„Und niemals würde ich abtreiben…“

Mein Name ist Doreen und das Jahr 2016 war das Jahr, in dem sich mein ganzes Leben dramatisch änderte und auch mich grundlegend veränderte.

Kurz zu mir: Ich bin die Älteste von drei Kindern. Mit 11 Jahren saß ich auf dem Küchenboden in dem Haus meiner Eltern, als meiner Mutter zu mir sagte: „Du musst ab jetzt groß und stark sein – Mama wird sich von Papa trennen“. Vermutlich hat sie das gesagt, weil sie ahnte, wie schlimm die nächsten Wochen werden würden.

Schlimm war es schon immer, denn bei uns war häusliche Gewalt täglich ein Thema. Nach der Trennung spitzte sich alles noch zu – es gab Morddrohungen und auch -versuche. Meine Mutter war am psychisch am Ende und hat sich deshalb entschieden, meine zwei jüngeren Brüder in die Obhut des Jugendamtes zu geben. Ich bin also in einem familiären und sozialen Umfeld aufgewachsen, das von Gewalt, Angst, aber auch Drogen und Alkohol geprägt war.

Nach der Realschule machte ich eine Ausbildung zur Ergotherapeutin und lernte meinen damaligen Freund kennengelernt. Mein Leben entwickelte sich gut, auch wenn wir uns nach sechs Jahren Beziehung trennten. schließlich lernte ich einen Mann kennen, der nach sechs Monaten bei mir einzog. Es lief ganz gut, Kinder waren kein Thema, ich verhütete mit dem Verhütungsring. Einmal sagte ich zu ihm: Ich liebe Kinder und ich will später unbedingt Kinder. Falls ich ungeplant schwanger werde, würde ich niemals abtreiben.“ Da stöhnte er nur und meinte: „Darüber sprechen wir dann, wenn es passieren sollte“.

Die Schwangerschaft schockierte mich

Im Januar 2016 war es dann soweit. Unsere Beziehung kriselte schon etwas, ich wollte es nur noch nicht wahrhaben. Ich wünschte mir sehr eine stabile Beziehung. Eines Morgens, meine Periode war eine Woche überfällig, stand ich vor dem Spiegel und sah mich an. Mein Körper sah schon irgendwie anders aus und ich wusste, dass ich schwanger bin.

Die Schwangerschaft wurde kurz darauf von meiner Ärztin bestätigt. Auf der einen Seite freute ich mich, auf der anderen Seite war ich schockiert, denn es wurde mit schlagartig klar, dass dieser Mann nicht der Vater meiner Kinder sein sollte und wollte.

Draußen auf dem Flur des Arzthauses bin ich in der Ecke zusammengebrochen und habe geweint – bitterlich geweint, weil ich wusste, dass dieser Mann niemals dieses Kind haben wollen würde. Als ich mich beruhigt hatte, ging ich einen Gedanken. Vielleicht könnte ich ihn ja doch noch überzeugen. Ich ging also los und kaufte ein paar Babysachen.

Zu Hause legte ich ein Mätzchen, Babysocken und ein kleines Halstuch in eine Kiste und schrieb dazu: „Viel braucht es für die Zukunft mit einem Baby, doch das Wichtigste ist die Liebe, die wir unserem Baby geben können“.

Als mein Freund dann kam, habe ich ihm die Kiste gegeben. Bevor er etwas sagen konnte, habe ich es schon in seinen Augen gesehen. Er wollte das Baby nicht. Und das sagte er dann auch. Er habe keine Lust, Zeit und Geld für dieses Kind zu opfern…

Da stand ich also…26 Jahre jung und in einem 40 Stunden Vollzeitjob und gerade mitten im berufsbegleitenden Studium. Die letzten Jahre war ich damit beschäftigt gewesen, meine eigene Lebensgeschichte aufzuarbeiten und hatte endlich Frieden damit geschlossen. Ich hatte mich, seit ich 11 Jahre alt war, alleine durchgeschlagen. Hatte mir selbst beigebracht, wie man soziale Kontakte knüpft, wie man lernt (ich habe das Fachabi nachgeholt), wie man sich in einer fremden Stadt zurecht finden, wie man Konflikte ohne Gewalt löst. All das habe ich geschafft, aber es hat auch viel Kraft gekostet.

