Grundschul-Leiterin zu Öffnungen: „Meine gesamte Schulfamilie ist am Ende ihrer Kräfte“

Ihr Lieben, seit dem 16.12. sind die Schulen fast überall geschlossen, am Montag steht nun die schrittweise Öffnung der Grundschulen an. In Berlin dürfen zunächst die Klassen 1-3 wieder in die Schule, allerdings im Wechselbetrieb und in halber Klassenstärke. Katharinas Sohn wird also eine Woche 4 Stunden am Tag Unterricht haben und dann wieder eine Woche zu Hause bleiben.

Auf Instagram sprach Katharina neulich darüber, dass es so wirke, als gäbe es wenig gute Konzepte zu Schulöffnung – oft würden Lehrer ausgebremst und die Bürokratie legt Vieles lahm. Daraufhin meldete sich Anna bei uns. Sie ist Leiterin einer Grundschule, wir durften ihr ein paar Fragen stellen:

Liebe Anna, Du bist Schulleiterin einer Grundschule in NRW. Wie geht es dir aktuell?

Mir selbst geht es gut. Ich habe in der Krise gelernt, gut auf mich und meinen Körper zu achten, Anzeichen der Überlastung wahrzunehmen und darauf zu reagieren.

Wie ist die Situation bei Euch an der Schule kurz vor der Schulöffnung?

Aktuell sind bei uns knapp über 40 Kinder in der Notbetreuung.
Wir können sie, aufgrund unserer schuleigenen Endgeräte und einem stabilen WLAN in die täglich stattfindenden Videokonferenzen zuschalten. Kinder aus allen Jahrgängen haben mehrfach am Tag die Möglichkeit mit den Lehrkräften fachlich und beziehungstechnisch digital in Kontakt zu treten.

Man merkt allen mittlerweile deutlich an, wie anstrengend und herausfordernd ein Lernen in der Distanz ist. Meine gesamte Schulfamilie ist am Ende ihrer Kräfte und auf die gilt es jetzt besonders gut aufzupassen. 

Wie lautet die Ansage, wie und wann es bei Euch wieder los geht?

In NRW geht es am dem 22.02.2021 mit einem Wechselmodell wieder zurück in den Präsenzunterricht.

An meiner Schule kommen die Kinder einer Klasse im tageweisen Wechsel. Dadurch kann der Stundenplan innerhalb von zwei Wochen komplett abgebildet werden und jede Lehrkraft (wichtig für die Teilzeitkräfte) kommt an den für sie vorgesehenen Tagen.

An den Distanzlerntagen arbeiten die Kinder weiterhin an ihren digitalen Pinnwänden und mit ihren gut vorstrukturierten Materialheftern. Die Aufgaben haben vorrangig einen übenden und vertiefenden Charakter.

Ich bin als Schulleiterin sehr froh, dass alle Kinder wieder eine direkte Anbindung an die Schule bekommen, bzw. mehrfach in der Woche vor Ort sind. Die Entscheidung halbe Klassenstärken wieder zurück in die Schule zu holen, erachte ich als sehr gut. Dadurch können wir unsere hohen Hygienestandards weiterhin aufrechterhalten und haben die Möglichkeit aktiv und direkt Beziehungsarbeit zu leisten. 

In Berlin ist der Berliner Lehrerverband gegen eine Schulöffnung, weil sich im Vergleich zur Schulschließung vor 2 Monaten kaum etwas geändert habe. Darüber ärgere ich mich sehr. Kannst du das verstehen?

Ich kann deinen Ärger sehr gut nachvollziehen. Alle Eltern leisten aktuell enorm viel und oft weit über ihre Grenzen hinaus. Die berufliche, schulische und private Ebene verschwimmt.

Eltern sind in aller erster Linie Beziehungspartner und Mutter und Vater für ihre Kinder; keine Lehrkräfte, die durch pädagogisches Fachwissen glänzen. Wir haben andere Stärken und diese benötigen eure Kinder mehr denn je. Auf Stress muss man mit Liebe reagieren!

Gefühlt hat die ganze Welt es geschafft, sich online weiterzuentwickeln und Lösungen zu finden – nur an den Schulen höre ich immer wieder: „Der Datenschutz erlaubt das nicht.“ Kannst du was zum Datenschutz erklären?

Der Datenschutz ist Ländersache und wird unterschiedlich ausgelegt. Es gibt Bundesländer, die fast alle digitalen Plattformen und Anwendungen verbieten; wiederum andere, die bewusst keine Positiv-/Negativ-Liste herausgeben.

Diese Einstellung findet sich auch bei Schulleitungen wieder. Hierbei ist es wichtig, dass man sich Einverständniserklärungen der Familien einholt bzw. auf Wichtiges aufmerksam macht. Datenschutz ist ein hochsensibles Thema und darf meines Erachtens nur von qualifizierten Juristen besprochen werden. 

