Mann weg, Job weg – wie Sabrina ihr ganzes Leben umkrempeln musste

Liebe Sabrina, am Valentinstag vor 5 Jahren hat Dich dein Mann nach 10 Jahren verlassen. Kam das für dich überraschend oder hattet ihr schon länger Probleme?

Verrückt, dass es schon so lange her ist. Aber ja, es war genau am Valentinstag vor 5 Jahren. Am Morgen kaufte mir mein Exmann noch Blumen und am Abend gestand er mir dann, dass er mich nicht mehr liebt und sich in der Ehe schon länger nicht mehr wohl fühlt. Am Tag danach ist er ausgezogen.

Für mich kam das tatsächlich sehr überraschend. Wir hatten 2009 ein Haus gekauft und gründlich saniert und uns einen Hund angeschafft. 2012 und 2014 kamen dann unsere Wunschkinder zur Welt. Mit rundem Kugelbauch haben wir eine wunderschöne Hochzeit gefeiert. Eine absolute Bilderbuchfamilie, so wie zumindest ich es mir immer gewünscht habe. 
Mein Exmann war nicht nur mein Mann, er war mein Vertrauter und bester Freund in allen Lebenslagen.

Woran lag es dann, dass sie Ehe auseinander gegangen ist?

Jedes Problem, jede Freude, jeden Urlaub und eigentlich jeden Tag haben wir 10 Jahre lang vollständig miteinander geteilt. Wenn er auf der Arbeit war hat er mehrmals angerufen. Vielleicht war das im Nachhinein alles zu viel für ihn. Ich weiß es nicht, darüber geredet hat er nicht. Ich hab noch versucht, ihn von einer Paartherapie zu überzeugen aber er hatte eigentlich schon alles mit sich selber ausgemacht. 
Klar hatten wir, vor allem nach dem zweiten Kind (die beiden sind genau 2 Jahre auseinander), kaum Zweisamkeit mehr und auch große gemeinsame Unternehmungen als Paar blieben aus.

Für mich war das alles aber auch nicht unnormal, denn der Kleine war ja grade 14 Monate alt, wurde noch voll gestillt, schlief bei uns im Bett und hat zudem das gesamte erste Jahr fast ausschließlich geweint. Aber ich wusste immer, dass diese Phase vorbei gehen würde und dann auch in unsere Paarbeziehung wieder „Normalität“ kommen würde. Jetzt grade standen die Bedürfnisse der kleinen an erster Stelle. Er sah das anders. Natürlich habe ich versucht, ihn davon zu überzeugen. Aber er blieb bei seiner Entscheidung, die ich nun eben mittragen musste. 

Wie ging es dir in den Wochen nach der Trennung?


Ich habe danach ziemlich abgebaut. Nächtelang ausschließlich geweint, bin zu Freundinnen gefahren, konnte nicht alleine sein. Ich hab aufgehört zu essen, in kürzester Zeit 15kg abgenommen und natürlich dadurch auch keine Milch mehr für meinen Sohn gehabt. Ich war zu dem Zeitpunkt noch in Elternzeit – wir hatten sogar immer mal über ein drittes Kind gesprochen – daher hätte ich auch so schnell noch nicht wieder arbeiten müssen. Ich hatte plötzlich unglaubliche Existenzängste. Ich wusste, ich kann in meinen Job als Bankkauffrau alleinerziehend nicht zurückkehren. In der Privatkundenbetreuung hätte ich von 8-20 Uhr flexibel arbeiten müssen. Vorausgesetzt ich hätte Vollzeit wieder angefangen. Meine Kinder so lange fremdbetreuen zu lassen, kam für mich absolut überhaupt nicht in Frage… Teilzeit wäre aber finanziell undenkbar gewesen. Kurzum, ich hatte einfach eine riesige Angst vor der Zukunft. Zumal der Mann mit dem ich bis zu diesem Zeitpunkt ja immer sämtliche Ängste und Sorgen geteilt und besprochen hatte, plötzlich einfach nicht mehr da war…. 

Wie seid Ihr miteinander umgegangen?

Eigentlich sind wir also gar nicht miteinander umgegangen. Haben weder gestritten noch sonst was. Ich glaube, er hatte einfach ein unglaublich schlechtes Gewissen, wollte aber mir gegenüber auch keinesfalls irgendeinen Hauch einer Chance vermitteln. Statt dessen ist er mir eher aus dem Weg gegangen und hat mir dazu geraten, eine Therapie zu beginnen. Ich habe mich aber statt dessen für eine Mutter-Kind-Kur entschieden. Einfach um raus zu kommen. Und die war gut. Ich hab Abstand bekommen und da dort ja immer auch Gesprächstherapien dazugehören, habe ich das Angebot gerne angenommen. Die Therapeutin hat aber eigentlich nur einen Satz zu mir gesagt: „Sie brauchen keine Therapie. Sie sind einfach unglaublich traurig und das ist grade auch Ihr gutes Recht. Geben Sie sich Zeit.“

Und so konnte ich die Zeit im Allgäu mit meinen Kindern sogar ein bisschen genießen. Ein Teil von Deutschland, den ich übrigens noch gar nicht kannte. 

