Mein Kind lebt nicht mehr bei uns – eine Mutter über diese schwere Entscheidung

Ihr Lieben, durch unsere Arbeit spüren wir jeden Tag, wie unterschiedlich die Herausforderungen sind, vor denen Familien stehen. Was uns dabei immer wieder umhaut ist, wieviel Liebe bei all dem mitschwingt und wie groß der Wille ist, das Beste für die Kinder zu geben. Vor Kurzem hatten wir den Bericht von einer Mama, deren Sohn nicht mehr zu Hause leben kann, weil er zu aggressiv war. Daraufhin haben es mehrere Mütter mit ähnlichen Geschichten bei uns gemeldet, denen wir auch eine Stimme geben wollen. Heute erzählt uns Kim von sehr schweren Zeiten mit ihrer jüngsten Tochter, die bereits mit 8 Jahren wohntechnisch die Familie verlassen hat.

Liebe Kim, heute geht es um deine 15-jährige Tochter, die nicht mehr bei dir lebt.

Genau, Emma ist die Jüngste von 4 Kindern. Unsere Zwillinge (Mädchen) sind heute 24 Jahre alt, als es mit Emma los ging, waren sie 12 Jahre alt. Unser Sohn ist jetzt 18 Jahre und Emma ist 15 Jahre. Sie lebt seit 6,5 Jahren nicht mehr bei uns. Nach einigen kurzen anderen Aufenthalten lebt sie nun in einer WG des Deutschen Roten Kreuzes in Niedersachsen.

Beschreib mal deine Tochter etwas mehr für uns.

Emma ist ein sehr strebsames Kind, war schon immer sehr wissbegierig. Sie ist sehr sprachbegabt, liebt Pferde und das Reiten. Besonders ärgert es sie, wenn Menschen sich nicht an Regeln halten. Das ist sehr schwer auszuhalten für sie. Sie setzt sich besonders für Menschen am Rande der Gesellschaft ein, ist sehr politisch interessiert, ordnet sich selbst eher der linken Szene zu.

Wie war deine Tochter als Kind und wie würdest du eurer Verhältnis allgemein beschreiben?

Emma war ein fröhliches, wissbegieriges Kind, das auch gerne Aufmerksamkeit bekam. Im Kindergarten änderte sich ihr Verhalten dann und es wurde sehr schwer. Dennoch ist unser Verhältnis nach wie vor gut und sie weiß, dass wir immer für sie da sind.

Wann fing es an, schwierig mit Emma zu werden?

Die ersten Probleme traten im Kindergarten auf. Emma konnte schlecht mit Kindern umgehen, die sich nicht an gewisse Regeln gehalten haben – also zum Beispiel außerhalb des Spielzeugtages Spielzeug mitgebracht haben. Sie fing dann an zu schreien und auf andere Kinder loszugehen. Manchmal haben sich die Aggressionen auch gegen sich selbst gerichtet. Sie hat sich dann z.B. unter dem Tisch versteckt und mit dem Kopf gegen das Tischbein oder auch mal gegen die Heizung geschlagen. In solchen Situationen hatten selbst wir Schwierigkeiten, sie zu erreichen. Die Erzieher waren völlig überfordert.

Emma wurde einfach immer aggressiver, in der Schule wurde immer häufiger angerufen, dass ich sie abholen muss, weil sie so aggressiv ist. Einmal musste Emma sogar in einem Raum eingeschlossen werden, bis ich da war, weil sie sonst wohl auf die Klassenkameraden losgegangen wäre.

Wie war es bei euch zu Hause?

Auch hier war Emma aggressiv, was vor allem für die Geschwister nicht leicht war. Emma hat oft das ganze Haus zusammengeschrien und wir haben einige Nachbarn, die nur darauf warten, uns als Familie schlecht zu machen. Irgendwann kam zu Emmas Aggression immer die Angst davor, dass gleich die Polizei oder das Jugendamt vor der Tür steht. Als ich den Film „Systemsprenger“ gesehen habe, musste ich so viel weinen. Mir kam so vieles bekannt vor. Ich konnte auch die Mutter aus dem Film verstehen. Diese Ohnmacht, diese Angst vor der nächsten Aggression, die kenne ich auch.

Gab es dann den einen Punkt, an dem ihr gesagt habt: Es geht nicht mehr zu Hause? Und wie habt ihr das dann besprochen? 

