Kinderfeindliches Deutschland? Was sich für Familien ändern müsste

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Ihr Lieben, ihr kennt Nathalie Klüver ja vermutlich. Entweder durch ihr Blog eineganznormalemama oder durch ihre Bücher wie Die Kunst, keine perfekte Mutter zu sein, Das Kind wächst nicht schneller, wenn man daran zieht oder Afterwork-Familie Nun hat die 42jährige Journalistin, Autorin und alleinerziehende Dreifachmutter (ihre Kinder sind 4, 8 und 11) einen neuen Aufschlag gewagt – und zwar mit einem gesellschaftskritischen Thema: Deutschland, ein kinderfeindliches Land?: Worunter Familien leiden und was sich ändern muss.

Liebe Nathalie, warum war es dir genau jetzt ein Anliegen, dieses Buch zu schreiben? In welcher Situation befindest du dich gerade?

Die letzten zwei Jahre waren für uns Familien einfach mehr als belastend – eine komplette Ausnahmesituation. Kinder wurden gerade im ersten und zweiten Corona-Lockdown nicht einfach nur nicht beachtet, sondern komplett ignoriert, als ob sie gar nicht da wären! Bei den ersten Gesprächsrunden der Politiker zum ersten Lockdown war die damalige Familienministerin noch nicht einmal mit am Verhandlungstisch. Das zeigt ja schon den Wert von Kindern in unserer Gesellschaft. Es wurde eine milliardenschwere „Bazooka“ für die Wirtschaft aus dem Hut gezaubert, aber darüber diskutiert, wie man Schulen und Kindergärten sicher bekommt, wurde kein bisschen, geschweige denn Geld in die Hand genommen.

Als alleinerziehende, freiberuflich tätige Mutter von drei Kindern wurde ich an den Rand meiner Kräfte getrieben – und durch meine Arbeit als Journalistin weiß ich, dass ich da nicht die einzige war. Es war schlicht Wahnsinn, was man uns Familien abverlangt hat! Doch der Umgang mit den Kindern in der Corona-Pandemie ist ja nur ein Beispiel dafür, wie benachteiligt Kinder und auch ihre Eltern in Deutschland sind.

Bei meinen Recherchen für das Buch bin ich nicht nur auf die vielen kleinen Dinge gestoßen, die uns Eltern das Gefühl geben „wir stören“ – wie die missbilligenden Blicke im Restaurant, die fehlenden Familiensitzplätze im Zug, die Nachbarn, die eine Sandkiste im Innenhof verbieten, die stiefmütterliche Pflege von Spielplätzen, usw. – sondern auch auf institutionelle Benachteiligungen. Denn Familien werden auch im Steuerrecht, im Rentenrecht und den Sozialversicherungen benachteiligt. Ebenso beim Wahlrecht: Durch unsere überalterte Gesellschaft haben Senioren bei den Wahlen viel mehr Gewicht als die jüngere Generation. Kein Wunder, dass Politiker lieber Politik für die Älteren machen als für die Kinder. Es gibt also viel zu tun.

Um für mehr Chancengerechtigkeit zu sorgen, mehr Gleichberechtigung und Klimaschutz zu erreichen, führt aber kein Weg an einer kinderfreundlichen Politik vorbei. Wir müssen die Zukunft des Landes, also die Kinder, in den Mittelpunkt aller politischen Entscheidungen stellen. Nur so lassen sich die – wirklich enormen – Herausforderungen der Zukunft überhaupt meistern!

Das Wort Feind in deinem Buchtitel ist ein ziemlich scharfes. Für wie „kinderfeindlich“ hältst du Deutschland?

Sehr. Ich komme gerade aus dem Urlaub bei meiner Familie in Finnland zurück und habe mal wieder festgestellt, wie groß der Unterschied ist. Dort sind Kinder einfach ganz selbstverständlich ein Teil der Gesellschaft. Mittendrin, sichtbar. Hierzulande werden sie gerne verdrängt, auf umzäunte Spielplätze, in Familienhotels (wenn man sich das dann leisten kann) oder auf das Trampolin im eigenen Garten. Aus Rücksicht auf andere oder aber auch, weil man sich schlicht nicht willkommen fühlt, weicht man aus der Öffentlichkeit. Das Problem dabei: Wer unsichtbar ist, wird vergessen. Und wer vergessen wird, für den wird keine Politik gemacht. Familien müssen sichtbarer werden, damit sich etwas ändert!

