Laut und wild: Haben wir verlernt, mit aktiveren Kindern umzugehen

kaempfe

Liebe Lisa, früher haben wir uns oft Briefe hin und her geschrieben, in denen wir uns von unserem Alltag berichtet haben. Heute schreibe ich an Dich ein paar Zeilen, weil ich Deine Erfahrung als Jungs-Mama brauche. 

Weißt Du, ich hasse dieses Schubladen-Denken a la Mädchen machen Ballett und Jungs spielen Fußball. Ich achte da sehr darauf, dass meine Töchter alle Farben des Regenbogens anhaben und mein Sohn selbstverständlich auch Armkettchen tragen kann. 

Nun ist es aber so, dass ich einen Sohn habe, der gerade durch und durch der typische Junge ist – Du weißt, wie ich das meine. Er ist laut, wild, körperlich sehr aktiv. Mit Lego baut er nie Häuser oder Bauernhöfe, sondern immer Raumschiffe und Zerstörer. Die Playmobil-Figuren bewaffnet er und lässt sie gegeneinander kämpfen. Wenn er in seinem Zimmer mit Playmobil spielt, höre ich oft: "Achtung, ich töte dich." Oder "Nimm mein Schwert und mach ihn kaputt!

Wenn er einen Turm mit Bausteinen baut, kommt ein Auto geflogen und bringt den Turm zum Einstürzen. Wenn wir spazieren gehen, werden Stöcke zu Schwertern und der Wald zum Piratenversteck. Wenn sein Cousin da ist, rangeln die beiden auf dem Fußboden. Würde ich mit meinem Sohn in einen Spielzeugladen gehen und ihm freie Wahl lassen, bin ich mir sicher, er würde sich Pistolen und Schwerter aussuchen. 

So, Lisa und jetzt kommt meine Frage: Ist das normal für Jungs in seinem Alter? Waren Deine Jungs auch so?

Generell mache ich mir gerade viele Gedanke darüber, wie wir unsere Söhne erziehen wollen. Ich weiß noch, dass ich fast einen Schrecken bekam, als ich beim Ultraschalltermin gesagt bekam, dass es ein Junge wird. Ich hatte genau im Kopf, zu welcher Art Frau ich meine Töchter erziehen möchte – bei einem Sohn hatte ich viel weniger Ahnung. 

Manchmal habe ich den Eindruck, als habe unsere Gesellschaft verlernt, mit Jungs umzugehen. Überall liest man, dass Kinder frei und wild sein sollen. Dass sie lieber wie Pippi Langstrumpf sein sollen und nicht wie die brave Annika. Das hört sich in der Theorie immer ganz gut an, in der Praxis scheint es aber oft, als hätten wir verlernt mit einem energiegelandenen Kind umzugehen. Wir wollen die Lautstärke nicht aushalten (lieber sollen die Kids in ihrem Zimmer ruhig puzzeln). Wir finden es anstrengend, dem Bewegungsdrang nachzugeben (eine Stunde Spielplatz muss ja wohl reichen?!)

Bei uns ist tatsächlich so, dass es chaotisch wird, wenn mein Sohn nicht genügend Auslauf bekommt. Deshalb sind wir jeden Nachmittag mit den Rädern unterwegs, gehen schwimmen oder wandern durch den Wald. Ich möchte meinen Sohn auf keinen Fall ändern, aber natürlich erwische ich mich auch dabei, dass ich denke: "Puh, das ist anstrengend. Warum kann er nicht einfach mal ein Bild malen?"

Deshalb meine Frage, liebste Lisa: Muss ich mir Sorgen machen, dass sich gerade alles ums Kämpfen dreht? Hatten Deine Jungs auch Phasen, in denen sie körperlich unglaublich aktiv waren? Und: Hast Du auch manchmal den Eindruck, dass die Jungs weniger "beliebt" in der Gesellschaft sind? 