Nachdem Emma für uns nicht mehr zu händeln war, folgte eine lange Odyssee für uns alle: Wir haben viele Kinderpsychologen nach Rat befragt, es gab mehrere Aufenthalte in der Kinder-und Jugendpsychatrie und eine Medikamenteneinstellung, dann Aufenthalte in einer Tagesklinik. Leider brachte nichts den gewünschten Erfolg. Wir standen machtlos daneben.

Nach einem dreimonatigen Aufenthalt in der Tagesklinik hat man uns erstmals nahe gelegt, daß Emma außerhäusig untergebracht wird. Wir waren inzwischen am Ende unserer Kräfte. Mein Mann stand mehr oder weniger immer auf Abruf, wenn es etwas gab, um Emma abzuholen. Wir hatten wirklich alles versucht, Tagesgruppe, Tagesklinik, stationärer Aufenthalt, es wurde immer schlimmer. Ein Kinderpsychologe hat dann gesagt: „Denken Sie auch mal an sich und die anderen Kinder.“ Mein Mann wollte anfangs nichts davon hören, es fühlte sich so an, als würden wir Emma aufgeben. Und auch ich fühlte mich so schuldig. Doch irgendwann mussten wir einsehen, dass es so nicht weiter gehen kann…

Wie ging es dann weiter?

Wir haben dann mit Hilfe der Tagesklinik mit dem Jugendamt Kontakt aufgenommen. Die Tagesklinik favorisierte eine ganz spezielle Einrichtung für unsere Tochter, mit Therapeuten und Ärzten direkt vor Ort. Das Jugendamt war leider nicht sehr einsichtig. Sie meinten, eine familienanaloge Gruppe wäre das Richtige.

So kam Emma zunächst in eine Familie, in der 4 Kinder lebten. Dort wurde sie sehr schlecht behandelt. Sie fing an, mir Briefe zu schreiben, in denen sie um Hilfe rief. Ich war geschockt und wir haben Emma natürlich sofort rausgeholt. Sie kam dann in eine Tagesgruppe vom CJD (Christliche Jugenddorfwerk Deutschlands e. V), aber dort konnte man mit ihrer Bindungsstörung nicht umgehen. Nach einem Jahr wurde auch diese Maßnahme beendet.

Es folgten noch zwei Wohngruppen, aus denen sie auch nach einem Jahr wieder ausgezogen ist. Wir standen immer machtlos daneben. Mein Mann erlitt dann einen Schlaganfall, wahrscheinlich ausgelöst durch den ganzen psychischen Stress. Inzwischen ist Emma aber in einer sehr guten WG angekommen, die gut mit ihr und ihren Problemen umgehen kann. 

Seid ihr als Eltern unterschiedlich mit all dem umgegangen?

Mein Mann und ich haben immer versucht, an einem Strang zu ziehen. Was nicht immer geklappt hat. Wenn mein Mann es mit Härte versucht hat, habe ich versucht, gegenzusteuern und zu vermitteln. Wenn ich dann an meiner Grenze war und es mit Härte versucht habe, hat er wieder anders reagiert.

Emma wusste dadurch natürlich immer ganz genau, welche Knöpfe sie bei uns drücken musste. Inzwischen arbeiten wir sehr gut mit der WG zusammen und können uns abgrenzen, wenn sie versucht, uns auf ihre Seite zu ziehen. Wir können dem entgegensteuern und das tut Emma auch gut. Das hilft ihr, schneller aus bestimmten Situationen, in denen sie dann gefangen ist, herauszufinden.

Beschreib mal deine Gefühle, als klar war, dass deine Tochter nicht mehr zu Hause leben wird.

Es hat mich innerlich zerrissen, als Emma ausgezogen ist. Sie war ja noch so klein, gerade mal 8 Jahre alt. Ich habe sie vermisst, aber wir durften vorerst keinen Kontakt haben.

Trotz des Schmerzes musste das Leben ja zu Hause weitergehen, denn da waren ja noch drei Kinder. Unsere großen Töchter waren mitten in der Pubertät. Sie sind eineiige Zwillinge, zum Glück hatten sie sich gegenseitig. Sie haben viel unter sich ausgemacht. Unser Sohn ist seitdem sehr still geworden, ist es auch heute noch. 

Wie geht es Emma gerade?