Wie ich oben sagte, äußert sich die Kinderfeindlichkeit nicht nur darin, dass einem kaum jemand hilft, einen Kinderwagen die Rolltreppe herauf zu tragen oder dass die Nachbarn das Ballspielen auf der Straße verbieten, sondern auch in ganz klar bezifferbaren finanziellen Benachteiligungen, rechtlichen Benachteiligungen und auch politischen und arbeitsmarktrechtlichen. Es gibt unglaublich viele Stellschrauben, an denen gedreht werden muss – im Buch liste ich sie alle auf.

An welcher Stelle oder in welcher Situation hast du dich und oder deine Kinder zuletzt benachteiligt gefühlt?

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Autorin Nathalie Klüver

Natürlich in der Coronapolitik. Die Tatsache, dass jetzt der dritte Coronaherbst droht und es immer noch keine überzeugenden, echten Schutzkonzepte für Schulen und Kindergärten gibt, ist unfassbar. Jeden Sommer dieses DéjàVu! 

Aber auch im Kleinen merke ich die Benachteiligung immer wieder. Letztens waren wir im Museum. Sämtliche Vitrinen waren zu hoch, es gab keine Hocker und meine Kinder konnten nichts anschauen. Als ich meine Tochter auf die Schultern hob, damit sie besser sehen kann, wurde mir das untersagt – „aus Sicherheitsgründen“. Das ist nur ein Beispiel von vielen Benachteiligungen.

Im Restaurant erlebte ich den Klassiker: Obwohl es viele freie Plätze gab und nicht überall Reserviert-Schilder standen, bekamen meine Kinder und ich keinen Platz, angeblich sei nichts frei. Direkt hinter uns kamen vier Erwachsene, ebenfalls ohne Reservierung, und bekamen direkt einen Platz zugewiesen.

Schreibst du auch noch ein Buch darüber, wie elternunfreundlich unsere Heimat ist oder deckt dieses Buch das Thema bereits ab?

Das ist in dem Buch gleich mit enthalten. Denn Kinderfeindlichkeit äußert sich auch durch Elternfeindlichkeit. Im Arbeitsleben zum Beispiel – deshalb gibt es ein Kapitel über Vereinbarkeit und über die Diskriminierung von Eltern im Arbeitsleben. Oder aber im Steuer- oder Rentenrecht. Ich sage nur Ehegattensplitting, was Alleinerziehende massiv benachteiligt. Oder aber im Rentenrecht, wo Eltern doppelt belastet sind: Sie zahlen Rentenbeiträge, von denen die Renten der jetzigen Rentner finanziert werden. Und ziehen mit großem finanziellen Aufwand die zukünftigen Rentenzahler groß, die auch die Renten derjenigen finanzieren, die heute kinderlos sind.

Was müsste sich nach all deinen Recherchen hierzulande ändern, um aus Deutschland ein kinderfreundliches Land zu machen?

Sehr viel. Aber kurz runtergebrochen vor allem folgende Punkte: Wahlrecht auf mindestens 16 Jahre heruntersetzen, finanzielle Entlastungen für Familien, Kinderrechte in das Grundgesetz, alle politischen Entscheidungen auf das Wohl der Kinder überprüfen, Partizipation von Kindern und Jugendlichen stärken, Vereinbarkeit erleichtern, Kinderarmut bekämpfen, um so für mehr Chancengerechtigkeit zu sorgen und den öffentlichen Raum und Straßenverkehr kinderfreundlicher gestalten. Von diesen Punkten profitiert die gesamte Gesellschaft – nicht nur Familien!

Was können wir uns von anderen Ländern abschauen?

Der Blick auf Skandinavien zeigt uns, wie wichtig es ist, die Voraussetzungen für eine gute Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu verbessern. Auch der öffentliche Raum ist dort viel mehr auf die Bedürfnisse von Kindern ausgelegt – es gibt Kinderwagenparkplätze vor Museen, Familienabteile mit Spielplatz in der Bahn, Wickeltische auf Männertoiletten, Hocker für Kinder an Tresen und in Museen und so weiter. Und auch die finanzielle Entlastung von Eltern durch das Steuerrecht ist in den nordischen Ländern sehr viel besser gestaltet.

Aus welcher Motivation heraus hast du geschrieben? Aus der Wut auf Hinweise wie: „Selbst schuld, hättest du halt keine Kinder kriegen müssen“?