Eltern müssen seit vielen Wochen zu Hause die Kinder (mit-)beschulen. Langsam geht allen den die Puste aus. Wie erlebst du die Eltern an deiner Schule?

Durch unsere sehr gut vorstrukturierte Distanzlern-Atmosphäre sind die Eltern durch uns etwas in ihrem eigenen Tag organisiert worden. Verlässlich haben die Kinder zweimal täglich eine Videokonferenz mit zusätzlichen freien Sprechstunden, in denen sie Nachfragen stellen, sich unterhalten oder gemeinsam lernen können. Dennoch hadern alle Beteiligten immer wieder mit technischen Problemen und das stimmt unzufrieden und belastet sehr.

Anfänglich war dies einer der Hauptgründe, warum die Eltern in meiner Schulfamilie unzufrieden waren. Durch einen wöchentlichen Fragebogen konnten wir einige Stolpersteine aus dem Weg räumen bzw. adäquater auf Probleme reagieren. Es ist sehr wichtig transparent zu sein, seine eigenen Schritte zu erklären und in die Familien hineinhören zu dürfen. Dies ist eine der Hauptaufgaben – neben dem Vermitteln von Unterricht. Meine Lehrkräfte und auch meine beiden Schulsozialarbeiterinnen leisten aktuell Außergewöhnliches. 

Was müsste passieren, damit guter Online-Unterricht überall möglich ist?

Für einen gut funktionierenden Onlineunterricht benötigt es für jede Person in meiner Schulfamilie ein digitales Endgerät; Kinder, Lehrkräfte, Schulleitung, Schulsozialarbeit, OGSMitarbeitende usw.
Zudem muss es an jeder Schule einen Glasfaseranschluss bzw. eine gute WLAN-Anbindung geben und passende digitale Präsentationsflächen.

Schulübergreifend macht es Sinn, dass es einheitliche Plattformen gibt, die sich direkt mit allen wichtigen Daten füttern lassen und somit Übergänge einfach gestalten lässt. 

Jetzt stehen die Schulöffnungen an. Welche Maßnahmen müssten deiner Meinung nach passieren, damit die Klassenzimmer möglichst sicher sind?

In allererster Linie sollten Klassenzimmer von Grund auf größer und nach inklusiven Maßstäben eingerichtet sein. Dies wird wohl aber noch ein hehrer Zukunftswunsch bleiben… Aktuell hätte es schon seit Monaten geeignete Luftfilteranalagen geben müssen, die allen Beteiligten das Maske tragen ersparen würde.

Gerade in der Grundschule ist dies von der physiologischen Seite her nur schwer auszuhalten und die Kinder benötigen unsere Mimik sehr. Sie lesen Vieles aus unseren Gesichtern ab und wir Erwachsene kommunizieren oft nonverbal.   

Wenn du dir drei Dinge für deinen Beruf wünschen könntest – was wäre das? 

  1. An unsere Bedürfnisse angepasste Räumlichkeiten und Ausstattungen für alle Schulformen
  2. Mehr Flexibilität
  3. Mehr selbstbestimmtes Handeln und Agieren

Was ist der größte Hinkefuß in deinem Beruf? 

Für mich gibt es keinen Hinkefuß. Mein Beruf bereichert mich täglich mit meinen Themen und Spektren, die ich bislang noch nicht kannte. Herausforderungen würde ich es eher nennen und an diesen wächst man ja bekanntlich. Ich bin offen für kleine und große Mutausbrüche in meiner gesamten Schulfamilie und sehe diese immer im Fokus all meinen Handelns. 

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4 comments

  1. Hallo,
    ich ziehe meinen Hut vor allen Eltern, die ihre Kinder aktuell im Home-Schooling unterrichten müssen. Das ist sowohl für die Eltern wie auch für die Kinder keine einfache Zeit. Meinen Respekt dafür!
    Liebe Grüße
    Julia

