Sternenkind Leonie: Ein früher Abschied, aber ganz viel Liebe

Mein Name ist Judith und ich möchte euch von meinem Jahr 2002 erzählen – ein Jahr des Umbruchs. Im Mai traf ich meinen späteren Mann, ab Juni waren wir offiziell ein Paar. Ich schmiss meinen Job, um mit 24 Jahren mein Abi nachzuholen, weil ich studieren wollte. Mein Mann und ich zogen im August in eine größere Wohnung und an einem Septembermorgen hielt ich einen positiven Schwangerschaftstest in der Hand.

Ich gebe zu: Zuerst war ich geschockt. Doch schon am Nachmittag war der erste Schreck verflogen und ich freute mich wie eine Schneekönigin. Mein Mann A. brauchte einen Tag länger, um die Nachricht zu verdauen, aber dann waren wir uns einig: Dieses Kind ist liebend gern willkommen – auch wenn es alle Pläne über den Haufen werfen würde.

Ich sprach mit meiner Vertrauenslehrerin an der Schule, wir fanden eine Lösung, wie ich die Prüfungen 2003 dennoch ablegen könnte. Es war alles geklärt und die Vorfreude wuchs. Es schien alles ok, mir war zwar viel übel, aber das deutete ich als gutes Zeichen.

Am Freitag, den 25.10., hatte ich eine Vorsorgeuntersuchung bei meiner Frauenärztin. Ich war in der 10. SSW und das Baby war absolut zeitgerecht entwickelt. Der Ärztin fiel aber ein „Kringel“ in der Fruchtblase auf, den sie gern kontrolliert haben wollte. Sie meinte, es könnte ein nicht weiter entwickelter Zwilling sein, beruhigte mich, dass das nichts Schlimmes sei. Dann überwies sie mich ins Krankenhaus und gab mir ein Ultraschallbild der Kleinen – es ist das Einzige, das ich habe.

Das Kind hat schwere Missbildungen

Ich hatte für Mittwoch, den 30.10., einen Termin in einem christlichen Krankenhaus der Stadt. Dieses hatte die Ärztin mir empfohlen. Ich setzte mich also dort auf den Untersuchungsstuhl, geschallt hat der diensthabende Arzt. Er schallte lange, ich scherzte noch. Dann holte er den Oberarzt dazu, beide sprachen während der Untersuchung nicht.

Danach bat mich der Oberarzt in ein Zimmer und sagte: „Das Kind hat einen offenen Schädel, es ist nicht lebensfähig.“ Ich kann mich nicht mehr an meine Reaktion erinnern. Ich weiß nur noch, dass er sagte, ich solle am übernächsten Tag in die Uniklinik gehen.

Ich verließ die Klinik und fuhr zu meiner Oma. Dort bin ich dann zusammengebrochen. Mein Mann kam dazu und es war das erste (und lange Zeit das einzige) Mal, an dem ich ihn habe weinen sehen.

Am Freitag, den 1.11., hatte ich dann den Termin in der Uniklinik. Die Ärztin dort hat sich sehr viel Zeit genommen, sehr intensiv geschallt – und kam dann zu der Meinung, dass das Kind doch gesund sei, die Diagnose aus dem christlichen Krankenhaus also falsch sei. Ich war überglücklich und wir vereinbarten, dass ich in zwei Wochen zur Kontrolle kommen sollte.

Es war Donnerstag, der 14. November, und ich war in der 12. SSW. Wieder schallte die Ärztin sehr lange und intensiv und sagte dann, dass das Baby doch schwerste Missbildungen habe. Der Schädel habe sich nie geschlossen und auch die Bauchdecke sei weit offen. Das Baby sei nicht lebensfähig und wenn es überhaupt bis zur Geburt durchhalten würde, würde es die Geburt nicht überstehen.

