Unternehmerin Verena Pausder zu Digitalisierung: „Wir dürfen unsere Kinder nicht zu passiven Konsumenten degradieren“

Das neue Land

Möchte die Digitalisierung in unserem Land vorantreiben: Verena Pausder. Foto: Patrycia Lukas

Sie ist Unternehmerin, fördert StartUpper, engagiert sich politisch, setzt sich für Digitalisierung, Nachhaltigkeit, Mädchenförderung und Frauenquote ein, hat vier Kinder – und nun auch noch einen SPIEGEL Bestseller geschrieben: Das neue Land. Wie es jetzt weitergeht! (Affiliate Link).

Verena Pausder scheint nie die Puste auszugehen, sie fasziniert und bringt wichtige EntscheiderInnen zum Nachdenken. Wir haben sie gefragt, welche Ideen sie zum Vorantreiben der Digitalisierung in Deutschland hat, wie wir es schaffen, vor unseren Computern nicht sozial zu vereinsamen – und welches von ihr geförderte StartUp sie zuletzte am meisten berührt hat.

Liebe Verena, offenbar wird es einen Impfstoff gegen Corona geben, noch bevor unsere Kinder flächendeckend digital beschult werden können. Was sagt das über unser Bildungsland aus?

Verena Pausder: Das zeigt, dass wir in Bezug auf digitale Infrastrukturen, Ausstattung an unseren Schulen – also mit Geräten und digitalen Inhalten und Lehrerfortbildungen – einfach noch nicht im 21. Jahrhundert angekommen sind. Deswegen haben wir jetzt auch so große Angst vor dem Hybrid-Unterricht (Anm. d. Red. also einem Wechsel aus Präsenzunterricht und digitaler Beschulung). Deswegen tun wir uns jetzt so schwer mit Schülerinnen und Schülern, die in Quarantäne sind, dass sie anständig am Unterricht teilnehmen können.

Da ich aber nicht immer nur Missstände bemängeln möchte, sehe ich Corona jetzt eben auch als große Chance – besonders, wenn es bald einen Impfstoff gibt –, das Thema Digitalisierung der Schulen nicht mehr von der Agenda zu nehmen und endlich umzusetzen.

Was genau bräuchte es, damit auch unsere Kinder von der Digitalisierung profitieren könnten? Woran fehlt es? An Mitteln oder an dem unbedingten Willen aller?

Verena Pausder: An Mitteln fehlt es eigentlich nicht, denn von 5 Milliarden im Digitalpakt ist erst ein Bruchteil abgerufen worden. Der Digitalpakt ist für WLAN-Verkabelung und zu 20 Prozent für SchülerInnnen-Geräte gedacht, jetzt wurden in Corona-Zeiten nochmal 500 Millionen Euro nachgenehmigt für Lehrkraft-Geräte, die zunächst im Digitalpakt nicht vorgesehen waren. Und zusätzlich gab es 500 Millionen für Inhalte und eine Plattform, auf der die Inhalte zugänglich gemacht werden können.

An Geld mangelt es also nicht. Bis Corona kam, mangelte es aber sicherlich am Willen aller, weil man das Gefühl hatte, die Kinder säßen doch schon genug vor den Geräten. „Die daddeln doch schon genug! Das ist doch eher ein Gameboy! Das wollen wir jetzt nicht auch noch in der Schule haben!“ Und deswegen geht es jetzt darum, einen Schalter im Kopf umzulegen, dass es an den Schulen, an denen wir alle Kinder erreichen, darum gehen muss, sie zu GestalterInnen der Zukunft auszubilden.

Nach Monaten mit Homeoffice und Zoomkonferenzen, merke ich an mir selbst, dass mir der persönliche Kontakt fehlt. Das ginge ja auch unseren Kindern so, wenn sie nun auch alle individuell und zu Hause beschult würden über Rechner, Tablets, Smartphones. Welcher Mittelweg aus digitaler Bildung und echter sozialer Begegnung hältst du für den besten?

