Mein Partner (getestet höchstbegabt) hatte so ziemlich die gleichen Schulprobleme.
    Da wir dadurch sensibilisiert waren und unsere Tochter in der Kita durch Unterforderung und ‚Reizüberforderung‘ fast ‚unsichtbar‘ wurde, haben wir sie ein Jahr vor der Einschulung testen lassen. Uns wurde in ihrem Fall der Rat gegeben, sie an einer Montessori-Grundschule (in NRW zum Teil auch staatliche Schulen) anzumelden, da sie hier im altersgemischten Klassenverband in ihrem Tempo lernen kann. Sie blüht hier momentan auf, weil ihre Stärken gesehen werden…
    Ich hoffe, dass wir für die weiterführende Schule auch eine passende Wahl treffen werden…
    Ich bin sehr gespannt auf das Buch und hoffe, dass die Gesellschaft immer mehr auch das Potenzial bei den Kindern erkennt, die ‚ihren eigenen Kopf‘ haben!
    Danke, danke, danke!

    1. Wir haben drei hochbegabte Kinder.
      Zwei haben eine Klasse übersprungen, was in der Regelschule im Grunde nur ein Notnagel ist.
      Unseren Sohn haben wir ab der 6. Klasse auf eine Montessorischule geschickt, wo er aufblüht.
      Das System ist durch die individuellen Lernpläne flexibel.
      Er hat Freunde in seinem Alter, aber auch Ältere.
      Er darf in seinen Steckenpferden höhere Klassen besuchen.
      Das Tolle: für körperlich oder geistig besondere Kinder ist das System genauso durchlässig. Das schafft ein tolles Miteinander, von dem alle profitieren.

    2. Wenn kurz nach dem Kindergarten eine überdurchschnittliche Begabung diagnostiziert wurde, warum hat seine spätere nochmals diagnostizierte Hochbegabung euch so überrascht? LG

      1. Das frage ich mich auch. Ich verstehe den Leidensdruck der Familie, aber so ganz schlüssig ist es nicht bzw. hätte schon deutlich früher auffallen müssen bei der Symptomatik

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