Gastbeitrag von Lea: „Ich bin leider keine gute Corona-Mutter“

Corona-Krise

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Ihr Lieben, ich weiß, Eltern, die „jammern“ kommen grad nicht sonderlich gut an. Aber mir geht´s nicht besonders gut und immer, wenn jemand anders schreibt, dass er oder sie auch mit der Situation grad auch Schwierigkeiten hat, fühle mich zumindest ein ganz kleines bisschen besser. Ich hab nämlich ganz schön dolle Versagensgefühle. Ich hab nicht nur mit der Situation zu kämpfen, sondern auch mit mir selbst.

Ich bin eigentlich eine fröhliche Frau. Optimistisch und voller Lebenslust. Viel ist davon grad nicht übrig. Ich bin grad einfach nicht die beste Version meiner selbst, eher die schlechteste. Ich kümmer mich normalerweise total gern um andere, schaue, dass es allen in meinem Umfeld gut geht. Jetzt bemerke ich an mir ganz neue Gefühle. Zum Beispiel Neid.

„Corona bringt nicht die besten Seiten an mir hervor“

Wenn ich sehe, dass andere sich über die viele Familienzeit freuen, denk ich sofort: Siehste, es liegt an dir. Andere kriegen das ja auch hin. Du bist die Einzige, die es nicht packt.

Ich bin sogar neidisch auf meinen Mann, der einfach weiter arbeiten kann, als hätten wir keine Pandemie. Ja, mit Maske. Aber sonst wie früher. Wenn Nachbarinnen einfach weiter Geld verdienen. Wenn ich sehe, wie andere sich plötzlich neu erfinden, sich weiterbilden, denk ich nur: Krass, mir fällt es grad schon schwer, ein Marmeladenglas zu öffnen.

„Ich werde neidisch, wenn andere einfach weitermachen können“

Wenn andere ins Büro gehen und Kollegen sehen dürfen, irgendwie aufgefangen sind in einem Netz, denk ich: Ich will auch. Ich werde richtig neidisch, wenn andere einfach weitermachen können. Ich kann das nicht.

Ich bin Schauspielerin an einem kleinen Theater, das geschlossen ist. Für mich gibt es grad keine Arbeit und keinen Applaus. Keine Kreativität, die mir sonst so viel gibt. Niemand weißt, ob das Theater überlebt, die Kultur rückt so in den Hintergrund, meiner Branche geht es schlecht. Und ich bin müde, pandemiemüde, als hätte eine Biene den Saft aus meiner Blüte gezogen. Ich kenne mich so gar nicht.

„Früher dachte ich, ich würde eine gute Mutter“

Damals, als ich noch keine Kinder hatte, dachte ich, ich würde die beste Mutter der Welt. Ich war ein Kindermagnet, hab mich auf Partys immer lieber zu ihnen gesetzt als zu den Erwachsenen, hab Tanzchoreografien mit ihnen einstudiert, mich mit ihnen über den Boden gewälzt und kringelig gelacht.

Meine zwei Jungs waren absolute Wunschkinder. Das Beste, was mir je passiert ist. Aber auch anstrengend. Laut. Fordernd. Und im Moment eben rund um die Uhr um mich herum.

Immer nur geben statt zu nehmen – das schlaucht

Ich habe das Gefühl, nur noch zu geben – und gar nicht mehr zu nehmen. Und diese Rechnung geht nicht auf. Ich fühle mich wie ein ausgewrungener Schwamm. Meine Nerven keine Drahtseile mehr, sondern nur noch brüchige Spinnwebenfäden.

Manchmal fürchte ich, meine Jungs könnten niemals selbständig werden, so viel Hilfe brauchen sie. Bei allem. Beim Aufstehen, beim Butterbrot, bei den Aufgaben von der Schule. Obwohl sie schon 9 und 12 sind. Wo ist mein Stift? Wo ist mein Heft? Ich glaube, sie haben noch nie die Zähne geputzt ohne dass ich sie darauf hingewiesen hätte. Als ich selbst noch einen Alltag hatte, war das okay. Jetzt steigere ich mich da grad irgendwie rein.

