Marie Nasemann: Fairknallt und wieder schwanger

Fairknallt

Foto: Muriel Liebmann

Ihr Lieben, heute haben wir Marie Nasemann zu Gast bei uns. Ihr kennt sie vielleicht noch aus der Sendung Germany´s Next Topmodel, wo sie den dritten Platz belegte, sie ist aber auch Schauspielerin, Model – und Nachhaltigkeitsaktivistin. Besonders für faire Mode setzt sich Marie ein. Mit ihrem Blog Fairknallt macht sie auf Missstände aufmerksam, schärft unser grünes Bewusstsein, hat zahlreiche Awards abgesahnt und legt nun das gleichnamige Buch nach: Faiknallt – Mein Grüner Kompromiss. Im letzten Jahr wurde sie zum ersten Mal Mutter, nun ist sie wieder schwanger. Einmal haben wir uns ganz kurz an einem Abend bei den Dreharbeiten zu Armans Geheimnis im Bergischen Land kennengelernt, weshalb wir uns hier duzen. 

Nasemann Fairknallt Cover
Marie Nasemann: Faiknallt – Mein Grüner Kompromiss

Liebe Marie, erstmal herzlichen Glückwunsch zur zweiten Schwangerschaft! Wie geht´s dir denn grad aktuell?

Vielen Dank! Mir geht es gerade relativ gut. Ich habe die schlimmste Phase der Übelkeit überstanden und kehre zurück zu meiner gewohnten Kraft, was echt gut tut. Ich freue mich total über den Nachwuchs und das alles so unkompliziert geklappt hat.

Du warst eine der wenigen, die unser erstes Buch Wow Mom harsch kritisierte, weil Frauen als Multitasking Wunder dargestellt würden und der Vater zu wenig vorkomme. Wie habt ihr das mit eurem ersten Kind hinbekommen, das ja auch noch sehr jung ist?

Mein Freund ist ein Jahr in Elternzeit gegangen. Dadurch, dass ich freiberuflich arbeite und er unentgeltlich an seinem Start-Up arbeitet, konnten wir so die meisten Freiheiten als Familie haben und uns die Zeit mit dem Kleinen gut aufteilen. Ich weiß, ein privilegiertes Modell, aber viel mehr Familien könnten sich leisten, dass Väter mehr Elternzeit nehmen und das würde dazu führen, dass Sorge-& Erziehungsarbeit in unserer Gesellschaft mehr wertgeschätzt werden würde. Ich bin der Meinung, dass Väter genauso multitasken können und gleich viel Power wie Mütter haben, wenn sie es denn wollen.

Frauen sind es vielleicht mehr gewohnt ihre persönlichen Bedürfnisse hinten anzustellen, das wurde uns von unseren Müttern und Großmüttern so vorgelebt. Ich finde das schade und setze mich dafür ein, dass Haushalt, Care-Arbeit & Familienorganisatorisches mehr aufgeteilt wird, so dass nicht einer ständig kurz vor dem Nervenzusammenbruch ist. Denn meistens in das die Mutter, die dann eben genau deshalb Schwierigkeiten hat Job & Familie „unter einen Hut zu bekommen“ und nicht die eigentlich gewollte Karriere verfolgt.

Tatsächlich hast du in diesem turbulenten ersten Jahr mit Kind ein Buch geschrieben. Was genau meinst du mit dem Grünen Kompromiss im Untertitel?

Ich bin der Meinung, dass es absolut unmöglich ist, perfekt nachhaltig zu leben. Wenn wir die schlimmsten Auswirkungen der Klimakrise noch eindämmen wollen, müssen Politik und Unternehmen den richtigen Rahmen setzen und entsprechende Gesetze verabschieden und Umstellungen vornehmen. Wir als Privatpersonen müssen anfangen ehrliche, grüne Kompromisse einzugehen. Wir können nicht einfach alle so weiterleben, wie bisher. Die Rechnung geht nicht auf. Oder sagen wir, nur noch für wenige Jahre.

Du führst auch viele Kompromiss aus deinem eigenen Alltag im Buch an. Nenn uns da doch mal ein, zwei konkrete Beispiele….  

Ich würde am liebsten vegan leben, weil ich weiß, dass es meinem Körper und dem Planeten gut tun würde. Den Tieren natürlich auch… Aber ich hänge sehr stark an dem Soulfood meiner Kindheit. Ich probiere nun (wenn ich nicht gerade schwanger bin) zumindest eine Mahlzeit am Tag vegan zu gestalten. Das fühlt sich nicht als Einschränkung oder wie eine Diät an und ist umsetzbar. Ein anderer Kompromiss betrifft das Reisen. Natürlich möchte auch ich gerne reisen und etwas von der Welt sehen, aber mehr als ein Langstreckenflug im Jahr kommt nicht in Frage. Innerhalb Deutschlands fahre ich nur Bahn und die meisten Urlaube probiere ich so zu gestalten, dass ich mit Zug oder Auto mein Reiseziel erreichen kann.

Du setzt dich stark für die Umwelt und für faire Mode ein. Seit wann tust du das – gab es da einen Aha-Moment oder wurde dir das gar in die Wiege gelegt?

