Geburt in der 25.SSW: Hans kämpfte vier Tage lang, dann starb er

Liebe Christiane, heute geht es um euren Sohn Hans, den du im Februar in der 25. Schwangerschaftswoche zur Welt gebracht hast. Deutete sich diese frühe Geburt an oder kam sie völlig überraschend?

Es gab keine Anzeichen auf eine Frühgeburt. Ich war bei meiner Frauenärztin zur Routine-Kontrolle, die sagte, dass das Baby schon zart sei und deshalb sollte ich 14 Tage später nochmal vorbei kommen. Als ich dann zum nächsten Termin kam, hatte ich gar keine Bedenken. Wir scherzten noch und ich sagte der Ärztin, sie solle ein schönes Foto für den Papa machen, der ja wegen Corona nicht mit dufte. Dann wurde die Ärztin still und ich wusste sofort, dass was nicht stimmt. Sie sagte, dass der Kleine in den letzten zwei Wochen nicht zugenommen habe und dass sie mich in ein Krankenhaus überweist, das auf Frühchen spezialisiert ist. Die Ärztin machte mir Mut, aber im Krankenhaus wurde dann festgestellt, dass ich kaum noch Fruchtwasser habe und sich die Plazenta teilweise gelöst hatte.

Dann wurde Dein Sohn geboren. Kannst du uns diesen Tag beschreiben?

Mein Partner musste mich vor dem Krankenhaus absetzen, er dufte nicht mit rein. Das war sehr schlimm für mich. Ich wurde auf die Station aufgenommen und kam ans Dauer-CTG. Die Hebammen waren super lieb und einfühlsam, dafür war ich sehr dankbar. Nachts wurde die Herztöne schlechter und alles musste ganz schnell gehen. Die Hebammen riefen meinen Freund an, dass er sich auf den Weg machen soll. Aber da er eine Stunde Fahrt vor sich hatte, war klar, dass er es nicht rechtzeitig schaffen wird.

Ich wurde in den OP geschoben , ein Notkaiserschnitt stand an und ich weinte die ganze Zeit. Die Hebamme war die an meiner Seite, sagte, sie würde den Kleinen in Empfang nehmen. Das Letzte, was ich sagte, bevor ich die Augen zu machte, war: „Kümmer dich gut um mein Baby!“

25. SSW ist sehr sehr früh, welche Prognosen gaben die Ärzte?

Auf der Neo war ein wunderbarer Arzt. Er brachte uns den Kleinen, sobald ich mich von dem Kaiserschnitt erholt hatte. Er sagte, der kleine Kerl mache im Moment gut mit. Die Atmung sei stabil und nun müssten wir alle abwarten, wie er sich entwickelt. Aber Hans Zustand wurde schlechter, die Atmung instabil. Er konnte auch keinen Kot abgeben, deswegen musste er operiert werden – und das hat er am Ende einfach nicht verkraftet.

Vier Tage hat Hans gekämpft, dann ist er gestorben. Wie habt Ihr Abschied von ihm genommen?

Zunächst waren alle noch zuversichtlich, sagten, sein Zustand sei zwar kritisch, aber stabil. Mein Partner ist nochmal nach Hause, weil wir ja noch einen älteren Sohn haben. Dann klingelte mein Handy und die Nummer der Neo war auf dem Display. Es hieß, Hans müsse nochmal operiert werden, aber seine Atmung sei nicht stabil genug. Mir blieb nichts übrig als zu warten. Aber wie lenkt man sich ab? Tv schauen? Lesen? Das geht alles nicht. Also saß ich nur im Zimmer und schickte ein Gebet nach dem anderen in den Himmel.

Dann rief der Arzt wieder an, sagte, der Papa solle in die Klinik kommen, denn Hans sei sehr schwach und wir sollten ihn auf seinem letzten Weg begleiten. Da war es 20.30 Uhr und ich ging schon vor zu Hans. Wenn man mich fragt, was in diesen Momenten im Kopf los ist, kann ich keine Antwort geben. Da ist nur Leere.

Eine Ärztin sprach lange mit mir, was nun auf uns zukommt. Es wurden Lichterketten angemacht, ich bekam einen schönen Platz und Hans wurde mir gebracht. Es war das erste Mal, dass ich ihn im Arm hatte. Um 21.30 hörte sein Herz auf zu schlagen. Sein Papa hat es nicht rechtzeitig geschafft, was sehr sehr schlimm für ihn war.

Gemeinsam gingen wir dann in einen Raum, in dem Hans nochmal gewaschen wurde. Wir haben Abdrücke von Händen und Füßen gemacht und durften uns in aller Ruhe verabschieden. Gegen 2 Uhr morgens sind wir wieder aufs Zimmer.

