Eltern als Team: Ideen eines Vaters für gelebte Vereinbarkeit

Eltern als Team

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Ihr Lieben, wie sieht es in eurem Alltag gerade aus? Hat sich durch Corona die Gleichberechtigung verbessert oder verschlechtert? Wann und wo hat es bei euch geknirscht, was hat gut funktioniert? Wir freuen uns total, heut den Bildungs-Journalisten Birk Grüling zu Gast bei uns im Blog zu haben, denn endlich, endlich erzählt auch mal ein Vater, wie das so klappt in seiner Familie. In seinem gerade erschienenen Buch „Eltern als Team“ plaudert er aber nicht nur aus dem Nähkästchen , sondern gibt dem Leser auch ganz konkrete Tipps mit an die Hand.

Birk Grüling: Eltern als Team. Ideen eines Vaters für gelebte Vereinbarkeit

Lieber Birk, du sagst, wir sollten eine Familienvision haben. Erklärt doch mal, was du damit meinst.

Während das Baby im Bauch heranwächst, gibt es für werdende Eltern viel zu tun. Strampler kaufen, das Kinderzimmer einrichten, den richtigen Kinderwagen auswählen, Geburtsvorbereitungskurs besuchen, die Wohnung kindersicher machen, die Anträge für Elternzeit und Elterngeld verstehen und dann auch noch korrekt stellen und irgendwann die Kliniktasche packen. Was wir dabei meistens vergessen, ist uns selbst einmal zu fragen, wie wir uns eigentlich Elternsein vorstellen und wie wir unser neues Leben und unsere neuen Aufgaben mit Baby gestalten wollen. Und genau das meine ich mit einer Familienvision. Damit tun wir auch viel für uns und unsere Beziehung.

Ohne diesen Austausch über Ideen, Vorstellungen und Wünsche droht schnell die Ernüchterung und das ungefragte Abrutschen in alte Rollenbilder. Ein Beispiel: Viele Mütter im Baby-Kurs meiner Frau beklagten sich darüber, dass ihre Männer sich zu wenig engagierten und doch nicht so präsente und aktive Papas waren, wie es einer neuen Väter-Generation gemeinhin nachgesagt wird. Und solche Meinungsverschiedenheiten über die elterliche Arbeitsteilung räumt man besser im Vorfeld aus dem Weg als völlig übermüdet mit einem zahnenden Baby auf dem Arm. Natürlich sollten Eltern nicht nur vor der Geburt über die gemeinsame Familienvision sprechen, sondern auch an anderen Punkten wie dem Wiedereinstieg in den Beruf oder bei weiterem Familiennachwuchs.

Wie geht es dir als Vater grad in der Pandemie. Wie teilt ihr euch auf, wer kann wann arbeiten, wer betreut wie und wann euren Sohn und welches Gesamtbild ergibt sich da grad? 

Eins vorweg: Wir sind extrem privilegiert. Wir haben beide Jobs, die wir im Homeoffice erledigen können. Gerade ich als Autor kann mir meine Arbeit ziemlich flexibel einteilen. Wir haben auch nur ein Kind, dazu ein Haus mit Platz und Garten. Im Moment haben wir sogar Kinderbetreuung, dank eines niedrigen Inzidenzwertes. Das heißt, wir sind eigentlich ganz gut durch die Pandemie gekommen, trotzdem sind auch unsere Kraftreserven kaum noch vorhanden.

Kein Wunder, unser Sohn war im letzten Jahr insgesamt fast sieben Monate zu Zuhause. In dieser Zeit haben wir stets im Schichtdienst gearbeitet. Ich habe von 7 bis 15 Uhr die Kinderbetreuung übernommen, war einkaufen und habe gekocht. Danach ging es meistens nach kurzer Übergabe direkt an den Schreibtisch, mit einigen Früh- und Nachtschichten. Das war sicher oft schwierig und kraftraubend, aber durch die gerechte Aufteilung von Hausarbeit und Kinderbetreuung hat es etwas besser geklappt, als wenn nur ein Elternteil die Hauptlast schultert. Deshalb hat die Krise unseren Entschluss zur gleichberechtigten Elternschaft nur nochmal bestätigt.

Die vielen neuen Anforderungen wurden uns Familien ungefragt vor die Füße gekübelt, oft ist von überlasteten Müttern die Rede, weniger von überlasteten Vätern. Wie erklärst du dir das und was macht das vom Gefühl her mit dir? 

Ich glaube, überlastete Eltern oder Familien ist der beste Begriff. Gleichzeitig darf man nicht vergessen, dass in vielen Familien immer noch die Frauen die Hauptlast aus Care-Arbeit und Homeschooling getragen haben und immer noch tragen. Nichtsdestotrotz gab es sicher auch Männer, die sich mehr eingebracht haben und nun überlastet sind. Trotzdem fühle ich mich jetzt nicht ungesehen oder übergangen – also engagierter Vater.

