„Black Lives Matter“: Das ist hier bei uns in den USA grad wirklich zum Angst bekommen

Ihr Lieben, seit Tagen schauen wir nach Amerika und sind erschüttert von den Vorfällen dort. Wir haben kaum die richtigen Worte gefunden. Wir wollten gern mehr erfahren und haben Mikaela angeschrieben. Sie ist eine frühere Arbeitskollegin von Katharina und lebt schon lange in L.A. Mit ihr haben wir über den Präsidenten, Rassismus und die Demonstrationen gesprochen. Vielen Dank für die großartigen Antworten!

Liebe Mikaela, seit wann lebst du in den USA und warum bist du nach Amerika gezogen?

Ich bin vor knapp 13 Jahren von Hamburg nach Los Angeles gezogen. Kurz davor hatte ich in der Green Card-Lotterie gewonnen und konnte mich erfolgreich um die Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigung bewerben. Seit gut sieben Jahren wohne ich im Ortsteil Palms.

Nachdem ich zunächst neun Jahre bei Universal Music in der digitalen Videoproduktion gearbeitet habe, bin ich jetzt seit drei Jahren als Copy Writer/Editor für eine Lokalisierungs-Firma tätig und schreibe Texte zu Musik, Film, TV, Videospielen und Apps sowie für Marketingunterlagen auf Deutsch.

Da L.A. aber extrem teuer ist, habe ich mir noch ein Business als Tiersitterin aufgebaut und schreibe noch hier und da für deutsche Medien. Die meisten Menschen hier haben mehr als einen Job.

Nun gehen seit dem gewaltsamen Tod von George Floyd viele Menschen auf die Straßen. Was hast Du in L.A. davon mitbekommen?

Ich arbeite seit Anfang März von zuhause aus und gehe, nachdem der Bürgermeister kurz darauf seine ‘Safer at home’-Order ausgesprochen hat, nur in meiner direkten Nachbarschaft spazieren oder fahre einmal die Woche mit dem Auto zum Zeitungsstand und in unser Pendant zum Futterhaus. Zum Supermarkt kann ich laufen. Heute wollte ich kurz vor der Ausgangssperre, die aufgrund der Proteste in L.A. seit drei Tagen gilt – zunächst von 20 bis 5:30 Uhr, dann von 18 bis 6 Uhr, inzwischen von 16 bis 6 Uhr – noch schnell meinen inzwischen doch recht leeren Kühlschrank auffüllen.

Da sah ich erstmals, dass mein Supermarkt seine Fenster mit Holzplatten vor Plünderern geschützt hat. Auch andere Geschäfte in meiner Gegend, die trotz der Corona-Vorgaben unter bestimmten Bedingungen auf haben dürfen, schließen früh oder machen gar nicht erst auf. Die Proteste an sich ziehen sich durch sämtliche Stadtteile, wobei ich das meiste im TV mitbekomme. Da ich bis 17 Uhr arbeiten muss, kann ich selbst nicht daran teilnehmen. Ich bin lediglich mit einer kleinen Gruppe hier in meiner Nachbarschaft kurz mitgelaufen. Ich muss aber auch ehrlich sagen, dass ich bei dem, was ich bisher so sehe, echt Angst bekomme. Und das, obwohl es abgesehen von mehr Hubschraubern oder vermehrten Polizeisirenen in meiner Wohngegend geht es eigentlich ruhig zu. Schlimmer ist es in den Einkaufsstraßen.

Freunde von mir wohnen nahe Melrose Ave und Fairfax Ave in West Hollywood und das Tränengas schaffte es sogar in ihre Wohnung. Bei anderen wurde eine Straße weiter ein Starbucks abgefackelt. Sie erzählten, dass zunächst alles friedlich war, bis die Polizei mit Riesenaufgebot und bis an die Zähne bewaffnet – sie erinnern dann wirklich mehr an Elitesoldaten – dazukam.

Das Schlimme ist, dass der größte Teil der Plünderer angeblich gar nichts mit den Protesten zu tun haben,sondern zum allergrößten Teil Kriminelle sind, die die Situation ausnutzen und oft von außerhalb kommen. Das macht mich unglaublich wütend! Vor allem die Besitzer kleiner Geschäfte leiden bereits dermaßen unter der Corona-Krise.