Dieser Satz bringt mich tatsächlich jedes Mal auf die Palme! Das ist leider etwas ganz Typisches für Deutschland: Kinderhaben wird ins Private vertagt. Seht zu, wie ihr das selbst hinbekommt – das wurde uns Familien ja auch in der Corona-Pandemie suggeriert. Aber wieso? Wieso müssen wir das alles selbst hinbekommen? Kinder sind unsere Zukunft – das ist nicht nur ein Sprichwort, es ist schlicht so. Deshalb sollten wir alles tun, damit es unseren Kindern gut geht. Sie sind übrigens die, die später einmal darüber entscheiden, was mit den Steuergeldern passiert und wie wir als Senioren versorgt werden… 

Was können wir alle selbst für ein familienfreundlicheres Klima tun?

Mit einem Lächeln fängt alles an. Nachsichtiger sein, toleranter. Mehr Rücksicht auf Schwächere nehmen. Ich bin überzeugt, dass eine kinderfreundliche Gesellschaft mehr Rücksicht auf Schwächere nimmt – wovon wir alle profitieren. Und: Wir Familien sollten uns nicht in unsere Komfortzonen zurückziehen, sondern sichtbar werden, den öffentlichen Raum zurückerobern. Damit man uns nicht einfach vergisst.

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16 comments

  1. Danke für den Beitrag und den Mut, diesen so „deutlich“ zu formulieren! Das hätte ich mich nicht getraut 😉 auch wenn ich nicht bei allen Lösungsvorschlägen mitgehen würde.

    Ich lebe seit März mit meiner Familie in Dänemark. Und desto länger ich nun hier lebe, desto mehr kann ich dem Grundtenor zustimmen.

    Zwar sollte es nicht verallgemeinert werden, denn auch in Deutschland gibt es viele kinderfreundliche Menschen, jedoch ist es in Dänemark in Summe einfach anders.

    Die Kinder haben hier einen völlig anderen Stellenwert. Mit Kindern wird wertschätzend umgegangen, sie sind ein fester Teil der Gesellschaft. Persönlichkeit wird gefördert.

    Alleine bei dem Anblick unseres Kindergartens, kamen uns die Tränen. Die Erzieherinnen rollen sich mit den Kindern durchs Gras, sie haben Ziegen, Hühner, Schweine und Ponys. Die Kinder werden integriert und auf Bedürfnisse Rücksicht genommen, für jeden ist dort Platz.

    Verallgemeinerungen sind ja grundsätzlich schwierig. Ich habe jedoch das Gefühl, dass mental starker und selbstbestimmter Nachwuchs in Deutschland politisch gar nicht gewollt ist.

    1. Dazu kann ich nur Ja sagen , ein ganz dickes Ja Ich sage nur neues Entlastungspaket, 18 Euro ist mein Kind diesem Staat wert, jeder faule Hartz4empfänger bekommt mehr. Ich bin Mutter von 6 Kindern alle gewollt , wir haben noch nie soziale Leistungen in Anspruch genommen , alles allein gestemmt, ich bin so enttäuscht und wütend , alles andere nur mit X Anträgen , dafür habe ich gar keine Zeit mehr die zu stellen und mich mit dieser Bürokratie auseinanderzusetzen . Ich hab die Nase voll und bin raus aus dem politischen Sumpf , bevor ich noch mal wähle muss erst mal was kommen . In diesem Sinne erziehe ich auch meine Kinder in Zukunft.

  2. Also ich muss sagen: Ich erlebe Deutschland nicht als „kinderfeindlich“.

    Im Gegenteil: Seit ich Kinder habe, komme ich auf Bahnreisen und auch auf der Straße immer wieder mit netten Leuten ins Gespräch, die irgendwas Positives über die Kinder sagen.

    Auch während Corona fühlte ich mich nicht alleigelassen, vor allem weil ein Präsenzunterricht ja doch die meiste Zeit möglich war.

    Die deutschen Regelungen zu Elternzeit und das deutsche Kindergeld bzw. die deutschen Kinderfreibeträge bei der Steuer sind auf einem Niveau, von dem Familien in vielen anderen Ländern nur träumen können.

    Insgesamt finde ich Deutschland inzwischen sogar überraschend kinderfreundlich.

    Klar gibt es auch hier und da ein paar Kinderfeinde, die sauertöpfisch dreinschauen, wenn Kinder mal lebhaft sind. Allerdings habe ich es mir zum Prinzip gemacht, diese Leute direkt zu konfrontieren.

