Ohnmacht und Unglauben: Wie ich mich aus einer gewalttätigen Beziehung befreite

Ihr Lieben, immer wieder erreichen uns Zeilen von Frauen, die den Mut aufbringen, ihre Lebensgeschichten zu erzählen. Unsere Leserin Caja hatte bereits hier einmal berichtet, wie sie nach der Trennung um ihre Kinder kämpfte (und der Kampf ist bis heute nicht vorbei). Nun erzählt sie uns, wie sie überhaupt in diese Lage geraten ist. Dies ist der erste Ausschnitt aus dem Buch, das sie über ihre Geschichte geschrieben hat. +++Triggerwarnung: Gewalt gegen Frauen +++

„Mein Freund schnürt mir die Kehle zu“

„Ich liege auf dem Boden, mein Freund Mike hat sich breit und schwer über mich gebeugt. Mit beiden Händen schnürt er mir die Kehle zu. Gleich ist es vorbei, schießt es mir durch den Kopf. Mit der rechten Hand taste ich im Radius meines Armes, um irgendetwas zu finden, das ich greifen kann. Ich halte das schnurlose Telefon in der Hand und werfe es hinter mich, so kräftig ich kann. Das Telefon fliegt gegen die Wand, der Akku fällt scheppernd heraus. Durch das Geräusch erschreckt hält Mike inne, seine Hände lockern sich. Ich kann Luft holen und schreie um Hilfe.

Im gleichen Moment klingelt es an der Tür und ich höre die Polizei rufen und gegen die Tür klopfen. Offenbar waren die Nachbarn bereits durch Mikes lautes Gebrüll aufmerksam geworden und hatten die Polizei verständigt.

Häusliche Gewalt: „Ich habe Angst“

Mike lässt von mir ab, steht auf und läuft wutentbrannt zur Tür. Zwei Polizisten, ein Mann und eine Frau, stehen im Hausflur. Der männliche Polizist bittet Mike um seinen Ausweis, die weibliche Polizistin gibt mir ein Zeichen, dass ich in den Hausflur zu ihr kommen soll. Ich habe Angst.

Mike tobt, er empfindet es anmaßend, dass die Polizisten seinen Ausweis sehen möchten und beginnt eine Diskussion mit dem Polizisten. Die Polizistin fragt mich, ob alles in Ordnung sei, ob Mike mich angegriffen habe. Ich verneine, ich sage, dass alles gut sei, Mike nur etwas zu viel getrunken habe, wir jetzt ins Bett gehen und ich in Mikes Wohnung bleiben möchte.

Die Polizei ist da: „Statt mich zu schützen, schütze ich den Täter“

Anstatt mich zu schützen, schütze ich Mike, weil ich peinlich berührt bin von dieser Situation und mir nur wünsche, dass sie schnell vorbei ist. Die Polizisten nehmen Mikes Daten auf und verabschieden sich.

Zu diesem Zeitpunkt haben Mike und ich gerade unseren ersten gemeinsamen Mietvertrag unterschrieben. Unsere Beziehung ist ein halbes Jahr alt, meine Studentenwohnung 350 Kilometer südlich meiner Heimatstadt gekündigt und unser Umzug steht in wenigen Wochen bevor.

Ich kann nicht damit umgehen, was passiert ist. Ich fühle, dass es nicht richtig ist, mit diesem Mann zusammenzuziehen. Ich bin verzweifelt und traurig und sehe keine Lösung, weil es mir unmöglich erscheint, den unterschriebenen Mietvertrag rückgängig zu mache und meiner Familie und meinen Freunden zu sagen, dass ich mich getrennt habe und ohne Wohnung dastehe.

Ich will diesen Vorfall ungeschehen machen, will nicht mehr darüber nachdenken, alles soll wie vorher sein…“

Wie es Caja heute geht: Ein Interview

Liebe Caja, mit dieser Szene und mit diesen Worten beginnt dein Buch, dein Stück Lebensgeschichte, das du nun zu Papier gebracht hast, weil das erst der Anfang von einer noch Jahre andauernden Tortur war. Erzähl doch erstmal, wie es dir heute geht.

Mein Auszug ist nun drei Jahr her. Die erste Zeit nach dem Auszug war geprägt durch Angst. Ich konnte kaum alleine durchs Treppenhaus gehen, Abends nicht auf die Straße gehen und habe vor jeder Straßenüberquerung geschaut, ob Mike nicht irgendwo mit dem Auto steht und mich überfahren will.
Inzwischen leben ich weitestgehend angstfrei. Auch dank meiner Therapeutin. Vor drei Wochen bin ich noch einmal umgezogen und habe nun auch räumlich das Gefühl, in meinem neuen Leben angekommen zu sein.