Wie haben deine Kids die Trennung erlebt?

Für die Kinder, die zu dem Zeitpunkt ja wirklich noch ganz klein waren, hat mein Exmann sich zweimal in der Woche einen Nachmittag frei gehalten und sie abgeholt, um mit ihnen etwas zu unternehmen. Anfangs hat er sie abends wieder zu mir gebracht aber als sie dann älter wurden, haben sie auch bei ihm übernachtet. So ist es bis heute geblieben, auch wenn er mittlerweile eine neue Familie hat. Die Wochenenden verbringen sie immer bei mir. Anfangs war das für meine Tochter nicht so leicht. Sie wollte nicht mit ihm fahren und lieber Zuhause bleiben. Aber mittlerweile sind sie beide gerne bei ihm und freuen sich auf die Papatage. Er ist nach wie vor ein großer Teil ihres Lebens und das ist für uns alle sehr wichtig. 

Du hast dann tatsächlich auch noch deinen alten Job gekündigt. Warum?

Mich beruflich umorientieren zu müssen war eigentlich ein Gedanke, den ich von Anfang an im Kopf hatte. Ich wollte keinesfalls ein Leben lang abhängig sein von meinem Exmann. Aber wie eben schon geschrieben, hätte sich mein Job bei der Sparkasse keinesfalls mit der Kinderbetreuung vereinbaren lassen. Weder zeitlich noch finanziell. Auch wenn wir uns auch ums Geld nie gestritten haben, so wusste ich doch, dass ich irgendwann wieder Vollzeit arbeiten muss. Also habe ich einen Termin bei der Arbeitsagentur gemacht. 

Relativ schnell hat sich da rausgestellt, dass ich Anspruch auf eine Umschulung habe. Ich war zwar nach wie vor unbefristet angestellt, aber auch mein Arbeitgeber sowie auch die Agentur haben gesehen, dass sich meine Kinder nicht mit dem Job vereinbaren lassen. In der Arbeitsagentur hat man es mir dann so erklärt, dass ich ja pro Kind zwei Jahre Elternzeit hatte, also seit vier Jahren aus meinem Job quasi raus war. Somit galt ich auf dem Arbeitsmarkt im kaufmännischen Bereich als schwer vermittelbar. Mein ganz großes Glück, wie sich dann heraus gestellt hat. 

Wie sah dein neuer beruflicher Weg aus?

So richtig wusste ich anfangs nicht, wo die Reise hingehen konnte. Die Arbeitsagentur hat mir dann einen Termin vermittelt bei einer Organisation, die Frauen helfen, sich weiterzuentwickeln oder eben auch nach der Elternzeit wieder einzusteigen. Das hat mir sehr geholfen. Wichtig war mir nach wie vor, dass sich der neue Job mit meinen Kinder vereinbaren lässt. Also dass ich uns finanziell über Wasser halten kann und auch nicht zu weit pendeln muss. Wir haben dann gemeinsam nach meinen Talenten, Stärken und Interessen gesucht und ziemlich schnell gemerkt, dass es eigentlich nur den einen Weg geben kann. Erzieherin. Diese werden hier in NRW händeringend gesucht, die Bezahlung ist gut, die Arbeitsplätze mehr als sicher. In den letzten Wochen hatte sich außerdem herausgestellt, dass ich ziemlich belastbar war. Eine gute Voraussetzung für den Erzieherberuf 😉 

Aber auch meine weiteren Qualifikationen passten. Ich hab 2003 vor meiner Ausbildung zur Bankkauffrau Abitur gemacht. Mir fehlten also nur noch die 900 Stunden Berufserfahrung in einer Kita. Auf die Suche nach einer Praktikumsstelle habe ich mich dann sofort gemacht. Auch hier hatte ich schnell großes Glück und bin an die Leiterin einer ganz kleinen Kita geraten, in der ich selber schon als Kind gewesen bin. Die liebe Uta hat sofort eingewilligt. Eine Woche später durfte ich anfangen