 

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10 comments

  1. Zwar ist der Artikel schon älter, aber es kommt mir so bekannt vor. Mein Sohn ist 7 und es fing mit 10 Monaten an. er konnte gerade so laufen und das erste, was er tut ist sich einen Stock schnappen und auf einen Busch eindreschen … auf einem Friedhof … mit viel Gebrüll. Das hat nie aufgehört. Ab 5 wurde es dann deutlich extremer. Er liebt es zu rangeln, rennen, fangen, toben und alles in ordentlicher Lautstärke. Er ist wild und dominant und man muss sich seine Position als „Alpha-Erwachsener“ immer wieder erkämpfen.
    Es hat lange gebraucht (auch viele Gespräche mit Psychologen) um zu erkennen, dass er einfach so ist und das gut ist.
    Trotzdem fühlt man sich angespannt, wenn aus der Schule wieder ein Anruf kommt, die schrägen Blicke, weil alle denken, man würde sein Kind nicht erziehen oder wäre überfordert.
    Ich hoffe einfach, dass sich das langsam mal verwächst und er etwas ruhiger und angepasster wird.

  2. Wilde Kinder
    Ich freue mich über das Thema. Ich habe zwei Söhne (fast 3 und fast 5) und besonders der große ist sehr energiegeladen und kämpferisch. Er tobt und freut sich über Explosionen, Abrissbagger und Krach. Der jüngere kann auch ganz entspannt malen oder basteln, aber im gemeinsamen Spiel sind es natürlich Oberchaoten.

    Es sind Waldkindergartenkinder und darüber bin ich sehr, sehr glücklich. Unser großer Sohn würde in einem typischen Regelkindergarten nicht zurecht kommen und vermutlich viel Fruststion erleben.
    Im Kindergarten sollen die Kinder ja im besten Fall singen, malen, ihre Konflikte ausdiskutieren (was ja an sich gut ist), aber selbst im modernen, freien Waldkindi sieht man diesen großen Unterschied zwischen den meisten Mädchen und den meisten Jungs. Während die Mädchen tendenziell ruhige, soziale Rollenspiele lieben, stundenlang basteln oder malen, kämpfen und schießen und wetteifern die Mehrheit der Buben, wo sie nur können. Im Wald klappt das wunderbar, aber in der „echten Gesellschaft“ ernten wir oftmals unverständige Blicke und Kommentare. Wilde Mädchen sind „selbstbewusst und stark“, Wilde Jungs „aggressive Tyrannen und zukünftige Schläger“ – oder einfach „außer Kontrolle“.

    In einer naheliegenden freien demokratischen Schule wurde mir letztens gesagt, dass es gerade deren oberste Priorität ist, Mädchen auf die Schule zu bekommen. Denn diese neuen Konzepte haben oft einen großen Zulauf von Jungseltern, deren Kinder nicht gut in das reguläre Schulsystem passen wollen. Mädchen sind oft anpassungsfähiger. Was im Übrigen bei Kindern bequem ist, aber in der Erwachsenenwelt sollen Frauen dann bitteschön möglichst typisch männliche Attribute aufweisen…

    Ganz wichtig ist mir zu ergänzen, dass Wildheit ein typisches Bubenthema ist, aber natürlich können auch Mädchen Rabauken sein. Ich war nach zwei großen Brüdern der wildeste, kleine Tornado, den meine Eltern je erlebt hatten. Ich hatte stets Probleme in der Schule, weil ich laut, anstrengend, zappelig, stark und wild war. Und ich habe sehr darunter gelitten, dauernd anzuecken. Denn so sehr ich es auch wollte: aus meiner Haut konnte ich nicht. Es ist nicht schön, der ewige Störenfried zu sein. Vermutlich habe ich deswegen so viel Mitgefühl mit den „anstrengenden“, aber eigentlich so kompetenten Jungs, die durch eine Erziehung, in der Disziplin und Gehorsam glücklicherweise nicht mehr oberstes Gebot sind, ihr Naturell zeigen dürfen.

  3. Ich finde es schade, dass es
    Ich finde es schade, dass es überhaupt eine Diskussion über zu aktive Kinder gibt. Wenn ich an meine Kindheit zurück denke, erinnere ich mich an lange Nachmittag im Schwimmbad, draußen Spielen auf Wiesn und im Wald. An ausgelachenes, lautes Lachen und viel Rennerei. Auch bei uns Mädels. Und das war gut so.

