ADHS und Pubertät: „Manchmal ist diese Mischung zum Weglaufen“

ADHS

Foto: Pixabay

Ihr Lieben, mitten in der Pandemie hatten wir ein Interview mit Sabine, deren Sohn in die dritte Klasse ging und eine stark ausgeprägte ADHS Erkrankung hat. Der Distanzunterricht damals war eine riesige Herausforderung und brachte die ganze Familie an ihre Grenzen. Wir haben mal nachgefragt, wie es Sabine und Ben heute geht.

Liebe Sabine, unser letztes Interview ist 2,5 Jahre her. Euer Sohn war damals in der dritten Klasse und hatte aufgrund des ADHS enorme Probleme in der Schule. Er war aggressiv, hatte Lernschwierigkeiten. Wie geht es ihm momentan schulisch?

Mittlerweile ist Ben auf der weiterführenden Schule in der 6. Klasse einer Gesamtschule. Im Moment ist es schulisch sehr schwierig. Seine Noten sind zwar im Durchschnitt, aber im sozialen Aspekt und Miteinander ist er mitunter eine tickende Zeitbombe. Letzte Woche wurde er zwei Tage suspendiert, da er einen Lehrer leider massiv verbal beleidigt hat.

Seit der 4. Klasse haben wir auch die zusätzliche Diagnose LRS, die in den Fächern Deutsch und Englisch natürlich für weitere große Themen sorgt. Leider ist es gerade alles nicht einfach und wir sind weiteren Diagnosen auf der Spur, hier fällt auch immer wieder der Begriff Asperger Autismus bzw. eine Autismus Spektrumstörung.

Ben war damals medikamentös eingestellt. Ist er es noch? Wie geht es ihm damit?

Ben ist immer noch medikamentös eingestellt. Ohne würde es auch schulisch aufgrund der Hyperaktivität und Konzentration nicht funktionieren.  Leider ist eine der Nebenwirkungen, dass Aggressionen verstärkt auftreten können. Hier haben wir aktuell noch keine Lösung, auch weil unsere therapeutische Begleitung leider nicht zufriedenstellend ist. Aber Kinderpsychiater und damit verbundene Termine sind rar…

Nun klopft langsam die Pubertät an die Tür. Welche neuen Herausforderungen bringt das mit sich?

Es ist oftmals unberechenbar. Auf der einen Seite kommt Einsicht dazu, aber auch und das noch mehr Verschlossenheit, Therapiemüdigkeit, Trotz. Die Kombination Pubertät und ADHS ist ehrlich gesagt manchmal zum Weglaufen. Weil man oft das Gefühl hat, man erreicht sein eigenes Kind nicht mehr. Und die Angst groß ist, dass er sich vielleicht irgendwann auf die falschen Leute einlässt.

Damals war auch das Verhältnis zwischen den Kindern nicht einfach. Wie läuft es mit seinem jüngeren Bruder?

Mittlerweile würde ich sagen, das Verhältnis ist in Ordnung, sie vertragen und streiten sich wie normale Geschwister auch. Der jüngere Bruder schaut sich aber natürlich auch Verhaltensweisen ab und wir haben ihn als drittes Kind wohl auch etwas verwöhnt. Und auch wenn er kein ADHS hat, bringt er natürlich auch seine Herausforderungen mit sich. An manchen Tagen, an denen alles sehr anstrengend ist, glaube ich dann doch, als Mutter versagt zu haben…

Du warst damals verständlicherweise ganz schön ausgebrannt. Wie geht es dir gerade? 

Ich überlebe. Im vergangenen Jahr musste ich mich plötzlich verstärkt um meine Mutter kümmern, die akut lebensbedrohlich eingeschränkt im Krankenhaus war. Ich bin beruflich massiv eingespannt und spiele hobbymäßig Theater. Manchmal weiß ich selbst nicht, wie ich das alles hinbekomme. Es geht irgendwie immer weiter. Ich glaube manchmal, ich bin in einer solchen Spirale, dass ich gar nicht mehr weiß, wie sich ein ruhigeres Leben anfühlen könnte, da ich ständig in Anspannung bin.

Was ist heute besser als vor 2,5 Jahren?

Wir haben mit Ben eine lange Therapiezeit hinter uns. Es gibt ein anderes Verständnis für seine Krankheit. Ben ist wahnsinnig sensibel und kann sich sehr gut selbst reflektieren, was im Alter von 13 schon sehr ungewöhnlich ist. Er hat einen guten Freund und bringt zwischendurch Freunde mit nach Hause. Wir als Familie sind mehr zusammengewachsen.

Und was ist schwieriger als damals?

Ständig auf der Hut zu sein, was als nächstes passiert, ist sehr nervenzerrend. Im schulischen Kontext ihm nicht wirklich helfen zu können. Ihn mit 13 immer noch zum Teil wie ein kleines Kind an alles erinnern zu müssen. Seine Launen nicht einschätzen zu können (wobei das ja auch pubertätsbedingt sein kann)

Was macht das alles mit eurer Eltern-Paar-Beziehung?

Ich habe sehr oft das Gefühl, ich stehe alleine da. Der Mental-Load mit drei Kindern, Arbeit und Haushalt ist eh schon maximal hoch, aber in dem Fall nochmal 10fach mehr,  weil man ständig für einen Menschen tausendfach mitdenken muss. Es ist auch so, dass väterlicherseits wahrscheinlich auch ADHS ein Thema ist.

Ich halte es vielmals aus und mache einfach was geht. Unsere Paarbeziehung war aber bestimmt schon besser. Es dreht sich halt meistens alles um die Kinder und die Entscheidungen treffe ich. Ich kümmere mich um alles Organisatorische.

Was würde euch ganz konkret im Alltag entlasten?

Wenn Diagnostik, psychiatrische Hilfe und Beratung zu Medikamenten schneller gehen würden. Man wartet ständig auf Termine, ist oftmals nur eine Nummer im System, erzählt alles 100mal und kommt sich hilflos vor. Es müsste im Bereich ADHS viel mehr an den Schulen informiert und auf die Bedürfnisse der Kinder eingegangen werden.

Das ärztliche Netz müsste viel mehr ausgebaut werden. Generell müsste es ein besseres Netzwerk für von ADHS betroffene Familien geben. Wir sind jetzt seit 7 Jahren ständig mit diesem Thema konfrontiert und haben immer noch keine wirklich gute Lösung, Diagnostik und Ansprechpartner. 

Was wünscht du dir für die nächsten Monate? 

Keine Anrufe aus der Schule!!! Keine Rückschläge für Ben, sondern ganz viele bestärkende Erfolgserlebnisse. Kein ständiges Erinnern, ob die Fahrkarte, der Schlüssel oder die Schwimmsachen da sind. Eigentlich hätte ich gerne einfach mal ein paar Wochen, in denen alles normal vor sich hinläuft.

47bfb19a629b47c1b406a552b8a3b743

Du magst vielleicht auch

1 comment

  1. Hallo!
    Ich kann dich gut verstehen und fühle mit dir! Habe drei Kids mit Adhs und Ass. Im Moment erkennen wir aber eher PDAS. Diese Form des Autismus ist noch wenig bekannt und bei Fachpersonen umstritten. Vielleicht hilft dir dieser Link? Im Netz findest du Informationen dazu. Ich bin sicher, dass du an dir nicht zweifeln musst. Jede von uns gibt täglich das beste, was sie kann. Dass es nicht einfach ist, liegt nicht an dir, sondern an der Besonderheit deines Kindes. Schaffe Ruhepausen, wenn du kannst. Ich sende dir alles erdenklich liebe!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert