Ein Kleeblatt voll Jungs: „Ich hätte mir so sehr ein Mädchen gewünscht“

Schwangerbauch

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Ihr Lieben, viermal hat unsere Leserin Kristin Peukert auf den Moment hingefiebert, in dem sie erfuhr, ob sie ein Mädchen oder einen Jungen erwartet. Und jedes Mal war die Antwort: Ein Junge! Dabei hätte sie sich so sehr auch ein Mädchen gewünscht. In ihren Vorstellungen war einfach immer auch ein Mädchen an ihrer Seite gewesen. Wie geht man damit um? Darf man diese Enttäuschung überhaupt ansprechen? Sie findet: JA. Denn jedes Gefühl ist erlaubt, auch wenn es ein Tabu ist. Darum hat sie nun ein Buch über Geschlechtsenttäuschung in der Schwangerschaft geschrieben: Ein Kleeblatt voll Jungs: Gender Disappointment – wenn das Wunschgeschlecht nicht kommt.

Ein Kleeblatt voll Jungs: Gender Disappointment – wenn das Wunschgeschlecht nicht kommt

Liebe Kristin, du hast vier Söhne, ein Kleeblatt – wie du es nennst. Lange Zeit hast du darunter gelitten, dass du kein Mädchen bekommen hast. Was war das für ein Gefühl? Wie Liebeskummer in etwa?

Es waren zwischenzeitlich wirklich Gefühle von tiefer Traurigkeit, wie man sie bei einem schweren Verlust erlebt. Liebeskummer kann sicher ähnliche Gefühle hervorrufen, wenn man das Gefühl hat, ohne diese eine Person nicht leben zu können.

Ab wann hattest du diese Gefühle?

Tatsächlich sind mir diese Gefühle schon in meiner Kindheit begegnet. Ich habe eine männliche Babypuppe zu Weihnachten geschenkt bekommen und geweint, weil ich mir eine Mädchenpuppe gewünscht habe.

Wie hast du schließlich reagiert, als auch das vierte Kind ein Junge war?

Die kurze Antwort wäre, ich war einfach glücklich. Da der Weg dahin aber definitiv nicht kurz war, hole ich gern etwas aus. Als der Wunsch nach einem vierten Kind aufkam, war mir klar, ich möchte nur ein Baby, wenn es auch ein Junge sein darf. Eines Morgens huschten meine Jungs an unserem Schlafzimmer vorbei. Das war irgendwie magisch und in dem Moment wusste ich, dass ich ein Baby möchte und nicht primär eine Tochter.

Als mir meine Ärztin in der 17. Schwangerschaftswoche sagte, dass sie auf einen Jungen tippen würde, war ich traurig, aber in dem Moment war es nicht mehr die Trauer, dass ich keine Tochter bekomme, sondern weil ich mir für diese Schwangerschaft so sehr gewünscht hatte, dass das Thema gar nicht mehr da wäre. Ich wollte einfach mal eine unbeschwerte Schwangerschaft erleben. Mir diese wichtige Veränderung in meinem Prozess, also vom Tochterwunsch zum Wunsch nach einer unbelasteten Schwangerschaft, bewusst zu machen, hat mir nochmal sehr geholfen.

Beim Organschall in der 21. Woche sagte ich, bevor die Ärztin zum Geschlecht schallte, innerlich aus vollem Herzen zu meinem Baby, es darf werden, was es möchte. Kurz darauf hörte ich meine Ärztin sagen: „Es wird ganz sicher, eindeutig ein Mädchen.“ Fürs Erste war ich hocherfreut. Da war er der Moment, den ich mir so lange gewünscht hatte. Als ich kurz darauf auf dem Weg nach Hause war, ging es mir aber ganz anders als erwartet. Das Gefühl lässt sich vielleicht am besten mit dem Kauf von etwas, das man sich schon lange gewünscht hat, vergleichen. Man freut sich kurz und dann erkennt man, dass das Glück nicht davon abhängt. Für mich war das definitiv ein Schlüsselmoment.

Den Rest der Schwangerschaft war das Geschlecht nicht noch einmal zu sehen. Ich hatte eine absolute Traumgeburt zu Hause und als mein Mann unser Baby aus dem Wasser hob, bemerkte er, dass unserem Mädchen doch etwas zwischen den Beinen gewachsen war. Wir haben einfach gelacht. Ich war nicht einen Moment enttäuscht und bis heute ist das Thema nicht mehr da gewesen. Mein Tochterwunsch wurde für mich mit unserem vierten Kind mitgeboren und ich konnte ihn endlich loslassen.

Warst du auch mal neidisch auf andere Mütter?

Ja, solche Momente gab es. Wobei ich das Gefühl selbst eher mit Sehnsucht gleichsetzen würde, weil ich nie einen meiner Söhne hätte tauschen wollen, sondern einfach gern noch eine Tochter dazu bekommen hätte. Einfache Trigger-Momente waren z.B. im Urlaub, wenn ich beobachtet habe, wie eine Mutter ihrer Tochter einen Zopf macht, bevor diese in den Pool springt. Also ziemlich klischeehaft würde ich sagen.

Wie genau hast du dir ein Leben mit einer Tochter vorgestellt?

Das ist eine interessante Frage, denn wenn ich darüber nachdenke, hatte ich gar keine Vorstellung von einem Leben mit meiner Tochter. Vielleicht auch, weil es am Ende eben nie wirklich um den Tochterwunsch selbst ging, sondern er nur für ein Thema stand, welches beachtet werden wollte.

Wie ging es deinem Mann mit dem Thema? Konntest du mit irgendwem über deine eigene Enttäuschung reden?

Als ich mein Buch geschrieben habe, stellte ich ihm genau diese Frage. Er sagte, dass er zwar schon früh von meinem Tochterwunsch wusste, aber dass ihn die Heftigkeit meiner Gefühle schon sehr überrumpelt hätte. Für ihn war das Geschlecht unserer Kinder nie ein Thema. In den ersten beiden Schwangerschaften hat er mich einfach in den Arm genommen und meine Gefühle nicht bewertet.

Nach der Geburt unseres dritten Sohnes war es anders. In einem Streit hat mir seinen Ehering entgegengeworfen und für mich war das definitiv der Moment an dem ich dieses Thema endlich hinter mir lassen wollte. Nach dem ersten Jungsouting in der Schwangerschaft mit unserem vierten Sohn hatten wir auch ein sehr schönes Gespräch, wo ich ihm zum ersten Mal meine Gefühle beschreiben konnte. Das tat unglaublich gut.

In all den Jahren hat mich außerdem meine beste Freundin immer begleitet. Sie war so wunderbar wertfrei, dass ich mich wirklich voll und ganz öffnen konnte. Das hat mir unglaublich geholfen, meine Gefühle anzunehmen und letztendlich heilen zu können.

Nun hast du ein Buch über Gender Disappointment geschrieben und zeigst, dass viele enttäuscht sind, die meisten es aber nicht zugeben. Richtig?

Ich habe in jedem Fall festgestellt, dass Gender-Disappointment weltweit und auch gar nicht so selten vorkommt. Es gibt allerdings unterschiedlich starke Ausprägungen von Enttäuschung. Ich denke fast jeder hat ein Wunschgeschlecht, aber bei vielen ist die Enttäuschung, wenn es dieses nicht wird nur von kurzer Dauer.

Unter Gender-Disappointment sind für mich tatsächlich nur die Fälle zu verstehen, bei denen die Gefühle von Enttäuschung und Traurigkeit die weitere Schwangerschaft und oft auch die Zeit danach überschatten. Im Internet konnte ich so viele Beiträge von betroffenen Müttern auf Blogs und in Foren finden, aber ein Buch gab es nur in englischer Sprache. Deshalb war es wirklich ein Herzensprojekt dieses Thema in einem Buch zu veröffentlichen und es damit sichtbar zu machen.

Warum meinst du, ist das ein solches Tabu und kannst du das verstehen?