Stimmungsschwankungen in der Krise: Ich will nichts kaputt machen

Ich habe Angst, dass ich grad viel kaputt mache bei den Kindern. Ich bin so überfordert und angeschlagen. Meine Stimmungen schwanken undurchschaubar. Von mal gut, zu mal total verzweifelt, von „Ich will jetzt sofort auf ein Festival mit 1000 Leuten“ und „Lasst mich alle in Ruhe, ich will allein ins Bett“.

Alles steht plötzlich in Frage. Mein ganzes Leben wackelt und ich fühle mich kaum noch existent. Zumindest nicht mehr als Einzelperson.

Immer wieder aufraffen – das ist anstrengend und klappt nicht gut

Ich versuche alles, aber irgendwie misslingt es mir dann wieder. Ich denke: Ok, die Kinder müssen heute früher ins Bett, dann knallt es morgen weniger. Mehr Schlaf, mehr Ausgeglichenheit. Während sie mürrisch (nach Ansage meinerseits!) Zähne putzen, sehe ich in der Mediathek, dass ANNA noch drei Stunden verfügbar ist. Dieser Tanzfilm, mit dem Ballettmädchen, einige werden sich aus der eigenen Kindheit dran erinnern.

Ich denke, boah, der Tag war so erschöpfend, so voller Pflichten und ohne Highlights, ich ruf sie jetzt nochmal runter. „Habt ihr Lust, die erste Folge mit mir zu schauen?“ 50 Minuten. „Au ja!“ Wir kuscheln uns zusammen, kurz ist alles gut und friedlich. Ich möchte wirklich, dass es ihnen gut geht. Dass es mir gut geht.

„Ich reiche ihnen einen Finger, sie greifen nach der Hand“

Und dann knallt´s doch wieder. Weil sie sich danach nicht direkt auf den Weg ins Bett begeben, weil ich doch noch ein Handy unter der Bettdecke finde, weil wieder diskutiert werden muss. Und ich kann dann – selbst müde – nicht mehr vernünftig bleiben und fange an zu motzen.

„Da erlaube ich euch schon, länger wach zu bleiben und dann nutzt ihr es doch wieder so aus, dass es sogar NOCH ne Stunde später wird. Wie sollen wir das morgen schaffen mit dem Aufstehen, wie wollt ihr euch morgen für die Schule konzentrieren, warum nehmt ihr direkt die ganze Hand, wenn ich euch nur den Finger reiche?“

Voll drin in der Negativ-Spirale

Und dann gehen wir alle niedergeschlagen ins Bett. Ich mit selbstzermürbenden Gedanken, die mich nur noch fertiger machen. Ein Teufelskreis, der dazu führt, dass ich mich mittlerweile auch an den Wochenenden nicht mehr wirklich erhole. Alles ein Einheitsbrei. Und immer mit feinen Antennen unterwegs, wo wieder welche Befindlichkeit am Start ist und wo ich wieder gegenlenken muss.

Manchmal laufe ich in die Küche, um etwas zu holen und weiß dort angekommen schon nicht mehr, was ich wollte. Immer im Bereitschaftsdienst, Tag und Nacht. Nie mehr ungestört. Bei jedem Telefonat damit rechnend, dass wieder jemand reinruft oder Hunger hat, bei jedem Gedanken in der Sorge, dass er nicht zu Ende gedacht werden kann. Mein Ich macht grad Pause, es gibt uns nur noch als Wir.

„Mein Ich macht grad Pause, es gibt uns nur noch als Wir“

Ich hoffe so sehr, dass das bald nochmal anders wird. Nicht, weil ich meine Kinder nicht lieben würde, im Gegenteil: eben WEIL ich sie so liebe und weil ich weiß, dass alles besser funktioniert, wenn wir irgendwie alle auch ein Einzelleben – ab und zu zeitlich getrennt voneinander – haben.