    Wenn beispielsweise jemand genervt wegen meiner Kinder dreinschaut, baue ich direkt Blickkontakt zu dieser Person auf, jedoch achte ich darauf, dass mein Blick dabei nicht unterwürfig oder ängstlich wirkt, sondern kühn und herausfordernd. Diesen Blickkontakt erhalte ich aufrecht, bis die sauertöpfisch blickende Person den Blick senkt. Da kommt dann selten irgendein Spruch und wenn, dann wird der eben entsprechend beantwortet.

    Und wenn Nachbarn meinen Kindern das Fußballspielen verbieten wollten, würde ich sehr bestimmt darauf hinweisen, dass wir uns an die gesetzlichen Ruhezeiten halten und man uns sonst gar nichts zu verbieten hat. Was wollen die denn machen? Schlimmstenfalls pöbeln sie ein Bisschen herum und dann pöbelt man halt recht kernig zurück. Ist doch auch manchmal schön befreiend.

    Vielleicht liegt der Fehler der Autorin in diesem Satz: „Aus Rücksicht auf andere oder aber auch, weil man sich schlicht nicht willkommen fühlt, weicht man aus der Öffentlichkeit.“

    Genau das tue ich nämlich nicht. Mir sind die Befindlichkeiten kinderfeindlicher Miesepeter völlig egal (wenn überhaupt finde ich es eher lustig die zu provozieren) und wenn ich mich irgendwo unwillkommen fühle, dann trete ich dort gerade erst recht dominant auf.

    Aber gefühlt bekomme ich für 1 negative Ansprache wegen der Kinder mindestens 100 positive Ansprachen.

    Und Teilnahme an Wahlen erfordert aus meiner Sicht eine gewisse Reife, die jedenfalls ich mit 16 definitiv noch nicht hatte. Ich habe in dem Alter eigentlich nur Mist gebaut.^^

    1. Ich verstehe beide Ansichten, die im Artikel und die meiner Vorrednerin.
      Es kommt darauf an mit was man die Situation in Deutschland vergleicht. Schaut man in Länder in denen es quasi nicht Mal ein Gesundheitssystem gibt geschweige denn Hebammen oder Elternzeit muss ich auch sagen: wir haben es sehr gut. Wir müssen vielleicht auf einen Kita-Platz warten, aber es gibt sie.
      Schaut man eher Richtung Norden fragt man sich dann aber: warum muss ich den Kita-Platz, den ich nur nehme um arbeiten zu gehen (was Politik und Gesellschaft von mir erwarten), bezahlen?

      Nur auf die Politik zu schimpfen finde ich etwas zu kurz gedacht. Die Arbeitgeber sind hier ein ganz wichtiger Faktor. Aber natürlich wären diese mit sinnvoller Unterstützung der Politik sicher auch kooperativer.

      Trotzdem großes Lob von meiner Seite für den Artikel, denn er regt zum Nachdenken an! Und da hat die Autorin Recht, es muss sich was tun.
      Aber eben auch in den Köpfen der Menschen. Weder wir Eltern untereinander sollten uns zerfleischen noch kinderlose Mitmenschen uns Eltern. Deutschland ist da glaube gerade in einer sehr unschönen Stimmungslage…:(

      Noch kurz ein Wort zu Wählen ab 16: auch hier wieder nicht klar ja oder nein, sondern schauen wie. 16 Jährige aktuell „allein“ auf die Wahl loslassen finde ich nicht gut. „Begleitet“ mit komplexer politischer Bildung, Projektarbeit und und und stelle ich mir das schon eher vor…

      Danke für die anregenden Worte an alle! Habt einen schönen Tag:)

  3. Kinder bzw. Jugendliche sind ab 14 strafmündig. Warum dann nicht auch wahlberechtigt? Einerseits wird ihnen zu diesem Alter so viel Einschätzung zu Moral, gesellschaftlichen Regeln etc. zugetraut, dass sie als schuld(un)fähig eingestuft werden, aber zeitgleich wird ihnen Kompetenz in der Politik angesprochen. Das finde ich seit jeher ausgesprochen widersprüchlich.