Ich glaube in unserer Gesellschaft wird eine Enttäuschung vom Babygeschlecht oft mit einer Abwertung des Babys gleichgesetzt. Aus diesem Grund wird Betroffenen häufig mangelnde Liebe und fehlende Wertschätzung gegenüber ihren Kindern unterstellt. Sie bieten mit diesem Thema zudem Anderen eine große Angriffsfläche, die selbst Themen in Bezug auf eine gesunde Schwangerschaft haben. Sei es, dass sie ungewollt kinderlos sind oder ein Kind mit gesundheitlichen Einschränkungen haben. Interessanterweise gibt es unter dieser Gruppe von Frauen aber ebenfalls Fälle von Gender-Disappointment.

Hinzukommt, dass Betroffene nicht selten selbst von ihren Gefühlen überrascht werden. Ich habe bei meiner Recherche zum Buch einen Beitrag gelesen, wo eine Mutter absolut von der Aussage „Hauptsache gesund“ überzeugt war. Als sie dann selbst schwanger wurde, hatte sie jedoch plötzlich mit diesen Gefühlen zu kämpfen. Damit fällt es noch schwerer darüber zu sprechen, da sich Mütter und Väter selbst für diese Gefühle verurteilten. Ein weiterer Aspekt ist natürlich auch, dass niemand Gefühle von Enttäuschung und Traurigkeit gegenüber seinem Kind haben möchte und es damit schon gewissermaßen verbotene Gefühle werden.

Was hast du während des Schreibens und während der Recherche über dich selbst gelernt? Was steckte hinter deinem Wunsch nach einem Mädchen?

Der Verlag wünschte sich ein Sachbuch und nicht einfach meine Geschichte. Das war eine interessante Herausforderung, da ich mich dem Thema so noch einmal auf einer komplett anderen Ebene auseinandersetzen konnte. Zum einen fand ich es sehr spannend, dass Eltern, die von Gender-Disappointment betroffen sind, offensichtlich einen kompletten Trauerprozess durchleben und meiner nun abgeschlossen ist.

Zum anderen waren die Gründe für das Wunschgeschlecht sehr beeindruckend. Es war interessant zu sehen, wie unterschiedlich diese sind und dass sie bei den meisten wirklich gar nichts mit dem Kind zu tun haben. Bei mir persönlich gab es nicht nur ein Thema was sich hinter meinem Tochterwunsch versteckte. Unter anderem glaube ich, dass ich einen Ausgleich für meine Mutter schaffen wollte, da diese von ihren Eltern als Junge gewünscht war. Das würde auch erklären, warum dieses Thema sich bereits in meiner Kindheit gezeigt hat. Ich habe außerdem festgestellt, dass ich den männlichen Anteil in mir ablehne, so dass ich mich mit Söhnen natürlich damit auseinandersetzen muss.

Die Befürchtung, deine Söhne könnten erfahren, dass du lieber ein Mädchen bekommen hättest, macht die dich unruhig?

Bei dieser Frage sind wir gewissermaßen wieder beim Tabu und dass man seine Kinder natürlich nicht verletzten möchte. Ich bin mit dem Thema einfach offen umgegangen. Sie wissen, dass ich ein Buch geschrieben habe und sie kennen auch das Thema. An der Stelle möchte ich aber auch nochmal sagen, dass sich Gender-Disappointment selten auf das Kind, das man bekommen hat, bezieht.

Es geht viel mehr um den Verlust des Kindes, das man nicht bekommen hat. Die Aussage, dass ich lieber ein Mädchen als einen meiner Söhne bekommen hätte, ist in dem Sinne dann auch nicht stimmig. Vor meinem vierten Sohn hätte ich an der Stelle gesagt, dass ich mir zu meinen Söhnen noch eine Tochter wünsche. Jetzt fehlt mir einfach nichts mehr.