Wie geht es euren beiden Kindern?

Das ist der einzige Punkt, der mich nach wie vor sehr belastet. Sie leiden sehr unter der Situation und befinden sich in einem starken Loyalitätskonflikt. Lina, meine große Tochter, reflektiert mehr und mehr das Verhalten ihres Vaters und benennt, dass es ihr nicht gut tut. 
Meine jüngere Tochter Ella zeigt deutliche Auffälligkeiten, wie starkes Übergewicht, innere Unruhe und Kauen der Fingernägel. Sie ist seit 1,5 Jahren in Therapie. Über die miterlebte häusliche Gewalt wurde dort aber noch nicht gesprochen, die Therapeutin sagt, sie seien noch bei der Stabilisierung.

Die Kinder leben im Wechselmodell, also mal bei dir, mal bei ihm. Wie kommuniziert ihr als Eltern miteinander?

Wir haben ausschließlich per E-Mail Kontakt, aber das ist auch schwierig. Der Austausch geht gegen null.

Kannst du dir erklären, wieso du dich als selbstbewusste Frau jahrelang von diesem Mann hast runtermachen lassen, wieso du das alles ausgehalten hast, warum du nicht viel eher gegangen bist? Hat er dich manipuliert? Oder kam er typisch narzisstisch immer wieder angeblich reumütig zurück zu dir und bat um Entschuldigung? Waren die wenigen schönen Momente, die ihr hattet, Hoffnungsschimmer genug?

Ja, er hat mich massiv manipuliert und angelogen. Ich wollte ihm glauben, ich wollte unsere Familie nicht kaputtmachen. Ich habe ihm mehr geglaubt als meinem eigenen Bauchgefühl, weil ich immer dachte, ich bin wahrscheinlich paranoid. 
Jedes Mal, wenn ich an dem Punkt war, mich trennen zu wollen, hat Mike eine 180 Grad Drehung gemacht. Er war aufmerksam, liebevoll. Hat mir alle Wünsche erfüllt, ist sogar zum Therapeuten gegangen und hat mir zugehört. Wenn ich mich dann wieder auf ihn und unsere Ehe einlassen konnte, hat sich nach und nach sein altes Verhalten wieder eingeschlichen. 

Ist er auch den Kindern gegenüber gewalttätig geworden?

Verbal und psychisch ja. Er ist aber nie körperlich gewalttäig geworden. Was die Situation fast noch schlimmer macht, denn die psychische Gewalt wird von niemandem erkannt und schadet Kindern mindestens genauso wie die körperliche Gewalt.

Was war am Ende ausschlaggebend dafür, dass du einen Schlussstrich gezogen hast – und wie hast du das geschafft?

Ich habe erkannt, dass er sich niemals ändern wird. Der Tod meiner Mutter hat ganz viel in mir ausgelöst und ich habe verstanden, dass ich etwas ändern muss, weil das Leben viel zu kurz ist.
Die Kraft mich wirklich zu trennen, habe ich dann aus der Begegnung mit meinem jetzigen Freund Mats gezogen. 

Nun fühlst du sich derzeit sehr ohnmächtig, weil das Gericht immerzu das Wohl des Vaters im Blick hat – nicht aber so sehr deines oder das der Kinder. Stimmt´s?

Genau. Die Ohnmacht und die Machtlosigkeit sind das Schlimmste. Ich muss akzeptieren, dass Außenstehende niemals den Einblick haben, den ich habe und so auch unsere Situation anders beurteilen. Es ist hart, immer auch als Teil dieses kranken Beziehungsgeflechts gesehen zu werden und zu akzeptieren, dass ich nun „Klientin“ der Jugendhilfe bin. Mein Leben wird nun im Jugendamt besprochen und man wird dort über mich urteilen. 
Neutralität ist das wichtigste Ziel der Fachkräfte. Neutralität hilft aber im Zweifel immer nur Mike – nie den Kindern und mir.

Wer hilft dir grad, an all dem nicht zu verzweifeln und den Mut nicht zu verlieren?

Tatsächlich in erster Linie das Schreiben. Immer, wenn ich mich besonders hilflos fühle, schreibe ich.
Dann natürlich die unendliche Liebe zu meinen Töchtern und die Tatsache, dass ich trotz allem für vieles in meinem Leben dankbar sein kann. Ich habe einen Beruf, den ich liebe, sehr gute Freunde, die absolut hinter mir stehen und meinen Freund Mats, der mich und die Mädchen immer unterstützt. 