Viel entscheidender sind zwei andere Dinge: Ich denke, wir sehen, dass Eltern im Team und mit gerechter Arbeitsverteilung am besten durch die Pandemie kommen. Die Arbeit und die Verantwortung sind auf vier Schultern besser verteilt als auf zwei und damit meine ich nicht nur die Care-Arbeit, sondern eben auch die Last der finanziellen Versorgung der Familie. Außerdem haben wir eindrücklich erlebt, dass die Bedürfnisse von Kindern und ihren Eltern in der Politik nicht gesehen werden. Umso wichtiger wäre es, dass wir diesen Bedürfnissen Gehör verschaffen und eine Art „Wiedergutmachung“ für unsere geleistete Arbeit und unser Zurückstecken als gesamte Familie bekommen – wie auch immer die aussehen mag.

Du sagst, Vereinbarkeit koste Kraft. Inwiefern tut sie das? Weil einfach kaum noch Alltagslücken übrig sind zwischen Care- und Erwerbsarbeit?

Vereinbarkeit und Gleichberechtigung sind vor allem anstrengender, weil sie mehr Absprachen und mehr Organisation braucht. Das beginnt bei der Familienarbeit: Es müssen Familienkalender geführt werden, ständig Aufgaben verteilt werden und jeder muss sich in gleichen Teilen und selbstständig einbringen. Dafür sind ein gleicher Wissensstand und viele Gespräche nötig. Natürlich gibt es Routineaufgaben wie Einkaufen oder andere Haushaltsarbeiten, die nicht wöchentlich neu verhandelt werden müssen.

Größere Absprachen sind zum Beispiel nötig, wenn das Kind krank ist und plötzlich jedes Meeting auf Wichtigkeit geprüft wird. Und Vereinbarkeit bedeutet natürlich auch, sich genau zu überlegen, wie man eigentlich arbeiten möchte und welche Möglichkeiten mein Arbeitgeber mir bieten kann. Wenn ich das alles selbst in die Hand nehmen, statt einfach alles passieren zu lassen und alte Rollen zu übernehmen, kostet das viel Kraft, Hirnschmalz und vielleicht sogar Überwindung. Allerdings glaube ich, dass das leider nicht anders geht. Gerade wenn man verhindern will, dass sich ein Partner (also eigentlich meine ich an dieser Stelle die Mütter) völlig aufreibt.

Was müsste sich gesellschaftlich ändern, damit Eltern wirklich im Team ihre Aufgaben erledigen können? 

Die Rahmenbedingungen für Gleichberechtigung sind alles andere als optimal: Es gibt nicht genug Betreuungsplätze. Es gibt nicht genug Qualität in der Betreuung. Oft passen Betreuungszeiten und Arbeitszeiten nicht zusammen. Es wird nicht genug in frühkindliche und schulische Bildung investiert. Auch in der Wirtschaft gibt es großen Nachholbedarf. Eltern dürfen nicht dafür diskriminiert werden, dass sie Kinder haben und mit ihnen Zeit verbringen wollen. Arbeitsmodelle und -zeiten müssen viel flexibler und familienfreundlicher werden.

Homeoffice sollte eine Selbstverständlichkeit sein, genauso wie Führungspositionen in Teilzeit oder angemessene Bezahlung in den Care-Berufen, die oft von Frauen gemacht werden. Von der Überwindung der Gender Pay Gap ganz zu schweigen. Wenn Frauen und Männer gleich gut bezahlt werden, fällt die berufliche Gleichberechtigung leichter und bleibt kein Luxus von Akademikern in der Großstadt. Außerdem gibt es immer noch genug steuerliche Anreize, die eine „Gleichberechtigung“ in Erwerbsarbeit eher bestrafen als fördern – ich sage nur das Ehegattensplitting.

Und als Gesellschaft tun wir uns noch schwer mit überholten Rollenbildern von der Super-Mutter als Kümmererin und dem Vater als Versorger zu brechen. Aber in diesem immensen Nachholbedarf können wir als Eltern wie gesagt in Sachen Vereinbarkeit viel tun. Wir müssen auch an unseren eigenen Lebensmodellen arbeiten, die Care-Arbeit gerechter aufteilen, Familienfreundlichkeit am Arbeitsplatz mitgestalten – das ist anstrengend, lohnt sich aber sehr.

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Meinst du, es ist nie zu spät, um etwas zu verändern oder müssen wir die Weichen für die Vereinbarkeit möglichst früh schon stellen, damit die Familie im Gleichgewicht bleibt?

Nein, es ist nie zu spät. Natürlich fällt es leichter, wenn man sich früh um Vereinbarkeit bemüht oder schon eine gleichberechtigte Familienvision hat. Gleichzeitig ist Familienleben ja enorm dynamisch und Lösungen, die gestern noch gepasst haben, sind heute schon wieder überholt. Mit jedem neuen Kind, mit jedem Wechsel von Kita in die Schule, mit jedem neuen Job, mit einem Umzug, werden die Karten neu gemischt und man muss sich mit den eigenen Bedingungen von Vereinbarkeit neu auseinandersetzen. Deshalb ist es nie zu spät.