    1. Sie sind grundsätzlich schuldfähig, ja. Werden aber aber (meist auch noch länger als bis 18) nach speziellem Jugendstrafrecht verurteilt. Ich wäre auch nicht für ein Wahlalter mit 14…
      Ansonsten geht es mir eher wie Flo. Ich achte darauf, dass meine Kinder sich so verhalten, dass andere Menschen nicht unter ihnen „leiden“ (z.B. im Zug oder im Restaurant) und habe mich mit ihnen noch nie nicht willkommen gefühlt – im Gegenteil oft kommt man nett miteinander ins Gespräch und kriegt einen Lolli 🙂 Ich kann die Gummibärchen und Spezialbehandlungen (im Restaurant in die Küche schauen, ins Cockpit gucken, beim Müllmann mitfahren:) gar nicht alle aufzählen. Jetzt im Urlaub waren wir in drei Schlössern/Museen, in denen es ganz tolle Kinderführungen gab…Unsere beiden Kinder (6&4) haben bei kaum etwas Eintritt zahlen müssen…ich lebe nicht in einem kinderfeindlichen Land:)
      Die „kinderfeindlichen“ Menschen, die es natürlich gibt (z.B. unsere Nachbarn) sind aber meiner Einschätzung nach einfach generelle Miesepeter, die an allem etwas rumzunörgeln haben. Wenn es nicht die Kinder sind, dann halt die Hecke, die nicht akkurat geschnitten ist…

      Und noch nebenbei… für mich ist Kinderhaben zunächst eine Privatsache! Rentenzahler hin- oder her – ich habe meine Kinder aus dem einen und einzigen Grund bekommen, weil ich sie haben wollte! Nicht, um irgendwen zu finanzieren, nicht aus solidarischen Gründen – einfach nur, weil ich Kinder wollte. Insofern stelle ich auch nur sehr bedingt Forderungen an meine (kinderlose) Umgebung, auf sie Rücksicht nehmen zu müssen.

  4. Also ich bin 55+ und habe vier Kinder, mittlerweile alle erwachsen. Kinderfeindlichkeit habe ich so nicht erlebt eher Erstauen darüber wie man soooo viele Kinder bekommen hat…. Wahlrecht für Kinder über die Eltern, da bin ich skeptisch, wer sagt denn, dass man als Eltern im Sinne seiner Kinder abstimmen würde, stimmt man da nicht eher darüber ab was einem selbst am besten in den Kram passt? Das Wahlalter ab 15 Jahre finde ich hingegen eine sehr gute Idee. Und nebenbei bemerkt, dass Altenbashing finde ich genauso unschön wie Kinderfeindlichkeit oder Ausländerfeindlichkeit, alt wird man nämlich von ganz allein.

    1. Ich bin absolut begeistert. Ich erlebe es nämlich ganz genau so, überall sind Kinder ungern gesehen, sie gehören in die Betreuung und ansonsten in ihr Zimmer. Danke für diesen Mut zur Wut!

  5. In einigen Dingen bin ich unentschieden. Ja, das Steuerrecht ist eine Sauerei. Ja, der Staat sollte deutlich mehr in Bildung investieren.

    Aber schon beim Wahlrecht bin ich unentschlossen. Wer gibt mir das Recht, für mein Kind abzustimmen? Das ist definitiv etwas anderes als zb medizinische Entscheidungen, die meistens auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen. Und was ist, wenn der Vater eine andere politische Meinung hat als die Mutter?

    Was die angebliche alltägliche Kinderfeindlichkeit angeht, habe ich komplett andere Erfahrungen gemacht. Freundliche Gastro-Mitarbeitende, Nachbarn, die meinen Kindern während des Lockdowns Geschenke in den Briefkasten warfen, mehrere fantastische Spielplätze in Laufentfernung, eine für Kinder kostenlose Stadtbücherei und ein Gemüsehändler, der meinen Kindern dauernd etwas schenkt, kostenlose Kinderführungen durch die Uni-Sammlungen – ich lebe in einer sehr kinderfreundlichen Umgebung, finde ich. Und inzwischen arbeite ich auch in einer sehr kinderfreundlichen Firma (das hatte ich auch schon anders).

  6. „Nicht beachten“ ist genau dasselbe wie „ignorieren“ (erste Antwort der Autorin), sorry, da muss ich mal klugscheissern, so sprachliche Fehler sind ärgerlich. Ansonsten gehe ich aber inhaltlich mit.
    Frage mich auch oft, woran es liegt , dass in Deutschland Kinder oft als Störfaktor gesehen werden und selten als Freude. Warum oft lieber kritisiert als unterstützt wird. Das ist schon traurig. Bin auch der Meinung, Eltern sollten bei Wahlen eine zusätzliche Stimme für ihre minderjährigen Kinder bekommen, wir rutschen immer mehr in eine Herrschaft der Alten ab.

    1. Dass die Eltern unterschiedliche Wahlentscheidungen treffen könnten, ist ein guter Punkt. Aber das lässt sich sicher lösen, und wenn jeder eine halbe Stimme pro Kind bekommt. Das ist doch mathematisch auch kein Hexenwerk.

      Auch die Frage, wer mir das Recht gibt, für mein Kind zu wählen, finde ich legitim. Aber wer gibt mir Recht, meinem Kind einen Namen zu geben, das es sein Leben lang trägt, wichtige medizinische Entscheidungen zu treffen oder die richtige Schule zu wählen? Die Gesellschaft unterstellt andauernd, dass ich gewichtige Entscheidungen für mein Kind treffen kann.
      Dass so eine große Gruppe der Gesellschaft politisch nicht vertreten wird, finde ich einfach falsch.

      Auch ich mache viele positive Erfahrungen im Alltag, in denen meinen Kindern freundlich begegnet wird. Nach einem Urlaub im Süden oder in den USA merkt man dann aber doch auch wie viel mehr es sein könnte. Trotzdem sind es sind eher die strukturellen Benachteiligungen, die mich stören.

  7. Wenn schon Kinder, dann höchstens 1 oder 2.
    Das merkt man an vielen Stellen. 4er Tische in Restaurants, „Familienkarten“ in Bädern und Museen für 2 Erwachsene und max. 2 Kinder bis 14 (welches Kind verdient mit 15 schon eigenes Geld…), Ferienwohnungen mit max 4 Betten, davon gerne „nur“ Aufbettung auf dem ausklappbaren Sofa…
    Wir haben 3 Kinder, unsere Große ist 15. Inzwischen müssen wir für sie fast immer voll zahlen.
    Ich bewundere ganz besonders alle Familien, die 4 oder mehr Kinder haben und die Alleinerziehenden, da ich sehe, welche Hürden schon wir als 5köpfige Familie überwinden müssen.
    LG von TAC

  8. Oh je! Sie wollen doch hier nicht die Generationen 55+ kritisieren, die doch die einzig wahren und besten Menschen sind die natürlich alles dürfen ( sind ja alt)? Die natürlich größten Respekt für sich fordern aber selbst keinen haben müssen? Ironie Ende!
    Es hat schon Gründe wieso man sich in Deutschland gut überlegt Kinder zu bekommen. Traurig! Aber auch in der Politik/ Regierung bildet sich der Altersdurchschnitt ab und demzufolge ist dieses Alter natürlich überproportional vertreten (seit Herbst 2021 wird das besser).

  9. Und auch, dass sämtliche Urlaubsquartiere in den Schulferien fast das doppelte kosten, als außerhalb, das ist nicht gerecht. Man braucht mit Kindern mehr Platz (zumindest wenn sie älter als 6 sind, und dann kostet das große Zimmer zu dem, was es eh mehr kostet noch mehr, weil es in den Ferien ist… dabei würden z. B. 4 Erwachsene außerhalb der Ferien mindest ein doppelt so hohes Einkommen haben, als 2 Erwachsene (wenn beide arbeiten) mit 2 Kindern. Das ist jetzt nicht lebensnotwendig, aber schon sehr signifikant!

  10. Danke für diesen Beitrag! Ich empfinde es genauso, dass es viele kinderfeindliche Strukturen in Deutschland gibt. Ich glaube aber, viele sind es so sehr gewohnt, dass es ihnen kaum auffällt.

    Mich wundert es, dass kaum darüber diskutiert wird, dass Kinder kein Wahlrecht haben. Das wird als selbstverständlich wahrgenommen. Dabei machen Kinder doch einen großen Teil der Gesellschaft aus und sind Bürger dieses Landes, deren Interessen vertreten werden sollten. Klar kann ein Fünfjähriger kein Kreuzchen auf dem Wahlzettel machen. Aber warum können nicht die gesetzlichen Vertreter je Kind eine Stimme bekommen? Auch sonst muss man doch als gesetzlicher Vertreter permanent Entscheidungen/Verantwortung für seine Kinder übernehmen. Das ist doch durchaus plausibel.

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