Und weil ich die beste Version von mir selbst nur sein kann, wenn nicht alle Grenzen verschwimmen… Ich glaube fest, dass diese Zeiten wiederkommen. Bis dahin versuche ich jetzt erstmal kleine Schritte wieder in Angriff zu nehmen. Und mich zu freuen, wenn ich das Marmeladenglas dann doch irgendwann aufbekomme. 😉

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13 comments

  1. Hallo Lea, total gut Dein Beitrag ☺
    Dein Gefühl: „Krass, mir fällt es grad schon schwer, ein Marmeladenglas zu öffnen…“, kann ich sooo nachvollziehen.
    Bei mir führt schon das Anziehen und Fertigmachen am Morgen zur totalen Erschöpfung. Meine 2 wilden Jungs sind mein Leben, machen aber auch unendlich müde.
    Ich denke es ist für alle gerade „etwas“ zu viel und es hängt einfach am eigenen Energielevel. Es muss vielleicht auch einfach Ok sein wie es ist und dann hat man eben schlechte Laune…
    Als Designerin kenne ich auch diese wirtschaftliche Unsicherheit. Das ist manchmal schlecht zu ertragen und zu verarbeiten. Als gefühlsbetonte, kreative Persönlichkeit kann man nicht immer ruhig und kontrolliert sein.
    Zur Außenwelt mache ich allerdings ein Pokerface! Es geht mir/ uns großartig, die Jungs machen das Homeschooling suuuper, der Große hatte ein Top-Zeugnis und wir haben für die Zeit nach der Pandemie tolle Urlaube gebucht.
    Heulen und verzweifelt sein kann ich auch alleine ❤
    Dir Lea und allen Mamas wünsche ich viel Kraft und Mut in dieser schweren Zeit 💋

  2. Liebe Lea, mir geht es genauso und ich verstehe Dich so gut!
    Und das, obwohl ich sogar zwei halbe Tage die Woche ins Büro fahren zum Arbeiten. An den anderen Tagen, im Homeoffice mit Schul-und Kita-Kind bin ich eine ziemliche Schreckschraube. Und auch ich wünsche mir im Wechsel die Riesenparty und mein eigenes Zimmer für mich ganz alleine.
    Es hilft wohl nur durchhalten und hin und wieder mal, zum Beispiel hier, loswerden, was dich bedrückt.
    Liebe Grüße Helena

  3. Liebe Lea, bin beruhigt, dass es nicht nur bei uns so ist! Meine Jungs, Zwillinge fast 10 sind auch komplett unselbständig und es spielen sich die Situationen 1:1 wie bei euch ab! Wobei ich aber „normal“ arbeite, also schon Sozialkontakt mit Kollegen habe. Trotzdem ist die Situation sehr herausfordernd für mich und ich hoffe doch, dass wir aus dieser Negativspirale rauskommen! Alles liebe für euch

  4. Es geht mir exakt genauso.
    Hab auch 2 Jungs.
    11 und 13 Jahre.
    Super schwer sie überhaupt zu motivieren. Lieber wird gedaddelt.
    Der kleine hat latein als neues Fach und ich verzweifel allmählich weil ich ständig mit ihm daran sitze. Er weint…Alles zu schwer. Es ist alles so verdammt schwer. Dieser ständige Druck von der Schule und dieses ständige zusammen sein.
    Haltet durch!!!!!!
    Lg Claudia

  5. Hallo, ich entdecke gerade sehr viele Parallelen zu meinem Leben…bin Sängerin, derzeit ohne Auftritte und Gesangslehrerin – das gibt mir wenigstens noch ein bisschen Identität. Meine Mädchen sind 8 und 10 Jahre alt, auch hier muss ich ALLES ansagen, vor allem für die Kleine. Mein Mann arbeitet in einem Medizinlabor, also so wie immer. Ich bin auch neidisch…und vermisse mein Leben. Aber ich merke wie ich langsam bescheiden werde und mich an allem freue, was früher selbstverständlich war. Und trotzdem, soviel daheim bleiben liegt mir nicht.

  6. Du beschreibst haargenau, wie es mir gerade geht. Meinen Respekt für deine Leistung; ich habe weniger zu tun als du und habe trotzdem das Gefühl, ich schaffe es nicht. Meine Tochter, die ich so liebe und die so ein tolles Mädchen ist, meckere ich viel zu oft an. Ich habe manchmal das Gefühl, ich bekomme keine Luft mehr in dieser Spielen-Spielplatz-Kinderzimmerwelt. Ich hoffe auch so sehr, dass bald wieder mehr möglich ist. Und es geht vielen so. Du bist nicht allein und du trägst ein vergleichbar großes Päckchen. Dir alles Gute!