Eine kleine Geschichte fällt mir zu dem Thema noch ein. Einer meiner Söhne wurde nach der Geburt unseres vierten Sohnes von seiner Erzieherin gefragt, ob wir enttäuscht gewesen wären, weil es nun noch ein Bruder geworden ist. Er sagte: „Vielleicht hätten wir ein Mädchen einfach nicht so liebgehabt.“ Das hat mir gezeigt, sie fühlen sich geliebt, so wie sie sind und wie es auch ist.

Wie hast du es geschafft, dich mit der Situation anzufreunden bzw. zu arrangieren?

In den ersten beiden Schwangerschaften war da immer der Gedanke, dass ich noch weitere Kinder bekommen kann und dann bestimmt ein Mädchen. Auch in der Zeit habe ich bewusst an dem Thema gearbeitet, aber immer noch mit dem Ziel, irgendwann eine Tochter zu haben. Auch wenn sich das vielleicht befremdlich anhört, hatte ich zu dieser Zeit das Gefühl, noch keine Tochter verdient zu haben und sie zu bekommen, wenn ich genug an mir gearbeitet habe.

Nach der dritten Schwangerschaft hat sich dieses Ziel dann verändert. Es ging nicht mehr darum eine Tochter zu bekommen, sondern meine Kinder bedingungslos zu lieben und sollte ich eben noch mal schwanger werden, eine Schwangerschaft frei von diesem Thema zu haben. Genauso ist es ja dann in der vierten Schwangerschaft gekommen, wenn auch vielleicht noch mit einem kleinen Schatten in der Schwangerschaft. Ich habe nun nicht mehr das Gefühl, ich müsste mich mit irgendetwas anfreunden oder arrangieren, sondern es ist alles genauso richtig, wie es ist. Aus einem „Ich liebe dich, auch wenn du ein Junge bist“ wurde ein schlichtes „Ich liebe dich.“

Was möchtest du Eltern mit auf den Weg geben, die vielleicht auch grad enttäuscht sind?

Diesen Eltern möchte ich vor allem raten, dass sie ihre Gefühle anerkennen und sie nicht wegschieben, weil sie vielleicht nicht ins Bild passen. Offen darüber zu sprechen kann schon sehr viel heilen. Wichtig ist mir aber vor allem die Botschaft, dass diese Gefühle meistens gar nichts mit dem Kind und der Liebe zu ihm zu tun haben, weshalb sie sich trauen sollten ihre Gefühle zu ergründen.

Neben den Eltern mit diesem Thema möchte ich aber auch allen anderen gern mitteilen, offener zu sein und andere nicht zu verurteilen. Jeder Mensch hat seine ganz eigenen Themen und deshalb sollten wir niemanden – egal in welchem Thema – bewerten, nur weil wir diese Gefühle nicht nachvollziehen können. Gefühle haben immer eine Berechtigung, egal ob sie uns gefallen oder nicht. Anderen einfach zuzuhören kann so viel Positives bewirken.

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22 comments

  1. Ich bin selbst stolze Mama eines wundervollen Jungen (2 Jahre alt) und gerade mit Kind Nr. 2 schwanger. Tatsächlich hätte ich gehofft, dass es ein „Pärchen“ gibt – d.h. diesmal ein Mädchen. Aber als vor kurzem die Nachricht kam, dass es ein zweiter kleiner Prinz wird, habe ich mich (nach anfänglicher Enttäuschung) trotzdem gefreut. Leider konnte sich meine Schwiegermutter den völlig überflüssigen Kommentar nicht verkneifen, dass dann die Cousine meines Sohnes die „einzige Prinzessin“ bleibe. Im ersten Moment habe ich mich über diese Aussage sehr geärgert, zumal gerade sie – selbst Mutter von zwei Söhnen mit unerfülltem Tochterwunsch – es hätte besser wissen sollen. Aber dann schaute ich mir meinen süßen kleinen Sohn und seine Cousine (beide im gleichen Alter) an und dachte, um nichts in der Welt würde ich meinen Sohn gegen irgendein Mädchen eintauschen! Der Charakter ist letztlich doch viel entscheidender! Und mein Sohn ist ein absoluter Sonnenschein, total verschmust und extrem empathisch. Seine Cousine hingegen ist zickig und heult eigentlich fast andauernd nur herum, weil irgendetwas nicht so läuft, wie Madam es gerne hätte. Sollten alle Mädchen so sein – und mir ist natürlich bewusst, dass der Charakter nur unwesentlich mit dem Geschlecht zusammenhängt -, dann verzichte ich gerne auf die „Prinzessin auf der Erbse“.