Für alle stand fest, dass ich abtreiben soll

Ich war total geschockt und sah alles von außen wie in einem Film. Es wurden Studierende in den Raum geholt, damit die mein Baby sehen könnten – denn sowas sah man ja nicht alle Tage. Mir war alles egal. Ich war wie in Trance. Alle Ärzte sagten, dass ich die Schwangerschaft nun abbrechen müsse. Es stand nie zur Debatte, ob dieses Kind weiter in mir wachsen darf. Ich wurde so von allem überfahren, dass ich gar keine Wahl hatte.

Für den nächsten Tag erhielt ich einen Termin beim Psychologen. Dieser empfing mich gleich mit den Worten „Naja, bei Ihnen ist ja alles klar. Ich unterschreibe Ihnen das gleich und Sie brauchen auch die drei Tage Bedenkzeit nicht einhalten.“ Die Einweisung für den Abbruch hatte ich ja schon in den Händen und am Nachmittag des gleichen Tages sollte bereits begonnen werden. Von psychologischer Betreuung war keine Spur …

Nach dem Gespräch bekam ich mein Zimmer. Auf der Geburtsstation hatten sie kein Einzelzimmer für mich frei, ich kam dann auf die Onkologie-Station und erhielt dort ein Zimmer für mich. Ich denke, das war ein bisschen ein Glücksfall, denn die Schwestern hatten dort sonst nichts mit Abbrüchen zu tun und waren extrem besorgt und zuvorkommend. Meinen Mann wollte ich dort nicht dabei haben, ich weiß nicht mal genau warum. Aber ich wollte lieber meine Mama bei mir haben. Heute denke ich, dass ich meinem Mann damit etwas vorenthalten habe und das tut mir leid.

Dann wurde die Geburt eingeleitet

Ich wurde nochmal beraten und musste ganz viele Papiere unterschreiben. Die Ärzte wollten gern eine Obduktion des Babys machen. Ich hatte Angst, dass mein Kind dann für die Studierenden „missbraucht“ wird, aber die Ärztin versicherte mir, dass das nicht passieren wird. Dann wurde ich über die Wirkung der Tabletten aufgeklärt. Ich bekam an diesem Tag mit Zeitabstand zwei Tabletten gelegt und es passierte … gar nichts.

Samstag, 16. November. Ich bekam über den Tag verteilt drei Tabletten und es passierte weiterhin nichts.

Sonntag, 17. November. Ich wachte in der Nacht tränenüberströmt auf und schluchzte nur: „Lasst mir mein Baby, lasst mir mein Baby!“. Eine ganz liebe Nachtschwester kam, tröstete mich. Am nächsten Morgen musste meine Mutter wieder zurück nach Hause, es war okay für mich.

Mittags nach der zweiten Tablette bekam ich plötzlich Wehen und starke Blutungen. Ich hielt die Schmerzen nicht aus, sie kamen mir so völlig sinnlos vor. Ich verlangte etwas gegen die Schmerzen und bekam eine Infusion angehängt. Ich verlor das Zeitgefühl, aber irgendwann war das Baby dann da.

Ich durfte es nicht direkt sehen. Die Ärzte sagten, dass ich – wenn ich möchte – eine Stunde später zu meinem Baby kann. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich nicht, ob ich das verkrafte. Ich wusste nur, das ich diese Chance NIE wieder bekommen würde. Also sagte ich der Schwester, dass ich es sehen möchte. Sie brachte es mir in einer Nierenschale in einem kleinen Handtuch.

Eine kurze Zeit mit meinem Baby

Es war schon ein perfekter kleiner Mensch! Die kleinen Finger, diese kleinen Zehen. Wahnsinn. Das sind die Erinnerungen, die in meinem Kopf und meinem Herzen geblieben sind. Ja, ich habe auch die Missbildungen gesehen. Der Kopf war frontal offen, eine große Spalte zog sich vom Oberkopf zur Oberlippe. Der Bauch war ebenfalls offen. Dieser Anblick gab mir etwas Frieden, denn ich wusste, dass ich kein gesundes Kind abgetrieben hatte. Ich hatte nicht viel Zeit mit dem Kind, die Schwester hat es wieder mitgenommen.