Alleinerziehend – das war zu viel für mich

Und da stand ich nun, schwanger und wusste: Das schaffe ich nicht allein. Das ist zu viel.

Ich hatte keinerlei Unterstützung durch Familie, wollte studieren, weiter arbeiten, um finanzielle Sicherheit zu haben. Während ich einen Tag zuvor noch meine Hand auf den Bauch gelegt und gedacht hatte „Du und ich wir schaffen das. Wir sind jetzt ein Team.“, hatte ich nun nur noch Angst.

Ich hatte unendliche Angst vor der Zukunft, vor einem wachsenden Bauch, den niemand in liebevoller Vorfreude streicheln wird. Den niemand anfassen möchte, wenn das kleine Wunder sich bewegen wird. An den niemand seinen Kopf halten möchte, um zu hören, ob man(n) was hört. Und ich hatte Angst vor einem Baby, das nie einen (biologischen) Vater hat, der es lieben wird.

Diese Vorstellung war für mich unerträglich. Und so wurde aus „Ich würde niemals abtreiben“ ein „Ich werde abtreiben.“

Ich nahm schließlich die Abtreibungspillen und kurz darauf bekam ich die Blutung und sah die Zellklumpen in der Toilette. Ich stand vor der Toilette und konnte es nicht runterspülen. Ich legte mich einfach nur ins Bett und weinte bitterlich.

Die ganzen nächsten Tage heulte ich durch und meine Gedanken waren geprägt von Selbsthass und Verachtung. Als ich spürte, dass ich mich selbstverletzen möchte, wusste ich, dass ich mir Hilfe suchen musste.

Ich musste lernen, mir zu verzeihen

Ich habe ein halbes Jahr gebraucht, um den Alltag wieder bewältigen zu können und arbeiten zu gehen. Immer wieder habe ich mir gesagt: DU bist schuld, dass dieses Kind nicht leben darf. Ich hatte niemandem zum reden, hatte Angst vor Verurteilung und Sätzen wie „Das war doch noch kein richtiges Baby.“ Das halbe Jahr habe ich auch gebraucht, um meinen Freund rauszuschmeißen. Danach war ich lange alleine.

Heute geht es mir gut. Ich habe vor einem Monat geheiratet und mein Mann wünscht sich ebenfalls Kinder. Heute kann ich sagen, dass ich dieses erste Baby immer noch liebe, aber dass es wohl doch die richtige Entscheidung war. Ich schaue oft in den Himmel und spüre, dass dieses Kind mir verziehen hat. Jetzt muss ich nur noch lernen, mir selbst zu verzeihen. Ich habe lange gedacht, ich habe kein Recht mehr darauf glücklich zu sein oder nochmal ein Kind zu bekommen. Heute weiß ich, dass das nicht stimmt. Und deshalb freue ich mich wieder auf meine Zukunft und darauf, dass mein Mann und ich eine Familie werden

Foto: Pixabay

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12 Kommentare

  1. .. Es ist so bitter wenn schlussendlich der fehlende oder falsche Mann und die fehlende Unterstützung dazu leitet das Kind nicht haben zu können / zu wollen.
    Kann ich sehr gut nach fühlen. Heute sage ich : ein Glück das ich schon so weit fortgeschritten in der Schwangerschaft war ansonsten wäre ich den gleichen Weg gegangen.
    Noch heute fehlt mir noch immer derjenige der die Verantwortung mit für dieses Kind trägt und tragen will. Das kann niemand ersetzen.

    Fühle mit dir. Ganz viel Kraft.