    Ich bin übrigens in der 14. Schwangerschaftswoche und weiß das Geschlecht meines Bauchzwerges nur deshalb, weil ich (Mitte Dreißig) mich für den Praenatest entschieden habe. Mir ist bewusst, dass dies noch einmal ein ganz anderes Reizthema ist. Und ich will ehrlich sein: Ich bin unendlich froh und dankbar, dass das Ergebnis im Hinblick auf Chromosomenstörungen völlig unauffällig war, weil ich nicht gewusst hätte, wie mein Mann und ich uns entschieden hätten, wenn das Testergebnis anders ausgefallen wäre. (Z.B. im Hinblick auf Trisomie 13 und 18, bei dem die Überlebens- und Lebenschancen nur sehr eingeschränkt wären.)
    Wir haben einen solchen Test übrigens bereits bei der ersten Schwangerschaft durchführen lassen und auch schon damals ein negatives (sprich unauffälliges) Testergebnis gehabt – und schließlich dennoch kein völlig gesundes Kind zur Welt gebracht – alles kann man mit einem solchen Test eben nicht vorhersagen. Unser inzwischen 2-jähriger Sohn wurde mit einem so genannten Trigonozephalus geboren – das ist eine vorzeitige Verknöcherung der Frontalnaht. Im Alter von gerade einmal 7 Monaten musste er in einer über 4-stündigen OP am Köpfchen operiert werden. Es ist unglaublich, wie gut er es weggesteckt hat. Das einzige „Überbleibsel“ ist die große wellenförmige Narbe, die von Ohr zu Ohr über seinen Kopf verläuft. Wir lieben ihn über alles – nicht nur aufgrund dieser Erfahrung – aber vielleicht wissen wir Gesundheit und das Leben an sich dadurch noch ein bisschen mehr zu schätzen.

    Und um noch etwas weiter auszuholen: Ich bin zum zweiten Mal – jeweils innerhalb kurzer Zeit – schwanger geworden. Und das, obwohl ich eine diagnostizierte Eizellreifungsstörung habe. Für mich ist es also alles andere als selbstverständlich, das Glück zu haben, ein zweites Kind zur Welt bringen zu dürfen!

    Die Gefühle einer (werdenden) Mutter im Hinblick auf die Enttäuschung über das Geschlecht des Kindes sind für mich dennoch in gewissem Umfang nachvollziehbar. Zumindest dann, wenn sie lediglich einen kurzen Moment der Enttäuschung betreffen.
    Leider können wir uns von der Erwartungshaltung unseres Umfeldes nicht völlig frei machen, wie das Beispiel der Reaktion meiner Schwiegermutter zeigt.
    Aber letztlich ist das Geschlecht nicht gleichzusetzen mit dem Charakter eines Kindes, wie der Vergleich mit der Cousine meines Sohnes zeigt.

    Leider halten wir in der heutigen Zeit viele Dinge für allzu selbstverständlich, weil wir glauben (oder hoffen), dass schlimme Sachen nur anderen widerfahren.
    Unser Leben ist, seitdem unser 2-Jähriger auf der Welt ist, um so vieles reicher. Und ich bin unendlich froh und dankbar, dass ich – trotz Eizellreifungsstörung – das Wunder, ein Leben schenken zu dürfen, ein zweites Mal erfahren darf. Und wenn man sich dies vergegenwärtigt, ist die Frage, ob es ein Junge oder Mädchen wird, doch völlig nebensächlich.