An das Danach habe ich nicht mehr viele Erinnerungen. Ich bekam eine Ausschabung. Das Baby ging in die Obduktion. Ich war noch ein paar Tage im Krankenhaus und ging dann nach Hause. Mit viel Angst, weil ich nicht wusste, wie es weitergehen sollte. Zu Hause war ich tagelang wie gelähmt, lag nur im Bett und habe geweint.

Womit ich lange nicht klargekommen bin, ist, dass ich überhaupt nichts habe, wo ich mein Baby „besuchen“ kann, wo ich mich erinnern kann. Kein Grab. Kein Foto. Nichts. Das Sternenkindergrab auf dem katholischen Friedhof wurde erst später eingerichtet. Ich habe bis heute daran zu knabbern, dass mein Baby im Klinikmüll gelandet ist. Das ist eine ganz, ganz schlimme Vorstellung …

Ein paar Wochen später hatten wir noch eine genetische Beratung. Dort wurde auch der Obduktionsbefund ausführlich besprochen. Die Missbildungen waren entstanden, weil ich ein Amnionbandsyndrom hatte. Das bedeutet, dass die Fruchthöhle mit Gewebefäden durchspannt waren. Sowas ist selten, meist sind diese Fäden dann ziemlich nah an der Höhlenwand und die Kinder rutschen mit einer Hand oder dem Fuß dahinter und kommen dann mit missgebildeten Gliedmaßen zur Welt. Bei mir ging es quer durch, sodass sich der Schädel nie schließen konnte. Der Genetiker erklärte, dass es ein Wunder wäre, dass das Baby überhaupt so weit gewachsen sei. Normalerweise gingen diese Kinder ganz früh ab.

Zusätzlich war ein Arm am Körper festgewachsen, das Kind hatte einen Herzfehler und ein Lungenflügel war nicht richtig entwickelt. Wir erfuhren, dass das einfach eine Laune der Natur gewesen wäre und wir nichts bei einer weiteren Schwangerschaft anders machen könnten. Mich machte das so hilflos. Außerdem erfuhren wir, dass unser Baby ein Mädchen gewesen war. Sie bekam von uns den Namen „Leonie“.

Leonie gehört zu unserer Familie

Ich habe mich in den nachfolgenden Jahren intensiv mit dem Thema befasst. Ich würde mit meinem heutigen Wissen bei solch einer Diagnose nie wieder abtreiben. Das Baby würde bei mir bleiben, bis es von selbst geht. Ich würde eine Abtreibung ein zweites Mal nicht psychisch durchstehen.

Danach habe ich noch drei ganz wundervolle, gesunde Kinder bekommen. Sie wissen, dass es eine große Schwester gibt und an ihrem Geburtstag wird jedes Jahr eine Kerze angezündet.

2014 habe ich eine Geburtsbescheinigung für Leonie beantragt. Damit wurde es nochmal ganz offiziell. Die Standesbeamtin war total lieb und hat es dann sogar ins Stammbuch der Reihe nach einsortiert. Sie hat gemeint: „Das ist ja Ihr erstes Kind, also muss es auch ganz vorn hin.“ Ich habe mich gefreut und geweint zugleich. Dieses kleine Stück Papier ist so unglaublich viel wert für mich. Denn es zeigt: Es gab Leonie. Sie gehört zu uns.

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1 comment

  1. Wie traurig und anrührend diese Geschichte ist. Da kommen mir fast die Tränen. Schlimm, wie unsensibel manche Ärzte sind. Aber schön, dass du auch empathische Menschen (Nachtschwester, Standesbeamtin) getroffen hast. Und schön, dass Ihr Leonie jedes Jahr eine Kerze anzündet ❤

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