Verena Pausder: Ich glaube, das ist ganz wichtig. Mein Zielbild von der Zukunft der Schule ist keines, bei dem jedes Kind allein und einzeln vor dem Rechner sitzt. Bei dem digital beschult wird und ansonsten kein Kontakt zur Außenwelt besteht. Nein, digitale Bildung erfüllt sein Versprechen erst dann, wenn mehr individueller Unterricht, mehr Unterricht entlang des Lern- und Sprachstands, entlang der Entwicklung des Kindes möglich ist und die LehrerInnen entlastet werden. Dann bleibt wieder mehr Zeit für soziale Interaktion!

Und ich bin auch ein großer Fan von „pair programming“, also von einem Modell, bei dem zwei oder drei Kinder zusammen vor einem Gerät sitzen und sich gegenseitig helfen, miteinander reden und dann gemeinsam die beste Lösung suchen. Das ist meiner Ansicht nach eine digital wünschenswerte Zukunft. Dass wir digitale Geräte nutzen, um kreative Inhalte zu erschaffen und durch sie zu lernen und zu gestalten. Aber nicht einsam, sondern in Zusammenarbeit oder Kooperation mit anderen.

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Ich zitiere dich einmal, du hast gesagt: „Es ist an der Zeit, ein Zukunftsversprechen an unsere Kinder abzugeben – dass wir sie zu Gestaltern der Welt von morgen ausbilden und nicht zu digitalen Konsumenten degradieren.“ Was genau meintest du damit?

Verena Pausder: Ich meine damit, dass wir das Versprechen, dass wir unsere Kinder zu mündigen BürgerInnen von morgen ausbilden und sie nicht zu digitalen KonsumentInnen degradieren, ein Versprechen unabhängig von politischen Konstellationen sein muss – egal, wer dieses Land regiert und in welcher Koalition!

Das Kernversprechen muss Bildung sein, wenn wir wollen, dass unsere Kinder in Zukunft Demokratie verstehen können, dass sie medienkompetent sind und digital in der Art geschult sind, dass sie Jobs von morgen ergreifen können.

Denn laut einer Studie des Weltwirtschaftsforums werden 65 % der heutigen GrundschülerInnen später in Jobs arbeiten, die es heute noch gar nicht gibt. Genau dafür müssen wir sie ausbilden! Für diese Unsicherheit, für das Noch-nicht-Wissen, wohin die Reise geht.

Wir müssen den Wandel als Chance begreifen, denn wenn wir das nicht tun und denken, sie seien doch ohnehin Digital Natives, dann sind sie eben nur digitale KonsumentInnen, die wenig über das wissen, was sie da anwenden, aber nicht in der Lage sind, hinter die Fassade zu gucken und die Produkte, Dienstleistungen und Lösungen von morgen zu entwickeln.

Ich mag ja deine Ungeduld in allem. Du verkörperst für mich das Modell des Einfach-Machens. Du sagst: Deutschland braucht für alles zu lange. Wir könnten schon JETZT Zukunft gestalten. Wie könnten wir denn Prozesse beschleunigen?

Verena Pausder: Ich glaube, wir könnten Prozesse dahingehend beschleunigen, dass wir uns mehr trauen, Dinge nochmal neu zu denken, sie auf die grüne Wiese zu heben und auf den Prüfstand zu stellen. Wir dürfen hinterfragen, warum eine Kultusminister-Konferenz so aufgestellt sein muss, wie sie ist. Warum können wir die nicht reformieren und nochmal neu denken? Denn die wird im 21. Jahrhundert sicherlich eine andere Aufgabe und Struktur brauchen als es im 20. Jahrhundert der Fall war.

Warum ist es gegeben, dass wir bei den Vorwahlen zur Bundestagswahl keine direkte Demokratie haben? Ich meine die Direktmandats-KandidatInnen, die in den Wahlkreisen aufgestellt werden: Warum stellen Parteien die auf, warum können nicht Bürgerinnen und Bürger sie wählen? Damit hätte man viel mehr repräsentative Demokratie und es würden die KandidatInnen nach oben kommen, die das Volk möchte. Man wäre nicht ganz so abhängig von den Parteien und dem Dickicht ihrer Strukturen.