  2. Ich kann es nachvollziehen. In meiner zweiten Schwangerschaft hat sich mein Mann sehr einen zweiten Jungen gewünscht und war richtig enttäuscht, als es ein Mädchen wurde. Jetzt ist er glücklich über unser Pärchen. Ich hingegen bin in meiner ersten Schwangerschaft ganz melancholisch durch die Mädchenkleidungsabteilung geschlichen, nachdem ich erfahren habe, es wird ein Junge. Nun liebe ich beide Kinder über alles! Ironie des Schicksals ist: meine blonde, langhaarige Tochter mag nur ganz selten Kleider, nie Röcke und schon gar keine Zöpfe!!! Sie sieht immer wie ein Engelchen mit zerzausten Haaren in Hosen aus und ist unerwartet gerade aus und schlagfertig! Und sie spielt am liebsten mit den wildesten Jungs. Jetzt ist sie sieben und ich bin gespannt, wie es weiter geht! Unser Junge ist wild aber super sensibel und werkelt für sein Leben gerne mit mir in der Küche! Es ist so spannend zu sehen, wie wenig doch Geschlechtersteriotypen von selber in den Kindern veranlagt sind! Ein tolles Beispiel ist: sie gehen beide super gerne zum Voltigieren und Menschen, die sich nicht wirklich auskennen mustern dann meinen Sohn so komisch… und zum Schwimmen gehen auch beide. Meine Kleine ist da echt gut, aber die meisten, die davon hören, sagen ach das gibt sich noch, das ist nicht gut für ein Mädchen… ich rede mir da echt den Mund fusselig, dass es beides Kinder sind, die einfach Spaß an ihren Hobbies haben sollen!

  3. Ich glaube, so ähnlich gab es bereits schon mal eine Diskussion hier: Ich habe mehrheitlich Familien in Bekannt-und Verwandtschaft, die sich „ein Pärchen“ wünschen, also Junge und Mädchen…Kommen dann weitere Kinder hinzu, ist das Geschlechterthema durch, jedoch bei mehr als einem Kind soll es bei fast allen, die ich kenne, o.g. Verhältnis sein. Es gibt wenige, die sagen „nur Mädchen“, aber wirklich noch nie (!) habe ich gehört, dass sich jemand vorab „nur Jungs“ wünscht.

    Werten will ich diese Wünsche nicht, denn natürlich ist das „Hauptsache gesund“ und „Hauptsache schwanger“ für jeden, der Kinder möchte, selbstverständlich, aber nach diesen Hauptvoraussetzungen gibt es sehr wohl und zumindest in unserem Umkreis sehr (!) verbreitet den Mädchenwunsch, die Gründe dafür sind vielfältig:

    Mädchen sind den Müttern eher gleich, diese verstehen sie besser. Mädchen sind weniger auffällig, weniger körperlich anstrengend und sozialer im Verhalten. Schulprobleme gibt es mehrheitlich mit Jungs usw.usw. bis zu „später kümmern sich eher Töchter als Söhne um alte Eltern“. Natürlich gibt es immer Ausnahmen, jedoch schaut man sich um, kann man den meisten Argumenten einen Wahrheitsgehalt nicht absprechen.

    Viele Grüße

  4. Anne, bist du Satire? Vielleicht kannst du eine Petition einberufen zur Umbenennung dieses Blogs. „StadtlandgebärendesElternteil“ würde uns der idealen Welt bestimmt noch näher bringen.

    1. Nein bin ich nicht. Es liegt mir nur fern anderen vorzuschreiben, wie sie sich zu benennen haben. Deshalb nutze ich die Begriffe alle in Reihe um nicht von vornherein Menschen unter Begriffe zu fassen, in die sie nicht rein möchten.

  5. Ich bin etwas verwundert über den Satz von Kristin Peukert, dass sie „keine Vorstellung“ von einem Leben mit einer Tochter gehabt habe. Wenn ich mir etwas sehr sehnlich wünsche, dann ist das doch mit positiv besetzten inneren Bildern verknüpft? Das war für mich schwer nachvollziehbar, ansonsten aber ein interessantes Interview.

