Wenn Mama trinkt – wie Kathi es geschafft hat, ihre Alkoholsucht zu überwinden

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Liebe Kathi, Du bist Alkoholikerin. Kannst Du uns sagen, wann Deine Sucht begonnen hat und wie viel Du getrunken hast?

Meine Sucht begann irgendwann am Ende der Pubertät, ich würde sagen mit 18/19 Jahren wurde es dann grenzwertig. Aber der „ Einstieg“ war der Klassiker – ich habe getrunken, wenn ich am Wochenende mit Freunden unterwegs war. Am Anfang nur Bier, später auch mal Wein oder die "In-Getränke" – damals war das roter Wodka/Apfelsaft.

Ich bemerkte nach und nach die wunderbar „betäubende“ Wirkung des Alkohols. Ich bin mit 11 Jahren von heute auf morgen Halbwaise geworden, weil meine Mutter gestorben ist. Meine Trauer, meine Wut, meine Einsamkeit konnte ich mit dem Rausch einfach ertränken und ausschalten. 

Wann hast Du Dir das erste Mal eingestanden, dass Du krank bist?

Ich war 22 Jahre alt, als ich mich das erste mal selbstkritisch hinterfragte. Denn ich wollte eigentlich mal eine längere Zeit nichts trinken – schaffte es aber nicht. Hinzu kam, dass ich richtige Filmrisse nach dem Trinken hatte. In dieser Zeit hatte ich einen Freund, der noch verheiratet war. Das hat mich sehr belastet. Mit 23 Jahren bin ich dann in meine erste Langzeit-Therapie, da habe ich dann zu ihm gesagt: Entweder ich oder Deine Frau. 

Er trennte sich kurz darauf tatsächlich von seiner Frau und und zog bei mir ein. Ich dachte, wir seien auf einem guten Weg und kurz vor dem Ende meiner Therapie merkte ich, dass ich schwanger war. Wir freuten uns beide sehr und ich war mir sicher das jetzt alles gut werden würde. Unser Sohn wurde 2002 geboren. Ich war überglücklich, dass er nach 5 Jahren „Schattenfrau-Dasein“ zu mir und zu unserer Familie stand. Ich redete mir ein, dass es doch Happy Ends geben kann und dass ich nach meiner bescheidenen Jugend nun auch endlich mal „Glück“ haben durfte.

Unser Sohn war vielleicht 6 Wochen alt, da meinte mein Mann beim Abendessen, ich könne doch ein Glas Wein mit ihm trinken, schließlich habe ich ja jetzt schon so lange nicht mehr getrunken und überhaupt habe ich ja jetzt keinen Grund mehr mich „zu besaufen“. Anfangs gelang mir das kontrollierte Trinken auch. Nach und nach wurde es aber wieder mehr, ich rutschte wieder in die Sucht ab. 

Unsere Ehe veränderte sich, mein Mann wurde handgreiflich. Immer wenn ich ihn verlassen wollte, sagte er: "Geh ruhig, aber das Kind bleibt hier. Oder glaubst Du, eine Säuferin bekommt das Sorgerecht?" Es war für mich ein Totschlagargument und so packte ich meine Koffer jedes Mal wieder aus.

Wie konntest Du den Alltag mit Deinem Sohn meistern?

Mein Sohn war damals knappe drei Jahre alt. Ich habe nur nachts getrunken, dann zwei bis drei Stunden geschlafen, meinen Sohn in die Kita gebracht und mich dann wieder hingelegt und meinen Rausch ausgeschlafen. Mein Sohn hatte bis dahin glücklicherweise also wenig von meiner Sucht mitbekommen. Doch dann gab es einen fürchterlichen Streit im Dezember 2005 zwischen meinem Mann und mir – ich habe mich danach so abgeschossen, dass ich mich bis heute kaum noch an diesen Tag erinnere. An was ich mich aber erinnere, war mein Gesicht am nächsten Morgen. Ich war einfach nur fertig. Ich rief meine Tante an und bat sie, sich um meinen Sohn zu kümmern, während ich entgifte. Sie war 20 Minuten später da und versprach mir, alles für uns zu tun.

Ich habe mich als Notfall in der Psychiatrischen Klinik in unserer Kreisstadt eingewiesen. Innerhalb von zwei Stunden war ich dort und die übliche Prozedur lief an, Entgiften in der geschlossenen Abteilung der Psychiatrie, psychologische Gespräche, Antrag für die stationäre Langzeittherapie. Meinen Sohn wusste ich gut versorgt und so konnte ich 12 Tage nach Einweisung meine zweite Therapie starten.

Wie ging es mit Deiner Ehe weiter? 

Meine Ehe hat nicht gehalten. Zwei Tage, nachdem ich in der stationären Langzeittherapie angekommen war, habe ich mich von meinem Mann getrennt. Ich wusste, dass ich diese Trennung nur trocken und nüchtern überstehen kann, weil ich viel dafür organisieren musste. Das Wichtigste: Ich wollte für meinen Sohn gesund werden, er hat eine gesunde Mama einfach verdient. 