Du hast auch schon einen 6jährigen Sohn. Wie habt Ihr ihm die Situation erklärt?

Mein großes Kind hat einen anderen Papa, aber es läuft alles sehr harmonisch. Wir leben im Wechselmodell und ich stand mit dem Papa vom Großen im ständigen Kontakt, als ich im Krankenhaus war. Als Hans gestorben ist, bat ich ihn auch, es unseren Großen zu erklären, weil wir einfach nicht dazu in der Lage waren. Der Vater hat das ganz toll gemacht und ich bin ihm sehr dankbar dafür.

Wie geht der Große damit um? 

Für Konstantin ist sein Bruder ein Stern. Und zwar der, der am hellsten leuchtet. Konstantin geht gut damit um. Wir gehen auch zusammen auf den Friedhof, da hilft er mir beim pflanzen und gießen und er spricht mit Hans. Für ihn war es nur nicht klar, warum Hans doch auf dem Friedhof liegt, wenn er doch eigentlich ein Stern ist.

Da hab ich gesagt, wir legen hier Blumen für Hans hin und nachts, wenn alle schlafen, kommt er her und guckt sich die Blumen an. Das war dann okay für ihn. Hans ist auch zu Hause präsent. Wir haben Sachen und Fotos vom Krankenhaus mitbekommen, die hier auf einem kleinen Tisch stehen. Konstantin und ich gucken uns das oft zusammen an.

Wie geht es Euch gerade? Trauert Ihr unterschiedlich? 

Im Augenblick geht es uns den Umständen gut. Ich fand immer, dass das die schlimmste Frage war: Wie geht es euch? Wie soll man die beantworten? Man weiß es ja selber nicht.

Wir haben uns Dinge für die nächste Zeit vorgenommen, um Ablenkung zu haben. Gerade bauen wir uns und ich habe auch Pferde, um die ich mich kümmern muss. Konstantin kommt im Sommer in die Schule, das ist auch ein Meilenstein. Mitte Juni gehe ich wieder arbeiten, ich habe Angst davor, hoffe aber, dass es mir gut tut. Mein Partner ist nach 6 Wochen wieder los zur Arbeit. Ich hatte so Angst davor, alleine zu sein und anfangs war es auch echt schlimm…

Wir trauern definitiv unterschiedlich. Meine Aufgabe war es ,die Beerdigung zu organisieren. Mein Partner war wie gelähmt und sprach die ersten Tage so gute wie gar nicht. Ich machte mir mehr Sorgen um ihn, als um mich. Ich machte mir auch Sorgen, wie der Verlust von Hans sich auf unsere Beziehung auswirkt. Auf langen gemeinsamen Spaziergängen haben wir aber über all das gesprochen und sind auf einem guten Weg.

Wie sind die Reaktionen aus dem Umfeld? Fühlt Ihr Euch alleine?

Nein, unser Umfeld war genauso ,wie es sein sollte. Sie haben uns den Freiraum gelassen, den wir brauchten. Aber sie waren auch sofort da, wenn wir Hilfe brauchten.

Nun möchtet Ihr bald versuchen, wieder schwanger zu werden. Welche Gefühle schwingen da mit?

Für uns war von Anfang an klar, dass wir ein Folgewunder wollen. Anfangs hatte man ein schlechtes Gewissen, so nach dem Motto: „Hans ist noch keine 4 Wochen tot und wir denken schon über ein anderes Kinder nach.“ Aber meine Frauenärztin sagte mir, dass das bei vielen Frauen der Fall wäre und es kein Grund wäre, sich schlecht zu fühlen. Im Gegenteil: Es wäre gut, wenn wir den Blick nach vorne richten würden.

Ich habe aber auch Angst vor einer erneuten Schwangerschaft. Meine Ärztin spricht mir Mut zu, ich denke, ich würde aber sehr viel mehr Untersuchungen machen lassen. Ich denke immer wieder an die Zeit, in der wir Hans gehen lassen mussten und frage mich dann: Würden wir, würde ich, das ein zweites Mal verkraften?

Was möchtest du unbedingt noch zu dem Thema sagen? 

Ich möchte noch sagen, wie dankbar ich für die tolle Arbeit meiner Frauenärztin und all der Pfleger und Pflegerinnen im Krankenhaus bin. Sie waren so einfühlsam und lieb und haben und die Möglichkeit gegeben, uns gut zu verabschieden. Dafür sind wir sehr dankbar.

Du magst vielleicht auch



1 comment

  1. Mein tiefes Mitgefühl für euren schrecklichen Verlust. Ich wünsche euch alles Gute für die Zukunft und dass ihr nicht lange auf euer Folgewunder warten müsst.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.