    Heute kommen dafür regelmäßig Studien heraus, die belegen, dass sich Kinder aktuell zu wenig bewegen und viel zu viel sitzen. Die langen Unterrichtstage, das Daddeln am iPhone oder das Sitzen vorm Fernseher fördern doch Bewegungsmangel und Inaktivität.

    Ich sehe ehrlich gesagt kaum noch Kinder am Nachmittag draußen rum rennen so wie ich das aus meiner Jugend kenne. Ob ich es besser finde? Ehrlich gesagt nicht.
    Deswegen finde ich es toll, wenn meine Kinder (zwei Jungs) draußen rumrennen, toben, kämpfen, hüpfen und laut spielen. Das gehört zu einer gesunden Entwicklung und ist bei Jungs zudem Phasenweise noch stark Testosteronabhängig. Der Familientherapeut Steve Biddulph schreibt dazu, dass das Testosteronlevel bei Jungs niedrig ist, bis zum Alter von etwa vier Jahren. Dann steigt es auf etwa das doppelte an. Kein Wunder also, dass Jungs dann aktiver und raubeiniger werden.

    Wenn wir das einschränken und begrenzen bekommen unsere Kinder jedoch die Message, das sie so wie sie sind nicht gut sind. Was aus meiner Sicht auch nicht die richtige Botschaft ist. Vielleicht sollten wir stattdessen auch die Mädels mal dazu animieren ausgelassen herum zu toben und mal wild zu sein. Denn meiner Erfahrung nach, haben die auch jede Menge Spaß daran.

  4. Ja
    Ich habe 2 Jungs. Beide laut und lebhaft und zusammen noch viel lebhafter und lauter.
    Man eckt an. Mit nur Mädchen-Müttern haben wir keinen Kontakt mehr wehen fehlenden Verständnisses.
    In der Schule gab es im 1. Schuljahr sofort Stress wegen Nicht-stillsitzens inklusive der Bitte ADHS prüfen zu lassen. Haben wir nicht gemacht. Heute, 2 Jahre später ist es besser.
    Die Jungs betreiben viel Sport, Vereinssport min. 3-4 mal die Woche. Wie viele ihrer Altersgenossen. Das hilft.

  5. Bei uns genauso
    Also ich den Text las, musste ich lachen 🙂 mein Sohn ist 3einanhalb und sogar noch schlimmer. Er geht in den Waldkindergarten, somit immer draussen, aber nach der Kita geht’s nochmal zum Spielplatz bis zum frühen Abend. Er hat einfach so viel Energie und das finde ich super. Ich mag diese blöden Sprüche nicht „der fällt ja abends dann ins Koma“ ! Nein, warum? Es ist jeden Tag so und sein Körper hat sich ja dran gewöhnt an dieses Austoben. Nach dem Spielplatz, lesen wir zu Hause ein Buch zusammen oder es darf auch mal eine Folge dvd geschaut werden ,(Wicki, Sindbad o.ä.) Ich bin froh, dass er so ist, wie er ist.
    Seine Kleine Schwester (2 Jahre Jünger) ist aber schon genauso 🙂 sie nimmt auch ein Stock und rennt damit durch die Gegend als wäre es ein Laser-Schwert 😉 mach dir keine Gedanken, so soll es sein. Natürlich ist es auch anstrengend, aber am Ende vom Tag weißt du, dass das Kind einen riesen Spaß hatte und dann ist man doch auch glücklich 🙂