Du hast dann einen Entzug gemacht. Wie erging es Dir da? 

Der Entzug war die Hölle. Insgesamt ging er über 16 Wochen. Ich habe die ersten Tage viel geweint, aus Scham, aus Wut aus Trauer. Ich fühlte mich als Versager, ich konnte meinem Kind nicht die Familie bieten, die es verdient hat. Das hat sehr lange an mir genagt. Selbstzweifel und Selbstkritik, wie es denn soweit kommen konnt, gehörten zur Tagesordnung. In der Therapie sollten wir so eine Art Tagebuch schreiben, dadurch wurden mir so viele Dinge klar, die ich vorher gar nicht so gesehen hatte. Und ich verstand endlich, dass Alkoholismus genau so eine Erkrankung ist wie zum Beispiel Asthma – man kann sich seine Erkrankung nicht "aussuchen". 

Ich hatte im Vorfeld ja abgeklärt, dass mein Sohn an den Wochenenden zu mir in die Klinik kann. Unter der Woche war er bei meiner Tante, sie hat ein Kind im gleichen Alter hatte und somit war mein kleiner Schatz etwas abgelenkt. Wir telefonierten jeden Abend, diese Telefonate waren jedes Mal für mich sehr hart. Mein kleiner Junge war von Anfang an so tapfer und stark, er hat nie geweint und mir immer gesagt, wie sehr er sich freut, dass ich bald wieder gesund sei.

Er war erst dreieinhalb Jahre und schon so verständnisvoll und stark. Ich glaube, diese Stärke hat sich irgendwann auf mich übertragen. Ich arbeitete verdammt hart an mir, ging sehr hart mit meiner Ursprungsfamilie ins Gericht, vor allem mit meinem Vater. Ich trieb wie besessen Sport, achtete auf meine Ernährung. Ich musste ja so viel wie möglich in 16 Wochen schaffen.

Ich merkte, wie ich stärker wurde. Die Elterngruppe in der Klinik gab mir sehr viel Halt, so dass mich nicht mal mehr die Angriffe meines Expartners umwarfen. Mein Selbstbewusstsein kam langsam wieder zurück. 

Wie geht es dir heute?

Ich bin trocken und verdammt stolz darauf!! Es hat sich alles gelohnt, für mich selbst, aber auch für meinen Sohn.  Ich weiß nich,t ob ich die Trennung und das Trocken-bleiben ohne ihn so geschafft hätte. In der ersten Nacht, die wir nach dem Entzug zu zweit wieder in der Wohnung waren, sagte mein Sohn zu mir: "Mama, seit du im Krankenhaus warst, riechst du gar nicht mehr so komisch." Diese Aussage hat sich so tief beimir eingebrannt und ich habe ihm versprochen, dass ich NIE wieder so komisch riechen werde. 

Und Du hast wieder jemanden kennen gelernt…

Genau, 2013 habe ich über eine Freundin meinen jetzigen Partner kennengelernt. Er war damals frisch getrennt und hat aus seiner damaligen Ehe zwei Kinder. 2014 sind wir zusammengezogen, seine Tochter blieb nach der Trennung bei ihm und der Sohn ist erst mal mit der Mutter ausgezogen, kam dann später aber doch noch zu uns. Ich hatte ja sechs Jahre mit meinem Sohn alleine gelebt, daher war das schon erstmal eine riesige Umstellung. Ich tat mir sehr schwer am Anfang in der neuen Rolle als „Stiefmutter“. Wobei ich sagen muss, der Begriff Stiefmutter gefällt mir nicht, ich habe von Anfang an klar gemacht, das die beiden eine Mama haben, ich eher so eine Art „Bonusmama“ bin und die beiden für mich auch „Bonuskinder“ sind. Heute hat sich aber alles gut eingespielt und wir haben noch ein gemeinsames Kind bekommen. Ja, bei uns wird es wirklich nie langweilig. 

Was wünscht du dir für die Zukunft?

Für meine Zukunft wünsche ich mir, dass wir alle gesund bleiben, wir weiterhin offen miteinander umgehen, füreinander da sind und einfach nur glücklich bleiben.Natürlich wird es mal laut und turbulent, es gibt nicht immer nur Sonnenschein. Aber am Ende des Tages möchte ich jedem das Gefühl geben, dass er so ok ist wie er ist und dass er geliebt wird. Das ist mir unendlich wichtig. 

Foto: Pixabay

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1 comment

  1. Respekt
    Meinen tiefen Respekt, herzlichen Glückwunsch Kathi!
    Du bist ein großartiges Beispiel dafür welche Kräfte Mütter entwickeln können, wie sie im Sinne ihrer Kinder über sich hinaus wachsen. Und natürlich bist du auch für deinen Sohn ein tolles Vorbild. Das Leben als trockene Alkoholikerin ist immer wieder eine harte Prüfung, doch du kannst sie bestehen – das wünsche ich dir und euch von Herzen.

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