Mein Vater sagte: „Wer im Dreck aufwächst, aus dem kann ja auch nix werden“

Vernachlässigung

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Ihr Lieben, an dieser Stelle vorab eine kleine Triggerwarnung. Unsere Leserin hat keine schöne Kindheit erlebt. Sie fühlte sich vernachlässigt und es gab auch Gewalt. Ihre Eltern haben sie irgendwann bei den Großeltern zurückgelassen und das Verhältnis war und blieb schwierig. Entscheidet selbst, ob ihr das lesen mögt oder eher nicht. Am Ende fühlt sich unsere Leserin Sylvia nach vielen Aufs und Abs nun angekommen in ihrem eigenen Leben mit Familie.

Liebe Sylvia, du sagst, deine Eltern hätten sich ihr Leben mit Kind sorgenfreier vorgestellt. Wie hat sich das gezeigt damals, als du noch bei ihnen warst?

Mein Vater hatte massive psychische Probleme. Konnte nur glücklich und locker sein, wenn er einige Bier getrunken hatte. Dabei trank er auch nicht zu viel, sonst wurde er aggressiv. Eine sehr schwere Kindheit sorgte dafür, dass er nicht unter Leute gehen konnte, im Grunde kein normales Leben führen konnte. Bis heut geht er nicht arbeiten. Meine Eltern erhofften sich von einem Kind ein leichteres Leben. Die Hoffnung war, dass die düsteren Gedanken in seinem Kopf verschwinden oder ausgeblendet werden. Was wirklich passiert ist, als ich bei ihnen gelebt habe, weiß ich nicht. Mein Vater muss wohl des Öfteren durchgedreht sein, aber mir körperlich nie was getan haben. So hat es meine Mama mal erzählt. 

Als du drei warst, haben deine Eltern dich dann für ein Wochenende zu deinen Großeltern gegeben…

Ja, meine Eltern haben mir später mal erzählt, dass sie ihre Probleme für ein Wochenende klären wollten und haben mich deshalb zur Oma und Opa gefahren. Mir hätte es wohl gut gefallen und deshalb wurde entschieden, dass ich dort bleiben soll. Wie und wann genau mit den Großeltern darüber gesprochen wurde, weiß ich nicht. Das hat mir nie einer erzählt.

Sie haben dich dann komplett dort gelassen?

Ja, ich bin komplett bei Oma und Opa aufgewachsen. Die Nachmittage habe ich bei Opas Schwester mit Tochter verbracht. Die beiden haben für mich gekocht und mit mir Hausaufgaben gemacht.

Wie war das für dich? Haben sie dir dann ein Zimmer eingerichtet? Haben sie dir erklärt, warum du umziehst?

Meine Tante, die noch in ihrem Elternhaus wohnte, hatte dort zwei Zimmer. In einem der Zimmer durfte ich schlafen. Aber ein wirklich eigenes Zimmer hatte ich erst als Jugendliche mit etwa 15. Ich hatte das Zimmer meiner Tante damals „durchforstet“. Irgendwann war es ihr zu blöd und sie hat mich rausgeschmissen. Also musste ich in die „Rumpelkammer“ ziehen. Da stand im Grunde alles, was niemand aktuell benötigt. Ob mir jemals jemand erklärt hat, warum ich bei Oma und Opa wohne, weiß ich nicht mehr.

Nun war deine eigene Mutter ja recht früh zu Hause ausgezogen, weil es ihr doch nicht immer so gut gefallen hatte. Ging es dir denn da besser oder auch nicht besonders gut?

Opa hat früher getrunken, kam oft besoffen heim. Wenn er gewalttätig wurde, stand Oma nur daneben und hat gesagt, dass es mir recht geschehen würde. Ich war der Sündenbock für jeden. Wenn irgendjemand irgendwas angestellt hat, war ich es. Mein Onkel hat mir bei jeder Kleinigkeit wörtlich die Ohren langgezogen. Meine Spielsachen wurden ohne mein Okay weggegeben. Meine Kuscheltiere wurden vor meinen Augen verschenkt. Oma ging einfach in mein Zimmer und nahm sich raus, wonach ihr war. Es wurde mir zudem untersagt, zu weinen. Ich solle damit aufhören, hieß es dann immer. 

Meine Wünsche wurden nie respektiert. Ich wollte, dass sich meine Eltern um mich kümmern, mich persönlich fragen, wie es mir geht. Stattdessen haben sie meine Großeltern gefragt. Jemanden hintenrum zu fragen ist leichter als die Person selber zu fragen. Meine Oma hat mir zeitweise täglich vorgehalten: „Wenn wir dich nicht genommen hätten, wo wärst du dann.“ Sie hat mir jeden Tag zu verstehen gegeben, dass ich dankbar sein soll, egal wie schlimm es war.