Als 2013 die Textilfabrik Rana Plaza eingestürzt ist und über 1000 Menschen ums Leben gekommen sind, wusste ich, so geht es nicht weiter. In dieser heruntergekommenen Fabrik haben Marken produziert, die wir in jeder deutschen Innenstadt finden. Ich habe mein eigenes Modekonsumverhalten hinterfragt und teilweise erstmal ganz eingestellt. Die Begeisterung für Mode ist aber geblieben und die habe ich teilweise von meiner Großmutter geerbt, die Portrait-und Modefotografin war.

Es geht dir vor allem um unsere Kinder und Enkel, wenn du an Nachhaltigkeit denkst, welche Welt, welchen Planeten wünschst du dir für sie.

Ich wünsche mir einfach, dass auch Kinder zukünftiger Generationen noch im Winter im Schnee spielen dürfen und wissen, was Eisbären sind. Dass es keine Kriege und Fluchtbewegungen geben wird wegen Wasserknappheit oder unfruchtbaren Böden. Eine artenreiche, grüne, friedliche Zukunft, in der der Wohlstand der einen nicht auf der Misere der anderen basiert.

Viele halten die „Generation Greta“ für zu verkniffen, wie schaffst du es, bei all deinem Engagement, bei all den Missständen so unterhaltsam zu bleiben und nicht zu verbittern?

Manchmal muss man die Bad News abstellen. Die Nachrichten können einen manchmal in einen depressiven Zustand versetzen. Zum Glück gibt es immer mehr Plattformen, die sich auf good news spezialisieren und konstruktive Handlungsvorschläge machen. Ich glaube es ist beides wichtig. Das Wissen um die Notwendigkeit zu Handeln und der Spaß beim Handeln.

Wo siehst du die realistischsten Chancen für einen gesellschaftlichen und politischen Wandel?

Ich fiebere der Bundestagswahl entgegen. Wo wir unser Kreuzchen setzen hat immer noch die größte Auswirkung. Ich beobachte auch, dass es durch die Generation Social Media mehr Möglichkeiten gibt, sich zusammenzuschließen und etwas aktiv anzugehen, siehe Fridays For Future.

Könntest du dir auch selbst vorstellen, in die Politik zu gehen?

Ich glaube ich bin zu sensibel und zu emotional für die Politik und hätte Angst davor diese Weichheit und Durchlässigkeit zu verlieren. Aber wer weiß, vielleicht darf man auch irgendwann als Politiker*in mal öffentlich weinen, ohne, dass einen die ganze Nation für regierungsunfähig, weil zu emotional hält. Das wäre doch schön.

Wenn du grad aktuell auf dein eigenes Leben schaust: wie fairknallt bist du grad?

Also Ver-knallt fühle ich mich gerade tatsächlich ein bisschen. Der Frühling ist da, Restaurants machen bald wieder auf und in zwei Wochen werde ich standesamtlich heiraten. Alles aufregend! 

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2 comments

  1. Große Fragezeichen in meinem Kopf nach diesem Interview, ehrlich! Ich bin kein Grünwähler, kein Idealist, nicht mal Vegetarier. Aber Aussagen wie „mehr als ein Langstreckenflug im Jahr“ oder „ich versuche, eine Mahlzeit am Tag vegan…“ lassen mich schmunzelnd den Kopf schütteln.

    Unsere Familie ist vor 5 Jahren das letzte Mal geflogen, ich habe erst ein Mal im Leben einen Langstreckenflug erlebt. Wenn ich pflanzliche Milch einsetzen würde, wären hier Frühstück und Abendessen problemlos vegan und auch beim Mittagessen (Nudeln mit Soße, Ofengemüse, Suppe, Kartoffelgerichte&&&) vereinen wir problemlos Soulfood Kindheitserinnerungen, die sogar vegan sind.

    Ich habe das Interview nicht weiter gelesen, da ich alleine bei den beiden Beispielen nicht weiß, ob Frau Nasenmanns Engagement naiv oder überheblich ist.

    Ich weiß, Leben und Leben lassen. Aber wenn man eine gewisse Popularität besitzt, wünsche ich mir reflektiertere Aussagen.

    1. Ich selbst bin vor sechs Jahren das letzte Mal geflogen, mein bisher einziger Langstreckenflug war im Jahr 2002. Aus meiner Sicht ist es durchaus denkbar, dass ich überhaupt gar nicht mehr fliegen werde. Ein eigenes Auto habe ich als inzwischen fast 40-jährige Frau noch nie besessen.

      Für eine Frau, die ein Stück weit in der Öffentlichkeit steht und für die vermutlich etliche potentielle Verdienstmöglichkeite, Events etc. unmittelbar mit der Inanspruchnahme eines Fluges verbunden sind, ist es wahrscheinlich schon eine stark spürbare Einschränkung, das jährliche Fliegen zu reduzieren.
      Es ist ja schon mal eine gute Sache, wenn bei jemandem ein Bewusstsein dafür entsteht, dass der eigene bisherige Lebensstil nicht zukunftsträchtig ist.

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