  7. Liebe Lea, ich glaube nicht, dass Eltern, die jammern, gerade schlecht ankommen. Klar darf jeder jammern! Hier im Blog ging es nur darum, noch ein bisschen Maß zu halten und Dinge nicht dramatischer darzustellen als sie sind bzw. auch mal zu überlegen, ob man selber vielleicht etwas überreagiert.
    Wenn ein einem der gesamte Beruf wegbricht, darf man natürlich jaulen!
    Mir geht’s emotional ziemlich genau wie dir…mich nervt es! Ich brauch Freiräume( auch mal abends von meinem Mann?!) und die gibt’s gerade nicht und das ist scheiße!!! Ich hänge auch den ganzen Tag mit meinen (kleinen) Kindern hier rum, bespaße nebenbei noch meine Schulklasse online und mecker ständig meine Kinder an und finde mich selber schrecklich!
    Das ist aber , glaub ich, der Normalzustand aktuell. Da müssen wir jetzt durch und es wird auch wieder besser!
    Liebe Grüße

  8. I FEEL YOU
    Ich habe drei Kinder (8,5,fast 2), bin mit dem Jüngsten noch in Elternzeit. Jeden Tag, wenn mein Mann im Arbeitszimmer verschwindet, kommt Neid in mir auf. Ich muss nicht arbeiten, sondern „nur“ um Kinder und Haushalt kümmern und ich bin es sooo leid. Der Stress schlägt mir inzwischen auf den Magen und ich mag mich selbst gerade nicht leiden. Ich schicke dir mein Mitgefühl!!!!

  9. danke. ich kann das so nachfühlen. ich bin in elternzeit seit fünf jahren und will nicht mehr. ich liebe meine kinder, aber wir brauchen jetzt echt regelmäßig zeit ohne einander. meine tochter ( bald 3) soll eigentlich ab ende februar in den kindergarten gehen. mein sohn (5) war immer nur ein paar monate und dann nicht mehr, ich betreue ihn also seit fünf jahren daheim. normalerweise habe ich mir mit den kindern äußere termine und pläne ( spielgruppe, ausflug in die stadt, oder wildparks etc.) jede woche fest vorgenommen, also im herbst mein sohn endlich wieder in den kiga konnte, wollte ich mit der kleinen jede woche ins schwimmbad etc.dazu letztes jahr bei mir im frühjahr und herbst jeweils eine OP an beiden beinen, mein mann oft krank letztes jahr und nervlich am ende, meine mutter hat sich den oberschenkelhals gebrochen…. es war ein hartes jahr. und ich bin nicht mehr die mutter die ich gerne für die kinder sein möchte. ja und ich bin auch neidisch auf alle in meinem umfeld die regelmäßig in ihre abrieb gehen können, dort etwas bewirken, auch dinge von anfang bis ende machen können…. hier werde ich nur unterbrochen, gleichzeitig hört mir aber keiner zu und hilfe kommt nur wenn ich drohe oder total am ende bin. oder es klappt mal zwei wochen oder ein paar mal und dann wieder nicht wenn ich versuche mir und uns es schöner zu machen. es ist eine harte zeit udn ich wünsche uns allen das dieser spuk bald zu ende ist!

  10. Ufffff, du sprichst mir aus der Seele.
    Es ist genauso bei mir.
    Ich kann nicht mehr, ich hab Angst in der Beziehung zu meinen Kindern etwas kaputtzumachen und manchmal steh ich nur da und frage mich, warum es nicht klappt wenigstens eins der Spannungsfelder – Familie mit drei schulpflichtigen Kindern, berufliche Fortbildung mit anstehender mündlicher Prüfung oder meinen Beruf) auf die Reihe zu bekommen.

    Abends gehe ich ins Bett und habe nichts Zählbares in der Hand.
    Die genannten schlechten Eigenschaften und Gefühle sind auch bei mir vorhanden. Diese zu bekämpfen, gelingt mir nicht immer und mit jedem Tag wird es schwerer.

    Frag nicht, wann ich das letzte Mal ausschließlich und nur an mich gedacht habe ???? Es muss schon ein Jahr her sein.

    Es gilt es durchzuhalten.Einen besseren Vorschlag habe ich nicht (und da habe ich schon endlose (schlaflose) Nächte drüber nachgedacht).

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