  2. Tja, Schulöffnung läuft überall anders… Eine Woche vier Stunden pro Tag würde ich unseren Kindern (und Eltern) liebend gerne ermöglichen! Wir haben aber bei 12 Klassen mittlerweile 80Kinder in der Notbetreuung… Tendenz steigend. Ich bin selbst Mutter und verstehe jeden, der nach diesen langen Wochen keine Möglichkeit mehr sieht, die Kinder zu Hause zu lassen. Zumal in der Öffentlichkeit ja ankommt: die Grundschulen haben wieder auf. Ergo sagen die Arbeitgeber: Jetzt ist dann aber mal Schluss mit der Kinderbetreuung, gibt ja keinen Grund mehr…
    Weil ich jetzt aber mit dem gleichen Personal statt 12 Klassen täglich 18-19 Gruppen mit Unterricht oder Notbetreuung versorgen muss, gibt es für alle 10Unterrichtsstunden alle zwei Wochen. Unbefriedigend für alle. Wenn mir als Schulleitung dann aber „mangelndes Engagement“ und „immer nur der Mindeststandard“ vorgeworfen wird, trifft mich das tief. Wie die meisten Kollegen die ich kenne, versuche ich mit viel Herzblut IMMER alles rauszuholen, was geht. Dabei ist es allerdings auch wenig hilfreich, wenn man die neuen Vorgaben immer erst kurz vor knapp bekommt… Die Vorschriften machen nicht die Schulen und die Bedingungen sind von außen einfach nicht sichtbar und an den einzelnen Schulen sehr unterschiedlich. Wir versuchen immer, alles transparent zu kommunizieren, aber die Abläufe sind gerade so komplex, dass selbst die Kolleginnen Probleme haben, alles zu verstehen. Meine Bitte an alle Eltern ist deshalb: nachfragen! Warum etwas ist wie es ist (und die wütenden Mails gerne auch an die Kultusministerien schicken, nicht nur an uns). Hoffen wir, dass bald wieder ein ganz normaler Schulalltag möglich wird!Bis dahin allen gute Nerven!

  3. Liebe Anna.
    Danke für das tolle Interview. Ich finde es großartig, was du mit deiner Schule alles leistest.
    Wir haben seit Wochen einen Erst- und einen Viertklässler Zuhause und sind ziemlich ko. Gerade die erste Klasse zu betreuen ist eine echte Herausforderung. Ich bin oft schnell gereizt, obwohl ich nicht zur cholerischen Sorte Mensch gehöre und merke, dass meine Motivations-Kreativtät so langsam aufgebraucht ist. Wir bekommen Wochenaufgaben, haben ein- bis zweimal die Woche eine Jitsi-Konferenz für ca. 20 Minuten und versuchen sonst, in Eigenleistung ein wenig Abwechslung an den gemeinsamen Ess-Schreib-Arbeits-Basteltisch zu zaubern. Auch sinkt meine persönliche Bereitschaft, Aufgaben zu erledigen, die ich nicht unbedingt zwingend als erforderlich empfinde. Kurz vor Karneval hätten wir Zeitungskostüme basteln sollen/ können/müssen. Da hab ich den Laptop fast angebrüllt mit einem: „Nein!!! Ich habe keine Lust mehr, mit Heißkleber, Faden, Buntstiften und Co ein lustiges Kostüm zu schneidern!“ und hab mit lautem Stampfen das Indianerkostüm vom letzten Jahr geholt aus dem Keller geholt.

    Viel mehr beschäftigt mich allerdings gerade, dass ich bei meinen Jungs sehe, dass sie zwischendurch richtig coronamüde und -frustriert sind. Und das finde ich noch viel schlimmer.
    Ab nächster Woche sind sie dann abwechselnd in der Schule, jeder an einem anderen Tag vor Ort und am nächsten Tag Zuhause. Das ist für uns Eltern ein Wahnsinn, auch wenn mir vollkommen bewusst ist, dass jede Schule und jeder Schulleiter auch nur sein bestes gibt und mehr als bemüht ist, einen guten Umgang mit allem zu finden. Ich hoffe sehr, dass zumindest die Freunde-Akkus so wieder ordentlich aufgeladen werden und wir dann Zuhause auch einen kleinen „Chacka-Booster“ erleben…
    Also: bleiben wir alle tapfer und hoffen, dass der Frühling zusätzlich seinen Teil als tägliches „Alles-wird-gut“-Mantra dazubeiträgt, die nächsten Wochen entspannt zu meistern.

  4. Liebe Anna,
    Toll, was ihr da leistet mit den 2 Videokonferenzen am Tag + zusätzliche Sprechzeit mit den Lehrern! Meinen Respekt! An der Grundschule meiner Kinder (auch NRW) gibt es jede Woche einen Stapel Arbeitsblätter, einen Wochenplan, und 3-4 ganz kurze Filme. Ist wirklich nett gemacht, aber meinen Kindern fehlt der input. Das Vermitteln der Inhalte wird zum größten Teil und wie selbstverständlich von den Eltern erwartet. Nachfragen, wie es läuft oder ob wir(oder die Kinder) Vorschläge oder Wünsche oder Probleme haben, gibt es gar nicht. Das ärgert mich wirklich. Daher finde ich eure wöchentlichen Umfragen super.
    Von Freunden in anderen Bundesländern höre ich auch von mehreren Videokonferenzen pro Woche für die Grundschulkinder. Ich finde es toll, dass viele Schulen/Lehrer das trotz der schwierigen Umstände so umsetzen können, und schade, dass es anderswo gar nicht probiert wird.
    Viel Kraft weiterhin!

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