Diese beiden Beispiele sollen einfach zeigen: Wenn wir auf die Frage, wie wir schneller und besser werden können, immer antworten, dass das nicht geht, weil wir das ja schließlich immer so gemacht haben; es nicht geht, weil wir dann die Verfassung ändern müssten; es nicht geht, weil das föderal geregelt ist, dann manövrieren wir uns in mentale Sackgassen. Einfach mit gestrigen Ausreden zu reagieren ist das Gegenteil von Innovationsfreundlichkeit und Zukunftsorientierung.

Wir müssten uns viel öfter fragen, wie wir etwas neu denken könnten, aber dafür müssen wir bereit sein, Besitzstand zu opfern und Menschen auch mal Zuständigkeit oder Verantwortung wieder wegzunehmen. Damit tun wir uns sehr schwer in Deutschland.

In deinem Buch „Das neue Land“ zeichnest du ein Zukunftsmodell, in dem wir digitaler, innovativer, flexibler, neugieriger, mutiger und menschlicher werden müssen. Wie kann uns das gelingen?

Verena Pausder: Bildung ist das Fundament von allem. Wenn wir unsere Kinder für die Zukunft ausbilden, dann ist das chancengerecht, denn dann können sie theoretisch alles werden. Und dieses alles entscheidet dann über die Zukunft und wie sie sein wird.

Dafür muss aber eben auch Unternehmertum in den Unterricht, denn das ist aus meiner Sicht die Demokratisierung von Chancen: Wenn jede/r in der Lage ist, seine Idee in die Tat umzusetzen, Geld dafür zu bekommen von InvestorInnen und/oder MentorInnen, dann ist es keine Frage des Elternhauses mehr, ob du ein eigenes Unternehmen haben kannst. Ob du an der Zukunft teilhaben und deine eigenen Ideen in die Tat umsetzen kannst.

Die Zukunft wird sehr stark von der Digitalisierung abhängen und dafür brauchen wir die Infrastruktur, damit digitale Geschäftsmodelle überhaupt in Europa entstehen können und nicht anderswo gebaut werden. Nachhaltigkeit und Klimaschutz spielen dabei natürlich eine große Rolle.

Wie können wir also von Anfang an Unternehmen so aufstellen, dass sie nachhaltig agieren? Da habe ich in meinem Buch die nGmbH vorgeschlagen, also die nachhaltige GmbH, die CO²- Reduktion, Mitarbeiterbeteiligung und Spenden an soziale Einrichtungen gleich mitdenkt in der Gründungsphase.

Als letzten Punkt sollten wir die Gleichberechtigung feiern. Wir wissen schon so lange, dass diverse Teams die besten Antworten geben. Also führen wir jetzt die Frauenquote ein und nutzen unsere Energie, Nachwuchsförderung zu betreiben, mehr Frauen für MINT (Anm. d. Red.:  Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik.) zu begeistern und nicht unsere Zeit zu verschwenden, indem wir hoffen, dass sich das Thema alleine löst.

Verena Pausder. Foto: Patrycia Lukas

Du baust auch sehr auf junge Menschen, setzt dich für Chancengleichheit und Mädchenförderung ein, für ein Wahlrecht ab 16, steckst aber auch viel Herzblut in die Unterstützung junger StartUpper, welche Idee hat dich da zuletzt am meisten berührt?

Verena Pausder: Das ist tatsächlich ein Team gewesen, dass auch in unserem StartupTeens Finale 2019 war. StartupTeens ist eine Non-Profit-Organisation, die wir gegründet haben, um Unternehmertum zu fördern. Die drei Gründer hatten sich eine App ausgedacht, die Exclamo hieß, eine Anti-Mobbing-App, mit der Schülerinnen und Schüler Mobbing an ihrer Schule anzeigen können.

