Als Feministin Söhne großziehen: Vom Gefühl, die Söhne zu verteidigen

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Ihr Lieben, heute schreibt eine ganz großartige Frau bei uns: Shila Behjat. Sie ist Journalistin (Shila und ich waren zusammen auf der Journalistenschule) und Publizistin mit iranischen Wurzeln, berichtete von der UN-Frauenrechtskommission, später war sie Chefredakteurin des ARTE Magazins. Heute schreibt sie Bücher, ist gefragte Speakerin und setzt sich für etliche wichtige Themen ein.

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Shila Behjat. Foto: Neda-Rajabi

Shila ist außerdem Mutter von zwei Söhnen und wie sie diese beiden Jungs großzieht, darüber hat sie nun das Buch „Söhne großziehen als Feministin: Ein Streitgespräch mit mir selbst*“ geschrieben. In diesem Buch erzählt sie, wie die Söhne im Alltag so manches Rollenmuster ins Wanken bringen. Persönlich und ungemein berührend erzählt sie anhand ganz alltäglicher Situationen, wie das Leben mit zwei heranwachsenden Jungs ihre feministische Haltung verändert hat. Auch für uns hat sie ihre Gedanken aufgeschrieben, dafür danken wir ihr sehr. Und euch empfehlen wir von Herzen ihr Buch! Außerdem findet am 21.2 eine Lesung mit Shila in Berlin statt, mit dabei ist auch Mareice Kaiser. HIER könnt ihr Tickets erwerben! (*Affiliate Link)

Als Feministin Söhne erziehen

„Ich habe kürzlich gespürt, was mich tatsächlich zufrieden machen könnte. Also, tief in mir, satt und voll, dieses Ja, so ist es gut zu hören. Es ist gekommen, als endlich mal alles zusammenpasste. Meine Wünsche, meine Werte, meine verschiedenen Rollen und mein tatsächliches Leben. Ich bin Feministin. Und ich bin Mutter von Söhnen. Und gemessen an der Zeit, die wir vermutlich aktiv und intensiv mit unseren Kindern verbringen, habe darin lange einen irrsinnigen Widerspruch verspürt. 

Mädchen können nicht nur das, was Jungs können. Mädchen können einfach. Und sie sind verdammt nochmal jetzt dran. Auf den Treppchen bei den Bundesjugendspielen genauso wie in den Vorstandsetagen. Auf dem Mond und im Kanzleramt. Die Frauen sind dabei, die Männer abzulösen. Nur gerecht ist das nach Jahrtausenden der Unterdrückung. Zeit der Girl Power, die Generation der Power Girls, Power Frauen, Sheroes. Can´t hold us down. Nobody. 

Mit diesem Sound bin ich großgeworden. Und was soll ich sagen …. als Frau und Feministin denke ich immer noch, dass das richtig ist. Dass es das ist, was ich für mich will und fordere, für meine Nichten und die Töchter meiner Freundinnen. 

Meine Söhne sind nicht nur männlich gelesen, sie sind noch dazu blond. Die Ausgeburt des weißen Mannes. Als ihre Mutter habe ich mich oft gefragt, wo sie in all dem eigentlich bleiben. 

Es gibt feministische Gedanken, Schriften und Akteurinnen, die Existenz von Männern an und für sich als das Problem sehen. Nun, darin war für mich jetzt nichts mehr zu finden, wobei ich diese Radikalität nie gelebt hatte. Was also nun, frage ich mich. 

Der Feminismus, wie ich ihn gelernt habe, der mit der ganzen Power, hatte zwei Antworten für mich parat. Erstens, zu verhindern, dass meine Söhne zu Arschlöchern werden. Zweitens, sie zu Feministen zu machen. 

Auf die erste war ich selbst gekommen. Und zwar in dem Moment, den wohl jede Mutter kennt. Wenn die Frauenärztin etwas sieht oder nicht. Bei mir sah sie zweimal +Etwas+ und ich dachte. Er darf bloß keiner dieser Männer werden, die, die auch mich erniedrigt, klein und lächerlich gemacht, objektiviert und dafür gesorgt haben, dass mein Leben unsicherer ist als wenn es sie nicht gäbe.  Die zweite begegnete mir, wenn ich versuchte, Orientierung zu finden. Raising feminist sons. How to raise a feminist son. usw. 