Emma lebt jetzt in einer WG mit 6 Mitbewohnern. Sie ist dort gut aufgenommen worden und kommt mit den Erziehern dort gut klar. In dieser WG wird versucht, das ins Lot zu bringen, was die anderen WG’s kaputt gemacht haben. Emma erhält in dieser WG Stabilität und Anerkennung. Außerdem hat sie seit einiger Zeit einen Freund und eine kleine Gruppe an Klassenkameraden, mit denen sie sich gut versteht.

Und wie geht es dem Rest der Familie dadurch?

Die großen Kinder sind inzwischen ausgezogen. Sie haben Kontakt zu Emma, freuen sich, wenn sie Emma sehen. Mein Sohn bereitet sich aufs Abitur vor. Für ihn war der Auszug von Emma auch heilsam. Er wurde in der Schule von Klassenkameraden oft auf seine „verrückte Schwester“ angesprochen. Mein Mann ist auch zur Ruhe gekommen. Nach seinem Schlaganfall ist er zum Glück wieder relativ gut hergestellt.

Mittlerweile können wir die Zeit mit Emma wieder genießen. Wir merken aber auch, wenn es wieder Zeit wird, sie zurück in die WG zu entlassen. Damit es keine Eskalation mehr gibt.

Bei mir als Mutter bleibt immer ein Schuldgefühl. Ich rede ungern darüber, weil ich mich immer als Versager fühle. Dabei weiß ich eigentlich, dass wir keine schlechten Eltern sind….

Gibt es irgendeinen Plan, wie es weitergehen wird? 

Emma macht jetzt ihren Schulabschluss, mittlere Reife. Sie möchte dann weiter zur Schule gehen und das Abitur machen. Sie wird weiter in der WG wohnen bleiben. Wir hoffen alle sehr, daß sie dort weiter ihren Weg gehen kann und lernt mit ihrer Bindungsstörung umzugehen.

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3 comments

  1. Liebe Kim,

    euere Geschichte hat mich sehr berührt. Ich bin selbst eine Systemsprengerin gewesen, hatte aber leider nie die Gelegenheit über diese Zeit mit meiner Mutter zu sprechen, da sie ihre Gefühle unter Verschluss zu halten versuchte und leider schon vor 13 Jahren verstarb. Ich muss ehrlich gestehen, dass es mir sehr schwer fällt deine Worte wertfrei zu lesen. Trotzdem haben sie mir persönlich viel gegeben, da mir die Perspektive meiner Mutter bis heute fehlt. Ich habe heute selbst vier Töchter und hadere immer noch noch oft mit den vielen Entscheidungen meiner Mutter, die ich emotional immer als Entscheidungen gegen mich verstanden habe. Ich hoffe, dass du deiner Tochter immer das Gefühl geben wirst, dass sie geliebt und gewollt ist. Eine Bindungsstörung entwickeln Kinder nicht isoliert aus sich selbst heraus. Kurz vor ihrem Tod hat meine Mama angefangen an sich zu arbeiten und mich zu einer Familienaufstellung ihrer eigenen Familie (also ohne meinen Papa und meine Brüder) mitgenommen. Da wurde mir einiges klar, nur leider konnte sie immer noch nicht sprechen. Du bist zwar nicht meine Mama, aber trotzdem tut es mir weh und gut zugleich, dass du über deine Emotionen sprichst.

    Vielen Dank für deine offenen und ehrlichen Worte. Ich hoffe, dass eure Tochter euch irgendwann ganz tief verstehen kann und dass ihr eine stabile Basis miteinander finden werdet.

    Alles Gute für euch!

    Herzliche Grüße, Franziska

  2. Liebe Kim,
    ich habe großen Respekt vor den Entscheidungen die ihr hier als Eltern treffen musstet und dem Weg den ihr als Familie gemeinsam geschafft habt. Super, dass Emma letztlich einen Platz zum ankommen gefunden hat und dass es deinem Mann auch wieder besser geht.
    Alles alles Gute Euch!

  3. Hey,

    Mein Sohn kam jetzt in eine Wohngruppe. Auch mit 8. Seit Anfang März ist er da. Wir hatten fast die selben Probleme, nur dass er zuhause selten Ausraster hatte. Er hat den Zimmerpokal eingeführt und gleich gewonnen. Es geht ihm dort gut. Er kommt mit der Gruppe klar, was immer ein Problem war. Er blüht auf. Ich bin so stolz, auch wenn ich wachliege und Weine, weil nein Sohn nicht bei mir ist wir haben ihn schon 1 mal besucht und bald sehen wir ihn wieder im Sommer fahren wir 2 Wochen weg. Da freuen wir uns alle drauf 😊😊

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