Was hast du gemocht an deinen Großeltern?

Ach, da gab es natürlich trotzdem einiges. Ich bin mit Opa, als ich klein war, sehr oft im Wald gewesen um Pilze zu suchen. Und er hatte mal einen ganzen Kofferraum voll gebrauchter Spielsachen und Klamotten mitgebracht. Die Sachen waren für mich. Ich war so stolz und überglücklich, dass er nur für mich was hatte. Mein Opa hat mich öfter mal verteidigt. Das hat mich sehr stolz gemacht. Er hat z. B. mitbekommen, dass mir in der Grundschule ein Klassenkamerad eine Gehirnerschütterung verpasst hat. Er ist zuhause so wütend geworden, hat den Kerl im Dorf gesucht und ihm die Meinung gegeigt. Der Kerl hat mir nie wieder was getan.

Als ich eine Therapie als Jugendliche gemacht hab, hat Opa von sich angefangen zu erzählen, als er mich zur Therapeutin gefahren hat. Das hat mir geholfen, ihn besser zu verstehen. Ich hab in dem Moment meinen Opa endlich kennengelernt. In seinen letzten Jahren hat er das Trinken aufgehört und sich sehr zum Positiven verändert. Und meine Oma war sehr glücklich, als meine Tochter zur Welt kam. Das hat mich glücklich gemacht. Sie hatte mir auch früher öfter mal das Gefühl gegeben, dass sie mich versteht, weil mein Leben nicht einfach ist.

Wie oft hast du deine Eltern noch gesehen in etwa?

Meine Eltern haben sich im Schnitt so alle vier Jahre einmal blicken lassen. Zuerst hieß es Tage vorher: „Am Samstag besuchen dich deine Eltern.“ An dem besagten Tag musste es aber mal wieder verschoben werden, da mein Vater es psychisch nicht schaffte, zu fahren, sie kein Geld hatten oder weiß der Geier was. Meistens hat mein Vater mir Briefe geschrieben, die sehr böse waren. Angerufen haben sie sehr, sehr selten und besucht haben sie mich wie gesagt eben fast nie. Weihnachten, Geburtstage und jegliche Feste hab ich ohne Eltern feiern müssen. Ich musste wieder Verständnis haben, dass sie nicht kommen können, egal welcher Grund es war.

Hast du noch Geschwister? Welches Verhältnis haben sie zu deinen Eltern?

Ich muss ehrlich sagen, dass ich froh bin, keine Geschwister zu haben. Aber meine Familie hier hat erzählt, dass sie wohl nachdem sie mich weggegeben haben, noch einen Jungen wollten.

Wie ging dein Verhältnis zu den Eltern weiter?

Ein ständiges Auf und Ab. Meine Eltern wollten und wollen es bis heute nicht akzeptieren, dass ich den Kontakt abbrach bzw. abbrechen wollte. „Wir lieben dich doch. Papa hat dich tief im Herzen sehr lieb. Er meint es nicht so, was er schreibt. Du darfst das nicht so eng sehen. Er hat sich jetzt wirklich geändert, es wird nicht mehr vorkommen. Er hat jetzt verstanden, dass er dich verletzt hat. Er hat nun seine Kindheit aufgearbeitet und hat verstanden, was er dir angetan hat…“ Also haben sie, als wenn nix gewesen wäre, ignorant weitermacht. 

Dabei waren alle Briefe immer ähnlich aufgebaut: Zuerst wurde gejammert, manipuliert und befohlen, Verständnis für die eigene Situation zu haben. Wenn mal längere Zeit keine Reaktion von mir kam, ging er im nächsten Brief mit Beschimpfungen auf mich los. Ich hab immer wieder meiner Mutter zu verstehen gegeben, dass mein Vater mich ständig verletzt und ich das nicht möchte und nicht mehr kann. 

Ich hab über viele Jahre viele Versuche unternommen, mich loszureißen. Ich hab bei Briefen die Annahme verweigert, SMS blockiert, Emails nicht gelesen. Hab sogar vergeblich mit dem Amtsgericht und einer Unterlassungserklärung gedroht. Er hat es wieder nicht verstanden. Und war dann tief traurig. Er würde mich so sehr lieben. Er könne nicht verstehen, warum ich so wütend sei.

Ich hab ihm dann wieder eine Chance gegeben und alles über mich ergehen lassen. Oder eben versucht, alles zu ignorieren. Aber jedes Mal, wenn ich wieder etwas von ihm gehört hab, hat es mir die Kehle zugeschnürt. Meine damalige Therapeutin hat seinen Umgang mit mir mal als verbale Vergewaltigung bezeichnet und meine Mutter ebenso hart verurteilt, weil sie ihn immer wieder verteidigt und sich gegen mich gestellt hat. 