Natürlich muss protestiert werden. Die Mehrheit hier versteht den Schmerz und die Hilflosigkeit der schwarzen Bevölkerung. Die Plünderungen und die Gewalt aber lenken vom eigentlichen Grund der Demonstrationen ab und schaden der ganzen Stadt genauso wie den Bewegungen ‘Black Lives Matter’ oder ‘Justice for George’.

Ich sehe online Fotos von Polizisten, die friedlich mit den Protestierenden mitmarschieren. In L.A. fahren Polizeiwagen mit voller Absicht in Menschenmassen und Ähnliches. Erst am Dienstag gab es friedlichere Bilder von Demonstranten mit der Nationalgarde oder Beamten, die mit Schwarzen gemeinsam knieten.

Insgesamt belastet es einen enorm, allein die Berichterstattung zu verfolgen und diese Bilder auf allen Kanälen zu sehen. Keiner weiß wirklich, wohin das führt. Keiner weiß, ob sich diesmal endlich etwas ändert. Ich wohne alleine, stehe aber natürlich mit Freund*innen in Kontakt. Wir telefonieren oder FaceTimen. Aber dass man sich gerade jetzt nicht mal in den Arm nehmen kann, ist schon traurig.

Rassismus ist ein großes Problem in Amerika – hast du selbst Vorfälle mitbekommen?

Wenn ein Autofahrer von Polizisten angehalten wird, ist er in zwei von drei Fällen schwarz. So kommt es mir jedenfalls vor. Ich selbst bin einmal angehalten worden – und natürlich war der Beamte nett, scherzte und wollte noch nicht einmal meinen Führerschein sehen. (Ich hatte ein Schild übersehen und war falsch in eine Einbahnstraße gefahren, was ich natürlich innerhalb von zwei Sekunden bemerkte.)

Ein anderes Mal hatte ich mich nicht korrekt verhalten und war von der Rechtsabbiegespur doch noch ganz schnell geradeaus gefahren und ordnete mich in den Verkehr ein. Kurz darauf merkte ich, wie ein Wagen auf gleicher Höhe neben mir fuhr. Als ich rüber schaute, sah ich den sehr ernsten Blick eines Polizisten. Doch er hielt mich nicht an. Das hätte er einem Afroamerikaner garantiert nicht durchgehen lassen.   

Meine afroamerikanischen Freunde berichten hier und da von Vorkommnissen wie beispielsweise Benachteiligungen im Job. Da wurde einer farbigen Freundin, die um eine Gehaltserhöhung kämpfte, gesagt, sie solle halt nicht in einem so reichen Stadtteil wohnen. Das hätte sich der Vorgesetzte garantiert nicht bei einem weißen Mann getraut. Das Label, bei dem ich gearbeitet habe, beschäftigte zu über 90 Prozent Weiße. Inzwischen hat es sich wohl geändert. Eine ehemalige Kollegin erzählte mir, dass mit einem Mal fast nur noch Schwarze eingestellt wurden. Vermutlich, um einen Ausgleich zu schaffen. Schlimm, dass dies überhaupt nötig war.

Meine weißen Freunde, genauso wie die Freunde hispanischer oder asiatischer Herkunft, sind alle sehr anti Trump eingestellt und unterstützen ‘Black Lives Matter’. Das liegt sicher auch daran, dass in Los Angeles und Kalifornien Demokraten an der Spitze stehen. Aber der Großteil der Einwohner hier kommt aus anderen Ecken innerhalb den USA – und Gott sei Dank haben meine Freunde Hirn und Herz.

Wie erlebst du deine Wahlheimat gerade mit Trump an der Spitze?

Trump ist ganz klar ein Brandbeschleuniger. Ich hätte vor vier Jahren niemals gedacht, dass er gewählt wird. Wann immer mein Vater in Deutschland vor der Wahl auf Trump zu sprechen kam, winkte ich ab und meinte nur, der würde ja eh nicht gewinnen. Ich kann es immer noch nicht fassen, ehrlich gesagt. Und ich habe große Angst, dass er im November wiedergewählt wird.