Irgendwann wurde das Störgefühl darüber so groß, dass ich begann darüber zu schreiben. Denn ist es nicht genau das, was uns Feministinnen stört, ob wir uns nun so bezeichnen oder nicht. Dass daraus, dass wir Frauen sind etwas pauschal geschlossen wird. Dass wir deshalb auf jeden Fall dies, das oder jenes sind, nicht können oder besonders mögen. Mein Leben lang habe ich mich gegen genau das gewehrt. Und bei meinen Söhnen jedoch ging man davon aus, dass der Normalzustand, sozusagen die Werkseinstellungen bei ihnen die des Unterdrückers ist. Und dass es ein gaaaaaaanz schönes Stück Arbeit ist, aber dass diese nun also beinahe gewaltsam geändert gehören. 

Jede Mutter weiß, dass jedes Kind alles in sich trägt. Gerechtigkeit und Brutalität. Liebe und Egoismus. Meinen Söhnen per se abzusprechen, dass sie nicht von sich aus fair, liebevoll und empathisch sein könnten, empfand ich mehr und mehr einen Verstoß gegen jene Gerechtigkeit selbst, die der Feminismus doch vehement verteidigt. Mädchen sind stark, das müssen sie heute nicht mehr beweisen. Sie können alles. Jungs können das auch. Ist es so schwer, ihnen das zuzugestehen.

Das latente Misstrauen, dass meinen Kindern so oft entgegengebracht wird, Jungs sind laut, sind wild, machen ALLES kaputt, macht mich traurig und wütend. Oft kommt es nämlich von solchen Menschen, die sich voll dem Empowerment von Mädchen verschrieben haben, oft sind es Mütter von Mädchen, die so etwas sagen. Und dann spüre ich, wie sie mich beinahe mitleidig ansehen. Die Arme, mit zwei Söhnen. Die Autorin, Feministin und Wissenschaftlerin Mithu Sanyal hat eben diese Erfahrung dazu bewogen, einen wütenden, emotionalen Text auf dem Blog pinkstinks zu veröffentlichen. Überschrift. I will always love my male child. 

Und deshalb auch mein Titel. Söhne verteidigen. Ich möchte warmherzige, offene, bewusste Menschen erziehen. Im Gegenzug erwarte ich, dass sie als genau diese Menschen erkannt und nicht für das, was sie äußerlich darstellen, pauschal verurteilt werden. Und sicher, ich möchte, dass sie die feministischen Ideale verinnerlichen. Aber nicht, weil ich denke, dass nur feministische Söhne richtige Söhne für mich sind. Von einer Mutter von Töchtern erwarten wir das ja in dieser Form im Moment auch nicht.

Nein, sondern, weil ich denke, dass das Ende der Unterdrückung, von brutalem Wettbewerb und Ausbeutung uns alle angeht. Frauen sind die Opfer männlicher Gewalt und Männer sind es auch. Unser Planet ist bedroht durch ein System, das dieselben gierigen, verachtenden Facetten zeigt wie die Unterwerfung von Frauen und anderen Minderheiten. Dafür braucht es mehr als Frauen an der Macht.

Unsere Kinder sind so oft ein Spiegel, der ungeschönt und ehrlich zurückgibt, was wir nach außen tragen. Meine Söhne haben mich meinen Feminismus neu sehen und tatsächlich stärker werden lassen. Denn wer für sich selbst Gerechtigkeit einfordert, muss denselben Anspruch an sich selbst gelten lassen. Wie gerecht bin ich mit anderen, wie gerecht sind die, die meine Söhne mit vorgefertigten Mustern begegnen. Nicht sonderlich. Und das jedoch hinzubekommen, Tag für Tag. Das könnte es für mich sein, um zufriedener zu werden.“

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16 comments

  1. Ich war raus bei „meine Söhne sind männlich gelesen“!
    Den Rest der möglicherweise durchaus interessanten Gedanken der Feministin werde ich mir nicht antun, ebensowenig wie das Buch lesen oder eine Lesung besuchen.

  2. Hm, klingt vielleicht trivial, aber ist die Lösung nicht, alle Kinder gleichermaßen dem Weg, ein gesund selbstbewusster und empathischer Mensch zu werden zu begleiten? Wenn als Individuum niemand per se durch das Geschlecht (und rollenspezifische Erziehung) das Gefühl hat, mehr Rechte, mehr Macht, mehr Privilegien zu haben, würde das die Welt und die Gesellschaft doch schon ein Stück besser machen? Frauen sind, trotz aller Benachteiligung, ja nicht im Allgemeinen die besseren Menschen. Männer auch nicht.