 Meine Arbeitszeiten konnte ich aufgrund meiner tollen Chefin so legen, dass ich immer an den Tagen bis 16:30Uhr arbeiten musste, an denen die Kinder sowieso bei ihrem Papa waren. Die anderen Nachmittage hatte ich für meine Kinder frei.Nach den 900 Stunden durfte ich dann die richtige schulische Ausbildung beginnen. Unterrichtszeiten waren von 7:50-14-30 Uhr. Danach war lernen angesagt. Ganze 2 Jahre durch. Darauf folgte das Anerkennungsjahr in der Kita. Dieses war in Vollzeit. Also 39 Wochenstunden, danach noch die Berichte, Bildungsdokus usw. zuhause. Ja, das war anstrengend. Aber mir fiel es relativ leicht da ich wusste, wofür ich alles mache. Die Ausbildung hab ich mit fast nur „sehr gut“ abgeschlossen auch wenn in den 3,5 Jahren wirklich meine gesamte Freizeit dafür drauf gegangen ist. Mein Wecker hat jeden Morgen um 4:30 Uhr geklingelt, abends bin ich nie nach 21 Uhr ins Bett gegangen. Haushalt, Garten, Hund und Co. wollten ja nebenbei auch noch von mir versorgt werden. Zwischendurch bin ich echt auf dem Zahnfleisch gegangen. Aber der Wille war immer da.

Und so konnte ich im letzten Sommer in einem tollen Familienzentrum im Nachbarort beginnen. Mit 30 Wochenstunden, auch so flexibel dass ich die Arbeit gut mit meinen Kindern vereinbaren kann. Und auch die Bezahlung ist sehr viel besser als bei der Sparkasse. 

Beschreib mal, wie du dich gefühlt hat, als du bemerkt hast: ich schaffe das alles aus meiner Kraft heraus!

Ich wusste nicht, ob ich es schaffe. Aber ich wollte. Meine Kinder haben mir von Anfang an die Kraft dazu gegeben. Sie waren immer mein Antrieb. Natürlich bin ich anfangs von vielen belächelt worden. „Wie kannst du deinen „guten“ Job aufgeben?“ Aber irgendwie wollte ich es genau denen zeigen. Ich hatte zu Beginn Angst, nicht lernen zu können. Ich war immer eine Durchschnittsschülerin, hab mein Abi knapp mit 2,9 gemacht. Ich hab es gehasst lange Texte zu lesen, war schon immer eher der praktische Typ. Aber genau das war plötzlich auch gefragt. Mitdenken, selber machen, Dinge anders angehen als andere.

Der Abteilungsleiter unserer Erzieherschule hat zu Beginn der Ausbildung zu uns gesagt. „Die Mütter unter Ihnen werden ihre gesamte Freizeit dieser Ausbildung opfern. Es reicht, wenn Sie sie nachher mit „ausreichend“ bestehen.“Aber genau das wollte ich nicht. Ich hatte so einen unglaublichen Dämpfer durch die Trennung meines Exmannes erlebt, mich von jetzt auf gleich wertlos gefühlt, dass ich es eben genau anders machen wollte. Und genau das hat sehr geholfen. Ich bekam ein „sehr gut“ nach dem nächsten. In meinem ganzen Leben habe ich noch nie so viel Lob bekommen wie in dieser Zeit. Das hat so unglaublich gut getan, dass ich irgendwann das Gefühl hatte, alles schaffen zu können. Und so war es dann ja auch. 

Was hast du in all der Zeit über dich und das Leben gelernt?

Gelernt habe ich definitiv, dass das Leben manchmal anders kommt, als man es plant. Und eben dass man dann nicht den Kopf in den Sand stecken darf, sondern für seine Ziele einstehen muss auch wenn sie zunächst unerreichbar scheinen. Manchmal darf man auch einfach nicht so viel nachdenken und muss einfach mal beginnen. Rückblickend war es wirklich ganz schön mutig diesen Weg zu gehen. Aber er war so richtig. 🙂

Viele Dinge fügen sich erst im Nachhinein. Ich hab einfach Vertrauen gehabt. In mich, in das Leben, in die Zufälle und vor allem auch in meine Kinder. Das habe ich von meiner Oma gelernt. Die einzige Erwachsene, die mich die ganze Zeit unterstützt und bestärkt hat. Die, die immer an mich geglaubt hat. Jetzt im Februar, nachdem sie wusste, dass ich es geschafft habe und meinen Weg nun alleine weiter gehen kann, ist sie friedlich neben mir eingeschlafen.

Mein Exmann und ich sind mittlerweile geschieden. Es ist die ganze Zeit friedlich abgelaufen zwischen uns. Wohl vor allem, weil ich dem ganzen nicht besonders viel an Bedeutung gegeben habe, sondern mich auf mich und die Kinder konzentriert hab. Für einen Rosenkrieg hatte ich weder Kraft noch Lust noch Zeit. Unser Haus mit meinem traumhaft großen Garten konnte ich aber behalten. Ich hab einfach einen Teil des Hauses untervermietet. So klappts auch finanziell. Der Garten macht natürlich viel Arbeit aber er ist auch der Ausgleich zu meinem stressigen Alltag.

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