Ein Mensch, der so krank ist – und ich glaube wirklich, dass er das ist – gehört nicht an die Spitze einer Weltmacht. Meiner Meinung nach lügt er, empfindet keinerlei Empathie, ist selbstverliebt, verscherzt es sich mit Verbündeten und ist in meinen Augen in vielerlei Hinsicht einfach dumm – scheint dann aber doch ganz genau zu wissen, was er da tut.

Ich finde, er nutzt die aktuelle Situation gnadenlos aus, um den Hass und die Gewalt noch zu schüren, in der Hoffnung, dass seine rechte Basis ihm im November den Rücken stärkt. Er ließ sich den Weg zu einer Kirche mit Tränengas freischießen, dabei waren die Demonstranten friedlich. Der Bischof erzählte jetzt, dass Trump weder gebetet noch George Floyd oder die Geschehnisse mit auch nur einer Silbe erwähnt hat. Er ließ sich nur mit der Bibel fotografieren und hielt diese auch noch wie einen Staubwedel nach dem Reinemachen in die Luft. 

Wie hat sich das Land seit Trump verändert?

Es ist erschreckend, wie offen sich Menschen hier als rassistisch und fremdenfeindlich outen. Trump an sich ist ja schon schlimm. Aber als fast noch schlimmer empfinde ich Otto Normalverbraucher, der seinen Rassismus und Fremdenhass jetzt offen auslebt. Warum auch nicht? Der Präsident macht’s ja vor! Nichts ist mehr Tabu. Barack Obama hat sicher auch nicht alles richtig gemacht und was das Rassismusproblem angeht auch nichts wirklich erreicht. Aber er das Land nicht dermaßen gespalten wie Trump. Obama weiß, das hat er jetzt in dieser Situation auch wieder bewiesen, dass wir vor allem Besonnenheit brauchen. Ihm waren die Menschen wichtig. Trump geht es nur um den eigenen Profit. Ich war sehr überrascht, als sich einige meiner ehemaligen Kollegen und sogar meine ehemalige Au pair-Mutter als Trump-Wähler outeten. Und nicht nur, dass sie ihn gewählt haben – sie stehen auch jetzt noch hinter ihm. Ich habe es aufgegeben, mit diesen Leuten zu diskutieren und den Kontakt eingestellt.

Wenn an der Grenze Kinder von Asylsuchenden von ihren Familien getrennt und in Käfige gesteckt werden, dann interessiert das die Republikaner, die hier ja sonst so ‘pro life’ und so ‘religiös’ sind, nicht. Eine Republikanerin aus dem Umfeld einer Freundin meinte eiskalt: ‘Das sind ja nicht unsere.’ Heutzutage sollte man sicher keinen Unterschied zwischen Mann und Frau in so einem Fall machen, aber ich muss ehrlich gestehen, dass mir Frauen, die Trump immer noch unterstützen, noch mehr zuwider sind als Männer. Gerade wenn es um Familien und Kinder geht. Mag ein archaische Einstellung sein, aber so fühle ich einfach.

Immigranten wie ich können jetzt ohne Prozess abgeschoben werden. Wenn ich beispielsweise meine Green Card nicht dabei habe und nicht nachweisen kann, dass ich seit mehr als zwei Jahren hier bin, können sie mich ohne Prozess direkt heim schicken – und müssen mich theoretisch vorher noch nicht einmal in meine Wohnung lassen.

Ich muss gestehen, dass ich inzwischen weniger ‘arrogant’ geworden bin, was den Kontakt zu anderen Deutschen angeht. Auch wenn meine US-Freunde dieselbe Meinung zu Themen wie Fremdenhass und Rassismus haben wie ich – du brauchst auch Leute, die deinen Background kennen und im selben Boot sitzen. Es ist einfach etwas anderes, ob deine Familie an der Ostküste der USA wohnt, du aber hier in Kalifornien und damit auch weit weg von deinen Lieben bist. Für uns Expats kommt noch hinzu, dass die Kultur anders ist. Du bist auch mit den Freunden, die du hier findest, nicht zusammen zur Uni gegangen und kennst sie nicht seit Kindertagen. Das ist eine ganz andere Basis.  

Was wünscht Du dir für die USA?