Was möchtest du anderen Frauen mit auf den Weg geben, die sich derzeit noch in einer ähnlichen Lage befinden, in der auch du jahrelang stecktest?

Trau euch! Es ist ein harter Weg, aber es lohnt sich, ihn zu gehen. Befreit euch von dem Gedanken, dass ihr nicht schuld sein wollt, dass die Familie kaputt geht. Sucht euch Hilfe bei Beratungsstellen. Man entwickelt ungeahnte Kräfte!

Info: Wenn Ihr ebenfalls in einer gewalttätigen Beziehung feststeckt, hier findet Ihr Hilfe: Hilfetelefon kostenlos und anonym: 08000 116 016, Frauen gegen Gewalt , Opfertelefon des Weißen Rings: 116 006, Frauenhaus-Kooerdinierung

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11 comments

  1. Was ich nicht ganz verstehe, ist der Untertitel des Buches „Russisch Roulette mit deutschen Behörden“ und auch nicht die Vorwürfe ans Jugendamt etc.
    Ich würde nie jemanden (auch Caja nicht) verurteilen, weil er es nicht sofort schafft, sich aus einer gewalttätigen Beziehung zu befreien. Aber sie kann doch den Behörden nicht vorwerfen, dass die auch den Vater miteinbeziehen, wenn sie ihn eben u.a. nicht angezeigt hat.

    1. Ulli,
      sie kann und eines jeden Menschen, der da in der Funktion am Gericht professionell arbeiten will, Pflicht ist es ihre Situation und die ihrer Kinder zu prüfen und nach den moralischen Grundsätzen unserer demokratischen Verfassung zu entscheiden!

      Als involvierte Mutter ist es ihr nachzusehen, dass sie emotional nicht klar hat entscheiden können, ob sie den Vater ihrer damals „kleinen Kinder“ anzuzeigen. Kannst du es dir in deiner Familie vorstellen?

      Als oberste juristische Instanz, bedarf es einer professionellen, sachlichen Klärung unter Einbezug aller zu Verfügbarkeit Stehenden Mittel.
      Und da liegt ihr Vorwurf.
      Vorschnell juristisch getroffene Entscheidungen, führen unmittelbar zu dramatisch biografieveränden Lebensumständen, die, für die Opfer eines ausgeprägt, narzisstisch-manipulativen Täters absolut zu vermeiden wären und sind.

      Ich kann, wenn ich auch den Namen zu undifferenziert finde, die Seite mütterlobby.de nur empfehlen um sich mit der, vielleicht heftigsten unter dem gesellschaftlichen Radar sich befindlichen und absolut aktuelle Thematik, der Situation an deutschen Familiengerichte, vertraut zu machen.
      Ich kann mir gut vorstellen, dass diese Thematik, denn es ist so weitreichend, dass es nur als Thematik zu beschreiben ist, in ein Paar Jahren von uns, wie jetzt die MeToo Debatte im Jahr 2017, retrospektiv als zeitaktuell gesehen wird.

      Kommentarfunktionen sollten in diesem Kontext einem konstruktiven Austausch dienen, keiner Diffamierung derart komplexer, höchstens teil-nachvollziehbarer, subjektiver Familiensituationen und Lebensgeschichten.

      Ich empfinde es mehr als anmaßend und übergriffig hier über Caja‘s Handeln und Verhalten zu urteilen. Dabei kann ich mir kaum vorstellen, dass ein Vergleich der Einzelfälle dabei hilft zu entscheiden, welche, vornehmlich Frau, sich hier „besser“, „vorausschauender“ oder sonst wie verantwortungsvoller für ihre Kinder gezeigt hat bei der Wahl ihres Vaters, wenn sie an einen hochgradig narzisstisch ausgeprägten Mann gerät.

      1. Ich weiß jetzt nicht, was du mir eigentlich vorwirfst…???
        Ich urteile nicht(würde ich mir niemals anmaßen) über Caja. Gar nicht. Ich werfe ihr auch nicht vor, dass sie ihren Mann nicht angezeigt hat!
        Aber warum macht Caja Behörden (sprich andere Menschen, z.B. mich als Familienrichterin) dafür verantwortlich, dass wir dann nicht wissen, dass ihr Mann ein narzisstischer und gewalttätiger Mensch ist. Woher sollen wir es wissen?