  6. Kenne ich
    Mein Sohn ist auch so, aber dabei auch total ehrgeizig und gelehrig! Mit der Weile ist er 7 und hat noch immer ganz viel Spaß an Sport und Bewegung… wenn es ihm in den Sinn kommt läuft er zu Hause schon mal die Türrahmen hoch… Er war auch schon immer total aktiv, was auch immer mal wieder auf Unverständnis stieß! Um so begeisterter bin ich, dass in Schule und Hort darauf eingegangen wird, es werden so viele tolle Bewegungspiele gespielt und auch ganz viele Geschicklichkeitsübungen gemacht, er liebt es! Auch im Kindergarten wurde drauf eingegangen, dass so viele aktive Jungs in der Klasse waren… sie durften regelmäßig mit Kissen in der Kuschelecke kämpfen! Mein Sohn war auch 2 Jahre beim Ringen im Verein, dort hat er körperliche Auseinandersetzung innerhalb von Regeln gelernt und eine Wahnsinnige Körperbeherrschung erlernt. Doch Ende des letzten Schuljahres hatte er keine Lust mehr auf „kämpfen“ und hat aufgehört. Auch in der Freizeit spielen Kämpfe keine Rolle mehr, jetzt sind Ballspiele und Akrobatik der Renner! Also mein Eindruck ist, dass „Liebe Kinder“ meist die ruhigeren Kinder sind, aber wer viel mit Kindern zu tun hat, auch gerne auf den Bewegungsdrang der Jungs eingeht… Meine Tochter spielt übrigens wirklich ganz klischeemäßig gerne ruhig mit Puppen und malt in Massenproduktion…

  7. Hier genauso
    Hallo. Mein 4-jähriger ist genauso. Immer laut und wild. Seine ältere Schwester ist das Gegenteil. Eigentlich…. Wenn die beiden sich einig sind, dann ist nur noch Geschrei, Gekloppe und Geheule. Das ist anstrengend. Das ist nervig. Ja, aber wir sollten Kinder einfach Kinder sein lassen. Austoben lassen. Und wenn es zu brutal wird, werden die beiden für ein halbe Stunde getrennt. Es ist nicht einfach, aber ich glaube bzw. hoffe es ist normal. LG NADINE

  8. Alles ist neu
    Wir haben es nicht verlernt. Für uns ist es einfach neu, Kinder zu haben, oder? Wir hatten ja vorher noch keine und haben es uns vielleicht anders vorgestellt? Bewegungsdrang ist ja eigentlich nichts schlechtes, denn es hält gesund und fit.

    Du hast nicht angeführt, wie alt dein Kind ist? Meine Töchter sind schon 5 und fast 4 und nachmittags ganz viel mit Freundinnen im Innenhof am Toben. Gestern erst hatte die Mini mit ihrer Freundin sehr viel Spaß, auszuprobieren, ob die eine Fahrrad fahren kann und die andere dabei auf dem Gepäckträger sitzen kann. Die Kinder sind einfach zusammen aktiv (aber nicht so wild wie dein Sohn. Sie puzzeln, malen und „lesen“ auch gerne mal); da muss ich nicht mehr zwangsläufig mitmachen.

  9. Mein Sohn ist genau so und das ist wunderbar!
    Hallo, ich möchte nur kurz mitteilen, dass mein vierjähriger Sohn (fast) genauso ist… und ich find es erschreckend wie oft mir gesagt wird: „Dein Kind hat aber viel Energie“ oder „Der muss heut Abend ja todmüde ins Bett fallen“ etc. Bei uns kommt noch hinzu, dass mein Sohn ein afro-deutsches Kind ist und da wird die „Wildheit“ oft unmittelbar seiner (ethnischen) Herkunft zugesprochen, aber das ist ein anderes Thema.
    Ich bin mit meinem Sohn seit seiner Geburt viel Draußen gewesen… sobald er auch nur sitzen konnte, hat er im Park oder im Sandkasten mitgemacht… Er gehört zu den Kindern, die sich keine Gedanken über sandige Klamotten oder Dreck im Gesicht machen müssen… Wir lieben es beiden die Welt zu erkunden (auch wenn es wirklich manchmal lange und anstrengende Tage sind). Solch ein „Lebensstil“ fördert den freien Drang, das laut sein und rumtoben!
    Die meisten Menschen – da draußen – sehen nicht, wenn mein Sohn sich in seine Bücher vertieft, wunderbare Rollenspiele mit seinen Tieren erfindet oder mit mir im Bett kuschelt und Geschichten erzählt. Wenn mein Sohn fragt „Mama, können wir jetzt Kämpfen spielen!“ und laut loslacht, wenn ich Ihn auf dem Bett umherwerfe… dann sieht und v.a. hört man doch… unsere Jungs sind gesund und haben Spaß am Leben!

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