    1. Ich finde es extrem mutig und reflektiert von der Autorin, sich mit ihren negativen Gefühlen und allgemein mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Und ich bin der Meinung, dass die Welt ein sehr viel besserer Ort wäre, wenn jeder sich mit seinen negativen Gefühlen (auch Neid, Hass, Missgunst…) auseinandersetzen würde, statt sie unter den Teppich zu kehren (und an die nächsten Generationen weiterzugeben…).
      Natürlich gibt es größere und natürlich auch wichtigere Probleme, das wird niemand ernsthaft in Frage stellen, aber das ist ja kein Grund, nicht über die eigenen Themen schreiben zu dürfen.
      Ich bewundere Kristin auf jeden Fall für ihre Ehrlichkeit und ihren extrem reflektierten Umgang mit ihren Gefühlen, und das alles zeugt für mich von großer Liebe zu ihren Kindern.
      Ich selber hatte übrigens kein Wunschgeschlecht und auch keine Vorstellung, wie meine Kinder werden sollen, und wollte sie genauso annehmen, wie sie sind, aber ich hatte so ein „Gefühl“, welches Geschlecht sie haben, und wäre seltsamerweise enttäuscht und irritiert gewesen, wenn ich mich geirrt hätte. Und hätte meine Kinder natürlich trotzdem geliebt.

  6. Wir warten sehnlich darauf, dass wir das Glück haben noch ein zweites Kind zu bekommen. Das ist der eine Grund, warum ich die Autorin nicht verstehe.
    Der andere: Nur weil ein Mensch als Frau/ Mädchen geboren wird, heißt das doch noch lange nicht, dass er später auch eines sein möchte.
    Und es gibt Länder, da werden Mädchen abgetrieben. Ich hoffe, dass diese Seite des Themas dann auch in den Buch beleuchtet wird. Dass der Verlag nicht ein ganzes Buch mit Gefühlen einer Frau füllen wollte, die gerne ein Mädchen haben wollte, sondern wenn dann eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema, finde ich positiv.

    1. Ich fand das Interview auch sehr reflektiert. Und eben genau weil des Interview ansonsten sehr ausführlich und differenziert war, ist es mir persönlich schwer gefallen, bei dieser kurzen, nicht weiter erläuterten Aussage von der emotionalen Nachvollziehbarkeit her „mitzukommen“. Hier hätten mich die ausführlichen Gedanken der Autorin dazu interessiert.

  7. Kommentare wie die obigen sorgen doch nur dafür, dass betroffene Mütter sich nicht trauen, solche Gedanken zu äußern oder gar zuzulassen. So kann eine Auseinandersetzung der Gesellschaft mit möglichen dahinter liegenden Stereotypen nicht stattfinden. Tabus nützen niemanden. Warum nicht erst Gefühle annehmen und dann hinterfragen, aber wertschätzend?!

  8. Ich erinnere mich an eine Veranstaltung, auf der Mitarbeiterinnen von Familienbildungsstätten in der zweiten Hälfte der 1990iger Jahre erzählten, daß Gruppen für „Bubenmütter“ sehr nachgefragt waren. Dabei ging es vorwiegend darum, wie es für die Frauen ist, in einer Familie zu leben, in der alle das andere Geschlecht als sie selbst haben. Welche Themen kommen dabei für sie zu kurz. Wo fühlt sie sich „draußen“…

  9. Ich habe das Thema schon öfter im Bekanntenkreis gehabt..
    .mir fällt es oft schwer, da verständnisvoll zu sein, wenn der Tochterwunsch mit so üblen Klischeehaften Dingen begründet wird:z.B „Ich will mit meiner Tochter ein Brautkleid kaufen, sie in ihrer Schwangerschaft begleiten, mit ihr shoppen und zum Ballet gehen etc.“
    Da drückt man einem Kind ja schon einen Lebensweg auf! Vielleicht will sie Karrierefrau ohne Kinder werden? Oder Fußball spielen?