Wie ging es weiter?

Als ich 19 war, wollte ich beiden die Chance für einen wirklichen Neuanfang geben. Ich hab vorgeschlagen, dass wir uns treffen. Ich sollte zu ihnen fahren, zu mir nach Bayern würden sie nicht kommen. Also bin ich für zwei Nächte zu ihnen. Wir haben uns ausgesprochen, geweint, in den Arm genommen und gesagt, wir fangen neu an. Aber ihre Telefonnummer hab ich nicht bekommen. Erst einmal müssten sie lernen, mir zu vertrauen. Nach drei Tagen bekam ich einen Brief meines Vaters. Er habe sich so auf unser Treffen gefreut. Allerdings wurde er von mir nur enttäuscht, da ich fett und hässlich bin. Ich habe keine ordentliche Arbeit und hätte nicht mal ein tolles Kostüm angehabt. Aber wie er den Brief beendet hat, war dann ein richtiger Schlag ins Gesicht: „Wer im Dreck aufwächst, aus dem kann ja auch nix werden.“

Meine Mutter wollte von all dem mal wieder nix gewusst haben und hat auf mich eingeredet, den Brief zu vernichten. Er würde das nicht so meinen. Er schreibt angeblich solch verletzende Dinge, weil er sehen will, ob ich ihn trotzdem liebe. Ich hab den Brief vernichtet und alles runtergeschluckt, was er mir danach geschrieben hat. Solche SMS schickte er mir zum Beispiel:  

– „Warum bist du so fett? Fühlst du dich wohl in deiner Haut? Tust du alles dafür um abzunehmen?“ Bemerkt: ich trage Größe 40/42

– „Dein Psychologe hat aber keinen guten Job gemacht. Du bist völlig gestört.“ 

– „Ich besuche wegen dir das Grab meines Freundes und hoffe sterben zu dürfen, da du mich verachtest. Was hab ich dir nur getan?“ 

Kamt ihr nochmal in Kontakt?

Ja, als wir 2015 unsere Tochter zur Welt brachten, habe ich ab und an Bilder geschickt. Mein Vater hat sich dann auch darüber aufgeregt: „Es ist ja  schön das ihr einen Säugling habt, müsst aber nicht ständig Bilder schicken.“ Die Festplatte würde schon gesprengt werden. Ab da bekamen sie einfach keine mehr.

Bei unserer Tochter hat sich nach einigen Monaten herauskristallisiert, dass sie schwerbehindert ist. Ich hätte mir von Herzen gewünscht, dass meine Mutter für mich einfach mal da ist. In dem halben Jahr haben wir erfahren, dass wir ein Kind haben das vermutlich nie sprechen wird und auch nie laufen wird. Ich hab dann versucht, wieder einen Schlussstrich zu ziehen. Es kostete mich zu viel Kraft, einerseits zu erfahren, dass mein kurz zuvor scheinbar gesundes Kind schwerbehindert sein soll und andererseits die Eltern, die mich krank machen, abermals zu verlieren.

Hast du sie jemals gefragt, welche ihre Beweggründe waren, dich abzugeben?

Ich vermute, dass mein Vater bei meiner Mutter im Mittelpunkt stehen wollte und da muss es ihm sehr schwergefallen sein, die mütterliche Aufmerksamkeit zu teilen. 

Was machst du mit deinen Kindern heute anders?

Ich hoffe, alles. Ich gebe beiden Kindern ein gutes, geborgenes Zuhause. Es ist zwar sehr schwer, beiden gleich gerecht zu werden, da die große, 5jährige einfach durch ihre Behinderung andere Bedürfnisse hat und wir zweimal im Jahr in eine Spezialklinik müssen. Ich bzw. wir versuchen aber, so gut es geht, auf alle Bedürfnisse einzugehen. Der kleine Bruder soll nicht zu kurz kommen und sich genauso stark geliebt fühlen und die Große soll die Förderung erhalten, die sie braucht. Beide sollen nie das Gefühl haben, nicht gewollt, gewünscht oder geliebt zu sein.

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1 comment

  1. Liebe Sylvia,

    das tut mir wahnsinnig leid, wie deine Kindheit verlaufen ist. Ich musste fast weinen beim Lesen. Den Kontakt zu den Eltern hätte ich in diesem Fall auch abgebrochen. Aber ich freue mich für dich, dass du deine eigene kleine Familie aufgebaut hast und bin mir sicher, dass du eine supertolle Mama für die beiden bist. Alles Gute für euch 4!

    Franzi

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