Dass die derzeitigen Unruhen zu echter Veränderung führen. Es muss schwerer werden, Polizist zu werden. Die Ausbildung muss verbessert werden. Ich kann in vielen Situationen Polizisten durchaus verstehen, wenn sie Angst bekommen und aus dieser Angst heraus falsch reagieren. Deshalb müssen sie vernünftig ausgebildet werden. Und die ‘guten Cops’ müssen die ‘bösen Cops’ anzeigen.

Gegen den Beamten, der George Floyd getötet hat, lagen schon so viele Beschwerden vor. Da hätten die Vorgesetzten längst reagieren müssen. Er wusste auch ganz genau, was er da tat, als er einem unbewaffneten, am Boden liegenden Mann sein Knie auf den Hals drückte. So jemand darf weder Polizist sein noch irgendeninen anderen Beruf ausüben, bei dem er eine Waffe tragen kann.

In den Schulen sollte Rassismus diskutiert statt unter den Teppich gekehrt werden. Wenn ein Schüler einen Schwarzen als N***** beschimpft, muss er bestraft werden – aber es muss auch darüber geredet werden, warum er das tut, was dieses Wort bei dem anderen Schüler auslöst und Ähnliches.

Am meisten wünsche ich mir einen Präsidenten mit Anstand. Einen, dem die Menschen wichtig sind, der sie und ihre Bedürfnisse ernst nimmt. Der beispielsweise das bisher suboptimale ‘Obamacare’ nicht abschaffen und damit Millionen Amerikanern die Krankenversicherung nehmen, sondern verbessern will.

Trump hat die Zuschüsse für mittlere Krankenversicherungspläne gestrichen. Die kosten nun so viel wie die teuersten Pläne. Das betrifft alle, die nicht über einen Arbeitgeber versichert sind, sondern eine Individualversicherung haben. Und davon gibt es in den USA Millionen! Das ist nicht wie eine Privatversicherung in Deutschland, sondern das Minimum, das jeder hier haben muss, um nicht im Krankheitsfall bankrott zu gehen. Ich hatte für etwas über ein Jahr eine solche Versicherung. Und mein monatlicher Beitrag stieg von knapp 400 Dollar mit Trump auf 650 Dollar.

Und die Leute sollen wählen gehen! In den Vorwahlen und vor allem im November. Und wenn sie den demokratischen Kandidaten nicht 100 % toll finden, sollen sie der Wahlurne nicht fernbleiben, sondern ihn trotzdem wählen. Leider haben die USA das Zwei-Parteien-System. Und jede Stimme, die nicht gegeben wird, ist letztlich eine Stimme für Trump.

Wie geht Ihr bei Euch im Freundeskreis mit dem Thema Rassismus um?

Wir diskutieren jetzt sicherlich noch mehr als sonst auch schon. Wie bereits erwähnt sind meine Freunde allesamt große Unterstützer von ‘Black Lives Matter’ und viele beteiligen sich an den Demos. Ich habe selbst zunächst nicht kapiert, warum ‘All Lives Matter’ so verhasst ist. Dann habe ich da mal drüber nachgedacht, wie leicht es mir von den Lippen kam als Antwort auf ‘Black Lives Matter’, und es mir auch von Freunden erklären lassen.

Rassismus habe ich schon immer verurteilt, aber gleichzeitig war auch ich mir meines ‘weißen Privilegs’ nicht so bewusst. Und da fängt es schon an:
dass nicht nur der ein Rassist ist, der das N-Wort benutzt, sondern auch
jene, die bewusst oder unbewusst das Thema Rassismus ausblenden und
ignorieren, weil es halt unbequem ist, sich damit zu beschäftigen. Was
hilft? Miteinander reden, sich schlau machen, mal die eigene Komfortzone
verlassen und mit jemandem den Dialog suchen, den man sonst vermutlich
überhaupt nicht wahrgenommen hätte.

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1 Kommentar

  1. Danke für dieses tolle Interview! Es ist so erschreckend was da gerade passiert und ich habe oft das Gefühl als Europäer kann man Amerika gar nicht verstehen so lange man dort nicht gelebt hat. Ganz liebe Grüße und viel Kraft an Mikaela! Mögen diese Proteste nun zumindest die Chance sein auf ein gleichberechtigtes Miteinander. Es wäre wirklich an der Zeit!

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