    Aber vermutlich pressen Eltern mit so großem Mädchenwunsch ihre Töchter so sehr in die Mädchenrolle, dass sie gar keine Chance auf Fußballtraining haben.
    Und wie groß ist dann die Enttäuschung, wenn die Tochter sich so gar nicht mädchenhaft verhält?

      1. Jeder hat doch unbewusst eine Vorstellung vom Kinder kriegen, die selten mit der Realität übereinstimmt. Man stellt sich doch vor, wie das wohl so sein wird. Es ist nicht fair die Eltern zu verurteilen, die das aussprechen und zutiefst ehrlich sind. Wenn man diese Vorurteile bei sich selbst aber erkennt und daran arbeiten möchte, ist das doch positiv! Geschlechterunterschiede sind übrigens nicht nur einzig und alleine sozial konstruiert – Mädchen und Jungs sind definitiv nicht gleich, komplexes Thema. Stichwort Gene, Hormone, Anatomie. Gerne mal dazu googeln, wer skeptisch ist.

        1. Mir stellen sich da so mehrere Fragen…

          Eltern, die Geschlechter-Enttäuschung aussprechen, sind zutiefst ehrlich. Okay.
          Werden zutiefst ehrlich empfunde Gefühle dadurch besser, mehr in Ordnung, wenn man sie aussspricht? Es gibt da eine Menge zutiefst ehrlich empfundene Gefühle, die meiner Ansicht nach durch Aussprechen nicht automatisch „besser“ werden.. Neid, Hass, Missgunst. Also so einfach finde ich es nicht: Ich empfinde es, ich spreche es aus, dann ist es okay, weil ich so totaaaaal ehrlich bin. Und nein, um nicht direkt falsch interpretiert werden, ich habe Geschlechter-Enttäuschung nicht automatisch mit den Beispielen von mir gleichgesetzt.

          Nein, Jungen und Mädchen sind nicht gleich. Stimmt. Aber Mädchen und Mädchen sind auch nicht gleich und Jungen und Jungen auch nicht. Gerne mal zum Stichwort Gene googeln, die unterscheiden nämlich jeden einzelnen Menschen von jedem anderen Menschen, da ist das Geschlecht noch der geringste Unterschied.
          Ansonsten gerne mal zur geschlechtsspezifischen Sozialisation und deren Auswirkung googlen.

          Grundsätzlich bin ich sonst bei dem Thema raus. Wir waren jahrelang ungewollt kinderlos, da fehlt mir zum Thema Geschlechter-Enttäuschung schlicht der Zugang.
          Zusätzlich stellte sich nach Jahren heraus, dass unser Adoptivkind schwer chronisch krank ist und auch deshalb kann ich mich schlicht nicht in Menschen hineindenken, die 4 (!) gesunde Kinder haben (oder wie viele auch immer) und dann Zeit darauf verwenden, über das Geschlecht enttäuscht zu sein. Aber man muss ja auch nicht alles verstehen…

        2. @Annnemarie: Es ist nie fair jemand zu verurteilen, gleichsam findet es bei Eltern insbesondere dem gebärenden Anteil/ als Mutter gelesenen Anteil/ der Mutter, ständig statt. Ist ein Thema für sich. Zum ehrlich sein dürfen zählt hingegen meines Wissens umgekehrt aber auch ehrlich antworten dürfen.
          Was das Geschlechterthema anbelangt: ich halte es für ein soziales Konstrukt Menschen nach ihrem Unterhoseninhalt zur Geburt in Kategorien einzuteilen, die den Anspruch erheben zwischen zwei beliebigen Menschen dieser Kategorien einen Fundamentalunterschied zu benennen. Es gibt dann halt Menschen die in das ganze Konstrukt nicht mehr reinpassen. Und dann halte ich das Konstrukt im Zweifel für das größere Problem als den Menschen. Gleichsam formt dieses Konstrukt uns alle und insbesondere Kinder passen sich den Erwartungen der Eltern an oder rebellieren. Freiheit einfach nur man selbst zu sein ist beides nicht.

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