  2. Ich kann das wirklich nicht mehr lesen, diese Horrorgeschichten über Abtreibungen, in denen so ein rein negatives Bild von Abtreibungen gezeichnet wird. Es gibt jedes Jahr ca. 56 Millionen Abtreibungen auf der Welt. Die allermeisten Frauen sind erleichtert nach einer Abtreibung und sie haben keine psychischen Probleme. Mädels, lasst euch keine Horrogeschichten erzählen oder Schuldgefühle machen. Entscheidet einfach ganz frei, was ihr vom Leben möchtet!
    – Von einer Psychotherapeutin, die selber abgerieben hat und der es sehr gut damit geht.

    1. Ich finde nicht, dass Doreen eine Horrorgeschichte schreibt?! Sie schreibt, dass sie nach ihrer Abtreibung mit sich selbst und ihren Gefühlen zu kämpfen hatte. Das finde ich durchaus „normal“. Dass eine Abtreibung nichts ist, dass man mal schnell an einem Nachmittag erledigt und dann zum Alltag übergeht, wäre doch der Situation nicht angemessen, oder?
      Das heißt überhaupt nicht, dass eine Frau enorme Schuldgefühle oder sowas haben soll, weil sie abgetrieben hat. Aber das Kämpfen mit sich und der Entscheidung (auch nachdem sie bereits getroffen wurde) ist auch keine „Horrorgeschichte“!

    2. @Lana
      „Entscheidet einfach ganz frei, was ihr vom Leben möchtet“. Echt jetzt? Dies ist egoistisch und egozentrisch. Wenn Du weißt, dass Du in Deinem Leben keinen Platz hast für ein Kind (was übrigens das Schönste und Herausfordernste ist im Leben), dann entscheide Dich dann, wenn es nur Dich betrifft und verhüte um Himmels Willen!!! Niemand kann mir sagen, dass keine Frau mit Schuldgefühlen zu ringen hat nach einer Abtreibung. Es ist wohl eher ein Verdrängen. Mehr nicht!!!

  3. Danke liebe Doreen. Es ist wichtig, dass wir auch über Abtreibungen trauern dürfen und es hierfür Offenheit gibt. Für Dich und Deinen Mann wünsche ich von Herzen alles Gute!

  4. Liebe Autorin,
    du hast eine schwere Entscheidung getroffen die dir nicht leicht gefallen ist. Aber manchmal zwingt einen das Leben dazu, die Selbstfürsorge, das Wissen das es keine andere Möglichkeit gibt. Es ist dein Leben und dein Körper, du hast jedes Recht darüber zu entscheiden, lass dich da von niemanden beirren!
    Ich wünsche dir alles Gute für dein weiteres Leben

  5. Ein sehr Berührender, gut geschriebener Beitrag. Ich konnte dadurch sehr nachfühlen wie der Autorin wohl zumute war. Eine starke, schmerzhafte Entscheidung, die so individuell getroffen werden muss, dass es kein richtig oder falsch im allgemeinen geben kann. Finde ich.

  6. Ich finde, du hast deine schwierige Geschichte sehr reflektiert aufgeschrieben, Doreen.
    Alles Gute für dich und deinen Mann und eure hoffentlich bald kommende Familie

    1. Danke für deine so ehrlichen Worte.
      Auch ich bin eine Frau, die immer von sich gesagt hat, dass sie niemals jemandem das Leben verwehren und abtreiben würde. Ich stand in der ersten Reihe, wenn es um die Verurteilung von Schwangerschaftsabbrüchen geht.
      Dann wurde ich nach drei Kindern ein viertes Mal schwanger. Ich habe mich gegen diese Schwangerschaft entschieden. Ich, die sich so etwas nie vorstellen konnte. Es gab auch hier Gründe, die mich dahin gebracht haben.
      Und bis heute spüre ich manchmal dieses Kind, was ich nicht angenommen habe und bin manchmal sehr traurig, dass es nicht bei uns ist. Aber ich erlaube mir auch, glücklich zu sein. Und das Urteilen, egal zu welchem Thema, habe ich komplett aufgegeben. Niemand kann sich in die Situation und das Leben eines anderen Menschen komplett hineinversetzen. Egal um welches Thema es geht.

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