  2. Goldmund: Eines kannst du mir glauben (oder auch nicht): Auch ich musste mich in sehr jungen Jahren mit einer Beziehung dieser Art auseinandersetzen. Deswegen habe ich Verständnis dafür, dass man selbst da hineingeraten kann. Trotzdem macht es für mich einen großen Unterschied, ob man mit Kindern, die schon da sind, dort hineingerät, sei es durch die negative Veränderung des Partners oder durch eine neue Beziehung mit bereits „bestehenden“ Kindern, oder ob man mit einem Partner, der bereits zu Beginn einer Beziehung so gewalttätig wird, dass die Polizei kommen muss, trotzdem Kinder bekommt.

    Ich finde das nicht widersprüchlich. Ich hätte damals für mich niemals zugelassen, dass ich in solch einer Situation schwanger werde bzw. dies sogar auch noch gewünscht. Meine Meinung. Und dafür ist das Kommentarforum meines Erachtens nach auch gedacht.

    1. Ina, an deiner subjektiven Empfindung möchte ich gar nichts aussetzen. Und finde es gut, wenn du für dich weißt, und für dich so klar und bestimmt bist!

      Schwierig, eher unmöglich finde ich es, dass du Caja, einem womöglich völlig anderen Menschen als Dir, so bewertest, und dafür ist diese Kommentarfunktion sicherlich nicht gedacht. Das ist ihr Leben und ihre Erfahrung.
      Dürfen deine Kinder keine Erfahrungen machen? Keine Fehler?

      Und da kann ich Anna nur beipflichten:
      Du als ehemalig selbst Betroffene begehst hier gerade Victim Blaming, anstatt Dich auf die Seite Caja‘s zu stellen.

    2. Uli, ich kritisiere, dass du Caja vorwirfst, dass sie den Titel wählt.
      Obwohl eben genau das Jugendamt und das Gericht nicht nach dem amtsermittlungsgrundsatz vorgegangen sind sondern sich vorschnell ohne Überprüfung zum einem entscheidenden Urteil gelangten, dass die Biografie mindestens von drei Menschen veränderte.
      Hast du das Buch gelesen?
      Dann erklärt sich doch der Untertitel?

    3. Ulli, außerdem sollte eine Richterin eben alle Mittel und Möglichkeiten einsetzen um sich selbst in der Urteilsfindung zu überprüfen.
      Warum sollte eine Mutter, die ihre Kinder aufgezogen hat, diese plötzlich verlassen?
      Ergibt das für Dich mehr Sinn, als zu überprüfen warum die Mutter den Vater der Kinder verlassen muss?

  3. Wieso? Weil ich verlange, dass man seinen Verstand einschaltet, BEVOR man Kinder bekommt? Kann ich persönlich nichts Falsches daran erkennen und schämen werde ich mich dafür schon gar nicht! Es wäre grundsätzlich besser, manch einer würde sich vorher Gedanken darüber machen, ob man Kinder in eine ungesunde Beziehung/Lebenssituation hineingebären sollte….Würde diesen Kindern viel Leid ersparen.

  4. Es tut mir leid für diese Frau, dass sie das erleben musste. Das kann leider jeder Frau passieren.

    Für was ich allerdings überhaupt kein Verständnis habe, ist, wie sie in dieser Beziehung, die ja wohl seit Beginn von massiver Gewalt geprägt war, zwei Kinder bekommen hat und diese damit dem Gewalttäter auch ausgeliefert hat. Das ist unverantwortlich und wäre zumindest durch eine Verhütungsmethode, auf die der Täter keinen Einfluss hat (Spirale etc.) vermeidbar gewesen. Nun hat sie stattdessen zwei traumatisierte Kinder, die einen schweren Weg vor sich haben.

      1. Ina,
        dein Kommentar ist so widersprüchlich wie trumphaft!

        „ Es tut mir leid für diese Frau, dass sie das erleben musste. Das kann leider jeder Frau passieren.“

        Tut es dir nun Leid, weil es eben genau JEDER Frau passieren kann. DICH eingeschlossen oder ist es unverantwortlich weil Menschlichkeit und die damit verbundenen Begegnungen und Erfahrungen vorausschauend geplant und durchdacht werden müssen?
        Und wer bist du, dass du über eine Lebensgeschichte, von der du nur einen kleinen Ausblick hast dir das rausnimmst?

        Setzt dich bevor du derart kommentierst doch bitte ernsthaft mit narzisstisch geprägten, beziehungsweise kranken Menschen auseinander.

        Props an Anna!

        Liebe Grüße und meinen Respekt an Caja, ihre beiden Mädchen und die Autorin von Stadt, Land Mama!

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