Als dann Corona kam und die Kinder im Lockdown saßen und Mobbing gar nicht mehr das Hauptproblem war, haben sie sich überlegt, ihre App in krisenchat.de umzuwidmen. Sie wollten damit den Schülerinnen und Schülern zu Hause eine Stimme geben. Jenen, bei denen kein Lernen ankam, die vielleicht bedroht waren durch häusliche Gewalt, die vereinsamten, um die sich keiner gekümmert hat. Und damit haben mich die drei Jungs mit ihren 20 Jahren mit ihrer Empathie, Schnelligkeit und Flexibilität in der Corona-Situation schwer beeindruckt.

Du setzt dich sehr für Innovation und Digitalisierung ein, deine eigenen vier Kinder haben aber sehr begrenzte Medienzeit pro Tag, wie erklärst du ihnen diese Regeln?

Verena Pausder: Gerade weil ich mich so dafür einsetze, haben sie begrenzte Konsumzeit pro Tag, aber nicht begrenzte Gestaltungszeit. Das heißt ich differenziere und sage: Wenn ihr eine bestimmte Zeit daddeln wollt – Fortnite, Among us, was auch immer gerade angesagt ist – dürft ihr das nur für eine bestimmte Zeit pro Woche. Nicht einmal jeden Tag.

Wenn ihr aber darüber hinaus etwas auf euren Geräten gestalten wollt, mit der App Klavierlernen, was programmieren, ein EBook erstellen, einen Stop-Motion-Film drehen, ein Gedicht schreiben, dann dürft ihr das Gerät natürlich darüber hinaus nutzen. Da möchte ich einfach nur das Ergebnis sehen. Und ich glaube, auf die Art fördere ich ihr Bewusstsein dafür, was man mit diesen Geräten eigentlich alles erstellen und kreieren kann, fern ab vom puren Konsumieren.

Nun hast du selbst deine Kindheit nicht-digital verbracht – was sind denn deine schönsten Erinnerungen, wenn du zurückdenkst?

Verena Pausder: Oh, ich bin ein ganz großer Familienmensch und die Familienfeste bei meinen Großeltern und auch bei uns zu Hause gehören sicherlich zu meinen schönsten Erinnerungen. Wenn das Haus voll ist bin ich glücklich – bis heute! Deswegen ist Corona da für mich auch echt ein Schicksal. Das fällt mir gar nicht so leicht, dass wir nicht mehr so viele Leute sehen können, Freunde und Familie weniger um uns haben.

Aber zurück zu meiner Kindheit, denn obwohl die nicht digital war, gehört zu meinen Erinnerungen ebenfalls, dass ich recht früh einen Computer hatte. Und da gab’s damals natürlich noch völlig unspannende Programme und meine Eltern hatten da auch noch ein besonders Unspannendes für mich ausgesucht, wo man Anonyme und Synonyme suchen musste, ein Langenscheidt-Programm. Und obwohl das eigentlich nicht besonders spaßig war und man nur mit so einem Pacman da rumlief und die richtigen Worte suchte, hat mich das schwer fasziniert. Das war eine meiner ersten digitalen Erfahrungen.

Als dritter Punkt: Ich liebe Sport und habe mich wahnsinnig viel bewegt, wenn ich an meine Kindheit zurückdenke. Ich habe viel Fußball gespielt, viel Leichtathletik gemacht, bin überall hingerannt statt gegangen und habe auf Bäumen gesessen, bin hochgeklettert und wieder runtergesprungen. Deswegen gibt es auch bis heute keinen Waldspaziergang mit meinen Kindern, bei dem wir nicht mindestens dreimal um die Wette laufen.

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1 comment

  1. Extrem unsympathisch, dieser digitale Perfektionierungswahn!!!
    Ich wünschte, meine Kinder (7,5,3) könnten eine Kindheit ohne diesen verdummenden Technikblödsinn erleben; stattdessen werden sie bereits in der 1. Klasse Grundschule damit belästigt.
    Und ich, Sklave meiner Zeit, schreibe das am Smartphone, ohne das ich kein annehmbarer Mensch mehr zu sein scheine…furchtbar!

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