Übrigens haben auch wir anfangs ziemlich klassisch gelebt – meine Frau war lange in Elternzeit und hat danach erstmal in Teilzeit gearbeitet. Vor knapp zwei Jahren bekam dann meine Frau eine tolle berufliche Chance und wechselte in die Verlagsbranche – in Vollzeit und ich habe dafür wieder angefangen als freier Autor zu arbeiten. Im Moment arbeite ich als 30 Stunden und meine Frau 40. Und den Rest der Zeit teilen wir uns gleichberechtigt auf. Wenn die Offenheit und die Bereitschaft da sind, kann man jeder Zeit Gleichberechtigung wagen.

Hast du Geheimtipps zur Entlastung für uns? 

Schön wärs. Vielleicht drei ganz kurze: im Gespräch bleiben und offen über die Gefühle und den Belastungszustand sprechen, Hilfe von Freunden, Großeltern oder Verwandten nicht nur annehmen, sondern auch mal nach ihr fragen und natürlich Ballast abwerfen – alles was zu viel ist im Familienleben, alles was sich nicht gut anfühlt, darf über Bord geworfen werden. Es muss nicht täglich Bio gekocht werden, man muss nicht ständig mit den Kindern basteln, sondern darf auch mal den Fernseher laufen lassen, nicht jede Matschhose muss Fairtrade sein. Macht lieber das, was euch wirklich glücklich macht und guttut. Leichter gesagt als getan oder?

Zu guter Letzt noch eine Frage, ein bisschen provokant gestellt: „Du hättest ja einfach was sagen können“, heißt es so oft vom Partner. Sind wir Mütter selbst schuld, wenn sie unter all den Aufgaben, die sich ihnen stellen, in die Knie gehen?

Nein, auf gar keinen Fall. Ich glaube, der Grund liegt eher in unserem toxischen Mütterbild. Wir erwarten von ihnen, dass sie ihre Kinder immer lieben, die eigenen Bedürfnisse für die Familie zurückstellen, immer gute Laune haben, dürfen trotzdem nie müde sein oder gar die Nerven verlieren, von Haushalt und perfekte Partnerin ganz zu schweigen. Ein erfülltes Berufsleben wäre auch toll – jedenfalls solange Kinder und Partner nicht zurückstecken müssen.

Das sind unerfüllbare Erwartungen, die dafür sorgen, dass der Alltag vieler Mütter bestimmt ist von Doppel- und Dreifachschichten und einem nagenden, schlechten Gewissen – über zu wenig Zeit für den Job, zu wenig Zeit für das Kind, über zu viel schmutzige Wäsche und schon wieder eine Tiefkühlpizza zum Abendbrot. Dieses schlechte Gewissen manipuliert Mütter, treibt sie noch mehr zu unnötiger Hochleistung an. Schnell entsteht eine Druckspirale, die für die psychische und physische Gesundheit der Frauen gefährliche Folgen hat. Doch für viele Männer ist diese gesellschaftliche Erwartung ganz bequem.

Wenn die Frauen vermeintlich von Natur aus besser für die Kinderbetreuung und die Familienorganisation geeignet sind, fällt es leichter, Verantwortung abzugeben. So verwundert es kaum, dass unser heutiges Mutterbild von vielen Männern aktiv am Leben gehalten wird und eben Sätze fallen wie „Du musst doch nur was sagen“. Dabei passiert all das vor unserer Nase. Doch auch die Frauen haben ihren Anteil daran – Stichwort: Mom Shaming. Mütter werden ständig für ihre Erziehung und ihren Lebensstil kritisiert – vor allem von anderen Frauen. Umso wichtiger ist es, so früh wie möglich auf die Bremse zu treten und Betreuung, Haushalt, Beruf pragmatisch und selbstbewusst anzugehen.

Die Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm hat im Interview für mein Buch von einer »hinreichend guten Mutter« gesprochen. Sie darf Fehler machen, muss nicht perfekt sein, sie darf die eigenen Bedürfnisse befriedigen, sie darf sich selbst mögen, nach Autonomie von Mann und Kindern streben. Dabei sind auch wir Väter gefragt. Wir müssen in gleichem Anteil Care-Arbeit übernehmen, und zwar selbstständig und nicht nur auf Geheiß unserer Partnerin. Dann gehen auch die Mütter nicht in die Knie.

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8 comments

  1. Vielen Dank für diesen spannenden Beitrag! Die wenigsten Paare sprechen über ihre Visionen, dabei sind Visionen das, was Beziehungen am Leben hält. Es ist wichtig, dass auch die Männer über das Thema Vereinbarkeit sprechen, damit die Gesellschaft und die Arbeitgeber begreifen, dass Kinder kein Frauenthema sind.

    1. Genau, erst wenn alle Eltern ihre Vereinbarkeit einfordern, überwinden wir auch die Diskriminerung von Müttern und engagierten Vätern in der Arbeitswelt.

  2. Hab aufgehört zu lesen bei:“…extrem privilegiert, ein Kind, Haus mit Garten, beide Home Office…“
    Das ist einfach Fernab von jeglicher Realität und dem Durchschnitt in Deutschland.

    1. Das kann ich gut verstehen. Allerdings geht es in meinem Buch bei weitem nicht nur Vereinbarkeit für Menschen im Homeoffice.

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