  3. Irgendwie finde ich es einwenig traurig (oder auch seltsam), dass die Autorin zuerst 2 Söhne bekommen musste, um zu solchen Erkenntnissen zu kommen und das als bekennende Feministin , die sich schon jahrelang mit diesem Thema beschäftigt hat. Nichts ist einfach nur schwarz oder Weiss. Dies soll kein persönlicher Angriff sein…..

  4. Ich habe das Gefühl, da kann mal wieder jemand Makro- und Mikroebene nicht auseinanderhalten. Natürlich ist nicht jeder Junge ein Rabauke, genausowenig schlägt jeder Mann seine Partnerin oder benachteiligt sie bewusst. In den gesellschaftlichen Strukturen ist es aber dennoch angelegt, dass Frauen benachteiligt werden, Männer leichter ihre Wünsche verwirklichen können und tendenziell mehr vom Kuchen abbekommen. Ist eigentlich nicht so schwer zu verstehen.

    1. Jein, Männer setzen sich mehr durch. Frauen nicht, daß liegt aber an den Frauen selbst! Nicht an den Männern. Diese freiwillige Opferhaltung nehmen Frauen lieber ein, statt Eigenverantwortung zu übernehmen, zu handeln. Dafür Anderen ( der “ Gesellschaft“, dem “ System“) die Schuld zu geben zeigt warum Frauen wirklich benachteiligt sind. Solange ich nicht die volle/ alleinige Verantwortung für mich übernehme, bin ich nicht gleichwertig/ frei. Wenn ich stattdessen nur über Andere klage, bin ich passiv.

      1. Jeder ist seines Glückes Schmied ist auch so ein neoliberales Märchen, deswegen aber noch lange nicht wahr. Und wälzt die Verantwortung halt wieder – in dem Fall – auf die Einzelne ab, ohne wirklich was an Strukturen zu ändern. Es gibt zahlreiche Studien dazu, warum beispielsweise Frauen sehr viel schwerer in Führungspositionen gelangen. Und das hat nichts damit zu tu, dass die alle nur jammern und nichts selbst in die Hand nehmen. Und dass Frauen das im Einzelfall auch KÖNNEN, ändernt nichts an den zu Grunde liegenden Strukturen. Mikro – und Makroebene – wie zu Beginn schon gesagt – sind zwei Paar Stiefel.

    2. PS.Sie haben es eigentlich schon richtig geschrieben, Männer KÖNNEN das. Frauen auch, wenn sie das wollten und nicht darauf warten ans Händchen genommen zu werden ( Frauenquote…). Frauen wollen das aber offenbar nicht können, sonst würden sie es ja tun!

    3. Ist das so?
      Männer haben heute häufiger einen schlechteren Bildungsabschluss als Frauen, leben öfter in Armut, sind öfter in prekären Jobs beschäftig, begehen häufiger Suizid, haben eine geringere Lebenserwartung. Ich spreche natürlich für Deutschland.
      Die Rosinenpickerei der sogenannten Feministen geht mir auf den Keks. Dann bitte auch Gleichberechtigung auf dem Bau, der Müllabfuhr, beim Paketdienst und beim Militär. Und nicht nur in den Vorstandsetagen.

  5. Hallo,
    Ein tolles Thema – leider verstehe ich die Aussage nicht ganz.
    Ist das eine Beschwerde, dass Jungs auf Vorurteile treffen?
    Ja, mein Sohn ebenfalls auf dem Gymnasium, Jungs werden da schneller bestraft. Aber: das Leben ist nicht 100% gerecht. Da muss er durch. Ich nehme ihn in der Arm und gut ist.
    Meine Tochter wird viel schlimmere Ungerechtigkeiten erleben. Leider.

    Blonde Jungs aus einer gut situierten Familie sind die letzten in unserer Gesellschaft, die sich beschweren dürfen.

    Das klingt jetzt wenig emphatisch, aber es gibt so viel größere Probleme.

  6. Ich empfinde den Beitrag als sehr schwammig. Hier werden viele Worte für wenig Aussagen verwendet. Ich hätte mir das schon etwas genauer gewünscht. Konkrete Beispiele fehlen. Viel Wirbel und wenig Aussage bringt es auf den Punkt.
    LG Sarah

  7. Spannend. Ich habe drei Söhne und die Vermutung, es wäre bei uns bestimmt wild und trubelig, weil Jungs, finde ich auch immer befremdlich. Ja, es ist trubelig, weil jedes Kind sein eigenes Temperament mitbringt…

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